Klaus-D. Heid

Bald ist er tot

Warum stehen zwei Tassen Kaffee auf meinem Tisch? Wo war ich nur wieder mit meinen Gedanken, als ich mir die zweite Tasse Kaffee holte? Und nun? Nun muss ich entscheiden, aus welcher Tasse ich zuerst trinke. Verdammt! Ich hasse Entscheidungen! Könnte ich mich wenigstens an unterschiedlich aussehenden Tassen orientieren, gäbe es eine winzige Orientierungshilfe. Ich könnte so zum Beispiel sagen, dass mir die eine Tasse angenehmer ist, weil sie nicht blau, sondern grün ist. Ich mag keine blauen Tassen. Bedauerlicherweise sind aber beide Tassen weiß. Sie sind gleichgroß und offensichtlich auch exakt mit der gleichen Menge Kaffee gefüllt. Es hilft mir auch nicht, dass eine Tasse links und die andere Tasse rechts von mir steht, da ich politisch die liberale Mitte bevorzuge. Sie verstehen, dass mir diese Situation ein Problem bereitet?

Als Mensch, der immer auf der Suche nach Kompromissen ist, bestände für mich die Möglichkeit, mir eine dritte Tasse Kaffee zu holen. Oder wäre es besser, den Zufall entscheiden zu lassen? ‚Ene mene mu – und weg bist du... Weg bist du noch lange nicht, sag mir erst, wie alt du...’ Blödsinn. So geht’s nicht. Außerdem mag ich keine Glücksspiele. Und wie löse ich nun das Problem? Gehe ich ihm aus dem Weg, indem ich überhaupt keinen Kaffee trinke?

Wie auch immer ich mich entscheide, bleibt doch die Frage ungeklärt, wieso ich mir zwei Tassen Kaffee geholt habe. War ich – für einen kurzen Moment – so geistesabwesend, dass ich mechanisch etwas getan habe, was rational nicht zu erklären ist? Und wenn dies so ist – welchen Gedanken bin ich in diesem Moment nachgegangen?

Das Dampfen aus den Kaffeetassen lässt nach. Ich hasse kalten Kaffee. Das Wort ‚Links’ beginnt mit ‚L’ und ist insofern eher in der alphabetischen Reihenfolge zu sehen, als das Wort ‚Rechts’, das ja bekanntlich mit einem ‚R’ beginnt. Ob ich diesen Umstand als Omen sehe, nun die links von mir stehende Tasse Kaffee als erste zu trinken? Oder ist’s korrekter, wenn ich es genau umgekehrt mache? Erst die rechte und dann die linke Tasse? Oder doch anders herum? Oder keine von beiden Tassen?

Können Sie ein wenig nachvollziehen, wie schwer es mir fällt, einkaufen zu gehen? Ahnen Sie, welche Kämpfe ich mit mir führe, wenn ich mir aus riesigen Regalen, die prall mit Hemden gefüllt sind, ein Hemd aussuchen möchte? Von meinen Entscheidungsproblemen beim Schuhe kaufen möchte ich erst gar nichts sagen. Es gibt Geschäfte, in denen man sich strikt weigert, mich zu bedienen.

Der Kaffee in beiden Tassen ist kalt. Meine Mittagspause ist um. So sehr war ich mit der Lösung des Kaffee-Problems beschäftigt, dass ich noch nicht einmal in eines meiner beiden Brötchen gebissen habe. Ist vielleicht auch besser so, da ich mich garantiert nicht entschieden hätte, ob ich nun lieber in das Schinken- oder Käsebrötchen beißen wollte. Ich mag Schinken ebenso gerne, wie Käse. Oder würde ich doch den Käse bevorzugen? Oder den Schinken?

Morgen soll ich wegen meines dramatischen Untergewichts zum Arzt gehen. Er hat mir zwei Termine zur Auswahl angeboten. 08.00 Uhr oder 15.00 Uhr. Eigentlich wäre mir ja der Vormittag lieber; aber der Nachmittag wäre auch nicht schlecht...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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