Klaus Buschendorf

Radtour zum Strand

 

Sie quälten sich tüchtig. Heute wollten sie es schaffen. Vier Mädels und vier Burschen traten in die Pedalen unter einer heißen Augustsonne. Der Sand in den Feldwegen Mecklenburgs rieselte und ließ die Reifen rutschen. Lange schon hatten ihre Scherze und Neckereien aufgehört, als Elfie die Kette vom hinteren Ritzel sprang. Sie war die Zweite in der Reihe, rollte aus, fast alle fuhren an ihr vorbei. Sie setzte den Fuß auf den Boden. Der letzte Junge hielt an. „Was ist?“

 

„Soon Scheiß!“

 

„Kein Problem.“ Peter fummelte seine Packtasche an der Seite auf und holte einen langen Schraubenzieher ans Licht.

 

Elfie war wütend. Alle waren wortlos weiter gefahren. Ausgerechnet Peter, den sie kaum beachtete, der Späße erst beim zweiten Hören zu begreifen schien, der hielt an. Seinen Blicken war sie meist ausgewichen.

 

„Dreh’s um!“

 

„Was meinst du?“

 

Peter sah ihren verwirrten Blick. „Das Rad natürlich.“ Er griff an die Lenkstange. „Steig ab! Gib’s frei!“

 

Der kann ja richtig entschlossen sein, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie folgte seinem Befehl. Und wunderte sich, dass ihre Gedanken dieses Wort gebrauchten.

 

Peter griff ihr Rad an Vorderfelge und hinterem Rahmen an und drehte es mit einem Schwung auf Lenker und Sattel. „Das meinte ich.“ Dann hielt er den Schraubenzieher schräg zwischen Kette und Ritzel und bewegte langsam die Pedale. Als Elfie begriff, lag die Kette wieder auf dem Ritzel, und Peter hob das Rad herum. „Bitte schön, junge Frau!“

 

Er freute sich ihres verwunderten, dankbaren Lächelns. Nie hatte sie ihn bisher so angesehen. So sehr hatte er sich das gewünscht.

 

Schweigend fuhren sie weiter. Beide dachten darüber nach, dass da jemand anders war, als ihnen der erste Eindruck zu sagen schien. Sie kannten sich kaum.

 

Eine Clique aus Prenzlau im Norden Berlins wollte eine gemeinsame Radtour an die Ostsee unternehmen. Martin war auf die Idee gekommen, seine Eltern hätten so etwas gemacht und schwärmten heute noch davon. Was die Alten zu ihrer Zeit gekonnt, brächte man heute doch allemal zusammen. Sie planten ein großes Zelt für alle, einzelne Teile in den Packtaschen der Räder verstaut – kein Problem. Als er seinen Alten davon erzählte, zweifelten sie. Sie waren noch über Landstraßen gefahren, ging damals noch. Na und, begehrte Martin auf. Dafür haben wir Navis und leichte Zelte. Hab’s ausgerechnet, acht Mann mit Packtaschen reichen. In zwei Tagen sind wir am Strand. Herausfordernd blickte er seine Eltern an.

 

„Beweisen“, sagte Vater kühl.

 

Und ob, dachte Martin. Doch es blieben nur fünf von der Clique übrig, als es mit den Vorbereitungen ernst wurde. „Bringen wir eben noch Andere zusammen“, entschied er, als sie Kriegsrat hielten. Das fehlte noch, dass er sich vor den Alten blamierte.

 

Und nun fuhren sie die letzten Kilometer des zweiten Tages. Martin sorgte sich, weil die Elfie von der Clique mit einem der Angeworbenen zurückgeblieben war. Er wollte keine Pärchen. Pärchen versauen alles. Martin hob die Hand, ließ halten.

 

Sie kamen nicht einmal zum Frozzeln, da waren sie schon heran. Nein, dachte Martin, da war wirklich nicht mehr gewesen als eine abgesprungene Kette.

 

Und so war es ja auch.

