Helmut Wurm

Sokrates und die deutsche Schulmisere, Teil I

Das hier protokollarisch wiedergegebene Symposium über die Defizite und Probleme des deutschen Schulwesens fand im Jahre 2007 statt, ist aber sicher noch über viele Jahre hinaus oder dauerhaft sehr aktuell, denn es wird bezweifelt, dass sich alle hier aufgezeigten Probleme eines Schulwesens in einem satten Wohlstandsstaat überhaupt beheben lassen)

 

Liebe/r Mitverantwortliche/r am derzeitigen deutschen Schulwesen, lieber Leser!

Anbei das Protokoll eines jüngsten Symposiums mit Vertretern des deutschen Schulwesens über die Ursachen der derzeitigen Krise im deutschen Schulwesen mit Sokrates als Moderator. Es war ein interessantes, ehrliches und sehr kritisches Symposium, bei dem es heftig und emotional zuging. Nicht jedes Wort haben die Teilnehmer auf die Goldwaage gelegt. Aber Protokoll ist Protokoll. Seine Lektüre wird Entrüstung, Protest und Zustimmung zugleich auslösen. Mit heftiger Empörung wird vermutlich aufgenommen werden, was über den eigenen Standort kritisch geäußert wurde, während kritisch Geäußertem bezüglich anderen zumindest teilweise zugestimmt werden wird. Aber das sei in der menschlichen Gesellschaft schon immer so gewesen, stellte Sokrates in seinem Schlusswort fest.

Bitte geben Sie dieses Symposium-Protokoll weiter. Je mehr am Schulwesen Beteiligte es lesen, desto mehr werden nachdenklich werden. Denn die Ziele von Sokrates waren/ sind keine Revolutionen, Kämpfe, Intrigen und Konflikte, sondern das Nachdenklichwerden, aus dem richtige Entscheidungen heranreifen. Voraussetzung ist das Aufzeigen, auch das provokative Aufzeigen, von Fehlern, Schwächen und Selbstgefälligkeiten beim Einzelnen und in der Gesellschaft. Gut wäre es, wenn dieses Protokoll ausgedruckt oder als kleine Broschüre erschiene. Dann würde öfter darin gelesen werden und die eine oder andere kritische Passage führte sicher zum Nachdenken. Denn das produktive Sich-Beschäftigen mit unangenehmer Kritik benötigt bekanntermaßen Zeit. Aber solche Langzeitwirkungen kritischen Nachdenkens sind stets die Absicht von Sokrates gewesen. Sie können auch heftig erzürnt dieses Protokoll an andere weiter geben, um Rache-Reaktionen gegen dieses stattgefundene Symposium einzuleiten. Aber dazu müssten es andere auch gelesen haben und dadurch eröffnete sich die Möglichkeit, dass unter diesen mancher immer weniger erzürnt und immer nachdenklicher würde.

(Der Protokollant dieses Symposiums ist ein neutraler Sokrates-Verehrer. Er stimmt in den allermeisten Kritikpunkten der aufgebrachten Teilnehmer nicht mit diesen überein und findet die Kritik teilweise maßlos überzogen. Aber darauf weist Sokrates ja selber hin. Er hat nur auftragsgemäß das Protokoll verfasst und übernimmt als Protokollant deshalb keinerlei Verantwortung für die geäußerte Kritik. Er möchte aber trotzdem anonym bleiben, weil er die Ungerechtigkeit der Menschen auch gegenüber manchmal gerechtfertigter Kritik kennt).

