Alfred Hermanni

Bekifft in Deutschland - Der Tote am See

 

von Alfred Hermanni 03. 12. 2006 Alle Rechte vorbehalten

 

Es war ein schöner, warmer Frühlingstag als ich aus dem Fenster blickte.

Ich wohnte in einem Haus am Waldrand, mit Blick auf einen kleinen See.

Was mach ich hier zu Hause dachte ich wenn es draußen so schön ist.

Ich schaute auf das Außenthermometer, 25° Celsius und keine Wolke am Himmel.

Ein leichter Wind ließ die Blätter an den Bäumen leise rascheln.

Jetzt im Mai waren viele Vögel in der Balz. Ihr vielstimmiges Gezwitscher erfüllte die Luft und gab der freudigen Stimmung in mir noch einen kleinen Schub.

Mein Entschluss stand fest, ab nach draußen.

Aber vorher musste ich noch ein paar Sachen zusammen kramen die ich mitnehmen wollte.

Mein Walkman, wo war mein Walkman?

Immer wenn ich ihn benutzen wollte musste ich danach suchen.

Diesmal fand ich das Gerät recht schnell.

Sonnenbrille, Feuerzeug, Blättchen und Tabak hatte ich in der Tasche.

Fehlte nur noch mein Brösel. Mein Kumpel Uwe hatte ihn mir besorgt.

Gute marokkanische Qualität. Ich steckte mein Stück Dope in den Tabakbeutel und ging los.

 

Es war nicht weit zu meiner Lieblingsstelle am See. Ein wenig abseits des Wanderweges ragte ein kleiner Steg ins Wasser hinein. Groß genug, um zwei Personen genügend Platz zum Entspannen zu bieten.

Meistens war er von Anglern besetzt, aber nicht heute.

Ich setzte mich und genoss erst mal den Blick über das Wasser.

Nicht weit von mir konnte ich einen Reiher, wie immer bewegungslos auf einem Bein stehend erkennen. Auf einem von mehreren alten Holzpfosten, die etwa zwei Handspannen weit aus dem See ragten, saß eine Wasserschildkröte. Eine von dreien die ich hier schon sah.

Ein paar Teichhühner schwammen vorbei.

Es war wirklich idyllisch hier.

Der Griff zum Tabakbeutel erfolgte beinahe wie von selbst. Drei Blättchen zusammenkleben, die Mischung fertig machen, zusammenrollen und schon war der Joint bereit geraucht zu werden.

Und ich rauchte ihn sehr genüsslich. Stets bedacht ihn nicht zu heiß werden zulassen, streifte ich vorsichtig die Asche ab und ließ ihn abkühlen bevor ich den nächsten Zug nahm. Die ätherischen Anteile im Haschisch spürte ich deutlich in meinen Bronchien, das war Zeichen einer guten Qualität.

 

Als ich die Tüte aufgeraucht hatte, drückte ich die Kippe aus, warf sie aber nicht ins Wasser oder ins Gebüsch, sondern ließ sie neben mir liegen, weil ich sie nachher mitnehmen und entsorgen wollte.

Der Joint begann zu wirken, ich fühlte wie ich immer breiter wurde.

Meine Gedanken gingen nun Wege wie man sie sonst nicht kennt. Ich dachte an dies und das, an dieses und jenes, aber alles nicht greifbar, konkret oder irgendwie fassbar. Eher unlogisch und nicht mehr zurück zu verfolgen, strömten surreale Bilder und Empfindungen in mein Bewusstsein, nichts davon konnte ich lenken.

Von weit her hörte ich ein Flötenspiel, ich lauschte den leisen Tönen und merkte, es waren Vogelstimmen die der Wind über den See trug..

Ein Insekt flog an mir vorüber und ließ sich auf einer seltenen Königsdistel nieder. Ich schaute mir den kleinen Flieger genauer an. Was ich sah war ein Wesen von vollkommener Schönheit.

Sein Körper war weiß, noch nie zuvor hatte ich ein Insekt in einem solch strahlenden Weiß gesehen wie es sich hier mir zeigte. Fasziniert blickte ich das Tier an als es auch schon davon flog. Ich hätte es gern noch länger angeschaut.

