Noch ein Schritt. Und dann noch einer. Und noch einer...
Eigentlich müsste er jetzt schon sehen, was sich hinter der Spitze des Hügels verbarg. Ob die Sicht, die er mal-
Seine Beine schaffen es nicht mehr. Schwer schlägt er auf, eine Wolke lehmigen Staubes aufwirbelnd. Sein Atem geht immer schwerer, er riecht nach Schnaps, ranzigem Fett und abgestandenem Bier.
Nur noch einmal wollte er sehen, was ihn als Kind so begeisterte. Nur noch einmal-
Ein schwerer, leicht fauliger Geruch erreicht ihn. Haucht hier in der Nähe ein sterbendes Tier sein Leben aus?
Nein, es ist nur der Schritt seiner Jeans, der so stinkt. Nach ungewaschenem Körper, Elend und mehr. Seine Achselhöhlen unter dem verschwitzten T-Shirt riechen genauso.
Säufer! Asozialer! Ausgestossener!
Weshalb wurde er so betitelt? Weil er sich in der stinkenden Vorstadtkneipe nicht alles gefallen ließ? Weil er die Erinnerung an die Familie E- verteidigte, die einer dieser Klugscheisser-er meinte, er sei der Förster-als Wilderer und Plünderer bezeichnete?
Irgendwann vermeinte er, diesem Förster die Nase geplättet zu haben. Das Knacken des Nasenbeines, das spritzende Blut, das schmerzverzerrte Gesicht des Getroffenen waren ihm noch gut in Erinnerung geblieben. Dann der Durst, ein nochmaliges Saufen, und dann-
Als er die Kneipe verließ, war es schon dunkel. Er spürte den Knüppel, zwischen den Augen, bevor er ihn sah. Dann Knüffe, Tritte, Schläge gegen seinen Kopf-wie er am Leben blieb, war ein Wunder für sich...
Und dann das Erwachen im schlammigen Waldweg. Geld weg, Pass weg, Ausweis weg-er wurde einfach im Schlamm liegen gelassen , wie ein sterbendes Schwein...
Nach langem Suchen und unsäglichen Schmerzen dann endlich eine Quelle. Trinken, auch wenn es wehtat. Erbrechen. Sein Magen ein Schlachthaus. Dann nochmals Trinken und eine tiefe Bewusstlosigkeit-
Als er aufwachte, brannte ihm die Sonne auf die zahlreichen Wunden. Er war trocken, wenngleich auch staubig. Das Aufrichten, Taumeln, Hinfallen, wieder Aufrichten-nie im Leben hatte er größere Qualen ausgestanden...
Und dann..
Ihm dämmerte allmählich, wo er sich befand. Nicht weit weg von seinem Standort erhob sich der altbekannte Hügel, von dessen Spitze man eine so herrliche Aussicht auf die Obstgärten der Umgebung und das ferne Dorf Bussd hatte...
Taumelnd und strauchelnd machte er sich auf den Weg. Nach einer schier endlosen Zeit, die Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte umfasste, kam er endlich an.
Und war zu schwach, die letzten zehn Meter zu schaffen. Mit dem leicht mediterranen Geruch eines unbekannten Krautes in der Nase schlief er ein.
Das milde Sonnenlicht weckte ihn erneut. Waren hinter dem Hügel nicht Stimmen zu hören? Die helle, jagdfreudige Stimme von Herrn E-, und die ernsthafte, mahnende Stimme seines Schwagers Otto S-?
Brüsk richtete er sich auf.Eine neue, unbekannte Energie durchfloss ihn und ließ die Vorkommnisse der letzten zwei Tage erblassen. Ja, es schien ihm so, als hätten sie nie stattgefunden-
Er wagte ein paar Schritte nach vorne und sah den Hügel hinab.
Da war der alte Obstgarten, nach dem er sich so sehnte .Da war die Scheune, die sowohl als Geräteschuppen, als auch zum Ausweiden des erlegten Wildes benutzt wurde.
Da war die Jagdhütte selber, die dem Aufseher des Obstgartens gehörte, in dessen Abwesenheit aber von Herrn E- und seiner Jagdgesellschaft genutzt wurde.
Und da-war Herr E- selber, ein Baumstamm von einem Mann, mit schütterem blonden Haar und leuchtend blauen Augen, die ständig zu lächeln schienen, so auch jetzt. Er winkte ihm zu:
„Hast diesmal lange gebraucht, Junge, komm doch runter!“
Hastig gehorchte er dem Ruf und lief den steilen Hügel hinunter, so schnell er eben konnte. Seine Jeans wurden dabei zusehends staubiger. Dafür würde ihn seine Mutter heftig schelten, doch war es ihm heute egal...
Unten angekommen, fand er alles wie gehabt vor. Die Jagdhütte mit dem ausladenden Hirschgeweih über dem Eingang-der Hirsch wurde seinerzeit ganz in der Nähe geschossen, wie Herr E- stets beteuerte...
Den Geräteschuppen, aus dem ein penetranter Blutgeruch drang. Offenbar wurde das gerade erlegte Wild ausgenommen. Die Jagdhunde, die vor dem verschlossenen Eingang fieberten und japsten, bis sich rechts von der Tür ein kleines Fenster öffnete und ein blutiger Klumpen Fleisch die Gier der Meute für eine Weile stillte...
