Manon Meyers

„Toujours Aimée“

Paris, 16 März, 1938 :

Der 16. März war jenes Datum als der ärmliche Richard, ein Tellerwäscher der in Paris lebte, die reiche Aimée Vénus kennenlernte. Als noch die Sonne schien an diesem frühen Morgen, spazierte Richard durch die Strassen der Reichen und Schönen. Es war einer seiner wenigen freien Tage. Das armselige Geschöpf kam an einem Haus vorbei, einem Haus mit schneeweisser Fassade und einem grossen Eingangstor. Richard wagte einen kurzen Blick in den grünen Vorgarten wo ein Brunnen stand der frisches Wasser spritzte und für einen harmonischen Anblick sorgte. Ebenfalls konnte er fünf französische Fenster sehen, von denen allerdings nur zwei geöffnet waren. Eine märchenhafte Villa, bestrahlt von der Sonne und erhellt durch zarte Blumen. Aber Richard träumte weder von einem grossen Haus noch von Reichtum. Er hatte seine kleine Wohnung und seinen Job als Tellerwäscher. Hingegen der Reichen, war Richard zufrieden mit seinem ärmlichen Dasein. Denn er hatte seine Freiheit.

"Aimée, Liebes, wo steckst du denn schon wieder?" schrie ein nobel gekleideter Mann dessen Haar schwarz und Augen dunkelbraun waren. "Wo bist du denn, Liebste?"
"Im Garten." rief Aimée die gerade dabei war sich um ihre Rosen zu kümmern.
Der elegante Mann hiess Don Buquet, ein reicher und einflussreicher Mann dessen Vater Milliardenbesitzer und ein alter Freund von Aimée's Vater war.
"Don, findest du nicht dass die Rosen heute ausserordentlich liebenswert aussehen?"
"Du bist verrückt, Aimée. Was denkst du dir eigentlich dabei den ganzen Tag in diesem scheusslichen Garten zu verbringen. In diesen hässlichen Blumen steckt doch nur Ungeziefer und diese Dornen können gefährlich sein." regte sich Don auf, der scheinbar keine Ahnung von den wahren Schönheiten der Welt hatte. Alles was ihn interessierte war sein Image und dass er eine hübsche Frau heiratete. Eine wie Aimée.
"Du glaubst ich sei verrückt? Don, du bist so ein grosses Arschloch!" schrie Aimée laut und gab ihrem Verlobten eine Ohrfeige. "Sprich nie wieder so über meinen Rosengarten!" Aimée stand auf und entschloss sich die Villa für ein paar Minuten zu verlassen. Wütend rannte sie nach draussen auf die Strasse, rang nach frischer Lufte und fühlte sich gleich wieder wohler. Wieso verdammt wollten Aimée's so wie Don's Vater dass die beiden heirateten? Aimée liebte Don ja nicht einmal. Im Grunde genommen musste sie nur noch weinen, den ganzen Weg den sie bis zum Zentrum von Paris spazierte.

