Ingrid Grote

TOPP, die Wette – Wie es weiterging...2

Dieser Teil gefällt mir ÜBERHAUPT nicht. Irgendwie ist er langweilig, aber er widersetzte sich all meinen Bemühungen, was Gescheites daraus zu machen, und schließlich habe ich es aufgegeben... Sorry.

 

ÜBERLEGUNGEN

 

Chris wacht auf, und er fühlt sich saumäßig gut, nämlich überaus befriedigt und doch noch nicht satt.

Er kann es noch! Er hat tatsächlich seine Potenz wiedererlangt. Und WIE... Unwillkürlich grinst er in sich hinein. Das im Urlaub war also nur ein Ausrutscher gewesen, konnte ja mal passieren, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.

Tatsächlich verspürt er schon wieder gewisse Regungen in den unteren Bereichen seines Körpers. Er dreht sich langsam zu Irma um – aber die liegt nicht neben ihm. Na so was!

So ein Mist! Gerade jetzt hätte er sie gut brauchen können. Chris schwingt sich aus dem Bett. Er hat schon so eine Vermutung. Er sieht, dass ihre Sachen nicht mehr da sind, und sie selber ist wohl auch nicht mehr da.

Er schaut kurz vom Küchenfenster aus auf die Garageneinfahrt hinunter, aber ihr nettes kleines Cabrio steht nicht mehr dort. Das niedliche Vögelchen ist tatsächlich ausgeflogen, ohne sich zu verabschieden. Was für eine Frechheit! Und wirklich schade um den Morgenspaß...

Chris ist ziemlich sauer, nicht nur, weil ihm der Morgenspaß entgangen ist. Er vermisst auch die Gespräche danach. Er vermisst ihre kleinen taktischen Gefechte und das Reden über belangloses Zeug, er vermisst ihre blöden Fragen, von wegen gutem Aussehen und so – wieder muss er vor sich hingrinsen. Er vermisst außerdem ihre Brüste. Ferner ihre Beine, und vor allem das, was dazwischen ist. Mein Gott, ist die Frau geil! Sie treibt ihn zu Höchstleistungen – und sie weiß anscheinend gar nicht, wie er es genießt, mit ihr zu schlafen. Wahrscheinlich denkt sie, er würde mit jeder anderen genauso viel Spaß haben. Ist vielleicht besser, wenn sie das denkt, sonst könnte sie sich noch was drauf einbilden. Oder – dieser Gedanke kommt ihm plötzlich – es ist normal, dass die Männer, mit denen sie geschlafen hat, genau so scharf auf sie waren wie er. Ein ärgerlicher Gedanke, sich Irma mit einem anderen Mann vorzustellen. Ein Mann, der ihr ins Gesicht schaut, wenn sie kommt und der es genauso wie er liebt, sie dabei zu beobachten. Nein, der Gedanke daran ist absurd, sie schläft nicht mit anderen Männern! Oder doch? Chris fühlt, wie sein Blutdruck steigt. Und dieses Türschild mit dem Männernamen neben ihrem, das ist auch so ein Reizthema. Als er es zum ersten Mal gesehen hat, da war er schockiert, obwohl er nicht genau wusste warum. Und danach lief der Abend aus dem Ruder.

Chris schüttelt ratlos den Kopf. Diese Frau macht ihn zornig, und er versteht nicht warum. Normalerweise ist er doch froh, wenn die Weiber ihn in Ruhe lassen, nachdem er seinen Spaß gehabt hat. Und er treibt es sowieso nie in seiner Wohnung mit ihnen, Irma ist echt die Ausnahme, bei ihr weiß er, dass sie ihm absolut nicht auf die Pelle rücken wird. Aber so flüchtig, wie die sich verhält, ist es ein bisschen zuviel des Guten! Sieht ja fast aus, als will sie nichts mit ihm zu tun haben, bis auf das eine natürlich.

Und wieso macht er sich überhaupt Gedanken darüber? Er kann sich doch glücklich schätzen, dass sie einfach geht und ihm nicht weiter auf der Pelle hängt. Aber dennoch würmelt es in ihm. Einfach so abzuhauen!