Protokoll eines Symposiums mit dem Thema „Sokrates und die deutsche Schulmisere“, Teil I

Ort: Freier Platz im Akademie-Garten von Berlin; Sokrates sitzt wie üblich in der Mitte, umgeben von den Vertretern des deutschen Schulwesens. Es bleibt dabei offen, ob es sich um Vertreter oder Vertreterinnen handelt. Das schwankt von Person zu Person. Beginn der Veranstaltung: Um die Mittagszeit Beteiligte: Sokrates, 1 Pädagogik-Professor, 1 Schulpolitiker, 1 Kultusminister, 1 Schulleiter, 1 Vertreter der Schulbuchverlage, 1 Vertreter eines Lehrerverbandes, 1 Lehrer, 1 Vertreter deutscher Schüler, 1 Elternvertreter deutscher Schüler, 1 Vertreter ausländischer Schüler, 1 Hausmeister und 1 neutraler Beobachter vom Himmel. Es kann sich bei diesen Personen sowohl um Frauen als auch um Männer handeln. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

Thema: Das deutsche Schulwesen war vor ca. einem Jahrhundert führend in der Welt und Vorbild für viele Länder. Jetzt rangiert es im internationalen Schulvergleich unterhalb eines mittleren Leistungsstandards. Was sind die Ursachen?

Sokrates: Liebe Anwesende, liebe Freunde, mir wurde die große Ehre zuteil, seit meinem Tod durch den Schierlingsbecher im Jahre 399 vor der heutigen Zeitrechnung seit nun über 2 Jahrtausende vom Paradies aus die Bildungsgeschicke der Welt verfolgen zu dürfen und, wenn ich es für notwendig hielt, mich auch auf dieser Erde persönlich von den Problemen im Bildungswesen informieren zu dürfen.

Heute habe ich euch zu einem ernsten Thema zusammengerufen und ich bitte, dass wir schonungslos und offen über die Ursachen des Absinkens des Niveaus im deutschen Schulwesen reden. Ich habe mich in den letzten Jahrhunderten sehr gefreut, dass die Deutschen die allgemeine Bildung, die wir antiken Griechen ja erfunden haben, in unserem Sinne und nach unseren Qualitätsstandards gepflegt haben. Nun scheint das zumindest im allgemeinen Schulwesen vorbei zu sein. Was sind die Ursachen dafür? Ihr kennt meinen Wahlspruch, der sich über die Jahrtausende hin bewährt hat. Stets über alles nachdenken und alles nachprüfen. So wollen wir es auch hier halten.

Ihr seid Vertreter eines hierarchisch abgestuften Netzwerkes von Verantwortlichen. Auf jeder dieser Stufen kann die Schuld für die deutsche Schulmisere liegen. Ich werde euch der Reihe nach den Ursachen fragen. Es antwortet bitte jeder aus seiner Sicht, ehrlich, prägnant und treffend, so wie ihr es von mir gewohnt seid. Mein lieber Freund Pädagogik-Professor, antworte du bitte zuerst.

Der/die Pädagogik-Professor/in: Lieber Sokrates, ich danke Dir, den Anfang machen zu dürfen. Aber er fällt mir schwer. Meine Kollegen an den Hochschulen tragen nämlich die Schuld an der ganzen bedauerlichen Entwicklung. Sie haben jahrzehntelang durch ihre idealistischen Träumereien, durch ihr Schreiben und Reden von Sachverhalten, die sie selber kaum in der Alltagsrealität kennen, die Lehramtsstudenten und die am Schulwesen Beteiligten verwirrt, in die Irre geführt und verunsichert. Sie gehen träumend von einem Schülertypus aus, den es so in der Alltags-Realität nicht gibt. Sie schwärmten davon, wie das Schulwesen sein sollte, ohne sich zu fragen, ob es in der Realität so überhaupt sinnvoll und gestaltbar ist und ob dieses idealistische Schulwesen zu den realen deutschen Schülern passt. Sie redeten von Lernen, Methoden, Erziehung, Modellen und Institutionen, ohne diese täglich in der Alltagspraxis selbst mit zu erleben und zu erproben. Die meisten Pädagogik-Professoren entwickeln idealistisch-utopische Modelle, glauben fest an deren Richtigkeit und werden diese ihre Modell-Phantastereien mit ins Grab nehmen – von Vernunft und Realität lassen sie sich nicht belehren. Sie schreiben und reden zu viel und vermitteln zu wenig Brauchbares. Sie sind gut bezahlte, theoretische pädagogische Wissenschafts-Schwätzer...

