Lara Otho

Pinkes


                                                                                ♥♥♥

 

 Mein Wecker klingelte. Langsam streckte ich meinen Arm aus und drückte auf den Knopf. Das Piepen erlosch. Ich zog mich an und ging die Treppe hinunter ins Bad. Mein Spiegelbild blickte mir müde entgegen und ich begann, meine langen Haare zu bürsten. Molly, meine Zwillingsschwester, die mit mir in einem Zimmer schlief, kam ins Bad und knallte prompt gegen die Badezimmertür. Ja, das war Molly. Schusselig wie immer. Sie sah genau so aus wie ich: Sportlich; lange, rote Locken; blaue, strahlend große Augen und ein paar Sommersprossen auf der Nase.
 
„Ach, Mist“, sagte Molly verschlafen. Sie hatte zwei verschiedene Socken an. Der eine war dunkelblau mit Sternen, der andere rot mit Teddybären.
 
 „Lilly, bist du auch noch so müde?“, fragte sie mich.
 
„Ein bisschen“, sagte ich gähnend.
 
„Wieso muss dieses vergammelte Waisenhaus nur auf dem Dorf stehen?“, beschwerte sich meine Schwester.
 
Sie hatte Recht, denn das Haus, in dem wir wohnten, war so alt, dass es im Keller schon zu schimmeln begann. Und weil die Schule, in die wir gehen, so weit entfernt ist, müssen wir in der Woche schon halb fünf aufstehen.
 
„Freust du dich schon auf Morgen?“, fragte Molly mich ganz in Gedanken vertieft und setzte sich auf die Toilette.
 
„Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.“
 
Wir beide waren nun schon fast sechzehn Jahre in dem Waisenhaus, und morgen sollte unser Geburtstag mit einem kleinen Fest gefeiert werden. Jemand, vermutlich unsere Mutter, hatte uns damals einfach vor die Tür des Waisenhauses gelegt, ohne eine Nachricht.
 
„Scheiße, das Klopapier ist alle“, hörte ich Mollys genervte Stimme.
 
„Tja, so ungerecht kann das Leben sein, was?“, sagte ich lächelnd.

 

 ♥

 
Juhuuu! Molly und ich hätten an die Decke springen können! Frau Hessler, die Köchin und Putzfrau unseres Waisenhauses hatte uns soeben einen riesigen Schokoladenkuchen mit sechzehn brennenden Kerzen obendrauf überreicht und dazu einen zuckerwatterosa Brief. Sie hatte uns breit angelächelt, während Molly den Brief mit zitternden Händen entgegennahm: „Ich habe mir mit den Erziehern etwas ganz besonderes für euch überlegt.“
 
Das gesamte Waisenhaus saß versammelt um uns herum. Molly ließ sich Zeit mit dem Öffnen des Umschlags.
 
„Nun komm schon, Molly, spann uns nicht so auf die Folter!“, hatten die anderen Kinder sie gedrängt.
 
Molly zog ein rosa Blatt aus dem Umschlag, faltete es neugierig auseinander und begann laut vorzulesen. Ich sah ihr über die Schulter.
 
„Liebste Molly, liebste Lilly, meine großen Zwillinge, ich und das gesamte Waisenhaus wünschen euch alles Liebe und Gute zum Geburtstag. Wir wollen euch eine Ferienwoche auf einem Reiterhof schenken, da ihr ja bald Sommerferien habt. Wir wissen, dass damit ein großer Wunsch von euch in Erfüllung geht, und hoffen, ihr werdet den Reiterhof zum Rocken bringen!“
 
Darunter hatten alle unterschrieben.
 
Molly und ich fielen uns in die Arme. Frau Hessler hatte Recht, es war ein großer Wunsch von uns, der sich nun endlich erfüllen sollte.
 
Ich ahnte ja nicht, dass es ein Albtraum werden würde.

 

 

 ♥
 

 
Als wir drei Wochen später endlich vollbepackt im Bus zum Reiterhof saßen, stellte sich die Fahrt als eine unfassbare Tortur heraus. Zuerst ließ der Busfahrer einen riesen Furz ab. Und zwar einen richtig lauten. Kurz darauf roch es dann auch danach. Zu unserem Unglück war der Busfahrer nicht nur ein Weltmeister im Pupsen sondern auch noch im schnell Fahren. Molly und ich klammerten uns in jeder noch so kleinen Kurven ängstlich an die Sitze. Zum Glück hatte ich vor dieser Horrorfahrt nichts gegessen, doch Molly hatte eine ganze Packung Schokoriegel gefuttert. Nach zehn Minuten wurde sie gelblich im Gesicht und als wir endlich die Autobahn erreichten, wurde ihr Gesicht grün – gelb – gräulich... Ich tätschelte Molly mitleidig mit meiner linken Hand am Kopf. Mit der Rechten hielt ich mich krampfhaft am Sitz fest. Der nächste Mega-Furz ertönte. Es kam mir vor, als ob wir in einer Achterbahn saßen und ich fragte mich, wann wir wohl endlich da sein würden. Dann passierte, was passieren musste: Molly übergab sich herzhaft auf ihre Schuhe.
 

 
„Endstation, aussteigen!“
 
Wir beide freuten uns ungemein, zweieinhalb Stunden später, endlich den stinkenden Bus hinter uns zu lassen. Frische Luft schlug uns ins Gesicht und Molly seufzte erleichtert. Der Busfahrer brachte uns unsere Taschen herraus und ließ zu allem Überfluss zum Abschied nochmal einen Furz, bevor er davon sauste.
 
Wir drehten uns um und sahen ein gelbes Ortsschild vor uns, auf dem in schwarzer Schrift Grassdorf stand.
 
„Ah da seit ihr ja endlich, ihr müsst Lilly und Molly sein“, sagte eine freundlich aussehende Frau, die auf uns zukam. „Hallo, willkommen in Grassdorf, dem Nabel der Welt, ich bin Rosi, eure Betreuerin auf dem Reiterhof“, sagte sie lächelnd, ihre Nase füllte ihr ganzes Gesicht aus. Neben ihr stand ein Junge, dessen Nase ebenfalls gigantisch war, und identisch mit der Nase von Rosi, „Und das ist Christopher, mein Sohn. Er hilft euch mit den Koffern.“
 
Sie nickte uns kurz zu und wandte sich zum Gehen. Christopher griff nach unseren Koffern und deutete eine Verbeugung an: „Nach euch, die feinen Damen.“
 
„Danke der Herr“, erwiderte ich, neigte leicht den Kopf, sah ihn strahlend an und schritt Rosi hinterher. Christopher lächelte mir zu.
 
„Was war das denn gerade?“, fragte Molly mich später mit gesenkter Stimme, als sie auf einer Höhe mit mir war.
 
„Was war was?“, gab ich laut zurück.
 
„Du hast diesen Christopher gerade mit einem Blick gemustert, den ich noch nie bei dir...“
 
„Mach dich doch nicht lächerlich“, unterbrach ich sie und begann zu kichern.
 
Christopher war dicht hinter uns und mühte sich gleichzeitig mit unseren Koffern ab, und damit, etwas von unserem Gespräch zu erhaschen.
 
Wir gingen nicht durch das kleine Dorf, sondern wandten uns gleich nach dem Ortseingangsschild einem Feldweg zu. Nach einem kleinen Fußmarsch kamen wir auf dem Reiterhof an. Er war nicht besonders groß, sah dafür aber sehr einladend aus. Ich freute mich ungemein, als ich wir auf das Haupthaus zuschritten und dankte Frau Hessler im Stillen dafür, dass sie uns einen so schönen Hof ausgesucht hatte. Molly neben mir sah noch immer angeschlagen von der Busfahrt aus.
 
Zu viert betraten wir das Haus und stiegen eine Treppe hinauf.
 
„So, da wären wir“, sagte Rosi kurze Zeit später. „Das ist euer Zimmer.“
 
Molly und ich steckten den Kopf durch die Tür, die Rosi uns gezeigt hatte, und musterten den freundlich wirkenden Raum: Es gab zwei Doppelstockbetten, die schon unter unseren Blicken zu knarren schienen, unter dem Fenster stand ein kleiner Tisch mit einem Strauß verwelkter Blumen und daneben ein alter Schrank. Stühle gab es nicht. Ich ging zu dem kleinen Fenster hinüber und sah hinaus. Mir klappte der Mund auf – die Aussicht war betörend. In der Ferne waren riesige Klippen zu sehen. Molly kam zu mir und öffnete vorsichtig das Fenster und uns schlug der ferne Geruch von Salzwasser ins Gesicht.
 
„Hinter den Klippen muss wohl der Strand sein“, stellte Molly fest.
 
„Es ist wunderschön“, hauchte ich.
 
„Ja, das ist es“, sagte Rosi lachend von der Tür her. „Auch dann noch, wenn man schon etliche Jahre hier wohnt. Es ist eine zauberhafte Gegend. Aber ich habe jetzt keine Zeit für Schwärmereien. Die Arbeit wartet. Bis nachher beim Essen also. Christopher wird euch den Essensaal zeigen.“
 
Molly sah Rosi hinterher, wie sie die Treppen herunter eilte. Dann schnappte sie ihren Koffer aus Christophers Händen und warf ihn auf ein Bett. Sie murmelte etwas von wegen: „Klo. Kotzübel. Asozialer Busfahrer“, und verschwand.
 
„Es war ein langer Tag für Molly. Die Ärmste. Und wenn sie müde ist, ist sie unausstehlich...“, sagte ich zu Christopher.
 
„Okay, schon in Ordnung“, unterbrach mich Christopher sanft, kam zu mir herüber und stellte meinen Koffer neben mir ab.
 
Mir stockte der Atem, als mir sein Geruch in die Nase stieg. Verdammt, war er nah. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ein Junge so gut riechen könnte. Ich starrte ihn an, bis mir klar wurde, wie unhöflich ich war. Doch er schien es nicht bemerkt zu haben, denn er sah zu den verwelkten Blumen auf dem Tisch.
 
„Sorry. Ich werde umgehend dafür sorgen, dass ihr frische Blumen hier habt“, sagte er entschuldigend.
 
„Oh... Jaah.“
 
„Also, wir sehen uns dann gleich beim Essen? Unten im großen Raum, gleich gegenüber dem Eingangsbereich.“
 
„Ähm“, ich konnte es nicht fassen, so fassungslos zu sein.
 
Christopher lächelte mich an, nahm die Blumen aus der Vase und warf sie kurzerhand aus dem Fenster. Dabei kam er mir so nah, dass ich mich dabei ertappte, wie ich kurz die Augen schloss um den Moment zu genießen. Dann drehte er sich um und ging aus dem Raum.
 
„Äh... Danke“, sagte ich leise.
 
Er hatte mich gehört und dreht sich mit einem fragenden Blick noch einmal zu mir um.
 
„Danke für die Blumen. Äh, für die verwelkten Blumen. Die, äh, Neuen. Das du sie uns besorgen willst“, stammelte ich.
 