Diese Frau macht ihn zornig, aber eigentlich nur, wenn sie nicht da ist. Dann kommen diese Gedanken in ihm hoch, von wegen Türschild und anderen Männern. Aber wenn sie neben ihm sitzt – oder besser noch liegt – dann verfliegt sein Zorn auf sie, zurück bleibt nur eine gewisse Unsicherheit. Und noch ein anderes Gefühl, das er aber nicht benennen kann.

Der gestrige Abend war seltsam. Er hat sich tatsächlich nicht an sie herangetraut. Warum nicht? Weil sie sich so souverän und cool verhielt? Wahrscheinlich. Und dabei war sie so verlockend, sie trug ihre unauffälligen Sachen mit einer lässigen Eleganz, auf die er voll abfuhr, ihr Gesicht sah überaus reizvoll aus, und ihre Figur war absolut spitzenmäßig, aber trotzdem traute er sich nicht an sie heran. Oder hatte er etwa Angst, sie könnte ihn zurückweisen? Nein, das war lachhaft, sie wollte ihn, was sonst. Wahrscheinlich schwebte ihm immer noch die Pleite aus dem Urlaub vor. Also schlug er vor, ins Limerick zu gehen, das war ein neutraler Ort, und man konnte dort nicht bumsen. Herrgott, was war los mit ihm, normalerweise konnte er an jedem Ort der Welt bumsen. Haha, von wegen an jedem Ort der Welt, nur nicht auf Ibiza, so eine Scheiße, wahrscheinlich spürte er sein Versagen immer noch in seinem... äääh in seinen Knochen und ließ ihn so seltsam zurückhaltend handeln.

Sie ins Limerick mitzunehmen war natürlich riskant, denn er zeigte sich dort nicht gerne mit Frauen. Aber diesmal war es ihm egal. Man konnte sich erstens mit ihr sehen lassen, und zweitens würde sie nicht so tun, als wäre sie seine feste Freundin.

Genauso lief es auch, und er fand es schön, sie an seiner Seite zu haben. Sie ließ ihn in Ruhe knobeln und quatschte ihn nicht zu. Sie machte überhaupt einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Automatisch muss er an diesen ersten Abend denken, da hatte sie einiges an Temperament gezeigt, aber danach war sie immer obercool gewesen. Wie auch immer, jedenfalls fühlte er sich gut neben ihr. Und als sie es ein paar Stunden im Limerick ausgehalten hatte, ohne zu meckern, kam er zu der Überzeugung, dass sie es nur seinetwegen dort ausgehalten hatte, und er schnappte sich sie, als sie angeblich nach Hause wollte. Und ab da waren seine Hemmungen auf einmal wie weggeblasen.

Nein, nicht wie weggeblasen, aber das konnte ja noch kommen, demnächst vielleicht...

Chris muss an sein Bett denken, ganz neue Perspektiven tun sich auf, und wieder grinst er vor sich hin. Es war natürlich ungewohnt für ihn, eine Frau in seinem Bett zu haben, aber Irma passt dort hin. Er sieht wieder ihr Gesicht vor sich, er liebt es, sie so zu sehen, liebt es, sie soweit zu bringen, und außerdem gibt es ihm die Illusion, sie würde etwas für ihn empfinden. Dieses Gefühl verflüchtigt sich allerdings sofort wieder, wenn sie danach nebeneinander liegen und jede Berührung vermeiden.

Was soll er nun tun? Noch mal bei ihr anrufen? Nein, besser nicht, er könnte sich eine Abfuhr einfangen. Er wird sie direkt überfallen und in die Enge drängen. Er will endlich wissen, was mit ihr los ist. Irgendwann muss sie sich doch eine Blöße geben, irgendwann wird sie sich verraten und ihre Gefühle offenbaren. Und dann kann er wieder zur Tagesordnung übergehen.

Allerdings liegen jetzt noch sechs Tage vor ihm bis zum nächsten Wochenende. Das könnte verdammt lang werden! Und außerdem ist heute Samstag, und er hat nichts vor. Hat blöderweise gedacht, Irma würde noch ein bisschen bleiben, vielleicht den ganzen Tag und auch die Nacht, aber sie ist ja munter abgeschwommen, und jetzt steht er da und hat nichts vor. Grauenhaft!

