Michael Roth

Untreu

Roland saß in der Küche und trank eine Flasche Bier. Eigentlich nichts ungewöhnliches, wenn es nicht 9 Uhr Morgens wäre. Vor ihm lag ein großer brauner Umschlag, den er ohne Briefmarke und Angabe eines Absenders im Briefkasten gefunden hatte.  Ahnungslos hatte er ihn geöffnet und darauhin das Bier geöffnet um den Schock zu verdauen. Es waren Fotos darin, welche seine Frau zeigten. Seine Frau und einen fremden Mann an ihrer Seite. Anfangs harmlos, eine Umarmung zur Begrüßung, dann händchenhaltend in einem Restaurant, beim Sex in einem billigen Motelzimmer.   
Er hatte bis zu diesem Augenblick geglaubt, eine gute Ehe zu führen aber wie es aussah, hatte er sich in Marie getäuscht. Nach einem One Night Stand sahen die Fotos nicht aus, eher nach einer schon länger währenden Affäre. Roland konnte es nicht fassen. Klar hatten sie ihre Höhen und Tiefen gehabt, wie den unerfüllten Kinderwunsch aber Marie hatte ihm immer das Gefühl gegeben, dass seine Unfruchtbarkeit kein Problem wäre, dass sie einfach ein Kind adoptieren würden. Er hätte nicht im Traum daran geglaubt, dass sie alles so wegwerfen würde. "Wie man sich doch irren kann!", murmelte er leise und trank das Bier aus.
Was sollte er nun tun und wer hatte die Fotos gemacht und in den Briefkasten gesteckt?
Noch vor ein paar Wochen hatten sie einem gemeinsamen Freund beim Drogenentzug unterstützt, ihn in eine Entzugsklinik gefahren und er hatte, als Beweis sozusagen, dass er es ernst meinte, sein Fixerbesteck bei Ihnen gelassen. Marie hatte ihm sogar angeboten, dass er bei ihnen wohnen könne, wenn er aus der Klinik käme. Es würde ihm helfen, bei einer intakten Familie unter zu kommen, hatte sie gesagt aber diese intakte Familie, war schon vermutlich damals keine mehr gewesen. Wer weiß, wie lange sie schon mit diesem anderen Typen rumvögelte.
Roland nahm den Umschlag mit den Fotos und stieg langsam, fast in Zeitlupe, die Treppe hinauf Richtung Schlafzimmer und überlegte währenddessen, was er zu Marie sagen wollte. Sie lag noch im Bett und schlief, da sie am Vorabend lange bei einer Schulung der Steuerkanzlei gewesen war, in der sie arbeitete. Jetzt als Roland so darüber nachdachte, fragte er sich, ob sie wirklich bei einer Schulung war oder ob sie wieder bei diesem fremden Mann war.

Als er vor der Schlafzimmertür stand, wußte er noch nicht was er ihr sagen sollte aber er trat trotzdem leise ein und stellte sich vor das Bett, in dem Marie friedlich schlief. Sie erwachte auch nicht, als der Fußboden knarrte und so blieb er einfach stehen und sah sie an.
Schön sah sie aus, gar nicht wie eine Ehebrecherin. Minuten vergingen, in denen er sie nur ansah.
Er wollte sich gerade umdrehen und wieder gehen, als sie seufzend die Augen öffnete und ihn anblinzelte. Sie lächelte verlegen und fragte: "Wielange stehst du schon so da und beobachtest mich?"
Roland lächelte nicht. Er sah sie ausdruckslos an und warf ihr den Umschlag aufs Bett.
Marie sagte nichts. Nahm mit verwunderten Blick den Umschlag, griff hinein und holte die Fotos heraus. 
Sie sagte nichts aber er konnte ihre Überraschung an ihrem Gesicht sehen. Sie wurde blass, doch als sie sich alle angeschaut hatte, wirkte sie erleichtert. 
Sie blickte auf und zuckte mit den Achseln. "So, nun ist es endlich raus! Was willst du jetzt von mir hören?"
Ihre Stimme hatte plötzlich einen verächtlichen Unterton, den Ronald noch nie gehört hatte.
"Wie lange gehts das schon so?", fragte er.
"Glaub mir, das willst du nicht wissen!", antwortete sie schnippisch und lächelte.
Roland schüttelte den Kopf. "Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein Flittchen bist."
Da lachte sie frech und schrie: "Und ich hätte nie gedacht, einen Schlappschwanz als Mann zu haben!"
Das war zuviel, Roland griff sie an den Haaren und schlug ihr zweimal mit der Faust ins Gesicht, so stark er konnte. Dann schleuderte er sie zurück und ihr Kopf krachte an die Wand und sie blieb bewußtlos auf dem Bett liegen. "Miststück!", brüllte er und ging im Zimmer auf und ab.
Was sollte er nun tun?
Dann hatte er eine Idee, rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.
Er lief ins Wohnzimmer und öffnete den Schreibtisch. Daraus nahm er eine Plastiktüte und kippte den Inhalt auf den Boden. Es war das Fixerbesteck ihres Freundes, was klappernd heraus fiel. Ein Löffel, ein Feuerzeug, ein Gummiband, Desinfektionsspray und eine Spritze. Er dachte kurz nach, dann nahm er die Spritze und rannte wieder nach oben zu seiner Frau.

Als er keuchend oben ankam lag sie noch immer bewußtlos auf dem Bett.
Er starrte sie noch einige Augenblicke an, dann drehte er sie auf den Rücken und deckte sie zu. Mit Tränen in den Augen streichelte er ihr Gesicht, dann entblößte er ihren Arm und sah sich ihre Vene in der Armbeuge an. "Was für schöne Venen du hast.", flüsterte er, dann setzte er die Spritze an, stach zu und drückte ihr Luft in den Blutkreislauf. Dann wiederholte er dasselbe am anderen Arm und hoffte, dass diese Methode so tödlich war, wie er es einmal im Fernsehen gesehen hatte. Er strich ihr durchs Haar, dann ging er hinunter und öffnete sich noch ein Bier um zu überlegen, was er nun tun sollte.
Während er darüber nachdachte, ob er verschwinden oder sich selbst töten sollte, blieb das Herz seiner ehemals geliebten Frau, einer Etage über ihm stehen.       

Liebe Leser!!!

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Michael Roth, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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