Stefanie Iatrou

Verlorene Jahre

KRACH!!!!

 

Erschrocken fahre ich in meinem Schaukelstuhl hoch und blicke mich orientierungslos um. Da ist er, der alte Sekretär aus der Kolonialzeit, der kleine, schwere Couchtisch mit den wertvollen Schnitzereien und die große, ausladende Ledercouch mit den bunt bestickten Kissen. Ich muss wohl eingeschlafen sein, das Buch, das ich gelesen hatte, liegt noch immer auf meinem Schoß. Ich stehe auf, mein Herz klopft noch immer wie wild und ich zwinge mich ruhiger zu atmen. Dann strecke ich meine Glieder und gehe zum Fenster.

 

Natürlich, der Fensterladen hat sich wieder aus der Verankerung gelöst und schaukelt im Sturm hin und her. Gerade schafft er es wieder an die Hausmauer zu schlagen.

 

KRACH!

 

Obwohl ich das Geräusch erwartet habe, zucke ich unwillkürlich zusammen.

 

Ohne mir eine Jacke anzuziehen eile ich durch die kurze Diele an die Haustür und hinaus in die stürmische Winternacht. Noch immer wehen Schneeflocken wild durch die Dunkelheit, getrieben von einer unsichtbaren Macht. Durch meine Pantoffeln fühle ich die klamme Feuchtigkeit an meinen Füßen, und bereue sofort mich nicht für diese kurze Exkursion in das Chaos aus Schnee und Eis besser angezogen zu haben.

 

Ich erreiche den lockeren Fensterladen und hänge ihn wieder in die Verankerung. Auf dem Fenstersims entdecke ich, beleuchtet vom warmen Licht des Kamins im Wohnzimmer, einen dickeren Holzsplitter, der vermutlich von einer der Fichten die das Haus umgeben, abgesplittert ist. Ich nehmen ihn, und stecke ihn zusätzlich in die Verankerung um den Laden von einem weiteren Ausreisen zu hindern. Dann renne ich fast zurück ins Haus, werfe die Tür ins Schloss und verriegle sie gut.

 

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, das Feuer im Kamin ist nur noch ein leichtes Flackern, ich lege also einen weiteren Holzscheit nach und setze mich wieder in meinen riesigen Schaukelstuhl. Ich beobachte die Flammen im Kamin, die vorsichtig am Holzscheit lecken, betrachte dieses Spiel eines satanisch anmutenden Tanzes der Hitze. Es beruhigt mich. Ich greife nach meiner Teekanne und schenke mir nach. Nur ein Schluck macht mir klar, dass der Tee inzwischen kalt ist. Ich stelle die feine Porzellantasse zurück auf das Tischchen und lehne mich wieder nach hinten, wobei ich die dicke Schafwolldecke eng um mich wickle. So ist es gut.

 

Was er wohl gerade macht? Wo er wohl gerade ist? Singen sie gerade die unvermeidlichen Lieder, lehrt er seine Kinder an alten Traditionen festzuhalten? Es ist bereits 10 Jahre her. Zehn lange Jahre, zehn schier unendlich scheinende Winter der Einsamkeit. Ob er auch an mich denkt? Ob er sich fragt was ich gerade tue? Ob er sich um mich sorgt?

 

Ich schließe die Augen, und nun kamen die Bilder – sehr vertraut und doch so unendlich weit von mir entfernt. Ein lachendes Kind, das mit seinem Hund durch die Wiesen tollt, ein lachendes Kind, dass mit Freunden allen möglichen Unsinn ausheckt. Ein fröhliches Kind bei seiner Einschulung, voller Stolz bei der Versetzung in die höhere Schule. Leuchtende Augen beim Auspacken von Weihnachtsgeschenken......

 

Tränen brennen in meinen Augen, doch ich dränge sie zurück, will sie nicht herauslassen. Ich weiß, niemand kann mich sehen, doch das Leben hat mich hart gemacht, und selbst jetzt, einsam und allein in meinem zu Hause kann ich meinen Gefühlen nicht nachgeben, kann mir die Schwäche nicht leisten.

 

Ein stolzer Sohn bei seiner Entlassung aus der Schule, ein selbstsicherer, junger Mann nach seiner Doktorarbeit, ein glücklicher, junger Mann bei seiner Heirat, ein ergriffener Mensch nach der Geburt seines ersten Sohnes. So viele Bilder, soviel Zeit, soviel Liebe.