Chris seufzt auf, dann fällt ihm sein Kumpel Siggy ein. Der hat was von einem Ausflug aufs Land erzählt. Normalerweise sind diese Wochenend-Trips ganz nett, man kann Weiber anmachen und sie verarschen, man kann in die Natur gehen, und man kann draußen schlafen, wenn man nicht bei einer Tussi übernachten will.

Aber im Moment reizt ihn das überhaupt nicht, er findet es eher lästig und sinnlos. Na ja, immerhin könnte man sich besaufen... Oder soll er einfach zuhause bleiben und irgendwelche Sachen erledigen? Chris legt das Telefon, das er schon in der Hand hält, wieder zurück.

 

~~~~~~~~~~~

 

DIE SCHRECKEN NICHT NUR DER NACHT

 

Irma könnte sich schwarz drüber ärgern, dass sie zu diesem blöden Grillfest muss. Madames unerträgliche Gegenwart wird ihr mit Sicherheit den ganzen Tag inklusive Abend versauen.

Und für so was ist sie topfit! Sie hat in letzter Zeit nicht besonders gut geschlafen, aber seltsamerweise waren die paar Stunden Schlaf in Chris’ Bett erquickend wie lange nicht mehr.

Um fünf erscheint ihre zweitbeste Freundin, nämlich Susanne bei ihr, und sie brechen auf, um Madame abzuholen.

Man wartet schon vor der Tür. Susanne muss sich auf die winzige Rückbank von Irmas Karmann quetschen, während Madame sich mit ihrer Rottweilerhündin Venus natürlich bequem vorne niederlässt.

Sie sitzen alle auf Decken, die Madame mitgebracht hat. Sie will nämlich ihren Geburtstag am Fluss feiern, dort wo die Gäste so laut sein dürfen wie sie wollen und wo man keinen Dreck hat.

Madames Stecher fährt mit dem Fahrrad samt Grill zum Fluss, für den wäre sowieso kein Platz mehr im Auto.

Die Party wird mit Sicherheit totaler Mist werden. Aber vielleicht kommen ja ein paar scharfe Männer. Witz lass nach, Irma schaut aus dem kleinen Fenster des Karmanns, um ihr Lachen zu verbergen. Madame und scharfe Männer! Und wenn, dann würde sie die nicht mit der Kneifzange anfassen. Und auch umgekehrt wäre sie für die total  uninteressant. Denn wer Madame gut findet, der kann Irma nicht gut finden. Das ist wie mit dieser komischen Hallsteindoktrin, die keiner mehr kennt. Wie ging’s noch: Ach ja, ein Staat, der die DDR als souveränen Staat anerkennt, zu dem bricht die BRD die diplomatischen Beziehungen ab. Irgend sowas in der Art...

Diese und ähnlich unerquickliche Gedanken bewegen Irma, während Madame gerade erzählt, wie sie letztens in einer Kneipe die riesige Schüssel mit Popcorn, die auf der Theke stand, ganz alleine aufgefuttert hat. Mindestens fünfmal erzählt sie das, und sie lacht sich glucksend dabei kaputt, während Irmas Heiterkeit sich in Grenzen hält. Ihr Verhältnis zu Madame ist sowieso recht gespalten. Sie kennen sich schon, seit sie sechzehn sind, und damals haben sie ganz nette Sachen getrieben. Danach traf man sich allerdings nur noch in großen Abständen. Aber es gelingt Madame immer wieder, sich in Erinnerung zu bringen, sie ruft Irma in der Firma an, wo es kein Entrinnen für Irma gibt und erzwingt eine Verabredung. Irma lässt sich fast immer übertölpeln und ist hinterher stinksauer auf ihre Schwäche. Diese Frau hat eine sagenhafte Überredungskraft, ganz grässlich ist das!

Der Name Madame, wie Irma die gute Marion insgeheim nennt, ist übrigens abgeleitet von „Madame Medusa“, einem Stück von UB-40. Die Medusa ist diese furchtbare griechische Göttin, deren Haare lebende Schlangen sind und deren Blick jeden zu Stein verwandeln kann... Gut, ganz so schlimm ist es vielleicht nicht, aber Irma fühlt sich manchmal wie ein Stück Stein, wenn sie zwei Stunden lang Madames eindringlichem Gequatsche ausgesetzt war. Die endlosen Wiederholungen sind schlimm, und sie verschaffen Irma ein Gefühl der Hilflosigkeit. Noch schlimmer ist: Obwohl Madame so eine bestimmende Persönlichkeit hat, ist sie psychisch etwas daneben. Sie kann nämlich nicht ohne Begleitung aus dem Haus gehen, und sie ist deswegen schon seit Jahren in Behandlung. Leider ohne Erfolg. Obwohl der Psychologe ihr ganz tolle Tipps gegeben hat… Irma wird ein bisschen ärgerlich, wenn sie an diese Tipps denkt, aber gleichzeitig muss sie darüber kichern. Jedenfalls nervt Madame total, egal ob sie jetzt Irma durch endlose Wiederholungen manchmal in Stein verwandelt, oder sich von Irma irgendwohin fahren lässt, denn sie hat natürlich kein eigenes Auto. Sie nervt, wenn sie mit Irma durch die City spaziert, von Schmuckgeschäft zu Schmuckgeschäft, von Boutique zu Boutique, denn all das interessiert Irma nicht besonders. Aber Madame beansprucht sie stundenlang, bis Irma sich schließlich mit Gewalt aus der Umklammerung befreien will und androht, jetzt einfach nach Hause zu gehen. Keine zwei Stunden später kann sie Madame dann endlich zu Hause abliefern, muss aber noch mit in die Wohnung und weiteres Gequatsche anhören. Bis sie so geschafft ist, dass sie kommentarlos verschwindet und nach Hause eilt. Endlich nach Hause! Nach Hause, nach Hause! Dort vergisst sie Madame ganz schnell, oder sollte man es verdrängen nennen? Und lässt sich beim nächsten Mal wieder übertölpeln...

 

