Sandra Kahler

Sie KENNT ihn

Sie kennt ihn. Sie kennt seine Bewegungen in- und auswendig; wie er seine morgendlichen Rituale durchführt; seine merkwürdigen Angewohnheiten; wie er beim Kaffeekochen wahnsinnig viel Pulver verwendet; dass er ihn schwarz trinkt; langsam, genüsslich, ohne Eile; wie er den Becher hält; auf einem alten roten Hocker auf dem überdachten Balkon sitzend. Bei jedem Wetter, immer mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages. Den unverbrauchten Tag annehmend. Manchmal mit einem Cappi auf seinem Kopf, in einem blauen Morgenmantel, sehr edel, gegen die Außenwand gelehnt.
Er strahlt eine ganz besondere Ruhe aus. Das beruhigt sie, es verscheucht ihre schlechten Träume; wenn er den Kaffee trinkt, ist alles gut.

Sie schlürft an ihrem Kakao. Er schmeckt bitter, genau richtig für diese Tageszeit. Sie blickt hoch, verträumt, verschlafen.
Er reibt sich die Augen.

Sie kennt seinen Blick, wenn er scheinbar ein gutes Buch liest; seine Tanzart, wenn er ein gutes Lied hört; seine Glückseligkeit, wenn er auf seiner Klampfe herumzupft.
Er ist ihr so vertraut geworden, so angenehm nah, und er spricht nie dazwischen, wenn sie ihm etwas erzählt, wenn sie von ihrer letzten Party erzählt, auf der sie sich so wunderbar unterhalten hat, auf der sie so ausgelassen tanzen konnte; wenn sie von ihrer Trauer erzählt; wenn sie von ihrer Sehnsucht nach dem Ultimo erzählt: wenn sie glücklich ist und gar nicht weiß, wohin mit ihrer Freude; wenn sie allein ist und einfach Unterhaltung braucht, wenn sie jemanden zum Reden braucht. Er ist dann da, fragt nicht zuviel nach, so wie ihr Hund früher, als er noch lebte....
Sie mag seine Stimme, sogar seinen Namen, er klingt weich, sie liebt seine Art, sich die Zeit zu vertreiben, sie bewundert seine Sanftheit.

Vier Meter liegen zwischen ihnen und doch leben sie in zwei Welten.
Sie kennt ihn seit etwa drei Monaten, steht jeden Morgen wegen ihm auf, setzt sich Wasser auf, ist enttäuscht, wenn er nicht da ist, macht sich Sorgen, wenn er schlecht aussieht.

Er kennt sie nicht. Er kennt weder ihre Stimme, geschweige denn ihren Namen. Sie weiß es, doch sie verdrängt es. Warum etwas kaputt machen, was noch nicht richtig angefangen hat? Warum etwas kaputt machen, was so unverletzlich ist? Warum etwas kaputt machen, wenn sie doch zufrieden ist? Warum sollte sie sich selber enttäuschen? Sie tut doch keinem weh!
Sie hat kein schlechtes Gewissen, sie nimmt doch nur etwas an seinem Leben teil, nur ein kleines bisschen. Damit sie nicht so alleine ist.

Seit sie hier eingezogen ist und ihn zufällig sofort am ersten Morgen schon entdeckte, steht sie zeitgleich mit ihm auf, mit einem Sicherheitsabstand von ein paar Metern und dicken Gardinen. Sie sieht immer wieder einen Mann vor sich, der den Morgen genießen kann. Sie kannte bis dato nur Menschen, die sich am frühen Morgen abhetzten, um es doch noch rechtzeitig zum Bus, mit dem Auto zur Arbeit, wohin auch immer zu schaffen/ zu kommen. Das Leben war ein einziges Gehetzte. Sie hatte irgendwann genug gehabt, war ausgezogen aus ihrer alten Wohnung, sie floh, dessen war sie sich bewusst, sie entfloh ihrem Freund, zu dem sie so oder so nie den besten Zugang hatte, weg von der hässlichen Stadt, weg von der scheinbaren Glück, von allem, was sie kannte, sie wollte neu anfangen, hatte rausgewollt. Dann hat sie ihn „kennen gelernt“, immer aus sicherer Entfernung, das schon, aber jeden Tag etwas mehr. Sie klammert sich an die Vorstellung mit ihm, ist ihm verfallen, will nur glücklich sein.
Die Vergangenheit ist egal. Das, was sie erlebt hat, hat sich in Luft aufgelöst. Sie lebt jetzt. Für immer.
Irgendwann, wenn sie mutiger ist, wird sie ihn ansprechen und vielleicht hat er etwas übrig für ihre Träume.
Irgendwann. Doch bis dahin wird sie ihn noch öfters beobachten, sich nach seiner Berührung sehnen, träumen.

Zwei Tage später liegt ein Brief in ihrem Briefkasten. Sie stutzt.
Als sie oben an ihrem Küchentisch sitzt, reißt sie ihn langsam auf. Es stehen nur ein paar Worte darauf: BEOBACHTEN IST JETZT NICHT MEHR!
Sie guckt hoch. Er steht in der leeren Wohnung, grinst hämisch zu ihr hinüber, dreht sich um.
Sie möchte schreien, möchte ihm etwas sagen, erklären, ihn zurück holen. Doch ihr Mund ist völlig ausgetrocknet, wie zugenagelt.
Das Spiel ist vorbei. Sie starrt ihm hinterher. Sie zuvor hat sie solch eine Blamage erlebt. Nie zuvor fühlte sie sich soo nackt. Und durchschaubar.


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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