Helmut Wurm

Sokrates und Oskar Lafontaine

(Dieses Gespräch fand einen Tag nach der Hessischen Landtagswahl im Januar 2009 statt)

Sokrates saß noch auf der Bank am Wiesbadener Marktplatz gegenüber des Hessischen Landtages, wo er mit Andrea Ypsilanti kurz zuvor gesprochen hatte, da kam vom Marktplatz Oskar Lafontaine schnellen Schrittes gegangen und wollte die Treppen zum Landtag hinauf. Als er Sokrates sitzen sah, blieb er stehen und grüßte, dabei über das ganze, wie immer etwas rötliche Gesicht strahlend.

Oskar Lafontaine: Hallo Sokrates als kritische Geister sind wir ja irgendwie wesensverwandt. Oft brauchen wir beide Zeit, bis sich der Erfolg unserer Bemühungen einstellt, aber irgendwann lohnt es sich dann doch. Ich möchte jetzt meinen Parteifreunden von der hessischen Linken für ihren Wiedereinzug in den Hessischen Landtag gratulieren.

Sokrates (er kann es sich leisten, berühmte Leute zu duzen, denn wie viele berühmte Leute hat er bereits in den letzten 2 Jahrtausenden kennen gelernt und in Gespräche verwickelt..., Kaiser, Könige Heerführer, berühmte Forscher, Politiker... so darf er auch Herrn Lafontaine duzen): Hallo Oskar, wir haben uns längere Zeit nicht mehr gesprochen und gemeinsam überlegt. Mit dir waren die Gespräche immer interessant, heftig und ehrlich-emotional. Ich freue mich, dich wieder zu sehen. Aber wie meinst du das, Oskar mit dem „Zeit brauchen“.

Oskar Lafontaine: Ich meine damit, dass deine Gespräche und deine Bitte zum Nachdenken oft erst nach längerer Zeit Früchte bringen. Und die u.a. von mir gegründete Linkspartei beginnt sich nun allmählich nach dem Wahlergebnis von gestern in Hessen als 5. Partei in allen Bundesländern zu etablieren. Das ist ein Grund zur Freude und für Glückwünsche an die hessischen Linken. Wie hat man mich zuerst beschimpft und die Linkspartei einen politischen Flop genannt. Aber das geschieht der SPD recht, denn hauptsächlich denen haben wir Stimmen abgenommen.

Sokrates: Du bist enttäuscht von der SPD-Führung, bist vielleicht sogar von Hass erfüllt, weil sie dich unter Gerhard Schröder so schlecht behandelt hat. Und jetzt empfindest du Schadenfreude.

Oskar Lafontaine: Die damaligen Parteifreunde waren keine echten Freunde, wie sich bald herausstellte. Ich war den Genossen damals gut genug, als neuer temperamentvoller Parteivorsitzender nach der Krise unter Genosse Scharping die SPD wieder mit Selbstbewusstsein zu erfüllen und aus ihrer Stagnation heraus zu führen. Dann hat mich Gerhard Schröder als sein Finanzminister systematisch kalt gestellt und da habe ich einfach die Brocken hingeschmissen.

Sokrates: Wie ich mich erinnere, hast du damals aber auch Fehler gemacht. Dein damaliges Konzept, durch kräftige Lohn- und Rentenerhöhungen die Kaufkraft zu stärken und über eine erhöhte Nachfrage dann die Konjunktur anzukurbeln, wurde von den Unternehmen abgelehnt, weil sie statt einer Ankurbelung der Konjunktur stärkere  Preissteigerungen fürchteten. Und da warst du damals zu ungeduldig und auch etwas zu bevormundend. Dadurch hast du Vertrauen verloren.

Oskar Lafontaine: Ich weiß, die Unternehmer wollten damals ihre Betriebe vom Staat gefördert sehen, damit sie mehr und billiger produzieren konnten. Aber wo nicht genügend Einkommen ist, da ist auch nicht genügend Nachfrage für die produzierten Güter, das ist doch ganz einfach. Die Unternehmer sehen nur ihren Betrieb und nicht das ganze Wirtschaftssystem... Ich hatte damals Recht und habe heute mit derselben Forderung nach Einkommenserhöhungen, bevorzugt bei den unteren Einkommensschichten, wieder Recht. Man ergreift derzeit nur halbherzige Maßnahmen. Denn was wird denn jetzt gemacht? Man hilft den Banken und Unternehmen und nicht den kleinen Leuten, die teilweise ihre sauer verdienten Ersparnisse in der jetzigen Finanzkrise verloren haben. Von der Nachfrageseite her muss aber auch die Konjunktur wieder angekurbelt werden, die staatlichen Harz-4-Unterstützungen müssen deutlich erhöht und dafür müssen die Reichen höher besteuert werden... Die brauchen nicht so viel Geld. Wofür brauchen die vielen Großverdiener eigentlich privat so viel Geld?