~~~~~~~~~~~

 

Fünf bauchige Zweieinhalbliter-Flaschen spanischen Rotweins liegen schon seit zwei Tagen auf dem Boden des Karmanns. Das Zeug ist sehr gehaltvoll und haut ganz schön rein – Irma weiß das, denn sie hat ihn natürlich selber mit Madame besorgt und auch angetestet.

Es ist fürchterlich schwül.

Die große Wiese am Fluss ist gerade frisch gemäht worden, und überall liegen riesige Mengen Heu herum. Riecht gut!

Sie bauen Sitzmöbel aus Heu, legen Madames Decken darauf, und diese Natursofas sehen absolut bequem aus.

Grummel, grummel... Irma hört auf einmal seltsame Geräusche. Wird doch wohl nicht ihr Magen sein?

Sie schaut vorsichtshalber zum Himmel empor. Auweia, der hat sich während ihrer eifrigen Nestbauerei leicht grünlich verfärbt mit einem schwefelgelben Beistich. Und wie auf Bestellung spuckt der Himmel wieder ein leichtes Räuspern aus.

Das ist mal wieder typisch. Plane ein Picknick oder eine Grillparty, dann fällt sie garantiert ins Wasser. Das ist wie ein Regenzauber. „Unter die Brücke“, ruft Irma. „Aber avanti!“

In Windeseile sammeln sie die Decken wieder ein, packen sie die Decken und die Weinflaschen wieder ins Auto, und Irma lenkt den Karmann über einen bestimmt nicht für Autos geeigneten holprigen Feldweg in Richtung Schnellstraßenbrücke, die so breit ist, dass man mit Sicherheit nicht darunter nass wird.

Der Himmel hat sich mittlerweile in ein unvorteilhaftes dunkles Eitergelb mit einem giftigen Hauch von Gallengrün gekleidet.

Kaum haben sie die Brücke erreicht, geht es los! Ein Gleißen, ein Krachen, ein Gedonner. Bläuliche Blitze schlagen im Flüsschen ein, tanzen kurz auf der Oberfläche des Wassers hin und her, und das sieht sehr gefährlich aus.

Susanne und Irma schauen fasziniert dem Wettertreiben zu und klatschen begeistert. Bis es ihnen dann doch zu unheimlich wird und sie sich ins Auto setzen, in diesen sicheren, wie hieß der noch, ach ja Faradeischen Käfig, der wie ein Blitzableiter funktioniert. Trotzdem ist es unheimlich.