Christopher lächelte noch einmal und verschwand ohne ein weiteres Wort und schloss die Tür hinter sich.
 
Ich lief sofort puterrot an und schlug mir die Hände vors Gesicht. Wie konnte man sich nur so ungeschickt in einem unbedeutenden Smalltalk anstellen? Doch unterbewusst war mir klar, dass es mehr als ein unbedeutender Smalltalk war. Viel mehr.


Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es draußen noch dunkel und über dem Hof lag die friedliche Stille der Nacht. Ich wollte mich umdrehen und weiterschlafen, doch die Erlebnisse des letzten Tages spukten mir noch immer im Kopf herum. Also stand ich leise auf. Mein Nachthemd fiel mir kurz über meine Knie. Ich ging durch den Raum. An Molly´s Bett blieb ich stehen. Sie sieht aus wie ein Engel dachte ich im Stillen bei mir. So ähnlich wir uns sahen, waren wir doch grundverschieden. Sie war schon immer schlechter in der Schule als ich und dazu noch ungeheuer schusselig. Mir fiel es leicht, Freunde zu finden, doch Molly blieb eher im Hintergrund.
 
„Ach, Schwesterherz“, flüsterte ich, und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange, ging zum Fenster, setzte mich auf das Fensterbrett und dachte darüber nach, was gestern alles beim Abendbrot passiert war, während ich den Sternenhimmel bewunderte.
 
Als alle Kinder und Jungendlich versammelt waren, es müssen ungefähr fünfzehn gewesen sein, hielt Rosi eine kleine Rede, von der ich aber wenig mitbekam, weil Christopher sich mit einem Lächeln neben mich gesetzt hatte. Molly saß gegenüber von uns. Christopher saß so dicht neben mir, dass sich unsere Arme berührten und ich musste mich darauf konzentrieren, zu Atmen und gleichzeitig so auszusehen, als würde ich Rosis Rede gespannt lauschen. Meine Schwester sah mich ein paar Mal an, ihr war sicher nicht entgangen, wie ich mich aufführte. Doch sie hatte sich nichts anmerken lassen, außer einem leichten Stirnrunzeln, das den ganzen Abend über nicht mehr verschwunden war. Als Rosi geendet hatte, wurden uns Hefeklöße mit Marmelade aufgetischt. Ich hatte ordentlich zugelangt.
 
„Oi, du scheinst ja Hunger zu haben“, hatte Christopher festgestellt.
 
Mit vollem Mund hatte ich gesagt: „Mmfp schmäckt oscht läggar.“
 
In Gedanken vertieft sah ich den Mond an.
 
Ich musste wohl eine Weile so dagesessen haben, denn plötzlich erschrak ich fürchterlich, als Molly plötzlich hinter mir stand.
 
Ich zuckte zusammen: „Mann, Molly!“, beschwerte ich mich. „Wie lange stehst du denn da schon?“
 
„Seit gerade eben. Bin aus dem Bett gefallen und aufgewacht. Hast dus nicht gehört? Muss ganz schön gepoltert haben.“
 
„Nein.“
 
„Hm. Hast wohl an deinen Chrissi gedacht?“
 
„Nein“, wiederholte ich mich, doch diesmal klang meine Antwort gar nicht mehr überzeugt.
 
„Doch, klar. Hast du. Mir kannst du es doch erzählen. Sieht doch jeder, der seit sechzehn Jahren jeden Tag mit dir zusammen war, dass du dich komisch verhältst, wenn er in deiner Nähe ist.“
 
„Quatsch“, sagte ich wenig überzeugend und überlegte fieberhaft, wie ich vom Thema ablenken konnte. „Mann, meine Lilly hat sich verknallt, in Christopher vom Reiterhof! Wie romantisch, eine Reiterhofliebe!“
 
Irrte ich mich, oder hörte ich da einen Funken Sarkasmus aus Mollys Worten?
 
Jetzt war Molly hellwach und klatschte in die Hände: „Lilly liebt Chrissi! Lilly liebt Chrissi!“
 
„Sag mal, hast du dir deine Gehirnzellen beim Sturz aus dem Bett verletzt? Du bist so kindisch!“, werte ich mich, doch konnte ein Lächeln nur mühsam unterdrücken. Vielleicht war ich ja tatsächlich verknallt. Aber nein. Na ja, vielleicht ein bisschen. Zum Glück schienen meine Worte Molly getroffen zu haben, denn schlagartig war sie wieder die Alte, schlecht gelaunte Schwester vom Vorabend. Sie sah mich schon wieder mit diesem Stirnrunzeln an, das ich so verabscheute und sagte launisch: „Ach, Mist. Mir geht’s immer noch nicht so gut, diese Busfahrt gestern hat mir echt zugesetzt. Verdammter Busfahrer. Es würde mich nicht wundern, wenn ich durch seine Blähungen tatsächlich ein paar Gehirnzellen verloren hätte.“
 
Mich auch nicht, dachte ich mir, doch sagte lieber nichts.
 
Molly öffnete ihren Koffer und begann ihre Sachen quer im Raum zu verteilen.
 
„Mach mal das Fenster auf, Schwesterherz!“, sagte sie unwirsch.
 
„Oh, Molly, es ist so kalt draußen. Willst du, dass ich erfriere?“
 
„Lilly, mach das Fenster auf, es ist warm draußen, wir haben Sommer“, noch immer flogen Mollys Habseligkeiten durch das Zimmer.
 
Ich seufzte und tat wie mir geheißen. Erstaunt stellte ich fest, dass es tatsächlich nicht besonders kalt war. Molly hatte endlich gefunden, was sie gesucht hatte. Sie zog sich eine dünne Jacke über ihr XXL-Schlaf T-Shirt und zog eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug aus der Tasche.
 
„Willst du?“, fragte sie mich.
 
„Du weißt doch...“
 
„Was?“, sie hielt mir die geöffnete Schachtel entgegen.
 
„Ich rauche nicht.“
 
„Ich auch nicht“, erwiderte Molly, zuckte mit den Schultern und zündete sich selbst eine Zigarette an.
 
Ich verdrehte die Augen.
 
„Ich bin nicht abhängig, okay?“, sagte Molly. „Ich rauche doch wirklich nicht viel. Nur manchmal, wenn ich gestresst bin. Ich könnte jederzeit aufhören.“
 
„Du weißt doch, Raucher bleiben einsam, auch wenn sie gemeinsam rauchen“, sagte ich halb im Scherz und drehte mich weg, damit mir der Zigarettenrauch nicht unmittelbar ins Gesicht wehte.
 
„Ohne Raucher wär´ der Staat längst pleite“, lachte Molly.
 
Wir begannen beide zu lachen.
 
Eine Weile saßen wir beide schweigend am Fenster, während Molly an ihrer Marlboro Menthol zog und starrten in die mondbeleuchtete Nacht. Als Molly fertig war, schnippte sie den noch glühenden Zigarettenstummel aus dem Fenster und schloss es. Fröstelnd tappten wir schnell in unsere Betten und ich schlummerte, sobald mein Kopf das Kissen berührte, ein. Molly lag noch lange wach und wälzte sich unruhig im Bett umher.
 

 



 
"Aufgewacht die Sonne lacht, ihr Schlafnasen!“, geblendet vom Sonnenlicht öffnete ich blinzelnd meine Augen und sah Rosi, die gerade dabei war, das Fenster zu öffnen. „Hach, so ein wunderschöner Tag, den wollt ihr ja wohl nicht im Bett verbringen!"
 
Ich setzte mich in meinem Bett auf, streckte mich und vernahm ein lautes Schnarchen aus Mollys Bett.
 
Circa eine halbe Stunde später betraten wir endlich den Essenraum. Rosi und ich hatten große Mühe gehabt, Molly aus dem Bett zu bekommen. Doch letztendlich hatten wir es mit einem Eimer voll kaltem Wasser geschafft. Dementsprechend schlecht murrte sie vor sich hin.
 
Ich beachtete sie jedoch nicht, denn Christopher kam breit grinsend auf mich zu: „Auch schon wach, die Damen?", begrüßte er uns und gab mir doch tatsächlich einen Kuss auf die Wange!
 
Komisch, dass er kein Problem damit hatte, uns auseinander zu halten, dachte ich.
 
Nach warmen Brötchen und Kakao ging es auf in die Stallungen. Rosi hatte Molly und mir freundlicherweise zwei Reitausrüstungen gegeben, wenngleich sie ein wenig zu groß waren und muffig rochen. Es war ein heißer, sonniger Tag, Christopher kam auf uns zugerannt.
 
"Da seit ihr ja endlich!", freute er sich, schnappte meine Hand und zog mich Richtung Stall: "Bist du schon mal geritten?", fragte er mich: „Also auf Pferden meine ich?", fügte er grinsend hinzu.
 
Sofort wurde mir ganz heiß im Gesicht, sein Grinsen wurde noch breiter.
 
"Äh nein, leider, noch nicht so richtig, aber ich saß schon mal auf einem Pony, als ich noch kleiner war“, ich drehte mich kurz nach hinten, um nach Molly zu gucken. Die stampfte stirnrunzelnd hinter uns her.
 
"Du kannst ja heute erstmal bei mir mit reiten, wenn du möchtest und deine Schwester bei meinem Kumpel Hans", sagte Christopher zu mir, "Ah da ist er auch schon."
 
Eine Zigarette rauchend, an die Wand gelehnt, stand ein ziemlich dicker Junge mit blondem Lockenkopf in olivgrünen Klamotten.
 
„Darf ich vorstellen: Das ist mein bester Kumpel Hans."
 
„Hi“, sagte ich verlegen.
 
„Das ist Lilly“, stellte mich Christopher vor, „Dort kommt ihre Zwillingsschwester Molly.“
 
Molly gesellte sich zu uns und musterte Hans abschätzend.
 
In diesem Moment kam Rosi aus der Stalltür: „Gut, Ihr seit bereit zum Trainieren? Da ihr ja beide noch nie geritten seit“, Christopher zwinkerte mir zu. „könnt ihr erstmal die grundsätzlichen Sachen lernen. Christopher, gehst du mit Molly?“
 
„Nein, wir haben es so abgemacht, dass ich mit Lilly trainiere und Hans und Molly reiten zusammen“, sagte Christopher.
 
„Okay, mir soll es gleich sein. Macht das unter euch aus. Ich muss einkaufen fahren. Seit vorsichtig“, sagte Rosi und ging.
 
Christopher legte mir den Arm um die Taille und führte mich zu einem tiefschwarzen Pferd. Ich fühlte mich so wohl bei ihm und legte meinerseits einen Arm um ihn. Molly stand verloren neben Hans, der sie gar nicht weiter beachtete und ihr die nächsten Stunden so wenig Aufmerksamkeit wie nur irgend möglich entgegenbringen würde. Doch davon bekam ich nichts mit. Ich ließ mich von meinem persönlichen Prinzen verzaubern.
 
