Nicole Fröhlich

Die Tochter des Feindes, Neue Fassung

Die Tochter des Feindes

 

Anni bog in die nächste Straßenecke ab und blickte noch mal ängstlich zurück. Der Fremde im grauen Trenchcoat hatte sie so merkwürdig angesehen, als sie die Telefonzelle verlassen hatte. Sie fragte sich, was er wohl gehört hatte. Kannte er Michael? Wusste er vielleicht sogar, wer sie war?

Als der Fremde in ihre Richtung ging, versteckte sich Anni in einer Nebengasse; sie wollte keinesfalls gesehen werden. Der Mann setzte sich an die Bushaltestelle und las Zeitung. Er hatte sehr weiche Gesichtszüge, fast schon kindlich. Bestimmt war er nicht älter als zwanzig.

Hinter dem Hügel tauchte der Bus am Ende der Straße auf. Rasch näherte er sich der Haltestelle und hielt scheinbar augenblicklich, als er sie erreicht hatte. Die Tür sprang auf und der Junge stieg ein. Erst als der Bus in einer Nebenstraße verschwunden war, traute sich Anni wieder aus ihrem Versteck. Sie sah auf die Uhr und wusste, dass sie sich nun beeilen musste. Schon vor einer halben Stunde hätte sie Ala vom Kindergarten abholen sollen. Hastig eilte sie zu dem hohen gelben Altbau mit den bunten Fenstern in der Alleestraße 18. Diese Straße trug ihren Namen zu Recht, denn sie war durchgehend von hohen Ahornbäumen gesäumt. Jetzt im Sommer leuchteten die Blätter in einem saftigen Grün. Die dichten Baumkronen ließen nur wenige der sengenden Sonnenstrahlen durch und spendeten eine wohltuende Kühle.

Anni interessierte dies nicht. Ihr Gesicht glühte vor Hitze und Anstrengung, als sie endlich den Kindergarten erreicht hatte. Keuchend rannte sie durch die Tür, hinter der Ala mit traurigem Blick wartete.

“Ich dachte schon, du kommst nicht mehr”, murmelte sie trotzig.

Tut mir leid, Liebes, mir ist was dazwischengekommen.” Anni wollte sich jetzt nicht mit ihrer Tochter streiten. Sie hatte es langsam satt.

“Immer vergisst du mich”, beschwerte sich Ala.

“Schatz, ich mach’ es wieder gut. Willst du ein Eis?”

Ich will kein Eis, ich will zu Papa.”

“Du weißt, dass das nicht geht.” Anni seufzte. “Bitte komm jetzt. Sei lieb, wir müssen nach Hause.”

“Warum müssen wir nach Hause?”

“Weil ich es sage.” Anni verlor die Geduld. “Komm jetzt!” Sie packte Ala am Arm und zerrte sie zur Tür hinaus. Die Kleine fing hysterisch zu kreischen an. Erschrocken ließ Anni sie los und Ala rannte die Straße hinunter. Panisch hetzt Anni hinterher. Sie spürte, wie ihr der Angstschweiß eiskalt den Nacken hinunter rann. Michael war noch in der Stadt, das wusste sie sicher. Ihr war klar, dass er nur auf eine Gelegenheit wartete, ihr Ala zu entreißen. Seit ihrer Trennung von ihm vor zwei Jahren war Anni mit Ala auf der Flucht. Schon damals war Michael immer wieder mitten in der Nacht aufgetaucht, um Ala zu holen. Anni hatte sich stets mit ihrer Tochter im Haus verschanzt, doch Michael hatte nie aufgegeben. Als sie dann vor acht Monaten Thorsten kennen gelernt hatte und zu ihm nach Magdeburg gezogen war, fühlte sie sich zum ersten Mal nach ihrer Scheidung wieder geborgen. Doch Michael war ihr immer noch auf den Fersen und vor zwei Wochen hatte er sie wieder aufgespürt. Anni gab vor, geschäftlich in Florida zu sein, um ihn abzulenken. Niemand durfte wissen, wo sie wirklich war, nicht einmal Thorsten. Niemand durfte von der Hütte am Stadtrand wissen, in der sie sich mit Ala versteckt hielt.

Immer weiter entfernte sich Ala. Im Schatten der Bäume konnte Anni ihr kleines Mädchen kaum noch ausmachen. Plötzlich verlor sie es aus den Augen und blieb nach Luft schnappend mitten auf der einsamen Straße stehen. Verwirrt sah sie sich um, doch Ala blieb verschwunden. Anni war es, als hätte ihr jemand mit aller Kraft in den Bauch getreten. Ihr wurde übel.

Da hörte sie plötzlich einen Schrei, der ihren ganzen Körper eiskalt durchzuschütteln schien. “Ala!”, dachte sie panisch. Da tauchte auch schon Michael am Straßenrand zwischen den riesigen Laubbäumen auf. Die wimmernde Ala hatte er grob am Arm gepackt.

“Hallo Anni“, spottete er, “gut, dass ich euch endlich gefunden habe. Habt ihr mich auch vermisst?”