Und dann fängt es an zu regnen. Was heißt regnen? Das Wasser kommt wie eine Wand herunter, man sieht nichts anderes mehr als Wasser. Und Irma überlegt krampfhaft, ob sie vergessen hat, das Schlafzimmerfenster zuzumachen.

Nach einer halben Stunde ist das Unwetter einigermaßen vorbei.

Nach und nach trudeln die Geburtstaggäste ein. Seltsame Gestalten sind das. Irma glaubt, dass so an die dreizehn bis sechzehn Leute da sind. Leider kann sie das nicht genau abschätzen, weil sie mit der Zählerei nie bis zum Ende kommt. Muss am Wein liegen...

An Männern ist wie erwartet absolut nix Gescheites da, sind alles dogmatische Müslifresser, die machen alles rein ökologisch, viele sind mit dem Fahrrad gekommen, und alle meckern über die Technik. Okay, manchmal ist Technik Scheiße, aber jetzt sitzen sie alle unter dieser Autobahnbrücke herum, und das ist schließlich auch ein Stück Technik, und vor allem hält es den Regen ab, der immer noch sanft tröpfelt.

Irma stöhnt leise vor sich hin, weil alles so langweilig ist. Nur die Musik ist gut, kein Wunder, sie hört ihre eigenen MP3s.

Madame sitzt auf ihrer Wolldecke und hält Hof wie eine Königin. Ein seltsam mickrig asketisch aussehender Typ küsst ihr die Hand, die sie ihm gnädig entgegenstreckt. Nein, er küsst ihr nicht nur die Hand, sondern schleckt ihr den ganzen Arm ab. Igittigititt...

Georg, das ist Madames Stecher, guckt ziemlich grimmig drein, sagt aber nichts.

 

Warum küsst mir eigentlich nie jemand die Hand, denkt Irma und fühlt sich ziemlich frustriert. Doch, da war einer, wie konnte sie ihn nur vergessen. Sie hat ihn sich quasi fünf Minuten nach der Trennung von Exfreund Oliver geangelt. Sie brauchte das damals. Er war sehr verliebt ihn sie, er wollte ein Kind mit ihr, ein Mädchen natürlich, das so aussah wie sie, er wollte alles mögliche... Irma stöhnt auf. Ein Kind, nein danke, nicht mit ihm! Aber er war gut im Bett, hatte eine nette Wohnung – allerdings eine kleinere als sie – hatte einen guten Job, und er liebte sie vielleicht. Aber es ging nicht, er machte sich selber klein, und er war ihr einfach zu passiv, sie mochte keine Männer, die geil drauf waren, sich für sie von anderen Männern in die Schnauze hauen zu lassen, ohne sich zu wehren. Nein, nein, es ging nicht, und nach vier Wochen fing sie an, sich von ihm zu trennen. Seltsam, sein Name ist ihr entfallen wie ein Stück flutschige Seife, Irma muss in sich hineinkichern. Wie hieß er noch gleich? Klaus-Peter? Hans-Peter? Sie schüttelt den Kopf. Schnee von gestern...

 

Madame wundert sich darüber, dass so wenig Leute zu ihrer Party gekommen sind, obwohl sie doch mindestens dreißig oder vierzig eingeladen hat. Übrigens ist auch eine Siamkatze samt Frauchen erschienen. Irma wundert beides nicht, dass nicht viele Leute da sind und das mit der Siamkatze.

Weil die alle so dämlich sind – sogar die Katze ist dämlich – unterhält Irma sich hauptsächlich mit ihrer Freundin Susanne, und Susanne spricht hauptsächlich über die Liebe. Sie wartet immer noch auf ihren Traummann. Susanne probiert wirklich alles mögliche, sie legt sich immer gleich hin, wenn sie einen kennen lernt und wartet auf die großen Gefühle. Meistens kommen die dann nicht. Und wenn sie kommen, dann fühlt der Typ die nicht. Von wegen Traummann!

 

Irma bricht allein zu einem Spaziergang auf. Es ist schon fast dunkel, aber es gibt ein wenig Licht von einer Straßenlaterne weit über ihr auf der Schnellstraßenbrücke. Alles ist noch triefend nass, und von den Bäumen und Büschen gluckst das Wasser herunter und tröpfelt ihr in den Nacken.