„Ich hab etwas Angst vor Pferden“, gestand ich nervös, als wir ganz nah an dem schönen Wallach standen.
 
„Er ist ganz lieb. Einer unserer zutraulichsten Tiere hier. Fühl mal, sein Fell ist ganz weich“, Christopher nahm meine Hand in seine und streichelte mit ihr über das Tierfell. Doch ich nahm weniger das Tier als seine Hand war.
 
„Er wird sich schnell an dich gewöhnen“, versicherte er mir.
 
Ich glaubte ihm aufs Wort.
 
„Wie heißt er?“, fragte ich interessiert.
 
„Engano.“
 
„Süßer Name, passt irgendwie zu ihm. Also, wollen wir dann los?“, fragte ich. Jetzt konnte ich es kaum noch abwarten, endlich auf ein Pferd zu steigen und all meine im Waisenhaus angesammelte Wut herauszulassen.
 
Christopher machte sich von mir los und holte Engano aus seiner Box. Während wir nach draußen gingen fragte ich: „Hast du eigentlich einen Spitznamen? Christopher klingt so spießig.“
 
„Sag einfach Christo zu mir.“
 
„Oh! Ein heiliger bist du also“, lachte ich.
 
„Tja, doch, kann man so sagen, ja“, sagte Christopher.
 
Wir standen nun wieder draußen. Christopher erklärte mir etwas über das richtige Reiten. Ich fand das alles ziemlich uninteressant.
 
„Okay, Christo, lass uns einfach anfangen“, unterbrach ich genervt seinen Vortrag.
 
„Na gut, wie du willst. Komm, ich helfe dir aufsitzen.“
 
Er umfasste meine Taille und wollte mich stützen, doch ich knallte gegen das Pferd und rücklinks gegen ihn.
 
„Oh, Sorry, tut mir wirklich leid. Nochmal.“
 
Beim zweiten Anlauf saß ich dann einen halben Meter über dem Boden auf Engano. Christopher saß hinter mir auf.
 
„Okay, nimm die Zügel in die Hand. Reite einfach los“, sagte er.
 
Es gelang mir überraschend gut und so ritt ich ein paar zögernde Runden über den Hof.
 
„Das ist ja schon nahezu perfekt“, lobte mich Christopher.
 
„Nahezu, ja.“
 
„Willst du heute Abend mit mir den Sonnenuntergang am Meer ansehen? Ich bin fast jeden Tag da, und es ist immer wunderschön.“
 
„Da fühle ich mich aber geehrt. Na klar will ich mit! Ich war noch nie am Meer.“
 
„Du warst noch nie am Meer?“, Christophers Stimme klang entrüstet, „Jeder sollte das Meer kennen. So unwissend bist du nun schon sechzehn Jahre durch die Gegend gelaufen? Dann kannst du dich auf heute Abend freuen.“
 
„Ich freu mich aber nicht nur auf das Meer.“
 
„Ich auch nicht“, sagte Christopher.
 
Meine Reitstunde machte mir mehr und mehr Spaß. Ich war geradezu euphorisch und begeistert. Christopher musste mir alles über das Reiten und den Hof erzählen.
 
Erst als es schließlich anfing zu regnen stellten wir Engano wieder zurück in seine Box. Wir waren die letzten im Stall, niemand war mehr hier.
 
„Wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir noch das Essen“, sagte Christopher.
 
„Ach, ich habe gar keinen Hunger“, log ich, denn die Gelegenheit mit ihm alleine zu sein war einfach zu gut. Unglücklicherweise knurrte mein Magen laut und vernehmlich, kaum dass ich meinen Satz vollendet hatte.
 
„Na ja, vielleicht ein bisschen“, ich versuchte nicht rot anzulaufen. Doch der Versuch missglückte, so wie immer, wenn man sich darauf konzentriert, dass es nicht passieren sollte.
 
Christopher lächelte mich an und zu meiner Erleichterung sagte er schnell: „Komm mit Lilly, ich zeig dir mal den Heuboden.“
 
Ich folgte ihm aufgeregt in den hinteren Teil des Stalls. Der Regen trommelte gegen die Stallwände und ich sah, dass einige Pferde sich unruhig bewegten.
 
„Hier, die Leiter hoch“, sagte Christopher.
 
Ich kletterte ihm nach und sah mich um. Überall lag Heu herum und ich spürte, wie es mir in der Nase kribbelte. Ein paar Lichtstrahlen fielen ab und zu durch kleine Ritzen im Holzdach. Hier oben war der Regen noch lauter zu hören.
 
„Vorsicht!“, hörte ich Christopher rufen, doch es war schon zu spät und ein kleiner Heuballen traf mich auf der Brust. Christopher lachte zu mir herüber und holte schon mit der nächsten Ladung aus.
 
Doch jetzt war ich gewappnet und duckte mich unter dem Heu weg.
 
„Na warte“, ärgerte ich mich und warf selbst mit Heu nach ihm, doch natürlich wartete er nicht und schon wieder wurde ich getroffen. Mein Geschoss kam noch nicht mal in seine Nähe. Ich lief zu ihm und warf ihn auf den Boden. Wir lachten und rollten uns umher. Schließlich blieben wir nebeneinander liegen. Ich versuchte ganz leise zu atmen, obwohl ich außer Puste war. Das war gar nicht so leicht.
 
Da beugte sich Christopher zu mir und berührte mit seiner Hand mein Haar.
 
Ich lächelte ihn an. Und dann, wie genau es passierte konnte ich nicht sagen, küssten wir uns. Für einen Moment schien der Regen ganz still zu sein und auch von den Tieren unter uns hörte ich nichts mehr. Doch später wurde mir klar, dass nur für mich die Zeit stehen blieb. Der Regen trommelte immer lauter auf das Dach über unseren Köpfen.


Als wir an der Stalltür standen zog Christopher seine Jacke aus und hielt sie mir und sich selbst über den Kopf. So liefen wir gemeinsam durch den Regen hinüber in das Wohnhaus. Er drückte die Tür auf und wir schlüpften schnell in die behagliche Wärme. Wir standen nah beieinander und lachten das Wetter aus. Und dann sah ich Molly. Sie stand mit wutverzerrtem Gesicht neben der Tür des Speisesaals. Christopher sah sie im selben Moment und schlagartig verstummten wir beide. Ich hatte Molly noch nie mit einem so hasserfüllten Gesichtsausdruck gesehen, nicht mal, wenn wir über unsere Mutter gesprochen hatten. Sie sah mich eindringlich an und nickte hinauf zu unserem Zimmer. Ich verstand sofort und wollte gehen. Doch Christopher hielt mich leicht am Arm fest und sah mir eindringlich in die Augen. Dann küsste er mich kurz auf den Mund. Ich riss mich von ihm los und ging zur Treppe. Meine Augen suchten die Mollys, doch sie starrte nur Christopher an, der noch immer an der Tür stand. Aus dem Speisesaal hinter ihr hörte man die fröhliche Stimmen lachender Kinder und Besteck, das gegeneinander und auf die Teller prallte. Molly jagte mir Angst ein. Was war in sie gefahren? Ich musste dringend mit ihr sprechen. Christopher und das Essen konnten warten.
 

 ♥
In unserem Zimmer angekommen ging ich als erstes zum Fester um es zu Öffnen, denn es roch furchtbar stark nach Zigarettenrauch. Molly musste, der leeren Zigarettenschachtel auf ihrem Bett zufolge, den Nachmittag hier drin verbracht haben. Ich schüttelte den Kopf über meine Schwester. Da es draußen noch immer in Strömen regnete, wurden das Fensterbrett und der Fußboden ganz nass, doch es war mir egal. Ich schnupperte die frische Regenluft, als die Tür laut zugeschlagen wurde. Mollys Gesichtsausdruck sah noch immer sehr erschreckend wütend aus. Mir fröstelte. Doch es lag weniger an Molly, als an der Kälte von draußen.
 
„Ganz schön kalt geworden“, versuchte ich locker zu klingen.
 
Molly sah mich nur an.
 
„Was ist denn los mit dir? Ich weiß nicht, was seit unserer Ankunft hier in dich gefahren ist“, erfreut stellte ich fest, dass ich ernsthaft besorgt klang.
 
Molly stand mit unveränderter Mine da.
 
„Was ist los mit dir?“, wiederholte ich mich. Ich trat einen Schritt auf sie zu.
 
„Du bist unausstehlich, seit wir hier sind!“, brach es schließlich aus ihr heraus, „Du sprichst nicht mehr mit mir und hängst nur noch mit diesem“, sie verzog das Gesicht, „Christopher rum. Scheint euch ja gefunden zu haben.“
 
„Na, und wenn es so wäre?“, setzte ich ihr trotzig entgegen.
 
„Eine Reiterhofliebe.“, spottete Molly, „Wie in einem dieser Mädchenromane. Den siehst du doch nie wieder. In ein paar Tagen reisen wir hier schon wieder ab. Du könntest ruhig ein bisschen deiner Zeit mit mir verbringen.“
 
„Und du, Molly, könntest dir auch mal Freunde suchen. Ich werde nicht immer da sein und mit dir rumziehen. Die Zeiten haben sich geändert, wir sind doch keine kleinen Kinder mehr. Geh endlich mal selbst auf die Leute zu. Ich will auch mal etwas mit anderen unternehmen, nicht immer nur mit dir!“, meine Stimme wurde immer lauter. Ich wusste, dass ich Molly verletzte, doch ich konnte ihre Eifersucht nicht mehr ertragen.
 
„Ich geh jetzt, ich hab nämlich noch was vor heute Abend. Mit meiner Reiterhofliebe Christopher. Wir sind nämlich jetzt ein Reiterhofliebespaar. Mach du ruhig einen auf Emo, aber ohne mich. Gute Nacht, Molly!“, ich lief an ihr vorbei und stürmte die Treppe hinunter. Jetzt war ich diejenige, der die Wut ins Gesicht geschrieben stand. Bei hinausrennen hatte ich einen Blick auf Molly geworfen. Ihren Zorn konnte ich ihr nicht mehr ansehen. Sie sah unglaublich geschafft und traurig aus. Ich vermute, dass sie sich jetzt in ihr Bett wirft und heult. Wegen einer Reiterhofliebe. Wegen meiner Reiterhofliebe. Irgendwie klang dieses Wort schön kitschig und ich lies es mir noch einmal auf der Zunge zergehen. Meine Reiterhofliebe Christopher. Mein Zorn erlosch auf einen Schlag und ich zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Strahlend ging ich in die Küche, Christopher und einem romantischen Abend entgegen.
 

 ♥
„Ah da bist du ja wieder!“, freute sich Christopher, als er mich erblickte und drückte mir zärtlich einen Kuss auf den Mund.
 
„Was ist denn da drin?“, fragte ich und deutete auf einen riesigen Rucksack der neben Christopher stand.
 