Wenn sie Unterricht erlebten, dann handelt es sich meistens um gut vorbereitete Musterstunden im Kreise ihrer Lehramtsstundenten. Sie betreiben eine Märchen-Pädagogik. Was würde die Öffentlichkeit sagen, wenn Handwerksmeister Lehrlinge überwiegend nach gut klingenden, idealistischen Vorstellungen ausbildeten, ohne selber täglich das Handwerk vor Ort mitzuerleben? Solchen theoretischen Handwerksmeistern würde die Erlaubnis zur Lehrlingsausbildung schnell entzogen. Meinen Kollegen an den Hochschulen passiert das nicht. Die können weiter phantasieren und idealisieren. Sie müssten künftig ohne Ausnahme regelmäßig an Schulen unterrichten, sich den dortigen Alltagsproblemen stellen, die Lehrpläne erfüllen und Noten geben. Diese theoretischen Schwätzer, diese pädagogischen Wolkenkuckucksheim-Träumer ....

Sokrates: Halt, lieber Kollege, halt! Du hast dich in Zorn hinein geredet, der dich unbedacht und ungerecht werden lässt. Deine Vorwürfe treffen bestimmt nicht für alle Pädagogik-Professoren zu. Sicher gibt es in Deutschland Pädagogik-Professoren, für die das zutrifft, was du anklagst, die zu sehr im pädagogischen Idealismushimmel leben, denen eine regelmäßige persönliche Unterrichtserfahrung, besonders an deutschen Brennpunktsschulen, gut täte. Es wäre für die Wissenschaft von der Erziehung und Bildung nützlich, wenn Dozenten und ihre Mitarbeiter jährlich 2 Monate inkognito an Schulen unterrichten müssten, wenn sie alles selbst umsetzen und erfüllen müssten, was sie fordern und was die Lehrpläne fordern. Dann wäre die Hochschulpädagogik sicher deutlich realistischer.

Aber andererseits es ist auch gut, wenn es pädagogische Ideale gibt. Man muss nur die Grenzen wissen, wann man vom realistischen Ideal in die Träumerei und Irrealität abgleitet. Und dann hast du erwähnt, dass viele Hochschulpädagogen starr und unbelehrbar an die Richtigkeit ihrer Modelle glauben. Unbeirrbarer Modellglaube und der religiöse Glaube hängen leider eng zusammen. Für eine angebliche Wissenschaft von der Erziehung und Bildung ist ein solcher Glaube aber hinderlich. Stattdessen muss gerade hier, wo es um die Formung von Jugendlichen geht, Nüchternheit oberstes Ziel sein. Mein Wahlspruch war stets: Nichts glauben, alles nachprüfen, nachwiegen, nachlesen und nachprüfen. Die Pädagogik sollte sich diesen meinen Wahlspruch mehr zu Herzen nehmen. Vielleicht hat uns der/die Kultusminister/in Besseres zu berichten.

Der /die Kultusminister/in: Leider nicht, lieber Sokrates. In Wirklichkeit sind nicht die deutschen Pädagogik-Professoren an der Schulmisere schuld, sondern meine Kollegen in den Ministerien. Professoren können meinetwegen in Träumereien und Idealismen schweben, aber deswegen braucht man deren Phantastereien nicht in die Realität umzusetzen. Als Bildungsminister sollte man einen klaren Kopf behalten. Aber meine Kollegen sind in parteipolitische Zwänge, Träumereien und Irrealitäten eingebunden. Denn sie sind über die Parteien zu ihren Posten gekommen. Und die deutschen Parteien sind leicht ein Tummelplatz vielfältiger Idealismen.

