Helmut Wurm

Sokrates und mit den eigenen Kindern unzufriedene Akademiker

(Das Gespräch fand irgendwann in den letzten Jahren bereits statt, ist aber vermutlich zeitlos gültig)

Sokrates hat Sprechstunde auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt. Am Ende kommt ein bedrückt aussehendes, gut gekleidetes  Ehepaar auf ihn zu, sieht sich vorher etwas verlegen um und fragt dann, ob er ihnen einen Rat geben könne.

Sokrates: Aber natürlich, liebes Ehepaar, wenn ich das kann, obwohl ich statt Rat zu geben lieber zum eigenständigen Denken über Lösungen von Sorgen und Problemen anrege. Worum geht es?

Der Ehemann: Sokrates, du bist ein weiser Mann, doch deine Kinder waren nicht sehr begabt, wie man weiß. Und deine Frau war auch nicht sehr gebildet. Wie hast du das alles ertragen?

Sokrates: Es stimmt, Xantippe war eine einfache, praktisch denkende und resolute Frau und hat nicht viel von Bildung und speziell von meinen Bildungsbemühungen gehalten. Und wir hatten zwar mehrere Kinder, aber keines hat studiert, keines ist Professor geworden wie ich und keines hat in Athen eine öffentliche Rolle gespielt. Aber damit musste ich leben. Mancher meiner missgünstigen Mitbürger in Athen hat zwar darüber gespottet, aber alle unsere Kinder haben ein Handwerk erlernt und sind zufriedene Menschen geworden, die ihren Lebensunterhalt verdient haben. Das Problem für mich und meine Frau war nur, dass unsere Kinder einen Vater hatten, der sich der Philosophie verschrieben hatte und im Nebenberuf ein angesehener Professor geworden ist, und dass wir Kinder hatten, die in der Schule schlecht lernten und kein Interesse an höherer Bildung zeigten. Solche Unterschiede innerhalb einer Familie gibt es oft, sie wirken natürlich nicht immer harmonisierend. Aber wir haben lernen müssen, dass jeder Beruf seinen Wert in sich hat, dass jeder Beruf, ob niedrig oder hoch, geistig oder handwerklich, einen anderen Beruf braucht und dass sich alle Berufe zu einer ganzheitlichen Harmonie ergänzen. Und jeder Beruf benötigt eine andere Begabung und ein anderes Wissen. Und was für den Einzelnen dann der richtige Beruf ist, das zeigt sich erst später im Laufe seines Lebens. Ich musste auf Wunsch meines Vaters Steinmetz lernen, für mich war das aber der falsche Beruf. Mir liegt mehr die Wissenschaft. Wenn ich meine Kinder gezwungen hätte zu studieren, wäre das vermutlich der falsche Beruf für sie gewesen. Sie gehörten offensichtlich mehr in das praktische Handwerk wie mein Vater. Aber weshalb fragt ihr?

Der Ehemann: Ach Sokrates, unsere Kinder kommen im Gymnasium schlecht mit. Wir beide, meine Frau und ich, haben studiert und wir haben beide angesehene Berufe. Meine Frau ist Lehrerin und ich habe eine Anwalts-Praxis. Wir möchten, dass unsere Kinder auch das Abitur machen und studieren. Die Kinder aller unserer Bekannten haben das Abitur gemacht und studieren. An dem hiesigen Gymnasium werden unsere Kinder aber, wie es sich abzeichnet, das Abitur nicht schaffen. Wir sind so unglücklich und schämen uns so vor unseren Bekannten. Nun überlegen wir, ob wir unsere Kinder in die Nachbarstadt auf das Gymnasium schicken. Die Nachbarstadt liegt in einem anderen Bundesland und dort soll alles leichter sein, auch das Abitur. Vielleicht können unsere Kinder dann auch in diesem benachbarten Bundesland studieren. Die Fahrt dahin ist aber weit und ziemlich anstrengend, und das Mittagessen fällt für die Kinder dadurch aus. Was rätst du uns?

Sokrates: Da muss ich euch zuerst fragen, was Ihr eigentlich wollt. Wollt Ihr, dass euere Kinder eine gute Allgemeinbildung bekommen und studieren, oder wollt Ihr, dass euere Kinder eines Tages von irgendeiner Schule eine Bescheinigung mit dem Namen Abitur mitbringen und dass sie irgendwo studieren, damit ihr sagen könnt, dass sie studieren?

Die Ehefrau (diesmal): Wir sagten dir doch schon, dass wir beide studiert haben und dass alle Kinder unserer Bekannten auch studieren. Wir möchten, dass unsere Kinder auch etwas Besseres werden. Wenn unsere Kinder wenigstens ein Abitur erreichten, das würde schon gut aussehen... Wir sind so unglücklich... Wir dachten auch schon an ein wegen seiner geringen Anforderungen bekanntes Internat... Wir würden keine Kosten scheuen.

Sokrates: Ihr wollt also, dass euere Kinder zumindest einen Abschluss mit Namen Abitur erreichen und dann möglichst noch studieren, eventuell an einer Universität in einem Bundesland, wo die Anforderungen geringer sind. Dafür sind euch Schultourismus und viel Geldeinsatz der Überlegung wert. Wollt Ihr das eueren Kindern zuliebe oder euerem Ansehen zuliebe? Denkt erst einmal darüber nach.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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