„Da ist unser Proviant drin“, sagte er lächelnd, „Komm einfach mit.“
 
Er packte meine Hand und den Rucksack und zog mich nach draußen.
 
„Wo willst du mich denn hinführen?“, fragte ich gespannt.
 
„Eigentlich wollte ich mit dir ja an den Strand, aber da das Wetter heute nicht mitspielt“, er blickte in den bewölkten Himmel, „habe ich mir etwas anderes überlegt.“
 
Einige Minuten später saßen wir auf einer großen, roten Decke auf dem Heuboden. Christopher zündete eine Öllampe an, dann holte er zwei Becher aus seinem Rucksack und öffnete eine Weinflasche.
 
„Du magst doch Rotwein?“
 
„Ja sicher“, sagte ich, obwohl ich noch nie welchen getrunken hatte.
 
Als ich den ersten Schluck nahm verzog ich unwillkürlich das Gesicht.
 
„Magst du ihn doch nicht?“, Christopher lächelte mich an.
 
Sofort spürte ich, wie ich rot anlief.
 
„Doch, na klar“, zum Beweis nahm ich einen großen Schluck und hielt ihm meinen Becher hin, „Kannst du mir noch etwas eingießen?“
 
Er freute sich offensichtlich und goss nach.
 
„Das ist wirklich richtig romantisch“, sagte ich anerkennend und deutete mit meinem Becher auf die Öllampe.
 
„Du bist ganz anders, als alle anderen. Die Mädchen beschweren sich hier oben immer, dass es ihnen zu ungemütlich sei. Wegen der Pferde und dem Heu.“
 
„Ja, es gefällt mir hier. Am liebsten würde ich für immer bleiben. Wenn ich daran denke, dass ich in vier Tagen schon wieder abreisen muss...“
 
„Denk nur an den Augenblick“, sagte Christopher und küsste mich.
 
Es war überwältigend und ich bekam eine Gänsehaut.
 
„Mit wie vielen Mädchen warst du denn schon hier oben?“, fragte ich unsicher.
 
„Ich meine Mädchen im Allgemeinen. Meist kommen verwöhnte Kinder hier her, die von ihren Eltern einen Reiterhofausflug geschenkt bekommen haben, weil sie mit ihren Kindern nichts anzufangen wissen. Die können so ein bisschen Landluft nicht vertragen. Du musst sie in Watte packen. Es ist anstrengend. Und die Eltern, reich wie sie sind, sind genau so.“
 
„Ja, den Eindruck hatte ich auch von denen, denen ich begegnet bin.“
 
„Aber du bist... Du bist... unglaublich.“
 
Ich fühlte mich verlegen.
 
„Du bist so lieb zu mir“, sagte ich und streichelte ihm über die Wange.
 
Wir lächelten uns an und lauschten auf die Geräusche der Pferde.
 
„Übrigens, deine Schwester Molly. Sie kommt mir ein bisschen sonderbar vor“, sagte Christopher.
 
„Ja, mir auch. Sonst ist sie gar nicht so. Seit ich mit dir zusammen bin, benimmt sie sie komisch. Aber sie kann doch nicht erwarten, dass ich die ganze Zeit mit ihr zusammen bin, oder? Sie ist eigentlich total nett. Ziemlich schüchtern, ich weiß, aber trotzdem.“
 
„Tja. Seit ihr denn sonst viel zusammen?“
 
„Ja. Im Waisenhaus teilen wir auch ein Zimmer.“
 
Christopher blickte nachdenklich in den Schein der Öllampe.
 
„Aber sie kriegt sich wieder ein. Ich kenne sie gut. Mach dir um sie keine Gedanken.“
 
Ich schenkte ihm mein verführerischstes Lächeln und er schien Molly tatsächlich zu vergessen. Er nahm mich fest in den Arm.
 
„Ich will dich nicht verlieren“, sagte er und küsste mich leidenschaftlich.
 

 ♥
Am nächsten Morgen war ich überglücklich, obwohl ich leichte Kopfschmerzen von dem vielen Rotwein hatte. Christopher und ich hatten noch bis tief in die Nacht gequatscht, rumgeschmust und Rotwein getrunken. Er hatte mir gestanden, dass er noch nie so viele Gefühle für ein Mädchen wie mich empfunden hätte.
 
Bei Frühstück würdigte mich Molly keines Blickes, doch ich achtete nicht auf sie.
 
Der Tag verging schnell. Christopher und ich hatten einen langen Ausflug gemacht und ich durfte nun schon auf einem eigenen Pferd reiten. Ich glaube, es war der glücklichste Tag meines ganzen Lebens. Wir ritten ein wenig an den Klippen entlang, machten ein Picknick am Strand und gingen im Meer baden.
 
Wir beide vergaßen so sehr die Zeit, dass es bereits dämmerte als wir wieder am Reiterhof ankamen. Rosi war beträchtlich sauer auf uns.
 
„Was habt ihr euch nur dabei gedacht, solang wegzubleiben? Christopher, gerade dir hätte ich mehr Verantwortungsbewusstsein zugetraut...“, meckerte sie.
 
Nach gefühlten Ewigkeiten war Rosi endlich mit ihrer Predigt fertig und ging ins Bett.
 
Christopher und ich standen nun allein im Flur.
 
„Gute Nacht mein Nasenbärchen“, sagte ich liebevoll zu Christopher und gab ihm einen Gutennachtkuss.
 
„Gute Nacht meine Liebste“, sagte er mir tief in die Augen blickend und strich mir über meine roten, langen Locken.
 
„Ich liebe dich Lilly.“
 
„Ich dich auch.“
 
Wir küssten uns noch einmal und ich ging allein die dunkle Treppe hinauf.
 
„Hallo Schwesterherz“, hörte ich Mollys Stimme aus dem Dunkeln.
 
Ich erschrak fürchterlich und viel fast die Treppe hinunter. Molly saß vor auf der obersten Treppenstufe und starrte mich an.
 
„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht und konnte nicht schlafen.“
 
Wie lange saß sie wohl schon da?
 
„Überhaupt bin ich noch hellwach. Wollen wir nicht noch ein bisschen spazieren gehen?“, fragte sie hellauf begeistert, „Oder bist du schon müde?“
 
„Na ja, eigentlich schon“, sagte ich.
 
„Ach, komm schon! Es ist eine wunderschöne Nacht. Wollen wir nicht kurz ein wenig runter an den Strand gehen? Bitte, Schwesterherz“, bettelte Molly.
 
„Na gut okay“, sagte ich.
 
Eine Weile später wanderten wir schweigend auf den Klippen entlang. Es war eine sternenklare, vollmondbeschienene Nacht. Ich hatte Molly vom heutigen Tag mit Christopher erzählt, sie schien nicht mehr eifersüchtig, benahm sich aber äußerst merkwürdig. Gerade war sie dabei, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie inhalierte tief und blies den Rauch ganz langsam wieder aus.
 
„Du rauchst ganz schön oft in letzter Zeit“, bemerkte ich vorwurfsvoll.
 
„Ja, ist schön entspannend“, erwiderte Molly und zog wieder an ihrer Zigarette.
 
„Oh, hier ist der Boden ganz schön schlammig“, sagte ich und ging bedachtsam, da ich mich ganz nah am Klippenrand befand.
 
„Nicht, dass du die Klippe runter stürzt, Schwesterherz“, sagte Molly lachend.
 
Doch ihr Lachen klang merkwürdig hohl.
 
„Lass uns wieder zurückgehen. Ich bin todmüde“, sagte ich. Wir drehten um.
 
Ich begann hastiger zu gehen, weil ich endlich in mein Bett wollte. Meine Gedanken schweiften zu Christopher. Sofort ging ich beschwingter weiter. Ich tat einen unbedachten Schritt und rutschte plötzlich ich auf dem schlammigen Boden aus. Meine Beine baumelten auf einmal über dem tiefen Abgrund. Ich krallte meine Hände in den schlammigen Boden. Alles ging so schnell.
 
„Hilf mir doch“, schrie ich panisch zu Molly, die einfach weitergegangen war, „Bitte, Molly! Molly!“
 
Entsetzen packte mich. Molly drehte sich langsam um und kam betont lässig zu mir herüber.
 
„Ich kann mich nicht mehr lange halten!“
 
Molly zog an ihrer Zigarette und sah mich verächtlich von oben herab an. Ich zappelte mit den Beinen in der Luft. Meine Hände waren schlammbeschmiert und ich geriet mehr und mehr in Panik. Jetzt wusste ich plötzlich, was Todesangst bedeutete. Molly schnippte ihre Zigarette hinter mir in die Tiefe. Von fern drang das Rauschen des Meeres zu mir hinauf, das unten schäumend in die Steilklippe brandete, an der ich mich verzweifelt versuchte festzuhalten.
 
„Molly“, meine Stimme war nur noch ein Flehen.
 
Und endlich regte sich Molly. Sie packte meinen Kopf.
 
„Lilly, dein Auftritt ist jetzt beendet. Du passt einfach nicht in dieses tragödische Schauspiel meines Lebens! Es soll ja schließlich keine Tragödie bleiben“, sagte Molly melodramatisch und stieß mich weg.
 
Sofort verlor ich den Halt und fiel und fiel und fiel...

 

 

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„Hilfeee!“, schrie ich panisch und völlig außer Puste, als ich den Reiterhof erreichte, „Rosi! Rooosi!“
 
Nach einer Ewigkeit kam Rosi angelaufen. Sie war im Nachthemd und sah total verschlafen aus.
 
„Was ist denn mit dir los, Molly? Warum bist du nicht im Bett?“, sie sah mich misstrauisch an und ihr Blick blieb an meinen mit Schlamm beschmierten Sachen hängen.
 
„Klippen runter gestürzt... Lilly“, presste ich hervor und sackte auf den Boden.
 
Dann wurde alles schwarz um mich herum.
 

 
Als ich erwachte begann es draußen gerade zu dämmern. Ein neuer Tag brach an. Die ersten, noch kalten Sonnenstrahlen fielen auf die weiße Zimmerwand. Ich lag in meinem Bett, in dem Zimmer, das ich mir mit Lilly geteilt hatte. Die Matratze war hart und mein ganzer Körper tat mir weh. Ich bemerkte, dass ich noch alle meine Sachen trug, die erbarmungslos an meinem Körper klebten. Ich fühlte mich unwohl, blieb aber dennoch liegen. Langsam kamen mir die Erinnerungen der Nacht wieder in mein Gedächtnis. Ich drehte mich mühsam zur Seite und starrte auf Lillys leeres Bett. So blieb ich eine Weile liegen und versuchte zu realisieren, was ich getan hatte. Aber was hatte ich schon getan? Lilly war unaufmerksam gewesen und von der Klippe gefallen. Nur mit Not hatte sie sich noch ein paar Sekunden an den Fels klammern können. Ich hätte sie nicht retten können, selbst, wenn ich es gewollt hätte. Der Boden war schließlich durchweicht gewesen und hätte mir nicht genügend Halt gewährt um meine Schwester wieder nach oben zu ziehen.
 