 

Dann fanden sie endlich den gesuchten Ort. Verwunderlich schien Martin, dass er immer noch so aussah, wie ihn die Eltern beschrieben hatten. Diesmal bauten sie ihr Zelt auf, obwohl sie noch müder waren als gestern. Da hatten sie sich in einen Heuschober gewühlt. Doch hier wollten sie ja eine Woche bleiben. Mindestens.

 

Sie waren spät dran und fielen schnell in den Schlaf.

 

 

In früher Morgensonne lag Peter allein am Strand auf dem Bademantel. Letzte Wassertropfen trockneten auf seiner Haut, wohlige Wärme begann, seinen Körper zu durchfluten. Er sah auf den einzigen Zugang zu dieser kleinen Bucht, hoffte, dass er lange leer bleibe.

 

Eine Spitze hob sich über ihm, die Kapuze eines Bademantels. Ein Mädchen wirbelte Sand auf mit zielgerichteten Schritten. Sie war ihm nicht fremd. Er hatte mit ihr geschlafen letzte Nacht im großen Zelt der Clique. Was bedeutete das schon, vier Mädels, vier Burschen – und keine Pärchen.

 

Zwei Meter neben ihm blieb sie stehen. „Dreh dich um!“ – „Warum?“ – „Ich hab nichts drunter.“ – „Na und? Ich hab auch nichts an.“ – „Frechdachs! Komm nach, wenn du das Wasser plätschern hörst.“

 

Er fügte sich. Beim Plätschern sah er nur noch, wie sie sich ins Wasser warf. Dann lief er ihr nach und warf sich wie sie in die kleinen, kräuselnden Wellen. Sofort tauchte er sie im brusttiefen Wasser an. Seine Hände glitten an ihrem Bauch entlang, streiften ihre Brüste. Er kam hoch, sie drückte seinen Kopf unter Wasser, er hielt die Luft an, tauchte weg. Ellenbogenweit von ihr bekam er seinen Mund wieder frei und holte tief Luft.

 

„Schuft!“ Ihre Augen blitzten ihn an. Nur ihr Kopf schaute übers Wasser.

 

Er schüttelte das Wasser aus den Haaren und strich sich Tropfen aus dem Gesicht. Zu spät bemerkte er ihren hohen Sprung. Ihre Hände pressten seinen Kopf unter Wasser, ihr Bauch glitt über ihn hinweg. Mit Macht drückte er hoch, wandte sich um und sah doch nur noch, wie zwei Fersen rechts und links neben ihm im Wasser verschwanden. Oh, mein Gott, dachte er. Da ist sie mit ihrer Scham über mich geglitten – und ich hab nichts davon gehabt! So ein Luder! Und so eine Kraft für diesen Hechtsprung!

 

Jetzt schwamm sie weg. Er folgte ihr. „Rache ist süß“, schrie er ihr nach. Doch sie war schneller. Wieder beschloss er, zu tauchen, und schaffte den kleinen Vorsprung. Mit einer Hand glitt er an ihrem Bein entlang zur Hüfte – da traf ihn ein Beinschlag am Kopf. Gurgelnd tauchte er auf.

 

„Verzeih!“ – „Schon gut.“

 

Sie sahen sich an und spürten beide: So hatten sie sich noch nie angesehen. Es war so eine lange Fahrt gewesen mit den Rädern hierher an die Ostsee im August. Viel wusste er gar nicht von ihr. Nur, dass ihre Mutter Elfriede hieß und man sie in der Clique deshalb Elfie rief, fiel ihm sofort zu ihr ein, an mehr musste er sich erst erinnern. So wie mit ihr hatte er auch mit den anderen drei Mädchen unterwegs Blicke getauscht, die vielsagend schienen, vielleicht auch nichts bedeuteten. Geprickelt hat es während der ganzen Fahrt. Sah er sie an, war gar ein wenig Angst dabei gewesen. Was war jetzt anders?

