Daniela Nitz

1. Oliver und sein erster Schultag

Marienkäfer Oliver kam vom Spielen zurück. Seine Eltern saßen und warteten auf ihn im Wohnzimmer, um ihm mitzuteilen, dass die Zeit gekommen sei, zur Marienkäferschule zu gehen. Natürlich gab es noch die staatliche Schule in Käfercity, wo alle Arten von Käfern und dergleichen hingingen, doch seine Eltern entschieden sich für diese. Oliver freute sich so sehr, denn seine Eltern hatten ihm aus ihrer Zeit auf der Schule viel darüber erzählt und nun durfte er endlich selbst hingehen. Er hüpfte von einem zum anderen Bein, klatschte dabei in die Hände und rief: „Ich geh bald zur Schule.“

Oliver war so aufgeregt, dass er einen Singsang draus machte und anfing, um seine Eltern zu tanzen, als wären sie ein Maibaum. Allerdings beendete seine Mutter dies, denn überall auf den Schränken und Regalen standen Blumen und Pflanzen. Eine Sinfonie der Düfte und Frau Fröhlich bemühte sich stets darum, alles frisch und sauber zu halten. Alles musste an seinem Platz sein, stets nach dem Motto >>Ordnung ist das halbe Leben<<. Ihre Mutter lebte danach und die Mutter ihrer Mutter ebenso. Selbst über der Eingangstür hing eine Tafel mit diesem Motto. Natürlich beiderseitig, denn doppelt hält bekanntlich besser.

Olivers Mutter war eine lebenslustige und sehr liebenswürdige Frau, die nie schlecht über Andere sprach und auch sonst immer hilfsbereit war. Die Leute kamen gern zu ihr, um sich Ratschläge zu holen oder über ihre Probleme zu reden. Zudem war sie Hausfrau und kümmerte sich um Haus und Garten. Sie liebte es im Garten zu arbeiten und Oliver half ihr gern dabei, dass Unkraut zu jäten oder neu zu bepflanzen. Der Garten selbst war in zwei Teile geordnet. Auf der einen Seite war er mit diversen Blumen und Pflanzen übersät, wie man sie im Haus findet und auf der anderen Seite nochmal jeweils drei kleinere Beete. Außen rechts befand sich das Kräuterbeet mit Petersilie, Schnittlauch und allerlei Küchenkräuter, die man so braucht.

In der Mitte stand das Gemüsebeet mit Möhren, Radieschen, diverse Kohlsorten für Salate oder als Gemüsebeilage für die Mahlzeiten und links ein Beet mit diversem Obst und Gemüse. Da waren Tomaten, Bohnen, Erdbeeren, Mais und Kohlrabi. Kochen und Backen war ihre Leidenschaft und sie achtete dementsprechend auch auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Besonders bei Oliver. Auch das Brot machte sie selbst. Gut, natürlich schon in der Fertigpackung aber, sie war angesichts dessen, dass einige Lebensmittel immer teurer wurden, darauf bedacht, so wenig wie möglich das Haushaltsgeld zu strapazieren, denn sein Vater war schließlich der Brötchenverdiener in der Familie.

Er war anders als seine Frau und interessierte sich nicht sonderlich für die Probleme der Anderen. Herr Fröhlich war eher ruhig und zurückhaltend und machte auch sonst nicht viel von sich reden. Doch seine Kollegen in der Redaktion schätzten seine Meinung sehr, wenn er eine vertrat und auch als Freund war er sehr beliebt. Loyal, trotz seiner ruhigen Art sehr redegewandt, diplomatisch und zuverlässig. Zudem war er immer offen für Fortschritt und Entwicklung. Solche Dinge interessierten seine Frau natürlich überhaupt nicht, doch manchmal wünschte er sich, sie würde ihn ein wenig verstehen und vielleicht auch mal unterstützen. Doch es war schon ein Kampf jedesmal, wenn es allein um die ganzen Möbel ging, die sie von ihren Eltern geerbt hatte und was viel schlimmer war, diese hatten sie schon von ihren Eltern bekommen. Dementsprechend sahen sie auch aus.