Bitte, Molly, hilf mir doch!
 
Lillys Worte hallten in meinem Kopf wieder. Doch es war unmöglich gewesen, sie zu retten. Meine Gedanken kreisten nur noch um Lilly. War es vielleicht möglich, dass sie überlebt hat? Doch einen Sturz aus dieser Höhe überlebte niemand. Nicht mal Gott.
 
Mit einem Ruck stand ich auf. Ich fühlte mich wie gerädert. Neben meinem Bett fand ich meine Jacke. Ich kramte nach einer Zigarette und steckte sie mir an. Dann ging ich zum Fenster und öffnete es. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Eine laue Brise wehte mir ins Gesicht und sofort spürte ich neue Lebensgeister in mir erwachen. Jetzt würde mein neues Leben beginnen und ich würde nie mehr im Schatten meiner Schwester stehen.
 
Ich hörte ein leises Klopfen an der Tür, doch ich blieb reglos am Fenster stehen ohne darauf zu achten. Nach ein paar Sekunden klopfte es erneut, diesmal schon etwas lauter. Ich zog an meiner Zigarette und wartete. Dann ging die Tür auf und Christopher trat in den Raum. Er sah fürchterlich aus. Seine Augen waren rot geschwollen und er zitterte. Nur mit Not brachte er ein paar Worte heraus.
 
„Molly, wie geht es dir?“
 
Ich verstand die Frage nicht. Wie geht es einem Menschen wohl, wenn er seine Schwester verliert? Ich ging nicht auf ihn ein.
 
„Molly?“
 
Ich blieb stumm. Christopher kam zu mir herüber und setzte sich halb auf den Tisch, der neben dem Fenster stand. Wir schwiegen eine Weile und starrten aus dem Fenster. Dann sagte Christopher unbeholfen: „Ich vermisse sie. Ich habe noch nie ein Mädchen so geliebt wie Lilly.“
 
Ich ballte meine Hände verbittert zu Fäusten. Die tolle Lilly. Die wunderschöne Lilly. Die, die alles kann und nie einen Fehler machte. Sieht denn niemand, dass auch ich ein liebenswerter Mensch bin?
 
„Ich weiß, wir kannten uns erst ein paar Tagen, aber ich habe sie in mein Herz geschlossen. Noch nie hat mir ein Mensch mehr bedeutet“, Christopher standen schon wieder die Tränen in den Augen.
 
Das wurde mir zu viel. Warum war er nur zu mir gekommen? Ich bin doch kein Komposthaufen für verkorkste Beziehungen! Ich warf meine Zigarette aus dem Fenster und ging aus dem Raum. Christopher sah mir nicht einmal hinterher.
 
Verärgert stürmte ich die Treppe hinunter. In der kleinen Eingangshalle war zum Glück keine Menschenseele zu sehen. Zu dieser frühen Stunde schliefen vermutlich noch alle. Gerade wollte ich auf den Hof treten, als ich eine Stimme hinter mir hörte.
 
„Hey, Molly!“, es war Hans.
 
„Oh, hi“, ich drehte mich zu ihm um. Er wirkte in Anbetracht der Situation sehr gefasst und ich fragte mich, ob er die Nachricht vielleicht noch gar nicht gehört hatte.
 
„Ich wollte nur einen kleinen Morgenspaziergang machen“, sagte ich.
 
„Tut mir Leid, Molly. Den musst du später nachholen. Hat dir Christopher nicht Bescheid gesagt?“
 
Ich schüttelte den Kopf.
 
„Komm doch bitte kurz mit in den Speisesaal“, Hans hielt mir die Tür auf und ich ging zu ihm herüber.
 
„Was ist denn los?“
 
Hans zuckte mit den Schultern und ich betrat den kühlen Saal. Hinter mir schloss sich die Tür wieder und zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass Hans mir nicht gefolgt war.
 
Am Ende eines langen Tisches saß Rosi, noch immer im Nachthemd. Und neben ihr saßen zwei Männer, die ich noch nie gesehen hatte. Langsam ging ich auf die drei zu. Einer der Männer stand auf und kam auf mich zu.
 
„Hallo. Bist du Molly?“, fragte er.
 
„Ja. Molly Lamour“
 
„Mein Name ist Nick Jook. Ich bin von der Polizei. Und das ist Jorek. Mein Partner.“
 
Mir lief es kalt den Rücken herunter. Die Polizei? Hatte etwa jemand gesehen, wie ich Lilly von der Klippe gestoßen hatte?
 
„Setz dich bitte kurz.“
 
Ich ging auf einen Stuhl zu.
 
„Leider gibt es unerfreuliche Nachrichten“, auch Jook hatte wieder Platz genommen.
 
Ich sah, wie sich die beiden Polizisten einen kurzen Blick zuwarfen.
 
„Molly, wir müssen dir ein paar Fragen stellen. Was ist gestern Nacht passiert?“, Jook sah mich ruhig an.
 
Ich räusperte mich. Meine Stimme klang belegt, als ich zu sprechen begann: „Ich bin mit meiner Zwillingsschwester spazieren gegangen. Oben an den Klippen. Wir sind sehr nah am Abgrund gewesen. Der Boden war vom Regen total durchnässt. Lilly ist ausgerutscht und abgestürzt. Ich konnte ihr nicht mehr helfen. Alles ging viel zu schnell.“
 
Jook sah mich an. Er blickte mir in die Augen und ich versuchte, seinem Blick standzuhalten. Auch Jorek beobachtete mich und ich kam mir in die Enge getrieben vor.
 
„Ich bin dann zum Reiterhof zurückgerannt. Es war Vollmond, also nicht besonders dunkel. Als ich hier war, rief ich Rosi. Und dann...“, ich stockte und sah zu ihr herüber.
 
Rosi sprach mit leiser Stimme weiter.
 
„Molly ist ohnmächtig geworden. Sie konnte mir nur noch sagen, dass Lilly verunglückt sei. Ich habe sofort die Polizei gerufen. Aber das habe ich ihnen ja schon erzählt“, sagte sie mit einem Blick zu Jook.
 
„Molly, es tut uns Leid um deine Schwester. Wir sind mit Booten und einem Hubschrauber die Klippe und das Meer abgefahren. Deine Schwester konnten wir schließlich finden. Sie trieb ein paar hundert Meter weiter von den Klippen entfernt auf dem Meer. Sie hatte keine Überlebenschance.“
 
Ich blieb reglos sitzen. Meine Hände zitterten leicht. Ich hatte Angst, dass sie mir auf die Schliche kommen würden. Doch ich sorgte mich umsonst.
 
„Wir haben eine Familienberaterin auf den Weg hierher geschickt. Sie wird dir helfen, den ersten Schock zu überwinden.“
 
Jook sprach, als ob er diesen Satz schon tausend Mal gesagt hätte, dachte ich. Was vermutlich stimmte.
 
„Ich brauche keine Psychiaterin“, sagte ich und noch im nächten Moment biss ich mir auf die Zunge.
 
Jorek, der noch kein Wort gesagt hatte stand auf: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber sie kann sie kann den Schmerz mildern.“
 
Seine Stimme klang merkwürdig hoch und ich verstand jetzt auch, warum er bis jetzt nur schweigend dagesessen hatte. Doch offensichtlich hatte ich meine Rolle als die untröstbare Zwillingsschwester gut gespielt, denn auch Jook erhob sich jetzt und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu.
 
Die Polizisten verabschiedeten sich von mir. Rosi geleitete sie nach draußen. Ich atmete erleichtert auf. Der Polizist hatte Recht. Alles würde gut werden.
 
Ich stand auf und ging zum Fenster. Auf dem Hof sah ich, wie Jorek und Jook in einen Streifenwagen stiegen. Es war nicht einmal die Kriminalpolizei hier gewesen. Ich beruhigte mich langsam wieder. Denn auch, wenn ich äußerlich ganz ruhig geblieben war, war ich innerlich ein einziges Nervenbündel. Bald ist das hier alles überstanden redete ich mir gut Mut zu. Und dann sah ich den Leichenwagen. Er stand unter einer großen Buche, so dass er mir erst gar nicht aufgefallen war. Rosi unterhielt sich mit einem Mann, der der Fahrer zu sein schien. Ich blickte auf die getönten, schwarzen Scheiben. Da lag sie also drin, meine Schwester. Ich verspürte leise Genugtuung. Jetzt musste ich nur noch die Beerdigung überstehen und dann konnte ich ein komplett neues Leben beginnen. Mit den alten Sachen abschließen. Ich beschloss sofort damit anzufangen und wollte noch einmal an den Ort gehen, an dem meine Schwester gestorben war. Doch gerade, als ich auf die Tür zuging, öffnete sie sich von außen. Hans trat ein. Genervt setzte ich meine Trauermiene auf.
 
„Alles gut gelaufen?“, fragte er mich.
 
„Hm.“
 
„Willst du reden?“
 
„Ich weiß nicht. Es ist alles noch so unwirklich.“
 
„Ich bin für dich da, wenn du willst.“
 
„Das ist sehr lieb von dir. Aber ich glaub dein Freund kann deine Hilfe jetzt auch ganz gut gebrauchen.“
 
„Er kommt schon klar.“
 
„Das glaub ich aber nicht.“
 
„Christopher und Lilly kannten sich erst drei Tage.“
 
„Genug, um ein Leben lang zu trauern.“
 
„Jaah, vielleicht. Aber ihr wart Tag und Nacht zusammen. Es muss so schrecklich für dich sein, ich kann...“
 
„Hör mal zu, Hans“, sagte ich vollkommen entnervt, „Ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Aber ich will jetzt einfach alleine sein, okay? Hör auf, mir nachzulaufen. Ich komme gut alleine klar.“
 
„Wenn du meinst“, er klang verärgert.
 
Schnell ging ich an ihm vorbei, schritt durch die Eingangshalle und trat auf den sonnenbeschienenen Hof. Es war niemand mehr da. Der Leichenwagen war samt Lilly und Fahrer verschwunden und auch Rosi war gegangen. Ich ging hinüber zu dem Pferdestall. In den Tagen, in denen ich hier war hatte ich eine Menge über Pferde lernen können. Und diese Geschöpfe faszinierten mich. Ich ging auf Hermes zu, das Pferd, das ich schon ein paar Mal ausreiten durfte. Ich streichelte ihn und führte ihn aus der Box. Dann schnappte ich mir Sattel und Zaumzeug und verließ ohne einen Blick zurück den Hof.
 

 ♥
 
„Moooolly! Telefon für dich!“, brüllte Frau Gürsch die Treppe hinunter.
 
„Komme schon!“, brüllte ich aus der Küche zurück.
 