 

Still schwammen sie einen großen Kreis zurück zum Strand. Sie schwamm voran, sie schritt auf den Strand voran. Und legte sich rücklings auf ihren Bademantel. Er stand vor ihr.

 

„Mann, bist du schön!“ – „Alle jungen Mädchen sind schön. Wusstest du das nicht?“ – „Du bist die Schönste.“ – „Quatsch nicht. Streichle mich!“

 

Seine Knie beugte er rechts und links von ihren Hüften und fuhr mit seinen Händen zu beiden Seiten ihres Kopfes von den Haaren herab an ihren Hals. Das tat er mehrmals, und sie schloss die Augen. Er fuhr mit den Fingerspitzen über ihre Wangen, zeichnete Nase und Lippen nach. Leicht öffnete sie den Mund, nutschte an seinem Finger. Er rückte mit den Knien höher, beugte seinen Kopf und berührte sanft mit seinen Lippen ihren Mund. Sie genoss sein scheues Werben, schob dann entschlossen ihre Zunge vor. Sie verhakelten sich, lange, mal süß und sanft, mal wild und ungestüm. Sie schob mit zarten Händen sanft seine Schultern hoch. Er richtete sich auf, betrachtete voll Staunen ihr leicht gerötetes Gesicht. Dann strichen seine Finger über ihre Schultern, die Oberarme, glitten sacht auf ihre Brüste und fassten ihre Spitzen, ließen sie los, und kreisten um sie. Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Er forschte aus, was sie erregte, bezwang seine Gier. Er lauschte, spürte, wie auch sie ihn lenkte und folgte ihr willig. Dann überfiel sie ein heißes Brennen. Sie hob ihr Becken und stöhnte: „Komm endlich!“

 

Endlich! Erlösend wiederholte sich das Wort in seiner Seele. Seine Beherrschung brach. Schnell aufwärts schwingend, vergaß er alles um sich her, bis ein kleiner Tod ihn aus der Welt holte. Alles erlahmte auf einmal, sein Kopf sank in ihre Halsbeuge – sie fühlte noch immer heiße, kleine Wellen, nun liefen sie aus. Sie genoss seine Last, seine Haut. Beides ruhte auf ihr, schuf ihr Geborgenheit und Glück. Sie ließ die Augen zu, genoss, nicht mehr allein zu sein. Plötzlich wusste sie: Zart und einfühlsam wie er eben gewesen, genauso war er vorher schon – wird er immer sein. Er kann gar nicht anders. Sie braucht nicht mehr suchen. – Und jetzt ist es genug.

 

„Hey, schlaf nicht auf mir ein!“

 

Langsam öffneten sich seine Augen, sahen das Muster eines Bademantels. Ach ja – und ein unendlich warmes Gefühl nahm von ihm Besitz. Er hob den Kopf. Als sich ihre Blicke trafen, verflog ihrer beider Angst.

 

Hand in Hand schritten sie den Dünenweg hinunter ihrem großen Zelt zu.

 

Sie waren schon vermisst worden. Einer entdeckte sie, dann sahen sie zu ihnen hin. Wenige, stille Worte fielen. Und alle miteinander fühlten: Die alte Gemeinsamkeit ist vorbei.         

 

01.01.2009                                          1.455 Wörter                                                 Klaus Buschendorf

   

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Buschendorf).
Der Beitrag wurde von Klaus Buschendorf auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Klaus Buschendorf:

cover

Kriegskinder: ... nach dem II. Weltkrieg von Klaus Buschendorf



Ein Land voller Trümmer ist ihr Spielplatz, doch in Trümmern liegen nicht nur die Häuser. Schwer tragen die Erwachsenen am Trauma des schlimmsten aller Kriege auch an dem, was zu ihm führte. Und immer hören sie die Worte: Nun muss alles anders werden! [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Buschendorf

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Flüchtlinge, wir und Weltgeschehen von Klaus Buschendorf (Gesellschaftskritisches)
Supergirl von Carolin Schmitt (Liebesgeschichten)
Einbrecher von Ingrid Drewing (Humor)