Auf den Wiesen liegt herbstartiger Nebel, so richtig erlkönighaft. Und diese seltsamen Pflanzen, die so unheimlich vor dem dämmrigen Hintergrund aussehen, die mag Irma nicht. Vielleicht sollte sie Chris fragen, was das für ein Zeug ist. So ein Quatsch, Chris… Jedenfalls sehen die fast aus wie riesige Sonnenblumen, aber mit mickrigen farblosen Blüten und gefährlich gezackten Blättern, die halb vergammelt aus den monströsen Stängeln ragen. Irma weicht diesen Pflanzen instinktiv aus und versucht, sie nicht zu berühren.

Plötzlich hat sie das Gefühl, jemand geht an ihrer rechten Seite, es kommt ihr vor wie ein Mann, ein sehr großer Mann, und sie schaut vorsichtig nach rechts. Oh nein, was will der denn hier? Der hat ihr gerade noch gefehlt, muss am Wetter liegen, das Gewitter hat sie wohl mürbe gemacht.

Oh, er legt den Arm um sie, und Irma fühlt sich auf einmal sehr zufrieden und irgendwie wunschlos glücklich.

Er schaut ihr tief in die Augen, und Irma blickt ihn gespannt an. Will er ihr etwas sagen?

„Komm lass uns hinter diesen Busch gehen und es dort treiben!“

Irma erstarrt. Das ist ja ein toller Traum! Ein Wirklichkeitstraum! Sie reißt sich von ihrer Vision los und schmeißt sie gnadenlos in die falschen Sonnenblumen. Hoffentlich sind die ätzend und giftig. Und wenn nicht, soll sie doch da liegen bleiben, diese blöde Vision, bis sie inklusive Chris verrottet!

Verdammt noch mal, bleib mir ja aus meinen Träumen!

Irma schlendert wieder zurück in Richtung Schnellstraßenbrücke. Unter starker Rotweineinwirkung und unter Einfluss des Nebels, der auf den Wiesen liegt, kichert sie blödsinnig vor sich hin: Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an, Erlkönig hat mir ein Leids getan. Du blöder Erlkönig du!

 

Der spätere Abend schleppt sich mühsam dahin. Oh Gott, sind diese Leute ätzend, mit denen kann Irma nichts anfangen, na ja, immerhin finden sie ihre Musik gut. Und am besten kommen ‚the The’ und ‚Deine Lakaien’ an. Die Lakaien müsste sie Chris mal vorspielen, der wird bestimmt drauf stehen. Oh nein, nicht schon wieder der...

Leider hat sie schon den Punkt überschritten, wo sie noch Auto fahren könnte, und jetzt ist sie hier gefangen und kann nicht weg. Das heißt, sie könnte ja zu Fuß weggehen und sich irgendwo ein Taxi schnappen, aber dann steht ihr armes Autochen hier alleine herum…

Später in der Nacht sitzt Susanne ziemlich trübsinnig im Karmann und sieht recht mitgenommen aus. Zuviel Rotwein getrunken, schätzt Irma.

„Leg’ dich nach hinten und versuch’ zu schlafen“. Irma küsst sie sanft auf die Stirn. Was ist los mit ihr? Warum tut sie das? Weil Chris diese Unsitte praktiziert? Der knutscht bestimmt jede Frau auf die Stirn, macht auf verständnisvoll und will alle Geheimnisse wissen, die man als Frau so hat. Verspricht sich bestimmt Macht davon – und noch mehr Erfolg bei Frauen. Aber an ihr wird er sich die Zähne ausbeißen, dem wird sie gar nix erzählen. Was auch?

„Mir ist schlecht“, murmelt Susanne, sie beugt sich leicht aus dem Auto und kotzt mit einer anmutigen Gebärde den gesammelten Rotwein und als Zugabe ein zerkleinertes Kotelett aus.

So was von Kotzen hat Irma noch nie gesehen. Alles kommt auf einmal raus mit einem RUMMSS!

Susannchen kann keinen Alkohol vertragen, na ja man kann nicht alles, und sie hat ja schon liebesmäßig einiges drauf. Irma denkt das teils mitleidig, teils bewundernd.