Ich verdrehte die Augen und sah zu Frau Hessler hinüber, mit der ich heute schon literweise Kaffee getrunken hatte. Sie blickte mir aufmunternd hinterher, als ich schnell die knarrende Wendeltreppe hinaufrannte.
 
Frau Gürsch erwartete mich am Treppenabsatz und drückte mir den Hörer in die Hand.
 
„Hier. Und beeile dich, ich erwarte einen wichtigen Anruf“, sagte sie mit geblähten Nasenflügeln. In letzter Zeit war sie ganz besonders schlecht gelaunt, da sie ihren Mann Malle vor einigen Wochen mit einer jungen Blondine beim Vögeln erwischt hatte, und das ausgerechnet auf ihrem Rosaplüschsessel. Dazu kam, das sie wegen Lillys Tod als Leiterin des Waisenhauses eine Menge Scherereien hatte.
 
„Hallo, hier Molly“, sagte ich leicht aus der Puste in den Hörer.
 
„Hallo Molly, hier ist Frau Büchner. Wie geht es dir?“.
 
Oh nein, die olle Psychologin, bei der ich schon zwei qualvolle, langweilige Sitzungen hinter mich gebracht hatte.
 
„Mir geht’s bestens“, log ich.
 
„Das freut mich.“
 
Na klar interessierte es sie doch nicht, wie es mir geht.
 
„Ich habe eine Nachricht für dich“, sagte Frau Büchner.
 
„Ah, was denn?“, fragte ich mäßig begeistert.
 
„Eine Familie ist an dir interessiert, sie wollen dich adoptieren.“
 

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Und so kam es, dass ich eine Woche später vollbepackt im Auto Richtung Rostock saß. Malle fuhr noch ungeschickter als sonst, da Frau Gürsch ihm ständig übellaunige Blicke zuwarf. Noch bevor das Waisenhaus außer Sicht war, brauchte ich eine Kotzt Tüte. Dementsprechend streng roch es auch. Unwillkürlich erinnerte ich mich daran, wie Lilly mir damals auf der Horror-Bustour zum Reiterhof beiseite gestanden hatte, als es mir schlecht ging. Schnell verdrängte ich diesen Gedanken. Draußen war herrliches Wetter. Ich dachte an meine Zukunft und plötzlich sprudelte ich vor positiver Energie. Ich blickte in den Himmel. Alles war so unwirklich. Vor zwei Monaten war die Beerdigung von Lilly gewesen. Danach vegetierte ich im schnöden Waisenhaus vor mich hin. Nur Frau Hessler sorgte manchmal für etwas Ablenkung, indem sie mit mir Kaffee trank. Wir hatten aber nur wenig Zeit, da Frau Gürsch diese Kontakte nicht duldete. Doch nun war ich auf den Weg in ein neues Leben. Die Familie, die mich aufnehmen würde versprach einiges. Reiche Ärzte Eltern auf dem Sozialtripp. Frau Büchner, eine Bekannte der Eltern, hatte ihnen von meiner tragischen Geschichte erzählt – dem Verlust meiner zweiten Hälfte. Diese waren so mitgerissen gewesen, dass sie mich gleich adoptieren wollten. Man hatte mir erzählt, dass sie einen Sohn in meinem Alter hatten.
 
Als Malle unkoordiniert in einen Kreisverkehr fuhr, überkam mich die Übelkeit schon wieder. Mein Kotz-Beutel füllte sich mehr und mehr. Frau Gürsch verzog angewidert das Gesicht. Ich freute mich insgeheim darüber. Meine Rache sollte sie noch zu spüren bekommen, denn sie hatte mich und die anderen Kinder jahrelang schlecht behandelt.
 
Sie zwang sich dennoch zu einem gekünzelten Lächeln.
 
„Wir sind bald da, Molly. Bist du schon aufgeregt?“, fragte Frau Gürsch.
 
„Geht“, sagte ich so lässig, wie es in meiner Situation möglich war. Mein Herz aber sprang Flickflag vor Freude.
 
Wenige Minuten später polterte der alte Wagen von Malle über eine Kopfsteinflasterstraße.
 
„So, da wären wir“, sagte Frau Gürsch erleichtert und drückte sich ein Taschentuch gegen die Nase. Doch Malle brauchte noch zehn schweißtreibende Minuten um in einer Parklücke zu parken, in der ein LKW locker Platz gehabt hätte. Frau Gürsch sprang aus dem Auto. Als sie ihren Blick abwandte, ließ ich meine Kotz Tüte los. Der Inhalt ergoss sich über den Sitz neben mir und sickerte sofort ein. Schnell sprang ich aus dem Auto. Doch ich erwähnte nicht, was ich getan hatte und sah mich sattdessen um. Weit und breit waren nur weiße Villen mit exakt gemähtem Rasen ohne eine Spur Unkraut zu sehen. Nur ein Haus purzelte aus der Reihe. Es war pink gestrichen und der Garten wucherte fröhlich vor sich hin. Ich konnte es kaum fassen, als Frau Gürsch ausgerechnet auf dieses Haus zuging und das Tor öffnete. Wir gingen den bepflasterten Weg entlang, mein Herz vollzog ganze Saltos. Ein Blick zurück verriet mir, dass Malle gerade versucht, mein Unglück aufzuwischen. Hämisch dachte ich an die unangenehme Rückfahrt, die Frau Gürsch und Malle noch bevorstand. Wir erreichten das Haus und Frau Gürsch drückte den Klingelknopf. Die Tür öffnete sich und ein dunkelhaariger Junge in zartrosa Klamotten öffnete und stellte sein Zahnpastalächeln zur Schau.
 
„Oh my goodness“, sagte er, „du musst meine neue Schwester Molly sein.“
 
Er drückte mir links und rechts ein Küsschen auf die Wange.
 
„Ich bin der Timo, Schätzchen.“
 
„Ja, ich weiß“, sagte ich.
 
In dem Moment tauchte Malle mit meinem Gepäck auf. Mein Hab und Gut beschränkte sich auf zwei riesige Reisetaschen. Das meiste meiner Sachen hatte ich im Waisenhaus entsorgt. Ich wollte hier noch einmal ganz neu beginnen.
 
„Wohin damit?“, fragte Malle schlecht gelaunt, ohne sich zu begrüßen.
 
„Stell die Sachen gleich hier ab“, sagte Frau Gürsch schnell, „Wir wollen uns nicht länger aufhalten und dem Familienglück nicht im Wege stehen.“
 
„Kommt ruhig noch einen Moment herein“, bat Timo sie.
 
„Oh, nein, nein, nein. Vielen Dank, vielleicht ein andermal“, sagte Frau Gürsch.
 
Ich verabscheute diese ständigen Höflichkeitsfloskeln und verschenkte ungeduldig die Arme vor der Brust.
 
„Tschüs, Molly“, sie gab mir die Hand, indem sie so viel Abstand von mir hielt wie nur irgend möglich.
 
„Tschüs, Frau Gürsch. Eine angenehme Heimreise wünsche ich.“
 
Sie nickte kurz hinüber zu Timo und gab dann Malle einen Wink ihr zu folgen. Die beiden verließen ohne einen Blick zurück das Grundstück.
 
Freudestrahlend geleitete mich Timo in das alte Haus.
 
„Es wird dir hier gefallen, Molly.“
 
Er strahlte mich mit strahlend blauen Augen an und mir fiel auf, dass er außerordentlich hübsch war, doch irgendwie wirkte und benahm er sich so weiblich. Ich blickte mich in dem riesigen Flur um. Die Wände waren in abwechseln in orangen und blauen Streifen gestrichen und mit lauter Familienfotos geschmückt. Der Boden war aus Holzdielen und ab und an lagen verstreut quietsch bunte Teppichläufer herum. Geradezu war eine große Wendeltreppe, die sich nach oben schlängelte. Ich erschrak fürchterlich als sich irgendwas quickend an meinem Bein zu schaffen machte und sprang einen Satz zurück. Prompt fing Timo an zu lachen.
 
„Darf ich vorstellen: Das ist unser Hausschwein Mortadella.“
 
„Oh, das ist aber süß“, sagte ich, als ich das putzige Schwein erblickte und tätschelte seinen Kopf.
 
„Warum habt ihr es denn nach einer Wurstsorte benannt?“, fragte ich.
 
„Das ist eine lustige Geschichte“, schmunzelte Timo und erzählte: „Das Schwein war einmal wieder der ulkigen Überraschungsgeschenke meiner Eltern gewesen. Als sie nach Hause kamen fragte ich, ob sie vom Einkauf Mortadella mitgebracht hätten und in dem Moment kam das Schwein um die Ecke gerannt.“
 
„Ist ja witzig“, sagte ich.
 
„Und wenn du jetzt gestattest, zeige ich dir mein pinkes Reich.“
 
Ich folgte Timo die steile Wendeltreppe hinauf. Je höher ich kletterte, desto schmaler wurden die Stufen, bis ich schließlich unter der Decke angelangt war. Erstaunt sah ich, dass sich über mir eine offene Falltür befand. Ungeschickt zog ich mich durch das Loch in der Decke.
 
Timo blickte auf mich herab und lachte.
 
Als ich mich aufrichtete sah ich mich neugierig um. Wir befanden uns am Ende eines großen aber gemütlichen Raumes, der den gesamten Dachboden einnahm. Die Wände waren pink gestrichen. Überall standen Pflanzen herum. Halb abgebrannte Kerzen steckten in barocken Kerzenhaltern, die an den Wänden hingen. An den Fenstern erblickte ich Seidengardienen, die perfekt zu der Zimmerfarbe und der stilvollen Einrichtung passten.
 
„Wow!“, sagte ich begeistert, „Mensch, Timo! Das ist ja wunderbar hier oben! Gehört das alles dir?“
 
Timo nickte und sah mich strahlend an: „Und jetzt gehört es auch dir. Wir müssen gleich mal gucken, wo wir dir dein eigenes Reich einrichten können. Ich freu mich, dass es dir gefällt.“
 
„Hey – die Poster sind ja heiß!“, sagte ich anerkennend und deutete auf eine Ansammlung Plakate auf denen nackte Männer zu sehen waren.
 
Timo kicherte.
 
Ich fühlte mich sofort wohl in meiner neuen Heimat und all meine schlimmen Befürchtungen über meine Adaptivfamilie lösten sich in Luft auf.
 
„Du hast aber noch lange nicht alles gesehen. Komm mit, ich zeige dir meinen Lieblingsort.“
 
Ich wollte ihm gerade ans andere Ende des Zimmers folgen, als er mich nochmal zurückrief: „Schätzchen, du hast vergessen, dir die Schuhe abzuputzen.“
 
Ich sah auf meine Füße und bemerkte, dass ich auf einem Fußabtreter stand, auf dem in bunter Schrift zu lesen war: Ein Willkommenskuss von Timo.
 
„Ist eine Sonderanfertigung. Die Buchstaben leuchten im Dunkeln.“
 
Ich schmunzelte und trat mir gewissenhaft meine Füße ab.
 
