Rebecca Gracher

Krank

 

Und all diese Verstrickungen und Verwirrungen, Missverständnisse und Lügen. All das hatte mich fast meinen Verstand gekostet, doch ich kam einfach nicht von ihm los. Ich wollte niemals abhängig sein, schon gar nicht von einem Mann, doch jetzt lag ich hier. Willenlos, hilflos, skrupellos! Mein Herz raste, doch es raste nur für ihn. Während er dabei war meine ganze Existenz zu zerstören, sah ich nur zu und dachte an die Berührungen die ich mir sehnlichst wünschte. Der Kopf, von dem ich einst so gut Gebrauch machen konnte, wog schwer auf meinen Schultern und der Gedanke an was noch kommen könnte schmerzte mich. Mein ganzer Körper schmerzte und es gab nur eine Linderung, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe. Es war mir unmöglich mich zu  bewegen, mich aufzurappeln und zu gehen. Obwohl es das Richtige gewesen wäre. Aber an das Richtige hatte ich schon seit Monaten nicht mehr gedacht, es nicht weiter beachtet. Womöglich stand mir die Angst in den Augen, sie stand mir im Herzen.

Angst vorm weitermachen. Denn ich wusste nicht ob er wiederkehren würde. Selbst wenn ich es sicher wüsste, wären meine Probleme nicht gelöst. Die Dinge die ich getan hatte, fraßen sich Eins nach dem Anderen in mein Bewusstsein und betäubten mich.

Zusammengekrümmt lag ich auf dem Boden und schrie nach Erlösung. Egal in welcher Form. Ich schrie nach Liebe, nach Vergebung, nach dem Tod. Nach irgendetwas, das meine Wunden heilen könnte.

Die ersten Tage schossen mir wie Blitze durch den Kopf. Diese ersten Tage, als noch alles was ich tat vertretbar war, denn ich war ahnungslos. Damals war meine Welt perfekt gewesen und ich hätte nicht in Traum daran gedacht, dass ich so verzweifeln würde. Er war für mich da, ich lag in seinen Armen, statt auf dem Boden. Mein Herz raste vor Glück, nicht vor Angst. Alles war wunderbar gewesen. Wunderbar… wie ein Wunder. Doch Wunder gibt es nicht, also musste ich herausfinden, dass auch dieses Wunder nur eine Illusion war.

So lernte ich die dunkle Seite seiner Seele kennen, seine dunkle Seite war meine helle Seite. Sie war der Grund für mich, zu existieren. Dieses rücksichtslose Wesen, dieser unmenschliche Gott war mein Verhängnis. Ich wurde zu seiner Gespielin. Sein Kätzchen, seine Hure auf Abruf. Und sie, sie lebte weiter auf der hellen Seite, im Licht, in seiner Liebe. Wo war meine Liebe? Er liebte mich, das sagte er und ich glaubte ihm. Auch wenn ich im Schatten blieb, eine Ausstößige, wie eine Ehebrecherin. Ich brach seine Ehe, das was seine Ehe sein sollte. Ich lag in seinen Händen, er konnte alles mit mir tun. Das was ich tat, egal wie falsch es war, die tausend Lügen und Intrigen, ignorierte ich, immer darauf bedacht, es mit meiner endlosen Liebe und Hingabe zu rechtfertigen. Er nahm es hin. Für ihn war klar, was er tun musste. Sie konnte er nicht verlassen, zu groß war sein Pflichtgefühl, sein Wort würde er nicht brechen. Nur gehen lassen konnte er mich auch nicht. Obwohl er sah, dass ich immer mehr unter der Last meiner Liebe zusammensank, schickte er mich nicht fort. Die Möglichkeit zu gehen, gab er mir, doch ich hatte nicht die Kraft. Er hätte mich verlassen müssen, mich auf Entzug setzen. Sich mir entziehen. Doch er tat es nicht.

Irgendwann, riss ein Faden, quoll das Fass über. Eine Entscheidung war fällig und es zerriss mich daran zu denken. Alleine die Aussicht er könnte mich verlassen, tötete mich.

Was konnte ich tun? Ich wollte ihn, ihn für mich alleine. Nicht mehr geheimnisvoll in dunklen Ecken verweilen, meine ganze Existenz, mein Verlangen schrie nach Licht, nach Offenheit. Offenheit in einer solchen Welt war eine utopische Vorstellung. Utopie wurde meine einzige Zuflucht.

 

Jetzt wartete ich hier. Zusammengekauert auf dem Boden in seiner Wohnung und wartete. Wartete auf die Entscheidung. Die Stille ängstigte mich noch mehr, bis ich Schritte hörte und mir die Stille zurück wünschte. Würgend versuchte ich mich aufzurichten, meine Beine versagten.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss, die Tür quietschte, sein Duft schwebte zu mir. Intensiver als je zuvor. Meine Augen geschlossen, wie eine Todgeweihte vor dem Schuss. Erstarrt wie ein Tier vor dem endgültigen Sprung des Gegners, bereit die Krallen des Lebens in meiner Haut zu spüren.

Das einzige was ich spürte, war sein Arm, der sich um mich legte und sein Atem auf meinem Kopf.

Es war vorbei. Die Liebe war heimgekehrt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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