Die Kultusminister sind zwar für das Bildungssystem verantwortlich und haben selber oft zu wenig persönliche Erfahrung darin. Oft waren sie früher Lehrer, die sich in ihrer Freizeit in politischen Parteien engagiert haben, die ihre ganze Kraft dafür geopfert haben, sich in den Parteien hochzuarbeiten, statt ihre ganze Kraft für die Schüler einzusetzen. Ihre praktische Schulzeit als Lehrer liegt weit zurück und manchmal versuchten sie, politische Träumerei-Modelle umzusetzen und zerstörten damit traditionelle und erfolgreiche Strukturen aus Antipathie und Partei-Idealismus heraus. Wenn sie Schulen besuchen, dann werden diese Schulen tagelang vorher geputzt und poliert und die Schüler üben Musterstunden und Muster-Schulfeste ein. So wird die traurig Alltags-Realität verwischt.

Meine Kollegen halten die Schulen vor Ort ständig dazu an, über alles und jenes zu berichten und ständig Neues zu planen. Aber Papier ist bekanntlich geduldig und die Berichte werden natürlich so verfasst, dass alles erfolgreich aussieht.

Und die Mitarbeiter dieser Minister, die Ministerialbeamten, sind auch nicht viel kompetenter. Es stimmt leider manchmal, dass diejenigen Lehrer, die in der Schule nicht zurecht kommen, denen der Schulbetrieb zu anstrengend ist oder die am Unterricht keine mehr Freude haben, sich in die Ministerien melden. Sie machen als Lehrer zuerst einige Zeit auf sich aufmerksam, dann verschwinden sie auf der glücklichen Insel Ministerium und genießen dort ihr Beamten-Leben. Diese Ministerialbeamte werden seltener wegen Frust und Überarbeitung früh pensioniert, das passiert meistens nur den Lehrern vor Ort in den Schulen. Mein Ministerium wimmelt von solchen Unterrichts-Flüchtlingen, von ehemaligen Lehrern, die noch weniger Zeit für ihren Beamten-Beruf aufwenden, als sie es schon während ihrer aktiven Schulzeit taten, und die dafür noch mehr Geld bekommen. Von den aktiven Lehrern vor Ort erwartet man, dass sie um 8 Uhr morgens ihren Dienst anfangen und auch abends noch für Elternabende, Elterngespräche und andere Veranstaltungen präsent sind. Ruft man vor 9 Uhr morgens und nach 17 Uhr einen solchen ministeriellen Vorgesetzten an, dann ist er oft noch nicht bzw. nicht mehr erreichbar. Was für Vorbilder sind diese Vorgesetzte!

Und solche Minister und Ministerialbeamte machen dann die Vorgaben und Gesetze für die Schulen. Vor solchen Partei-Ideologen und Schulflüchtlingen müssen nun die Praktiker vor Ort katzbuckeln. Das kommt mir oft vor wie bei einer kämpfenden Armee, wo häufig die Oberbefehlshaber und Generäle bequem weit hinter der Front sitzen und Entscheidungen treffen, über die man nur den Kopf schütteln kann und die die Soldaten vor Ort ausbaden müssen.

Und dann orientieren sich viele Minister nicht alleine am Nutzen der Schulen, sie sind von ihrer Partei beauftragt, eine Bildungspolitik zu machen, die ihrer Partei Wählerstimmen einbringt. Das hieß bisher in der Praxis, die Schule ständig leichter und lockerer zu machen und so zu organisieren, dass möglichst jeder ohne viel Mühe einen höheren Abschluss bekommt. Wenn dann festgestellt wird, dass eine bestimmte Bildungstendenz und eine favorisierte Neuerung doch nicht das bringt, was man erwartet hat, dann wird von oben alles wieder kunstvoll und geschickt umgelenkt und eine neue Bildungs-Tendenz als die nun endgültig richtige pädagogische Richtung den Schulen aufgezwungen. Hin und her ging es in den letzten 50 Jahren im deutschen Bildungswesen: Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Es ist zum Verzweifeln...