Der Geruch von brennender Holzkohle. Herr E-, am Grill hantierend. Bald würden die besten Fleischstücke wohlriechend auf dem Grillrost gedeihen. Und Frau E- würde aus der Jagdhütte in einer großen Schüssel den obligatorischen, mit roten Zwiebeln durchsetzten Kartoffelsalat hervorbringen, der ihm so mundete...
Hinter ihm ertönte ein leichtes Räuspern , er drehte sich um. Da stand Otto S-, das schwere Fernglas wie gewohnt um den Hals. Er rief Herrn E- zu:
„Das war ein kapitaler Bock, gratuliere! Ich schätze, sein Fleisch wird uns sehr schmecken und sein Geweih unsere Hütte noch lange zieren!“
„Gott sei gelobt, Otto! Der junge Mann da“-er deutete auf ihn-“soll uns ein paar Pflaumen aus dem Obstgarten holen, die schmecken doch so gut zu dem Fleisch!“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. In großen Schritten schritt er die Pflaumenbäume ab, bis er endlich die Pflaumen fand, die Herr E- am meisten mochte. Reif, saftig und doch fest...
Der Abend legte sich golden über das Land. Der helle Ruf eines Steinkauzes erklang vom anderen Ende des Obstgartens her. Wildenten flogen über den tiefblauen Himmel, und am gegenüberliegenden Hügel trottete ein Rotte Wildschweine von der Schlammkuhle in den nahegelegenen Wald. Fette Kreuzspinnen woben ihre Netze zwischen den Ästen der Baumkronen. Altweibersommer eben..
Er füllte seine Taschen mit den Pflaumen-Herr E- war bestimmt schon ungeduldig-als er am Boden neben dem Stamm des nächsten Baumes etwas Weißes entdeckte. Er hob es auf-
Es war ein kusntvoll besticktes Taschentuch. Auf ihm stand, ungelenk mit blauer Tinte geschrieben:
„Gerlinde, ich liebe Dich.!“
Erschüttert betrachtete er seinen Fund. Ja, damals vor zwanzig Jahren, fand er im Obstgarten das weiße Taschentuch der Bussder Dorfschönheit Gerlinde, die er so verehrte. Er gab es ihr zurück, mit dem erwähnten Satz darauf. Sie lachte nur verächtlich und ging davon..Später ließ sie ihn wissen, dass sie ihr Taschentuch weggeworfen hatte...
„Nanu, Heinz, sieht man Dich auch wieder?“
Wie gelähmt blieb er stehen. Das war Gerlinde, warum klang ihre Stimme aber so hohl?
Er drehte sich um. Sah Gerlinde mit den langen blonden Zöpfen und den leeren Augenhöhlen. Gerlinde, der das Fleisch von den Wangen fiel. Gerlinde mit dem blanken Schädel, der dumpf brüllte:
„Ich kriege Euch ALLEEEE...“
Die Pflaumenbäume zerfielen, wurden faulig und verschwanden in der Erde. Von der Jagdhütte her winkten ihm zwei grinsende Gerippe zu, die neben einem rostigen Grill standen..
Unter seinen Füßen tat sich ein finsterer Abgrund auf, der ihn und Gerlinde aufnahm...
Protokoll der Polizeidienststelle Mediasch, 10. September 20-:
Nach langem Suchen wurde der Leichnam des 38 jährigen Heinz G- gefunden. Er befand sich in unmittelbarer Nähe des US-Truppenübungsplatzes zu M- und wies schwere innere Verletzungen auf. US-Truppen fanden ihn hinter der Kuppe eines angrenzenden Hügels am Rande des Übungsplatzes.
Zeugenberichten zufolge war Heinz G-. vor drei Tagen in der Mediascher Kneipe „La Hanul-“ in eine Schlägerei mit dem örtlichen Förster Dumitru B- verwickelt gewesen. Laut Herrn B- wurde er von Herrn G- andauernd angepöbelt und schließlich auch geschlagen. Freunde von Herrn B-, die damals anwesend waren, konnten dieses bezeugen. Wie Herr G- zu seinen Verletzungen kam, wussten sie nicht, es wird aber allgemein angenommen, dass Herr G- nach seinem Weggehen wahrscheinlich in eine weitere Schlägerei verwickelt wurde, in der er den Kürzeren zog.
(es folgt eine Auflistung aller Verletzungen von Heinz G-)
Major Dutch Schaeffer, der Kommandant des Truppenübungsplatzes zu M-, verfasste eine Presseerklärung, in der er betonte, dass die dort stationierten US-Truppen mit dem Ableben von Heinz G- nicht das Geringste zu tun hätten. Als sie seinen Leichnam fanden, war Heinz G- bereits seit zwei Tagen tot.
Weder er, noch die örtliche Polizeidienststelle können sich erklären, weshalb Heinz G- ausgerechnet diesen Ort zum Sterben wählte...
Vorheriger TitelNächster TitelAbermals ein Stück Erinnerung. Den Obstgarten mit der Jagdhütte, in der sich regelmäßig eine fidele Gesellschaft von siebenbürgischen Jägern und Naturfreunden einfand, gab es in der Nähe von Mediasch wirklich. Das Dorf Bussd (rum. Buzd). ebenfalls..Die Wälder rings um den Obstgarten waren sehr wildreich und größtenteils naturbelassen.
Die Jagdgesellschaft ist inzwischen in alle Winde verstreut und der Obstgarten-gibt es ihn noch?
Der grausamste Moloch ist das Vergessen...Arno Gündisch, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2008.
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Was uns Katzen auf ihre Art sagen
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