Aber oh je, jetzt wird ihr selber leicht schlecht, und sie schlägt sich in die immer noch nassen Büsche, um sich einen Finger in den Hals zu stecken... Es klappt, und sie würgt einiges hinaus...

Oh Gott, ist das alles furchtbar! Und was tut sie überhaupt hier? Irgendwas muss geändert werden in ihrem Leben, sie denkt an den furchtbaren Abend mit Felipe, und wieder wird ihr schlecht. Sie steckt sich noch mal einen Finger in den Hals, aber sie kann noch so viel würgen, es kommt nichts mehr heraus. Sie ist leer. Ihr Magen ist leer, und ihr Geist ist auch leer. Ja wirklich, tolles Gefühl!

Als Irma zurückkehrt, liegt Susanne zusammengekrümmt auf der winzigen Rückbank des Karmanns, und die meisten Gäste brechen gerade auf. Sie schwingen sich auf ihre Fahrräder, radeln davon oder verschwinden einfach in der Dunkelheit. Ist Irma vollkommen egal, wohin die verschwinden. Hauptsache, sie verschwinden.

Als alle Gäste weg sind, beratschlagt sie mit Madame, wo sie schlafen sollen. Natürlich würde Madame lieber nach Hause chauffiert werden, aber das geht leider nicht, Irma hat viel zuviel getrunken. Blöderweise fühlt sie sich gar nicht berauscht, sondern einfach nur hundsmiserabel.

Madame entschließt sich, auf dem Beifahrersitz des Karmanns zu übernachten. Na super! Irma hat gehofft, sie könnte sich vorne im Auto über beide Sitze legen und sich dort unter einer Decke zusammenrollen. Aber nein...

Madames Rottweilerhündin und ihr Stecher Georg dürfen auf dem harten Steinpflaster unter der Schnellstraßenbrücke übernachten. Als Kopfkissen erhält Stecher Georg Madames Reisetasche, und eine Decke – das glaubt Irma jedenfalls – schmeißt sie ihm auch noch zu. Oder vielmehr nicht ihm, sondern ihrer Hündin Venus.

Mit Sicherheit hat Irma den schlechtesten Teil erwischt. Sie hat nämlich das Lenkrad zwischen ihren Beinen, das ist umso ärgerlicher, weil sie heute ganz früh am Tag schon ganz was anderes zwischen den Beinen hatte... Das war sehr viel besser und sogar irgendwie gemütlich, obwohl alles ohne Zärtlichkeit ablief. Natürlich konnte man es nicht vermeiden, sich während der Bumsereien zu berühren, aber danach trennte man sich immer unauffällig voneinander und unterließ jeden Körperkontakt, bis dann wieder...

Was der jetzt wohl treibt? Liegt bestimmt mit einer Frau in seinem gemütlichen Bett. Das bringt sie ein wenig auf, aber sie denkt einfach nicht weiter dran, ihr ist ja sowieso schon schlecht. Und wen juckt das? Sie bestimmt nicht!

Zum Glück ist es nicht kalt in dieser Nacht, und Irma duselt so vor sich hin. Bis sie aufwacht. Irma hat einen sehr leichten Schlaf, und diese bescheuerte Schlafposition macht ihn noch leichter.

Madame will gerade aussteigen. Was will die draußen? Oh, es wird schon hell, und diese Nacht wird bald vorbei sein. Endlich!

„Wo willst du denn hin?“ fragt sie.

„Ich muss an meine Reisetasche!“ sagt Madame energisch.

Daraufhin döst Irma wieder ein, aber es ist nur für ein paar Minuten, denn plötzlich wird sie durch ein fürchterliches Gezeter geweckt.

„Du Schwein! Du verdammtes Schwein!... Aaarrrggg!“

 

Ab hier wird der Mantel der Verschwiegenheit über die Szenerie gebreitet. Aber im nächsten Kapitel werden wir vielleicht einiges darüber erfahren. Oder besser nicht...

 

Fortsetzung folgt

 

Alle Irma-Chris Geschichten sind auf meiner Homepage, und zwar dort:
http://ingridgrote.de/html/bucher.html
Ingrid Grote, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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