Sokrates: Halt ein, halte auch du ein, lieber Freund, auch du hast dich in eine sehr ungerechte Kritik hineingesteigert. Es gibt sehr viele tüchtige, verantwortungsbewusste Bildungsminister/innen. Und alle ministeriellen Beamten sind doch keine Unterrichts-Flüchtlinge. Die allermeisten sind durch Tüchtigkeit aufgefallen und mit Recht berufen worden. Sie haben es nur schwer, es sowohl ihrer jeweils regierenden Partei oder Lobby und allen Schulen recht zu machen. Wer unter solchen Bedingungen das jeweils richtige Unbequeme einleiten und durchsetzen möchte, der benötigt ein festes, unbeirrbares Herz. Und das fehlt vielleicht dem einen oder anderen Kultusminister und Ministerialbeamten. So kann es gelegentlich zu Kursschwankungen und Verunsicherungen in der Schulpolitik kommen. Bitten wir jetzt einmal den Vertreter eines Berufsstandes, der sicherlich unabhängiger von professoralen Idealismen und parteipolitischen Vorgaben ist, seine Meinung darzulegen. Ich meine den Vertreter der Schulbuchverlage. Die Schulbücher in Deutschland sind doch vermutlich realistisch konzipiert und Lehrern und Schülern ein echte Hilfe.

Der/die Vertreter/in der Schulbuchverlage: Lieber Sokrates, wie muss ich dich enttäuschen. Die modernen Schulbücher sind vermutlich mehr schuld an den schlechten Ergebnissen an den deutschen Schulen als die Ministerien.

In den Schulbuchverlagen hat man die Objektivität und den Realismus verloren, die du erhofft hast. In der Vergangenheit wurden die Schulbücher kontinuierlich inhaltsreicher, dicker, bilderreicher und teurer und das unabhängig davon, ob Schüler diese Stofffülle im Unterricht bewältigen können oder durch private Lektüre zu Hause honorieren, ob sie die vielen Abbildungen in den Schulbüchern auch genaurer betrachten als die Bilderflut in den Medien, ob sie die Arbeitsfragen alle selber beantworten, ob die Schultaschen mittlerweile nicht zu schwer für die jüngeren Schüler sind und ob viele Eltern überhaupt das Geld für diese Schulbücher aufbringen können.

Ein mir häufig bekannt gewordenes Argument für immer umfangreichere Schulbücher ist, dass viele Schüler angeblich zu Hause in den Schulbüchern stöbern und angeblich auch die Kapitel lesen, die nicht im Unterricht behandelt werden. Die Wirklichkeit sieht nach meinen Erfahrungen aber anders aus... Wenn neue Schulbücher entwickelt und an Schulen eingeführt werden, dann sollten einzig und allein die Schüler und der Geldbeutel der Eltern Grundlage aller Entwürfe und Entscheidungen sein. Das ist aber nach meinen langjährigen Erfahrungen leider nicht der Fall.

Viele Bundesländer möchten nach außen durch ihre Schulbücher zeigen, dass ihre Schüler viel lernen. Ob das dann in der Praxis wirklich so ist, kann man den Büchern nicht ansehen – höchstens den Vergleichstests. Dünne Schulbücher scheinen kein Aushängeschild für eine anspruchsvolle Bildungskonzeption eines Bundeslandes zu sein.

Zwischen den Schulbuchverlagen herrscht ein Konkurrenzkampf darüber, wer die modernsten, besten und inhaltsreichsten Lehrbücher auf den Markt bringt. Mit dünnen, inhaltlich abgespeckten und didaktisch einfach strukturierten Schulbüchern fürchten viele Verlage nach außen hin weniger zu beeindrucken. Mir scheint, dass diejenigen, die ministerielle Stoffpläne erstellen, den Bezug zur Alltagsrealität in den Schulen teilweise verloren haben. Dieser Verlust von Realitätsdenken findet Eingang in die Schulbücher.

Es wird seit vielen Jahren von Kürzungen in den Stoffplänen gesprochen. Ich habe aber Kürzungen noch nicht erlebt, Kürzungen, die Zeit lassen zu regelmäßigen Wiederholungen und Vertiefungen und die dann einen größeren Gesamtwissensstand am Ende der Schulzeit bringen als die derzeitige Realität. Denn diese sieht in den meisten Fächern so aus: „Das haben wir nun durchgenommen, die Zeit drängt, wir müssen das nächste Thema behandeln, wir schreiben über die letzten beiden Fachstunden eine schriftliche Kontrolle“. Die Schüler lassen das pflichtgemäß über sich ergehen, schreiben ihre Lernzielkontrolle und vergessen dann den bisherigen Stoff möglichst bald wieder, weil kaum ein Durchschnittsschüler alle die vielen Einzelthemen langfristig behalten kann. Hier gilt unbedingt: Weniger durchnehmen ist mehr bei regelmäßigen Vertiefungen und Wiederholungen.

