Michael Roth

Auf einen Sprung

Er hatte fast vergessen wie schön es war, in der Fußgängerzone zu sitzen und bei einer Zigarette und einem Kaffee, die Leute zu beobachten.  Es duftete nach Bratwürsten, deren Geruch vom Marktplatz herüber drang und er hörte das Gejohle von Kindern, die auf einer Hüpfburg herum tollten. Ein Autohändler stellte einen neuen Wagen vor und hatte die Hüpfburg aufgestellt, damit die Kinder etwas zu tun hatten, während Mama und Papa überredet wurden, sich ein neues Auto zu kaufen. Alexander saß also da, genoß seinen Kaffee und sah, wie die Passanten ihren Besorgungen nachgingen. Manche schlenderten gemütlich von einem Schaufenster zum anderen, manche sahen gehetzt und genervt aus. Kinder zerrten ihre Mütter vor die Spielzeugläden und Rentner fütterten die Tauben. "Ist Tauben füttern nicht verboten?", dachte er. Ein großer Reisebus hielt vor der schönen Kirche mit den zwei Kirchtürmen. Die Touristen stiegen aus und verteilten sich, bewaffnet mit Kameras und dergleichen. Alexander sah, wie einige die Kirche betraten. Obwohl er selbst aus der Stadt kam, war er nie im Inneren gewesen und er hatte sich immer gefragt, ob es gestattet sei, auf die Türme zu steigen. Er legte das Geld für seinen Kaffee auf den Tisch, trank aus und lief gemütlich Richtung Kirche.

 Angenehme Kühle umhüllte Alexander, als sich die große Tür hinter ihm schloß und er in dem langen Mittelgang zwischen den Bänken stand, der nach vorne zum riesigen Altar führte. Ein paar der Touristen, standen vorn und fotografierten, andere saßen auf den Bänken. Er sah sich um und suchte einen Aufgang zu den Türmen. Auf dem ersten Blick war nichts zu entdecken, doch dann kam eine Gruppe Menschen hinter dem Altar hervor und redeten von einer tollen Aussicht und dem schönen Wetter. Das musste es sein. Alexander ging ebenfalls um den Altar, lächelte den Entgegenkommenden zu und sah die kleine Luke und dahinter eine Treppe. Freudig begann er mit dem Aufstieg.

Verschwitzt aber glücklich kam er oben an und war überwältigt von Blick, den man auf die ganze Stadt hatte und sogar auf die Wiesen, Felder und Berge der Umgebung. Die letzten beiden Touristen hatten die Plattform verlassen, als er sie betreten hatte und der Mitarbeiter der Kirche bat ihn, nicht so lange zu bleiben, da die Besuchszeit fast vorbei sei. Dann war Alexander allein. Nachdem er sich ein wenig umgesehen hatte, griff er in seine Jackentasche und holte einen Brief heraus. Er war addressiert an ihn und als Absender stand das Klinikum darauf. Alexander hatte ihn gelesen bevor er beschlossen hatte, einen Kaffee in der Fußgängerzone zu trinken. Er öffnete den Umschlag um den Inhalt des Briefes noch einmal zu überfliegen. "Sehr geehrter Herr Sander, es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, bla bla bla... dass der Tumor in Ihren Körper bereits gestreut hat und wir Ihre Lebensdauer auf maximal 6 Monate einschätzen bla bla bla. Sollten Sie lebensverlängernde Maßnahmen wünschen bla bla..." "Scheiß drauf!", flüsterte Alexander. Er steckte den Brief wieder ein, setzte sich auf das flache Geländer und genoss die Aussicht.

Plötzlich hörte er den Kirchenmitarbeiter hinter sich rufen. "Hey, was machen Sie denn da? Kommen Sie bitte mit mir runter, ich muss abschließen!" Alexander sah ihn lächelnd an, sagte :"Ich geh schonmal vor."    Und sprang.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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