Joachim Güntzel

Koffer des Todes

 

 

Vielleicht hätte er den Koffer nicht öffnen sollen. Ganz sicher sogar wäre das besser gewesen. Doch er hatte es getan. Und seit diesem verhängnisvollen Moment fraß sich ein entsetzlicher Gedanke durch sein Gehirn. Zwei Millionen Dollar waren in dem Koffer gewesen. War es an sich schon unglaublich genug, einen Aluminumkoffer voller Geld auf der Toilette einer Autobahnraststätte zu finden, so war es der weitere Inhalt noch mehr: Auf den bankfrischen und säuberlich gebündelten Greenbacks lagen eine geladene Pistole und ein Handy.

 

Kurz nachdem er den Koffer geöffnet hatte, klingelte das Handy.

„Ihre Aufgabe ist ganz einfach“, sagte die Stimme am Telefon. „An der nächsten Raststätte nehmen Sie die Pistole und erschießen einen beliebigen Menschen. Wenn Sie das tun, gehört das Geld Ihnen. Doch überlegen Sie nicht zu lange. Die Dollars sind präpariert. Jede halbe Stunde zerstört ein elektronisch gesteuerter Mechanismus fünfzigtausend Dollar. In zwanzig Stunden hat sich das Geld also in nichts aufgelöst. Wenn Sie es tun, wird der Mechanismus von mir außer Kraft gesetzt. Danach setzen Sie sich einfach in Ihr Auto und fahren weiter. In der allgemeinen Verwirrung wird niemand auf Sie achten. Doch versuchen Sie nicht, das Geld vorher aus dem Koffer zu nehmen und damit zu verschwinden. In diesem Fall würde es sofort vollständig zerstört. Überlegen Sie also gut, was Sie tun.“ Damit hatte der Anrufer aufgelegt.

 

In was für ein grausames Spiel war er geraten? Dass es ernst gemeint war, davon konnte er sich nach genau dreißig Minuten überzeugen: Ein kurzes Piepen im Koffer – wohl eine Art Zeitzünder – und das erste Bündel begann sich zu zersetzen. Vielleicht war eine Ampulle mit irgendeiner Säure in die Geldscheinbündel eingewickelt, dachte er, doch es spielte letztlich keine Rolle. Eine weitere halbe Stunde, und es würden sich nur noch 1,9 Millionen Dollar im Koffer befinden.

 

Der mörderische Gedanke drang tiefer und tiefer in seine Gehirnwindungen ein, begann die Herrschaft über ihn zu erringen und den Rest an Gewissen, der noch an die Existenz einer menschlichen Alternative glaubte, zu verdrängen. Er wusste, dass ihm ein solcher Koffer nie wieder begegnen würde. Er wusste, dass er das Geld dringend brauchte. Und obwohl er sich noch eine Weile zu wehren versuchte, war ihm doch klar: Er würde es tun. Genau vierundfünfzig Minuten später starb auf einer Highwayraststätte ein Mann.

 

Drei Streifenwagen der Polizei standen mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Gebäude, in dem der Schuss gefallen war. Der Notarzt war unterwegs, konnte etwas später aber nur noch den Tod des Mannes feststellen. Den Menschen, die jenseits der Absperrung um den Tatort standen, war der Schock über das soeben Erlebte ins Gesicht geschrieben.

 

Die meisten Anwesenden hatten vor dem Schuss nichts Auffälliges bemerkt. Einzig zwei Zeugen, die an der etwa zehn Meter entfernten Theke saßen und Kaffee getrunken hatten, konnten der Polizei gegenüber den Ablauf detaillierter schildern. Danach hatte gegen vierzehn Uhr fünfzehn ein Mann den Innenraum der Raststätte betreten und sich umgesehen. Nachdem er etwa drei Minuten nur da gestanden war, zog er plötzlich eine Waffe und zielte damit auf einen anderen Mann, der gerade in diesem Moment vorbeikam. Warum die Waffe jedoch nicht wie vorgesehen funktionierte, sondern in der Hand des Schützen explodierte und ihm dabei sein halbes Gesicht zerfetzte, musste die spätere labortechnische Untersuchung zeigen. Im Moment ging die Polizei von einem missglückten Anschlag und einem Unfall wegen technischen Versagens aus.

 

Der Metallsarg mit der Leiche wurde aus der Raststätte getragen. Der Fahrer des Wagens, der in sicherer Entfernung die Szene beobachtete, griff in den Aluminiumkoffer auf dem Beifahrersitz. Er entnahm das Handy, das sich darin befand, und wählte eine Nummer.

„Sie können den Rest überweisen“, sagte er. „Der Auftrag ist erledigt.“

„Und es gibt keine Spuren?“ fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Absolut keine“, versicherte der Mann im Auto und strich mit der Hand leicht über den Koffer an seiner Seite.

„Wie haben Sie es getan?“ wollte der Auftraggeber wissen.

„Spielt das eine Rolle? Sagen wir so: Er hat es selbst getan.“ Draußen fuhr der Leichenwagen davon. Der Blick des Mannes im Auto folgte ihm und wanderte dann zurück zur Raststätte, aus der gerade drei Polizisten herauskamen.

„Selbst getan… Aber wie haben Sie ihn dazu gebracht? Er hat doch hoffentlich keinen Abschiedsbrief oder etwas in der Art hinterlassen?“

„Seien Sie beruhigt“, antwortete der Fahrer, während er losfuhr und sich in den Verkehr auf dem Highway einreihte.

„Er hatte etwa zwei Millionen gute Gründe.“

Im Rückspiegel sah der Fahrer den Leichenwagen, den er gerade überholt hatte, kleiner und kleiner werden und schließlich ganz verschwinden.

 (c) Joachim Güntzel

Anmerkung: Gewinnerstory beim Kurzgeschichtenwettbewerb "No country for old men" (Haus der Literatur, April 2008).

AKTUELL: Die Geschichte wurde in meinem soeben erschienenen Buch "Der Gefühlstütenwanderer. Dreizehn Geschichten am Limit" abgedruckt (bookmundo 2018, Hardcover), ISBN 9789463673181.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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