Da war die Schrankwand, die nur noch mit Kleber und Schrauben zusammengehalten wurde und beim kleinsten Nieser womöglich zusammenklappen würde. Gegenüber stand das Sofa mit den zwei dazugehörigen Sesseln nebst Tisch, die sich schon in Wohlgefallen auflösten und deswegen sogar schon Decken drüberlegen mussten, damit Besucher die Zerschlissenheit nicht bemerkten. Es sah ja auch gar nicht so schlecht aus, man durfte nur nicht unter die Decken schauen. Selbst die einst schöne Vitrine, die direkt neben der Schrankwand stand, hatte schon bessere Tage gesehen. Sie war gefüllt mit altem Porzellan und Figuren. Das einzige, worauf Herr Fröhlich bestand, dass es erneuert werden müsste, weil es wirklich nötig wurde, war die Küche. Der runde Esstisch aus Massivholz mit passenden schön, verzierten Stühlen und die Küchenschränke aus Bambus waren für ihn nur eine kleine Errungenschaft eines langen Kampfes mit seiner Frau.

Überdies gab sie sogar selbst zu, dass ihr die neue Küche sehr gefiele und sie zum Arbeiten und Unterbringen der Töpfe und dergleichen viel mehr Platz habe. Alles in allem war sie recht zufrieden. Obwohl sie natürlich immer wieder betonte, dass die Möbel ihrer Eltern gut erhaltene Erbstücke seien und ein Austausch deswegen noch nicht ganz notwendig sei. Und schließlich, weil es die Möbel ihrer Eltern waren, hinge sie nun mal extrem daran. Klar könnte das Schlafzimmer, wie auch das Wohnzimmer eine Auffrischung vertragen, aber nicht jetzt. Damit war die Diskussion vorerst wieder beendet.

Olivers Zimmer war das einzige, was von Anfang an neu eingerichtet war. Als Einzelkind war das ganz praktisch. So musste er nicht teilen, wobei es ihn nicht gestört hätte, wenn er Geschwister gehabt hätte. Es war sehr gemütlich eingerichtet mit warmen Holztönen, auch wenn nicht viel an Möbeln drinstand. Das Bett in der Mitte füllte schon im Wesentlichen den Raum aus. Gegenüber befand sich eine kleine Vitrine mit seiner Autosammlung darin und gleich daneben ein passender Schrank mit Fächern und einem großen Fach in der Mitte, wo Fernseher und Musikanlage drinstanden. Links und rechts des Schreibtisches, der vor dem Fenster stand, aber so, dass Oliver Platz hatte, um sich aufs breite Fensterbrett setzen zu können und über dem Bett hingen ein paar Regale vollgestopft mit Büchern an der Wand.

Oliver liebte Romane, in denen Helden vorkamen und er stellte sich manchmal in seinen Tagträumen vor, einer von ihnen zu sein. Auch hatte er einige Poster aus Zeitschriften an der Wand zu kleben. Und auch hier standen überall, wo seine Mutter sich Platz verschafft hatte, frische Blumen und Pflanzen. Sie strich sogar immer mit einem Finger entlang, um zu prüfen, ob das Zimmer einigermaßen sauber war. Es nervte ihn zwar ein wenig, aber er hielt sein Zimmer ihr zuliebe immer staubfrei.

Doch zurück, zu dem, was seine Eltern ihm gerade mitgeteilt hatten, denn bevor es soweit war, zur Schule zu gehen, musste er noch zweimal schlafen. Das gestaltete sich angesichts seiner Aufregung etwas schwierig. Dann kam der lang ersehnte Tag. Oliver stand auf, machte sich so schnell es ging fertig fürs Frühstück. Rannte runter in die Küche und trank frisch gesammeltes Tauwasser und aß ein saftiges Blattlausomelett. Gesättigt sah er sich um und rief nach seinen Eltern, doch niemand antwortete ihm. Wo könnten sie nur sein, überlegte er. Hatten sie vielleicht vergessen, dass heute s e i n großer Tag war. Unwahrscheinlich! Seine Eltern vergaßen nie etwas so wichtiges. Er krabbelte aus der Baumhöhle in den sonnendurchfluteten Tag, blinzelte kurz und sah seine Eltern mit einer riesigen, prall gefüllten Blatttüte auf ihn warten. Sie lächelten ihm zu, als sie ihn bemerkten. Mit seinen Beinchen rannte er immer schneller auf sie zu und fing an, die Tüte auszupacken.