Manche Lehrer, die an der Gesstaltung von Schulbücher beteiligt sind, scheinen das im Rahmen von Bemühungen um ein Weiterkommen in ihrer Laufbahn zu tun. Durch Schulbücher kann man positiv auf sich aufmerksam machen. Man möchte zeigen, was man stofflich und didaktisch alles weiß. Bei dünnen Schulbüchern ist dazu die Möglichkeit nicht so gegeben wie bei inhaltlich umfangreichen, also dicken Schulbüchern. Mit dünnen Büchern kann man nicht auffallen.

Wenn neue Schulbücher an Schulen eingeführt werden sollen, dann entscheiden sich viele Lehrer nach der Anzahl von Abbildungen und von Arbeitsfragen in den Büchern mit dem Argument, dann könnten sie die Schüler mehr alleine arbeiten lassen und hätten dadurch selber weniger Arbeit. Sie denken dabei aber weniger an das eigenverantwortliche Lernen der Schüler, sondern mehr an das Weniger an eigener Arbeit; man beachte den feinen Unterschied.

Von Seiten der Schulbehörden scheint man sehr zurückhaltend mit Vorgaben bezüglich der Kosten von Lehrbüchern zu sein, obwohl hier im Interesse der Schüler und ihrer Familien schon längst klare Worte hätten fallen müssen. Aber Armut in Familien ist kein Thema bei neuen pädagogischen Konzepten.

Sokrates: Das war im Unterschied zu den bisherigen, zu emotional und für mich zu einseitig vorgetragenen Vorwürfen und Argumenten eine etwas sachlichere. Damit könnten realistische Schulreformer etwas anfangen. Vielleicht kann der Vertreter der Schulleiter auch so sachlich, klar und ausgewogen einen Beitrag für unser Rundgespräch liefern. Die Schulleiter, die Kapitäne der Schulen, die sind doch sicher der ruhende Pol, auf die ist Verlass, die steuern die Schulen mit fester Hand den richtigen Kurs. Ich denke, das wirst du bestätigen, lieber Schulleiter.

Der /die Schulleiter/in: Oh Sokrates, wie gerne würde ich das tun, aber du kennst offensichtlich die Schulleiter, meine Kollegen, nicht. Es sind eigentlich die Schulleiter, die die Schuld für die derzeitige deutsche Schulmisere tragen. Was für Typen und Charaktere sind das häufig? Weshalb haben sich viele um Führungspersonen beworben? Viele haben sich nur aus Geltungsdrang um Schulleiterpositionen beworben. Manche wollen Applaus haben und im Mittelpunkt stehen. Manche unterrichteten nur Nebenfächer und wollten ihre Minderwertigkeitsgefühle innerhalb des Kollegiums durch eine höhere Position ausgleichen.

Und du ahnst ja nicht, welch ein Netzwerk und sogar Filz hinter den Kulissen herrscht, wenn es um die Besetzung von Schulleiterposten geht. Da zählt die wirkliche pädagogische und menschliche Eignung oft zuletzt. Zuerst zählt das Netzwerk, in dem sich der entsprechende Kandidat Freunde und Förderer geschaffen hat. Da wird schon allzu oft hinter den Kulissen, lange vor den angeblich demokratischen und neutralen Stellenausschreibungen und Bewerbungsverfahren, der/die jeweilige Kandidat(in) ausgewählt.