Timo winkte mich zu einer Terrassentür, um die eine Herzlichterkette gebunden war. Ich trat neben ihn und blickte auf einen großen Balkon, der komplett von Bäumen umgeben, im Grünen lag. Wir traten gemeinsam ins Freie. Von den Nachbarhäusern war keine Spur zu sehen. Die Äste der Bäume ragten über den Balkonzaun und ich fühlte mich wie in einem Meer aus Blättern.
 
„Der Wind ist aber ganz schön aufgefrischt! Ach, diese Wetterumschwünge zurzeit machen mir wirklich zu schaffen“, Timo rümpfte die Nase.
 
Ich drehte mich zu ihm, wusste aber nicht, was ich dazu sagen sollte.
 
„Ich bekomme dann immer solche Kopfschmerzen“, Timo seufzte schwer, „aber, meine Liebe, jetzt genug davon. Wie wäre es? Wollen wir erstmal deine Koffer hochtragen?“
 
„Ich weiß nicht, die sind so schwer. Und wir bekommen sie glaub ich gar nicht durch die kleine Dachlucke durch.“
 
„Es gibt für alles eine Lösung!“, Timo drehte sich schwungvoll um und schritt entschlossen zur Dachlucke.
 
„Obwohl...“, er drehte sich wieder zu mir, „eigentlich kann das auch warten. Meine Eltern kommen erst morgen früh wieder. Wir haben also sturmfrei, ich würd sagen, die Zeit nutzen wir, um uns besser kennenzulernen, immerhin bist du ja jetzt meine Schwester. Und Koffer tragen ist eh nicht so mein Ding, ich hab mir nämlich letztens meinen Rücken verspannt, als ich mit meinem Freund Luk picknicken war.“
 
Er sah mich schon wieder so komisch an: „Redest wohl nicht so viel, was?“
 
Timo wartete erst gar keine Antwort ab, sondern kam wieder auf mich zu.
 
„Und das hier“, er deutete auf meine ungezupften Augenbrauen und meine Haare, die ich achtlos zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, „müssen wir auch noch ändern. Wenn du willst.“
 
„Ja, unbedingt!“, freute ich mich.
 
„Dann beginnen wir morgen mit einem kompletten make-over!“, Timo klatschte begeistert in die Hände, „Das wird dir den richtigen Schwung für deinen neuen Start bei uns verleihen.“
 
Überglücklich strahlte ich ihn an. Ich hatte das Gefühl, mich schon jetzt eingelebt zu haben.
 
„Komm, lass uns einen auf unser neues Geschwisterdasein trinken!“, sagte Timo.
 
Ich folgte ihm zu einer kleinen Zimmerbar, die in die Wand eingelassen war. Er stellte eine Flasche Sekt auf den Tisch und holte zwei Gläser hervor.
 
„Kannst du Sektkorken knallen lassen?“, fragte Timo.
 
Ich schüttelte den Kopf.
 
„Dann zeig ich es dir.“
 
Der Korken flog durch den Raum und landete in einem rosa Mülleimer.
 
„Volltreffer!“, riefen wir zur gleichen Zeit und begannen zu lachen.
 
Als wir mit unseren Gläsern wieder auf der Terrasse standen und die Sonne uns ins Gesicht brannte sagte Timo feierlich: „Auf unser neues gemeinsames Leben!“
 
„Auf eine wunderbare gemeinsame Zeit!“, sagte ich.
 
Wir stießen an.
 
„Huch. Dein Glas ist ja schon leer!“, sagte Timo zu mir.
 
„Es war ja auch nur ein Schluck drin!“, lachte ich.
 
„Warte, ich hole noch was.“
 
Kurze Zeit später waren unsere Gläser wieder voll.
 
„Okay, jetzt musst du alles auf einmal trinken. Dann spürst du gleich den Alkohol!“, sagte Timo, „Ex oder nie Sex.“
 
„Ex oder nie Sex!“, quatschte ich ihm nach.
 
Ich musste mich unwillkürlich schütteln, weil ich den Alkoholgeschmack nicht gewohnt war und hoffte, dass Timo es nicht merken würde. Genau genommen war ich noch nie in meinem Leben betrunken gewesen. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, mit meinen sechzehn Jahren schon viel zu viel verpasst zu haben.
 
„Hey, lass uns noch was trinken!“, sagte ich und schwenkte mein Glas durch die Luft.
 
Timo kicherte.
 
„Na gut. Setzt dich doch hin. Ich hol nur schnell die Flasche raus.“
 
Ich machte es mir auf einem neongrünen Liegestuhl gemütlich. Jetzt beginnt mein Leben, dacht ich überglücklich. Und ich spürte eine ungewohnte Wärme in mir, die aber mehr mit dem Alkohol als mit meiner Vorfreude auf die Zukunft zu tun hatte.
 
„Und du hast dein ganzes Leben im Waisenhaus verbracht?“, fragte Timo mich, als er sich wieder neben mich gesetzt hatte.
 
„Ja, mein ganzes Leben.“
 
„War das nicht furchtbar für dich?“
 
„Ja. Und umso mehr freue ich mich, jetzt hier zu sein! Hast du hier irgendwo Zigaretten liegen?“
 
„Hier“, er langte unter seinen Stuhl und reichte mir eine Schachtel, „Feuerzeug steckt drin.“
 
„Danke. Ich geb sie dir nachher wieder, wenn ich meine Sachen oben hab.“
 
„Quatsch, brauchst du nicht. Die gehören auch gar nicht mir, sondern meinem Freund. Und der raucht auch nur gelegentlich.“
 
Ich lehnte mich zurück und genoss die ersten Züge der etwas verknitterten Zigarette.
 
„Hast du eigentlich mit deiner Heimleiterin...“
 
„Frau Gürsch.“
 
„Ja, Frau Gürsch. Hast du mit der schon organisatorische Sachen abgesprochen? Auf welche Schule du jetzt gehst und so weiter?“
 
Ich sah ihn fassungslos an: „Die hat es gerade mal geschafft, mich hier her zu bringen. Und ihre Idee war das auch nicht.“
 
„Wahrscheinlich kommst du dann auf meine Schule.“
 
„In welche Klasse gehst du denn nach den Sommerferien?“
 
„Zwölfte. In einem Jahr mache ich mein Abitur.“
 
„Wow! Ich hab jetzt gerade mal neun Klassen hinter mir. Hab echt keinen Bock mehr auf Schule.“
 
„Niemand hat mehr Bock auf Schule. Zumindest niemand den ich kenne. Aber wir haben ja noch drei Wochen Ferien. Und ich weiß auch schon, wie ich dich aufmuntern kann!“
 
Ich beobachtete, wie sich der Rauch meiner Zigarette verformte und langsam in den Himmel aufstieg.
 
„In einer Woche hab ich Geburtstag. Mein Achtzehnter. Ich schmeiß hier eine Party und meine Elter sind nicht da.“
 
„Sind die eigentlich überhaupt mal hier?“
 
„Mein Vater hat zusammen mit meiner Mutter ein Buch geschrieben, über die Heilwirkungen der Xysmalobium undulatum.“
 
„Der Xys... Xysa... Der was?“
 
„Der Uzara, auf Deutsch gesagt.“
 
„Wie lange hast du gebraucht, um den Namen richtig auszusprechen?“
 
Timo trank schnell einen Schluck Sekt und sagte: „Auf jeden Fall sind sie ständig auf Tour mit ihrem Buch, halten Vorlesungen und Vorträge. Auch im Ausland. Es verkauft sich von Zeit zu Zeit besser.“
 
„Cool. Dann hast du also Dauersturmfrei!“
 
Timo lachte: „Ja, so könnte man es sagen.“
 
Während die Sonne immer weiter gen Westen wanderte, redeten wir noch stundenlang und als die letzten Sonnenstrahlen schließlich hinter dem Horizont verschwanden, holte Timo Decken heraus, in die wir uns kuschelten. Er zündete ein paar Kerzen an, die ich tagsüber gar nicht bemerkt hatte, weil sie in den Bäumen versteckt lagen. Jetzt spendeten sie uns ein romantisches Licht. Ich fühlte mich wie in einem Traum und das erste Mal hatte ich eine Ahnung davon, wie es war, eine wunderbare Familie zu haben.
 

 

♥ 
Als ich am nächsten Morgen erwachte war ich allein auf dem Dachboden. Ich hatte in einem Schlafsack auf einer unbequemen Isomatte geschlafen und war total durchgeschwitzt.
 
„Scheiße“, maulte ich vor mich hin und pellte mich aus dem Bett. Als ich schließlich schlaftrunken auf die Füße kam, hörte ich, dass von unten Discomusik zu mir heraufdrang. Der Bass wummerte so laut, dass ich mich wunderte, wie bei dem Lärm hatte schlafen können.
 
„Timo? Bist du da?“, sagte ich.
 
Niemand antwortete mir. Ich sah mich in meinem neuen Zimmer um. Es schien niemand hier zu sein. Plötzlich bemerkte ich, dass ich neben einem Terrarium geschlafen hatte. Es war mir gestern gar nicht aufgefallen, weil es von Pflanzen umgeben war. Ich beugte mich dicht an das Glas heran und suchte nach einem Bewohner, doch ich konnte zu meiner Beunruhigung kein Tier entdecken. Stirnrunzelnd rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und sah erneut hin. Und da entdeckte ich auf einem Baumstamm einen Gecko, der sich dort mit den Farben seiner Haut perfekt getarnt hatte.
 
„Timo?“, fragte ich jetzt etwas lauter und richtete mich auf.
 
Plötzlich hörte ich, wie die Musik unten noch lauter aufgedreht wurde.
 
Du und deine Oma sind drei Tage wach, dröhnte das Lied zu mir herauf.
 
„Oh Shit!“
 
Auf einmal fiel mir auf, dass ich nur in BH und einer pinken Boxershort von Timo geschlafen hatte.
 
Ich biss mir auf die Lippe und sauste durch das Zimmer, um meine alten Klamotten von gestern überzuziehen. Doch ich konnte sie nicht finden und meine Koffer standen natürlich noch unten.
 
Verpeilt und verschalert, alle verballert...
 
Ich ging zur Terrasse und fand zum Glück noch die Zigarettenschachtel. Zwei Mal fiel mir die Zigarette aus dem Mund, bevor ich sie endlich angezündet hatte.
 
Auf geht’s ab geht’s, drei Tage wach...
 
Als ich wieder im Zimmer war, öffnete ich ein paar Schränke. Das war eigentlich nicht meine Art, aber ich brauchte etwas zum anziehen.
 
´Nächste Party kommt bestimmt...
 
Als ich den größten Schrank öffnete, fiel mir meine Zigarette fast zum dritten Mal aus der Hand, denn der Schrank war von oben bis unten vollgestopft mit Klamotten. Sorgfältig geordnet lagen Hemden, Hosen, Shirts, Schals, Jacken und Unterwäsche in allen möglichen und unmöglichen Farben vor mir. Ich griff zu einem blass rosa Hemd, das am Saum mit kleinen Schmetterlingen verziert war.
 