Da waren viele Hefte aus Baumrinde, eine Lupe aus Libellenflügel, ein Nussschalencapi, verschiedene Linealgrößen und Dreiecke, viele Stifte und eine Umhängetasche aus Kastanienblättern. Das Capi setzte er sofort auf und steckte die ganzen Schulsachen in seine neue Tasche, hängte sie um und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Schule. Von überall her kamen die Mariechen mit ihren Eltern und zeigten stolz ihre Schulsachen. Nachdem die Letzten ankamen, flog die Schar in den höchsten Baumwipfel, wo die Lehrer und älteren Schüler schon ungeduldig warteten. Dann wurde es still und ein alter Marienkäfer trat in die Mitte. Er stützte sich auf einen Stock, als er die Willkommensrede hielt. Er wirkte müde und erschöpft, als würde ihn das Reden und Stehen sehr anstrengen, doch ließ er es sich nicht allzu doll anmerken.

Er zeigte auf die Lehrer und stellte sie der Reihe nach vor. Zu seiner rechten Frau Linda Kugelrund, eine gemütliche, dickbäuchige Marienkäferin mit roten Bäckchen und freundlichem Lächeln. Sie unterrichtete Lesen und Schreiben. Als nächstes kam Rudi Hager an die Reihe, der eher einer Bohnenstange glich, mit wachen Augen, Spitzbart und spitzbübischem Grinsen. Das genaue Gegenteil von Linda Kugelrund. Er hatte das Fach Fliegen und Landen. Und zum Schluss stellte der Direktor zu seiner Linken das missmutig dreinblickende Marienkäferehepaar Hannelore und Hans von Hochmut vor. Oliver fand sie gleich auf den ersten Blick unsympathisch und schien mit diesem Gefühl nicht allein dazustehen. Frau von Hochmut lehrte das Fach natürliche Feinde des Marienkäfer und Herr von Hochmut gezielte Nahrungssuche.

Ein Mariechen nach dem anderen bekam seinen Stundenplan und froh darüber, hatten sie am ersten Tag gleich bei Frau Kugelrund Unterricht. Erleichterung machte sich breit und voller Erwartung verabschiedeten sich die Kinder von ihren Eltern und folgten Frau Kugelrund ins Klassenzimmer. Ein Raum, dessen Dach aus unzähligen Libellenflügeln bestand und wenn die Sonne darauf schien, ergab das einen schönen Regenbogen. Die Wände waren zwar noch kahl aber Frau Kugelrund meinte, dass dieser Zustand noch geändert würde. In der Mitte des Raumes stand ihr Lehrerpult und eine Tafel mit dem Alphabet darauf. Die Sitzbänke selbst standen im Halbkreis, was die ganze Atmosphäre etwas auflockerte.

Jeder suchte sich den besten Platz, bis auf Oliver. Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und starrte unentwegt auf das Kuppeldach. „Oliver! Oliver!“, rief Frau Kugelrund und es dauerte etwas, bis er reagierte. „Können wir anfangen?“, fragte sie ihn freundlich und er nickte. Suchte nach einem Platz und fand ihn schließlich vorn in der ersten Reihe. Sie lächelte ihm kurz zu, so dass seine Backen von leichtrosa zu dunkelrot übergingen. Sogleich fingen sie mit den Buchstaben A – D des Alphabets an und die Mariechen holten Stift und Heft hervor. Zuvor erklärte Frau Kugelrund Schritt für Schritt die Linienführung der Buchstaben. Emsig fingen alle an zu üben und der eine oder andere, der Schwierigkeiten hatte, dem half Frau Kugelrund, indem sie gemeinsam die Linienrichtung zeichneten.

Der Unterricht verging sehr schnell und Oliver konnte es kaum abwarten, alles seinen Eltern zu erzählen. Endlich sah er sie am Horizont. Er rannte genau zu dem Platz, wo er sich am Morgen von ihnen verabschiedet hatte. Sogleich fing er an zu erzählen, wie nett und freundlich Frau Kugelrund war, dass sie heute die Buchstaben A – D gelernt hatten und zu Hause eine Seite schreiben üben sollten. Das wollte er dann machen, wenn sie daheim wären. Beide sahen sich an und schmunzelten. Dann nahmen sie Oliver bei der Hand und flogen los. So endete sein erster aufregender Schultag.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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