"Wieso so traurig, Madame?" Richard hatte die weinende Aimée wenige Minuten später in einer leeren Strasse entdeckt. "Die Sonne lacht, die Vögel zwitschern. Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen."
"Lassen Sie mich in Ruhe, Monsieur. Mein Leben hat keinen Sinn mehr."
"Sagen Sie so etwas nicht. Egal wie schwer auch manches sein mag, jeder Mensch hat die nötige Kraft in sich Probleme zu beseitigen. Jeder auf seine Art und Weise. Lernen Sie mit dem zu leben was Sie haben und machen Sie das Beste daraus. Ich selbst bin nur ein einfacher Tellerwäsche der in einer kleinen und kaputten Wohnung lebt. Aber mir fehtl es an nichts weil ich weiss wie schön die Welt nur sein kann."
"Sie haben doch keine Ahnung wie hässlich die Welt ist wenn man so traurig ist."
"Madame, ich denke Sie wissen nicht wie schön Paris sein kann wenn man es genau betrachtet. Wie zum Beispiel die nächtlichen Lichter von Paris."
"Welche Lichter?" Aimée hob ihren Kopf und schaute Richard erstmals instinktiv an.
"Sie haben Paris wohl noch nie bei Nacht gesehen."
"Doch, mehrmals. Aber daran ist doch nichts besonders."
Richard lächelte. "Wenn Sie die Lichter intuitiv ansehen, ihnen zulachen werden sie auch zurücklachen."
"Was ist das denn für eine Philospohie?" Aimée musste innerlich lachen und zauberte auch erstmals ein funkelndes Lächeln in ihre zartblauen Augen.
Richard zuckte mit den Schultern. "Komm Sie doch mit, gnädige Frau. Ich werde Ihnen die schönsten und hellsten Lichter der Welt zeigen, die Lichter mit den grössten Anmut, die Lichter die Liebe ausstrahlen. Keine Lichter sind so hin reissend geheimnisvoll als die von Paris."
"Ich weiss nicht, ich kenne Sie doch nicht einmal und meine Familie sucht sicher schon nach mir."
"Ist es Ihre Familie die Sie so zum weinen gebracht hat?"
Aimée schien keine Antwort zu geben. "Nicht diekt aber ich sollte nicht mit Ihnen darüber reden."
"Madame, die Lichter von Paris sind schöner als die ausdrucksvollsten Rosen, bezaubernder als der Garten Eden und geheimnisvoller als die tiefe, blaue See. Verpassen Sie nicht wie die Sonne am Horizont verschwindet und die Lichter von Paris ihren Weg durch die Nacht gehen."
Richard war in Aimée's Augen so charmant, ganz anders als Don. "Ich weiss nicht wie Sie das anstellen aber sie sind einem gleich sympathisch, denn ihr Humor und ihre Intelligenz haben mir ans Herz gefasst. Und wenn Sie mich so nett bitten, werde ich mit Ihnen warten um die Lichter zu sehen."
Richard lächelte. "Mein Name ist Richard Seurel." meinte er, und reichte Aimée die Hand.
"Aimée Vénus Diamant."

Die Sonne verschwand bereits hinter dem Horizont als Richard und Aimée den Eifelturm erreichten.
"Sind Sie verrückt, Richard? Es ist nicht erlaubt einfach so den Eifelturm zu besteigen."
"Aber Madame, manchmal braucht man doch ein bisschen Mut." Richard lachte vergnügt. "Was ist, kommen Sie jetzt mit oder nicht?"
"Ich weiss nicht. Vielleicht sollten wir die Lichter doch besser von hier unten aus beobachten."
Richard schüttelte den Kopf. "Nein, Aimée. Tun Sie sich das doch nicht an. Niemand der wirklich klug wäre würde die Lichter von Paris von hier unten anstarren. Was sieht man dann? Ein bisschen Licht, ein paar Laternen und das war's schon. Aber wenn man genaz hoch auf den Eifelturm klettert, sich ganz nahe an das Geländer stellte, die Augen schliess, tief ein- und ausatmet, dann wieder die Augen öffnet und in voller Pracht die ganzen Lichter von Paris vor sich sieht, ist es als ob man neu geboren werden würde."
"Das klingt alles wirklich wunderschön aber ich fürchte mich."
"Vor was, vor was fürchten Sie sich, Aimée?"
"Wenn man mich erwischt und mein Vater davon erwährt wird dieser mir den Hals umdrehen."
"Vertrauen Sie mir, Aimée?"
"Wieso? Sie sind ein Fremder, ich weiss es nicht."
"Vertrauen Sie mir?"
Aimée schaute Richard einen kurzen Moment an. "Vielleicht. Ja, idoch, ich vertraue Ihnen."
"Dann kommen Sie mit."
Aimée atmete einmal tief durch. Okay, sie würde mitkommen. "Ich komme mit."
"Ich verspreche Ihnen, niemand wird uns finden."