 

Und dann der zornige Mann, ungehalten und unbeherrscht nach dem Tode seines Vaters, ein Mann auf der Suche nach Gerechtigkeit, ein Mann auf der Suche nach seiner Identität. Ich hätte es ihm früher sagen sollen, ihm nicht verheimlichen dürfen, dass der vermeintliche Onkel aus Kindertagen sein leiblicher Vater war, der Vater, dem ich ihm nie gegeben hätte, der Vater, den er sich immer gewünscht habe. Vorbei waren die Worte des Verständnisses, vorbei das vermeintliche Verstehen meiner Situation, einer alleinerziehenden Mutter, immer auf der Arbeit um dem Sohn das Beste zu ermöglichen. Vorbei die Anerkennung des Verzichts auf mein Leben, um ihm seines zu ermöglichen.

 

Zehn Jahre war es her, kein Wort war zwischen uns seither gefallen. Und heute kam die Erinnerung wieder, an diesem Tag des Jahres stärker als an jedem Anderen, die Einsamkeit drückender als eine Zentnerlast. Ich vermisste ihn, nicht die Gesellschaft an Tagen wie diesen. Ich vermisste seine Stimme, sein Lachen, auch seine Sturheit und sehr seine Gelassenheit. Er war mein Blut, ich habe ihm das Leben geschenkt, und er hatte mich verlassen. Heißer Zorn mischte sich in meine Enttäuschung, lies mich alle Bilder vergessen, konzentrierten sich auf die Verlassenheit, und auch auf die Verachtung in seiner Stimme als er gegangen war. Nie wieder wolle er mich wieder sehen, sein Leben habe ich zerstört. Und er – er hatte mir alles genommen! All meine Träume, Wünsche und Hoffnungen waren mit ihm gegangen, und ich begriff dass er mein Leben zerstört hatte. Alles, auf das ich verzichtet hatte war umsonst, weil er es nicht zu würdigen wusste und ich keinen Anteil an seinem Leben mehr hatte. Er hatte mir ALLES genommen!

 

Das Telefon klingelte, laut, schrill, und erneut schreckte ich hoch. Erneut stand ich schwerfällig auf, ging zur Garderobe und griff nach dem Hörer. Vermutlich verwählt, dachte ich während ich ein mürrisches „Ja!“ in den Hörer knurrte. „Mama? Hier ist Tom.“

Stille – tiefe Stille. Ich wollte antworten, doch die Tränen schnürten mir die Kehle ab. „Ich weiß, wir haben lange nicht mehr geredet, aber bitte leg nicht auf.“ Ich konnte nicht antworten, schnappte nach Luft, versuchte mich zu fassen. „Verzeih mir Mama, es tut mir leid. Bitte, Du musst mir glauben, ich war ein Narr. Als die Kinder gerade die Weihnachtslieder sangen, da sah ich sie wieder, die Bilder der Vergangenheit. Die Liebe in deinem Blick als ich noch klein war, der Stolz als ich die Schule beendete, die Bestätigung und grenzenlose Freude nach meiner Doktorarbeit, die Hoffnung bei meiner Heirat und das Glück über Dein Enkelkind. Ich habe einen Fehler gemacht, und will Dich nicht länger in meinem Leben missen. Ich brauche Dich, Mama, Du hast so viel für mich getan....“ Seine Stimme brach, und endlich, nach 10 Jahren kamen die Tränen. Sie liefen in Bächen über mein Gesicht und ein tiefes Schluchzen kam aus meiner Brust. „Alles, mein Sohn,“ flüsterte ich mühsam in den Hörer, „würde ich wieder tun, solange Du nur glücklich bist. Alles ist vergessen, wenn ich Dich nur wieder in meine Arme.....“

 

KRACH!!!

 

Einmal mehr schreckte ich aus dem Schlaf, brauchte einmal mehr ein paar Minuten um mich zu fassen. Mein Gesicht war tränennass. Ich atmete schwer, und dann hörte ich das leise Klingeln des Telefons. Ich wischte mir schnell die Tränen aus dem Gesicht, stand schwerfällig auf und machte mich auf dem Weg zur Garderobe. Ich erreichte das Telefon gerade als der Anrufbeantworter sich einschaltete, hörte die knappe Ansage auf Band und dann die zitternde Stimme einer Frau: „Mama – hier ist Diana.“ Eine kurze Pause entstand, dann erklärend: „Deine Schiegertochter. Mama, Tom hatte einen Unfall, er ist.....“ Ein lautes Schluchzen... „Er hat es nicht überlebt.“

Ich hörte den Rest nicht mehr, alles drehte sich, ich hörte die Stimme aus meinem Traum: „Ich brauche Dich, Mama.“ Aus der Ferne hörte ich einen unmenschlichen Schrei, der in meinen Ohren nachhalte. Dann brach ich laut weinend zusammen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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