Sokrates: Du hast sicher Recht, wenn du darauf hinweist, dass die Konjunktur von zwei Seiten her gefördert werden muss, von der Unternehmensseite und von der Nachfrageseite. Aber deine Parteifreunde von der ehemaligen PDS sind da ja einseitig nur auf die Nachfrageseite fixiert oder wollen sogar wieder halb-kommunistische Strukturen einführen. Macht dir das keine Sorge?

Oskar Lafontaine: Also ich möchte keine halb-kommunistischen Strukturen wieder einführen. Ich bin Demokrat, aber linker Demokrat... so weit links wie möglich. Und ich bin sicher, dass der eine oder andere alt-kommunistische Betonkopf allmählich doch noch die Vorteile eines demokratischen Systems erkennen wird. Man muss der Linken Zeit lassen, dann wird sich vieles klären und beruhigen und dann wird man erkennen, dass es gut war, die Linke zu gründen... Die derzeitige SPD ist nicht mehr die Partei der kleinen Leute wie früher... Man musste die politische Lücke, die sich links geöffnet hatte, durch eine neue, sehr linke Partei wieder schließen...

Sokrates: Ich unterstelle dir auch nicht, dass du kein Demokrat wärest und ich denke, dass ein Politiker das Recht hat, eine entstandene politische Lücke durch eine neue Parteigründung wieder zu füllen. In einer idealen Demokratie sollten alle Interessens-Spektren durch Parteien abgedeckt sein. Was derzeit Deutschland betrifft, so fehlt auf dem rechten politischen Flügel eigentlich eine neue demokratisch-preußische Partei statt der NPD. Aber du hast jedenfalls die demokratische Linksaußen-Position erfolgreich besetzt. Und das ist gut so... Aber mit deinen Forderungen sollest du trotzdem etwas gemäßigter sein. Man nennt dich schon einen Demagogen. Macht dir das keine Schwierigkeiten?

Oskar Lafontaine: Für einen Demagogen bin ich viel zu ehrlich-spontan. Die echten Demagogen sind viel berechnender als ich... Es stimmt zwar, dass ich derzeit vielleicht ab und zu Forderungen stelle, die nicht ganz verwirklichbar sind, aber ich muss sie ja derzeit nicht als Mitglied eine Regierung verwirklichen...

Sokrates: Aber was wäre, wenn deine Partei und du überraschend auch außerhalb von Berlin in eine Regierungs-Koalition eingebunden würden?

Oskar Lafontaine: Hoffentlich passiert das nicht, denn darauf wären wir derzeit noch nicht vorbereitet und dafür wäre die Linke auch noch nicht genug abgeklärt und gefestigt. Wir müssen uns darauf beschränken, den anderen Parteien in den Wahlkämpfen und Parlamenten einzuheizen...

Sokrates: Also Politik, wie sie Oskar Lafontaine liebt: Man hat Wunschträume, man fordert, man genießt das Bad in der Menge der einfachen Leute, man hält emotionale Reden, man ist spontan, ist letztlich aber ehrlich und ist kein Demagoge, sondern nur ein sehr linker Demokrat... Aber das ist eine verwundbare Rolle. Bist du dir auch sicher, dass du von deinen neuen politischen Freunden, wenn es in für dich schwierigen Situtionen auf ihre Unterstützung ankommt, du nicht einmal genau so fallen gelassen wrden könntest, wie früher von deinen ehemaligen SPD-Freunden. In der Politik sins so emotionale Menschen wie du sind verwundbar... Auch wenn sie privat eigentlich sympathisch sind...

Oskar Lafontaine: Danke, Sokrates für das Lob und für die Warnung. Ich werde darüber nachdenken, was du angedeutet hast...Ich gebe dir Recht, dass man in der Politik langfristiger denken und etwas sachlicher sein sollte...Tschüss, Sokrates, es war wieder ein Gewinn für mich, mit dir zu sprechen... Aber gratulieren muss ich meinen hessischen Parteifreunden...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.01.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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