"Kommen Sie, Aimée! Schnell, schnell!" schrie Richard der völlig fasziniert von Frankreichs Lichtern war.
Als Aimée dann endlich am Geländer erschien und die bezaubernden Lichter von Paris sah, fühlte sie ein glückliches Lächeln über ihr Gesicht kommen.
"Wenn Sie den Lichtern ihr schönstes Lächeln schenken werden sie umso schöner zurücklachen." meinte Richard und schaute zu Aimée hin. "Sie haben wirklich ein wunderschönes Lächeln."
"Ach das sagen Sie doch nur so um mir zu schmeicheln. Ich will jetzt nicht überheblich klingen, aber ich habe schon so oft diese Worte aus dem Mund eines Mannes gehört."
"Dann haben Sie wohl noch keinen gefunden der es so richtig ernst gemeint hat."
Aimée schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht an Märchen, Richard. Deshalb glaube ich auch nicht daran dass irgendwann ein Mann mir begegnen wird der mich in jeder Weise lieben wird."
Richard schaute Aimée etwas bedrückt an. "Denken Sie nicht so." meinte er und berührte ihre Schulter. Aimée durchlief ein kurzer Schauer als sie Richard's Hand auf ihrer Schulter fühlte. Sie schaute in seine Augen und musste innerlich lächeln, denn Richard's Augen strahlten nur so vor Glück, so wie die Lichter von Paris. Richard hatte zwar wenig Geld, aber er glücklich und frei. Und undlaublich charmant.
"Ist etwas, Aimée?"
"Nein, nichts. Ich habe Sie nur angesehen und festgestellt wie ähnlich sie den Lichtern von Paris sind."
Richard war hin und wehg von Aimée, von ihr Schönheit, ihrer Grazie und ihrer Liebenswürdigkeit. Ihr langes, dichtes, blondes Haar wurde vom Wind zur Seite geweht und ihre strahlenden, blauen Augen schauten Richard mit einer unglaublichen Leidenschaft an. Richard war dermassen überwältigt dass er innerlich glühte und er nicht einmal ein einziges Wort sagen konnte. Da fasste er ihr Hand und lächelte sie freundlich an.
"Richard..." Aimée war sprachlos.
"Ich denke, nein, ich weiss dass ich mich in Sie verliebt habe. Ich habe Sie vom ersten Augenblick an geliebt. Und das nicht weil Sie so schön und reich sind, sondern weil sie eine innere Anmut ausstrahlen die sonst keine Frau auf der ganzen Welt besitzt."
Aimée fiel Richard um den Hals. Sie drückte sich an ihn, musste fast vor Freude weinen. Noch nie im Leben hatte ein so geistreicher und liebevoller Mensch ihr gesagt dass sie die wunderbarste Frau auf der ganzen Welt wäre. Und noch nie hatte es jemand so ehrlich gemeint wie Richard, als er sagte er würde sie lieben. Wenige Sekunden später, küssten die beiden sich. Eigentlich war es ja nur ein Kuss. Ein einzig wahrer Kuss. Aber es war der Beginn einer vollkommenen, utopischen und absolut reinen Liebe.

Paris, 27 April, 1938:

Die heimliche Beziehung zwischen Aimée und Richard hatte sich nun bereits über Wochen hinweggezogen, ohne dass jemand, weder Don noch ihre Familie, Verdacht geschöpft hatte. Niemand ahnte auch nur im geringsten was Aimée trieb, wenn sie das Haus verliess. Vielleicht lag es daran, weil sie es meistens heimlich tat. Nachts.
Es war wieder einer dieser Nächte. Richard sass auf dem einzigen Stuhl den er besass, in seiner kleinen Einzimmerwohnung die nur von einer schwachen Öllampe erhellt wurde. Ungeduldig wartete er auf die Ankunft von Aimée. Darauf dass sie, wie in jeden Nächten zuvor, zu ihm kommen würde. Die Uhr tickte im Hintergrund, und Richard hatte das Gefühl Aimées laufende Schritte hören zu können, ihr Herz klopfen zu hören. Manchmal glaubte er sogar, er könnte ihre Sehnsucht spüren. Doch in dieser Nacht fühlte er etwas Drittes - Verzweiflung. In seinen Gedanken sah er Aimée weinend durch die Strassen laufen, voller Angst und verzweifelt, im schwachen Mondlicht. Dann klopfte es an der Tür. Richard sprang von seinem Stuhl auf. Als er die Tür öffnete, sah er sie, seine Aimée. Aber nicht wie sonst, nein, sie weinte und hatte diesen verzweifelten Ausdruck in den Augen.
"Ich muss dich verlassen, Richard."
"Aber Aimée."
"Richard, ich muss gehen. Mein Vater weiss über alles Bescheid, er hat uns gestern Nacht am Fenster stehen sehen. Er wusste davon, er war der Einzige aber er hat es sich nie anmerken lassen. Ich fliegen morgen nach Spanien, zusammen mit Don."
Richard war völlig perplex. "Bedeutet dir diese Liebe denn gar nichts, Aimée? Diese wahre, vollkommene Liebe? Möchtest du das aufgeben nur deines Vaters Willen ? Was ist der Grund, Aimée ? Was ist der wahre Grund dass du dich für Don entscheidest?"
"Richard, es liegt nicht an dir. Ich muss es tun, es war von Anfang an so bestimmt gewesen. Du und ich Richard, wir haben keine Zukunft. Nicht wir."
Richard fühlte sich als ob ihm jemand ein Messer durchs Herz stossen würde. Was wollte Aimée ihm damit sagen? Dass sie nicht mit ihm zusammen sein konnte weil sie aus zwei verschiedenen Klassen stammten? Oder liebte sie ihn nicht so, wie er es immer geglaubt hatte?"
"Ich liebe dich, Aimée. Du bist alles was ich habe, mein Herz, meine Seele, mein Verstand. Ohne dich kann nicht atmen, nicht laufen, nicht sehen, Aimée! Ich flehe dich an, verlass mich nicht!" Richard standen Tränen in die Augen und er streckte seine Arme nach Aimée aus. Sie wollte ihm ausweichen, doch ein Moment der Sehnsucht packte sie und sie küsste Richard. Dieser Kuss erschien Richard fast wie eine Ewigkeit, aber wie eine Ewikeit voller Schmerz und Qualen, wissend dass er Aimée wohl nie wieder so küssen dürfe.
Abrupt löste sich Aimée von ihm. "Wir müssen damit aufhören, das ergibt keinen Sinn. Ich liebe dich Richard, ich liebe dich, aber ich muss gehen."
"Unsere Liebe war nie stark genug. Nicht stark genug um weiterzuleben."
"Doch, Richard, sie ist stark dass sie bis ans Ende aller Tage weiterleben wird, egal wie weit wir voneinander getrennt sind. Ich werde nie aufhören dich zu lieben, Richard." Aimée sah ihn ein letztes Mal an, dann drehte sie sich um lief die Stufen hiunter. Richard lief ihr noch bis zum Treppenansatz nach, dann aber blieb er stehen, wissend dass es keinen Sinn mehr ergeben würde ihr nachzlaufen. Er beobachtete sie, wie sie durch das spieralförmige Treppenhaus nach unten lief. Anschliessend hörte er eine Tür.

Paris, 4 Spetember 1938

Es war eine regnerische Nacht. Der Himmel war gra bewölkt, keine Sterne waren zu sehen, kein Mond - nichts, nur grauschwarze Wolken die sich über den kompletten Himmel hinwegzogen. In der kleinen Einzimmerwohung von Richard brannte ein Licht. Es war die Öllampe die in jener Nacht gebrannt hatte, als Aimée Richard für einen spanischen Millionär verlassen hatte. Aimée hatte den Weg der Sicherheit gewählt. Er hatte ihr das nie übel nehmen können, denn er hatte ihr, ausser seinem Herzen, nie etwas bieten können.
Richard lag auf seinem Bett. Er schlief nicht. Aber er war auch nicht wach. Richard war tot. Neben ihm lag ein kleines Fläschen. Ein kleines Fläschen das er ausgetrunken hatte, ein kleines Fläschen das er benötigt hatte um seine letzten Schmerzen zu stillen. Richard hatte Aimée viel zu sehr geliebt, dass er ein Leben ohne sie hätte führen können. Die Schmerzen hatten nie aufgehört, ganz im Gegenteil, sie waren von Tag zu Tag schlimmer geworden. Bis der Moment gekommen war, wo Richard die Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte.
Nun träumte er. Von einer Welt in der für immer, bis in alle Ewigkeit, mit Aimée zusammen sein konnte. Er träumte wie sie ihn küsste und ihm sagte, wie sehr sie ihn liebte, und dass sie ihn nie verlassen würde - dass er ihr Leben verändert hatte.
Auf seinem Nachttisch hatte er eine letzte Nachricht hinterlassen, auf der geschrieben stand : « Toujours Aimée »

Aimée, sie hatte nie von Richards Tod erfahren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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