Ich wünschte ihm viel Glück und setzte mich wieder.

 

Mit langsamen Bewegungen setzte ich den Kopfhörer auf, startete den Walkman, wählte die Radiofunktion und empfing einen Klassiksender. Ich wollte zu einer anderen Station wechseln, unterließ es aber, denn die Musik bezauberte mich.

Das ist der Hummelflug wusste ich, aber von wem fiel mir einfach nicht ein, obwohl es mir auf der Zunge lag. 

Ich lauschte der schönen Musik und legte mich langsam auf den Rücken.

Die Musik entführte mich in Fantasiewelten, erschuf Bilder und Visionen in unzusammenhängender Abfolge. Ich ließ alles auf mich einströmen und lag einfach nur da. Meine Jacke benutzte ich als Kopfunterlage, so konnte ich

meinen Blick umherschweifen lassen und die Szenerie auf mich einwirken lassen. Dann fiel es mir plötzlich ein...der Hummelflug war von  Korsakov, Nikolai dingsbums Korsakov.

Ich war ganz schön angetörnt und lag völlig ruhig da, als sich ein Vogel auf meinem rechten Bein niederließ

Er hüpfte hin und her, spähte immer wieder in alle Richtungen und pickte an meiner Jeanshose.

Ich blinzelte und der Vogel flog fort.

Die Musik hörte auf und eine andere begann, leise erklang ein Cellokonzert.

Der Schwan von Camille Saint-Saéns. 

Wieso weiß ich das? fragte etwas in mir.

 

Perfekt. Wie für mich gemacht, denn ich sah einen weißen Schwan

auf dem See schwimmen. Langsam und majestätisch zog er seine Kreise.

Als ob die Musik nur für ihn spielte, bewegte er sich lautlos über das Wasser

und ließ mich teilhaben am Wesen dieser schönen Klänge.

Melancholie, Besinnlichkeit, ein wenig Traurigkeit und Sanftmut, gepaart mit der unvergleichlichen Schönheit dieses edlen Geschöpfes, das nun ruhig auf mich zuschwamm.

Alles war eins. Ich. Die Musik. Der See. Der Schwan. Und all die Gefühle die sich mir nun offenbarten.

Er guckte mich an, direkt in meine Augen. Völlig ergriffen hielt ich seinem Blick stand und für einen Augenblick dachte ich Gott hätte mich angeschaut.

Der Schwan trieb nun sehr langsam an mir vorbei und verschwand aus meinem Blickfeld.

Ich lag noch immer völlig stoned auf dem Steg.

Ich weiß nicht wie lange ich schon dort lag, als ich aus der Ferne Kinderstimmen vernahm.

 

*

 

Langsam näherten sich die Kinder. Ich hielt die Augen geschlossen, sollten sie

ruhig denken ich schliefe, falls sie mich entdeckten.

Es waren zwei Jungen die hier auf Exkursion waren.

Ey, da ist einer!“, hörte ich.

Jau, ich seh’ ihn auch. Der bewegt sich nicht“, sagte der andere.

Der ist bestimmt tot! Komm wir hau’n ab!“

Ist auch besser so dachte ich. Dann hab ich hier meine Ruhe.

Ich lauschte weiter der Musik.

Irgendwann schlief ich ein.

 

Etwas packte mich an der Schulter, ich öffnete die Augen und fuhr erschreckt auf.

Nicht minder erschrocken blickte mich ein Rettungssanitäter an und rief „Der ist

ja gar nicht tot, blinder Alarm!“

Um mich herum standen sie, Rettungshelfer, Notarzt, Feuerwehrleute und natürlich... die Polizei.

Und genau einer von denen kam auf mich zu, schaute mich an, blickte an mir herunter, sah die Jointkippe, blickte mich wieder an und ich wusste was jetzt auf mich zukommen würde.

Ich durfte in deren Auto mitfahren und auf ihrer Wache wieder eine Unmenge Fragen beantworten...

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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