Als ich mich in dem großen Spiegel betrachtete, der an der Innentür angebracht war, sah ich, dass das Hemd mindestens zwei Nummern zu groß war und dass die Boxershort rausguckte.
 
Was soll´s, dachte ich mir, drückte meine Zigarette aus, kletterte durch die Dachlucke und die Wendeltreppe herunter. Als ich vor der Tür stand, hinter der die Musik zu hören war, atmete ich noch einmal tief durch. Gerade wollte ich dir Türklinke herunterdrücken, als Mortadella auf mich zugelaufen kam. Das Hausschwein grunzte mich an.
 
„Was ist denn? Hast du Hunger?“
 
Mortadella stellte sich auf zwei Beine und versuchte so, die Türklinke herunterzudrücken.
 
„Hey, lass das!“
 
Natürlich hörte das Schwein nicht auf mich.
 
„Mortadella, bitte!“, sagte ich eindringlich, doch es hatte keinen Sinn.
 
Wääm! Die Tür flog auf.
 
Das Schwein flitzte in die Küche und begann, nach etwas Essbarem zu suchen. An einem Tisch saß Timo und verdrückte einen Salat.
 
Neben einer beeindruckend großen Anlage tanzten zwei erwachsene Leute.
 
„Hey! Molly ist wach!“, rief Timo ihnen zu.
 
Die Frau drehte die Anlage auf normale Lautstärke und lächelte mir zu.
 
„Hallo, Molly! Wir sind Timos Eltern.“
 
„Ich bin Carsten und das ist meine Frau Lara“, sagte Carsten und kam freudestrahlend auf mich zu.
 
Niemand schien sich an meiner sonderbaren Erscheinung zu stören.
 
„Hi“, sagte ich.
 
„Willkommen bei uns! Wir waren ja schon so gespannt auf dich!“, Timos Vater nahm mich in den Arm.
 
„Schön, dass du hier bist“, sagte Lara und umarmte mich ebenfalls.
 
„Ich freu mich auch.“
 
Timo lächelte mir zu und bot mir einen Platz an dem reichlich bedeckten Frühstückstisch an.
 
„Ach ja, Molly Schätzchen. Ich hab deine Sachen gewaschen. Warum haben die so nach Spucke gerochen?“
 
Timo und ich sahen uns lächelnd an.
 

 ♥
„Nein ich komm so bestimmt nicht raus!“, brüllte ich Timo aus der Umkleidekabine zu.
 
„Ach nun komm schon Schwesterchen, ich bin davon überzeugt, dass du atemberaubend aussehen wirst!“, sagte Timo, der schon gespannt vor dem Vorhang wartete.
 
„Nein!“, sagte ich trotzig, „Du kannst ja zu mir reinkommen!“
 
„Na gut, Schätzchen“, Timo lüftete den quietsch orangen Vorhang.
 
„Ach Molly Schätzchen“, sagte Timo, als er mich in dem lila zebragemusterten Minikleid sah, „Du siehst aus wie eine Sexgöttin!“
 
„Ja, findest du wirklich?“, fragte ich überrascht. Ich hatte gedacht, er würde mich auslachen.
 
„Meinst du nicht, dass es ein wenig, äh, nuttig aussieht?“
 
„Unsinn Molly, die Typen in der Disco werden dir heute Abend zu Füßen liegen, zumindest die Heteros.“
 
Vielleicht war die Shoppingtour mit meinem Bruder Timo doch keine so schlechte Idee gewesen, überlegte ich. Timo wollte mich heute Abend mit in seine Lieblingsdisco nehemen, doch nachdem er meine Klamotten nach einem geeigneten Discooutfit durchsucht hatte, meinte er nur geschockt: „Schätzchen, ist hier eine Mauerblümchenbombe eingeschlagen?! Wir müssen unbedingt shoppen gehen“, und seine Augen waren begeistert aufgeleuchtete, „Und zwar sofort!“
 
Tja, so war ich hier gelandet...
 
„Na gut. Dann kaufe ich das Kleid“, sagte ich zu Timo, „du hast mich überzeugt.“
 
Nachdem wir noch ein paar passende Accessoires zu dem Kleid gekauft hatten und wunderschöne Hackenschuhe mit lila Schleifen, zog Timo mich zufrieden in ein gemütliches Jugendcafé. Ich bestellte mir ein großes Stück Himbeerquarktorte und einen Cappucino, Timo einen Espresso, verzichtete aber dankend auf eine Beilage.
 
„Nein danke, ich muss in Form bleiben.“, sagte er seinen Bauch tätschelnd freundlich zur Kellnerin, auf dem jedoch kein Gramm Fett zu viel zu erblicken war. Seit gestern Abend wusste ich nur zu genau, wie Timo unter seinen engen Klamotten ausschaute. Denn er schlief immer splitterfasernackt.
 
„Wenigstens Nachts braucht mein Jonny mal ein wenig Freiheit“, hatte er ohne die Spur einer Verlegenheit gemeint, „oder stört dich das etwas, Schwesterchen?“
 
„Keine Angst, ich bin stockschwul – Geschwisterehrenwort.“
 
Leicht verlegen, da ich einen Jungen noch nie vollständig nackt gesehen hatte, verneinte ich:_ „Äh, nein, nein... mich stört das überhaupt nicht.“ Und da ich wohl vorerst mit Timo in seinem XXL Himmelbett schlafen würde, würde ich seinen perfekt gebauten Körper wohl noch öfter bewundern können: Sixpack, muskulöse Arme und Beine, Knackarsch... ganz zu schweigen von seinem wunderschönen Gesicht: Gerade, schmale Nase, voluminöser Mund mit Zahnpasta lächeln, himmelblaue Mandelaugen, leicht gewelltes dunkelbraunes Haar und makellos gebräunte Haut. Wäre er nicht schwul, könnte ich wohl nicht so locker in seiner Gegenwart sein. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich diese Person erst seit einem Tag kannte. Gestern Abend hatten wir eng aneinander gekuschelt noch lange bis tief in die Nacht hinein gequatscht. Wir waren wie Seelenverwandte. Die Erinnerungen an Lilly waren nun fast wie weggeblasen. Nur wenn ich mein Spiegelbild sah, musste ich an sie denken. Timo blickte schon die ganze Zeit gedankenverloren aus dem Fenster und schlürfte seinen Espresso. Es war schön, dass man mit Timo genau so gut schweigen wie reden konnte. Ich ließ meinen Blick durch den orange gestrichenen Raum schweifen, sofort fiel mir auf, dass einige Mädchen Timo begafften und nicht den Blick von ihm lassen konnten und auf mich ab und zu böse Blicke abfeuerten. Ja, Timo war eine wahre Schönheit und Gott-sei-Dank eine Schwulette. Wenn die nur wüssten, dachte ich mir und musste grinsen.
 

 ♥
Mittlerweile waren Timo und ich wieder zu Hause in unserem gemütlichen Zimmer. Carsten und Lara waren unterwegs und würden erst in ein paar Wochen wiederkommen.
 
„Sie sind so gut wie immer weg“, klärte Timo mich auf, „Und ich find es super so, obwohl sie mir manchmal ein bisschen fehlen“, fügte er hinzu, „Na gut. Bist du bereit für heute Abend?!“
 
„Sicher!“, meinte ich schon leicht angetrunken.
 
Mein Bruderherz und ich hatten nämlich schon fast eine ganze Flasche Sekt leergetrunken und da ich in Sachen Alkohol noch keine Erfahrungen hatte, schlug der Sekt ordentlich an.
 
„Ich glaube, du brauchst erstmal ein Päusschen Darling!“, meinte Timo liebevoll zu mir, als er mich ausgestreckt auf dem Himmelbett betrachtete.
 
„Es ist Zeit für ein kleines Verhör“, schmunzelte er und setzte sich neben mich aufs Bett.
 
„Meinetwegen“, lallte ich ein wenig.
 
„Hast du schon Erfahrungen mit Typen gemacht? Ich denke mal du bist hetero?“
 
„Äh neh und ja. Ich stehe nur auf Typen“, sagte ich ein wenig verlegen.
 
„Nicht mal ein richtiger Schmatzer?“
 
„Nein, nicht mal das“, sagte ich ein wenig wehmütig.
 
„Aber wenigstens mit einer Freundin hast du schon mal geübt, oder?“
 
„Nahein, Timo, das auch nicht.“
 
„Ich hatte meinen ersten Zungenkuss mit zwölf“, sagte Timo stolz, „Zu meinem Unglück wusste ich damals noch nicht, dass ich auf Jungs stehe, von daher war es nicht besonders schön. Erst mit vierzehn hatte ich meinen ersten Zungenkuss mit einem Jungen... Marcel, der war schon sechzehn. Eine Ferienlagerliebe.“
 
„Oh...“
 
„Wie haben zusammen ein Zweierzimmer geteilt. Hoppla, ich schweife ab“, meinte Timo, „Ich mache dir ein einmaliges Angebot: Ich könnte dir das Küssen beibringen, denn ich weiß sehr genau worauf Männer beim Küssen stehen, schließlich bin ich einer.“
 
„Okay“, sagte ich und rutschte ein wenig nervös auf dem Bett herum.
 
Timo legte sich zu mir und fasste mit einer Hand sanft meine Wange an. Er sah mir tief in die Augen und dann, ohne das ich merkte wie, berührten sich unsere Lippen.
 
Ich blickte peinlich berührt an Timo vorbei und sah am Fenster ein Windspiel aus vielen kleinen Penissen baumeln.
 
Urplötzlich musste ich loslachen. Timo sah mich verdutzt an und obwohl er nicht wusste, warum ich mir vor Lachen den Bauch hielt, steckte ich ihn mit meinem Lachanfall an.
 
Wir konnten beide nicht mehr aufhören. Schließlich musste ich mir schon meine Backen halten, weil ich vom vielen Lachen einen Krampf bekam.
 
Nach einer Weile beruhigten wir uns wieder, aber ich musste mit mir kämpfen, nicht erneut von Lachanfällen durchgeschüttelt zu werden.
 
„Also, Darling, wenn du immer so pubertierend reagierst, wenn dich ein Junge küssen will, dann vergiss dein Liebesleben!“
 
„Ach, Timo, das hat doch nichts mit dir zu tun. Ich hab nur dein Windspiel entdeckt.“
 
Ich musste schon wieder lachen und Timo grinste nur.
 
„Okay, damit dir so was nicht mehr passiert, merk dir die oberste Priorität beim Küssen: Augen schließen!“
 
„Versuchen wir es nochmal?“, sagte ich eifrig und begierig darauf nach mehr Tipps von Timo zu erfahren.
 
„Aber reis dich zusammen!“
 
Ich nickte und schloss folgsam die Augen.

... Fortsetzung folgt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.11.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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