Zu viele dieser Schulleiter denken im Verlauf ihrer Amtszeit zuerst an die eigene Beliebtheit, an das eigene Ansehen, an ihr Image in der Öffentlichkeit. Unbequeme, aber richtige Entscheidungen werden zu oft vermieden. Wer der gärenden Jungend nützen will, der darf nicht nach Beliebtheit schielen. Wo gehobelt werden soll, da sind Späne unvermeidbar. Erziehung heißt immer auch Grenzen setzen und fördern heißt immer auch fordern. Ein solch festes Verhalten haben zu viele dieser Schulleiteremporkömmlinge nicht gelernt, denn sie haben sich ja in ihrem Netzwerk immer angepasst verhalten müssen, und mussten immer darauf achten, dass sie vor ihrer Ernennung zum Schulleiter bei möglichst Vielen einen guten Eindruck hinterließen. Bisher stets geschmeidig, mit gebeugtem Rücken nach oben, überall sich anpassend, sollen solche Aufsteiger dann auf einmal eine feste Haltung zeigen. Das können viele nicht, das haben viele nicht gelernt.

Und dann sind sich viele Schulleiter untereinander Konkurrenten. Sie möchten für ihre jeweiligen Schulen egoistisch möglichst viele Schüler anwerben, aber das geht ja nur auf Kosten der anderen Schulen. Sie zählten sorgfältig, wie viele Schüler an welcher Schule jeweils angemeldet wurden und sind unzufrieden, wenn es an anderen Schulen mehr als an ihrer sind. In solchen Fällen werden Leistungen gesenkt, Noten verbessert, das Schulklima durch noch mehr Projekte und Feste aufgelockert, um Schüler anzuziehen. Und weil viele Schulleiter so handelten, begann in der Vergangenheit eine permanente Leistungs-Schraube nach unten. So kam es zu den immer schlechteren Leistungsniveaus im Schulwesen.

Wer das Leistungsniveau an deutschen Schulen anheben möchte, der muss neue Schulleiter einsetzen, und zwar Schulleiter, die nur auf Grund ihrer Qualität berufen wurden, ohne Berücksichtigung eines parteipolitischen oder sonstigen Netzwerkes, und die bereit sind, unbequeme Veränderungen durchzuführen. Da fängt die eigentliche Reform an, die in Deutschland nötig ist...

Sokrates: Halt ein, lieber Vertreter der Schulleiter. Auch du bist sehr ungerecht in deinem Urteil über deine Kollegen, die Schulleiter. Die meisten sind sehr engagiert für ihre Schüler und Schulen und tun ihr Bestes. Nur auf einige trifft vielleicht deine Kritik zu. Aber es mag sein, dass auch Schulleiter Kinder ihrer Zeit sind und aus dem früheren Gleis nur schwer herauskommen. Trotzdem hast du mich nachdenklich gemacht. Vielleicht müsste tatsächlich auf der Schulleiterebene der Reformprozess begonnen werden. Es mag sein, das tatsächlich einige Ungeeignete auf dem Weg über die von Dir erwähnten Netzwerke in ihre Ämter gekommen sind. Aber sicher haben die Auswahlgremien in den meisten Fällen gewissenhaft auf die Eignung der ausgewählten Kandidaten geachtet. Das wäre ja sonst ein Armutszeugnis für unsere Demokratie...

Der /die Schulleiter/in (unterbricht Sokrates): Wir haben nicht immer Demokratie, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht. Wir haben zu oft Vorentscheidungen hinter den Kulissen, zu oft ein Gerangel von Netzwerken untereinander...

Sokrates: Das wäre in der Tat enttäuschen, desillusionierend und auch schädlich. Ich möchte darüber später einmal genauer nachdenken. Aber kann uns der Vertreter der Lehrerverbände vielleicht etwas Positiveres sagen? Die Lehrerverbände sind doch das Sprachrohr der Lehrerschaft. Sie unterstützen die Lehrer bei ihrer Arbeit. Sie fördern die Weiterbildung der Lehrer. Sie verteidigen die Lehrer gegenüber Angriffen. Sie machen sie stark gegenüber den übergeordneten Dienststellen. Sie wirkend hoffentlich einend und stabilisieren den Kurs der Schulen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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