Anni war bleich geworden. “Bitte lass uns in Ruhe!”, flehte sie.

“Ich euch in Ruhe lassen?” Michael schüttelte fassungslos den Kopf. “Ich kann euch nicht in Ruhe lassen. Wir drei gehören zusammen. Euch in Ruhe lassen. Nein, das kann ich nicht. Wirklich nicht. Geht einfach nicht.” Er griff Ala im Nacken und versuchte sie die Straße hinunterzuzerren. Das Kind schrie auf vor Schmerzen. Michael gab ihm eine heftige Ohrfeige, so dass Ala mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel. Dann packte er sie an den langen Haaren und versuchte sie wegzuziehen.

Annis Angst war nun in Wut umgeschlagen. Schreiend rannte sie auf Michael zu und stürzte sich auf ihn. Damit hatte er nicht gerechnet und ließ seine Tochter für einen kurzen Augenblick verwirrt los. Ala nutzten diesen Moment der Freiheit zur Flucht. Blitzschnell rappelte sie sich auf und floh, ohne sich umzusehen.

Bevor Anni kapiert hatte, was passiert war, hatte Ala auch schon die etwa hundert Meter entfernte, belebte Hauptstraße erreicht.

Dann war sie verschwunden. Michael starrte geschockt mit leblosen Augen ins Getümmel. Anni rannte zur Straße hinunter und rief immer wieder Alas Namen, doch das Kind war wie vom Erdboden verschluckt.

Eine Weile irrte Anni noch verzweifelt durch die Stadt. Dann wurde ihr bewusst, sie würde Ala nicht alleine finden. Verzweifelt überlegte sie was sie tun sollte. Zur Polizei wollte sie nicht gehen, denn dort würde man wissen wollen, was passiert war. Das hätte bedeutet, sie hätte Michael verraten müssen. Anni fürchtete, er würde sie danach noch unerbittlicher verfolgen und bei diesen Gedanken zogen sich alle Organe in ihren Inneren zusammen.

Langsam schlich Anni in den Park und setzte sich auf eine einsame Bank, im einsamen Gelände. Die Sonne begann unterzugehen und färbte den Horizont rot. Anni liebte Abendrot, doch dieses machte ihr Angst. Sie nahm grässliche, schreiende Fratzen darin wahr und die Farbe erinnerte sie an Blut, Alas Blut.

Lange saß Anni in sich gekehrt da und dachte an nichts. Manchmal hörte sie einen Vogel zwitschern, doch die meiste Zeit herrschte Grabesstille um sie herum.

Plötzliche spürte sie, dass jemand hinter ihr stand und ihr ganzer Körper spannte sich, denn sie wusste, es konnte nur Michael sein. Mit fester Hand griff er Anni in den Nacken, beugte sich runter zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Das ist alles deine Schuld, du hast deine eigene Tochter auf den Gewissen.“

Schreiend wollte Anni aufspringen und flüchten, doch Michael hielt sie so fest, als wäre sie in einen Schraubstock eingespannt.

„Du kommst jetzt mit.“, befahl er ihr.

Anni merkte, dass es keinen Sinn hatte sich zu wehren und fügte sich. Michael zerrte sie aus dem Park hinaus und brachte sie auf direkten Weg zur Hütte am Stadtrand. Dann sah er sie spöttisch an: „Du glaubst wohl, du kannst mich verarschen. Ihr könnt euch nicht verstecken. Ich finde euch überall, meine Süße.“

Drinnen brannte Licht. Das konnte nur Ala sein, die alleine heim gelaufen war und mit den Schlüssel im geheimen Blumentopfversteck der beiden aufgeschlossen hatte.

„Los mach auf, beeil dich.“, fuhr Michael Anni an, und sie gehorchte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie Ala schützen könnte, doch sie steckte in einer fürchterlichen Sackgasse, aus der es keinen Fluchtweg gab.

Ala hatte die beiden bereits kommen sehen und kauerte hinterm Küchentisch wie ein verletztes Reh. Ihr zerbrechliches Gesichtchen war geschwollen. „Hallo mein Schatz.“, begrüßte Michael sie herzlich und versuchte sie in den Arm zu nehmen. Ala wich zurück, doch Michael hatte sie bereits fest umklammert. Angstvoll blickte Ala in Annis verweinte Augen und sah keine Hilfe darin.

„Setzt euch dahin.“, befahl Michael den beiden freundlich.

Stumm setzten sich Ala und Anni auf das weiße Ledersofa und klammerten sich schutzsuchend aneinander.

„Ich hole uns was zu trinken.“ Michael lächelte und ging in der Küche.

Da gab es auch schon einen heftigen Schlag, gefolgt von einem nervenzerreißenden Schrei. Michael brach bewusstlos zusammen. Panisch und vor Angst schreiend sprangen Ala und Anni auf, beiden waren immer noch ineinander verschlungen.

„Es ist alles gut, ich bins nur.“, rief Thorsten und eilte aus der Küche zu den beiden.

„Es ist vorbei, ich hab ihn außer Gefecht gesetzt.“, beruhigte er die beiden und nahm sie fest in die Arme.

Die Polizei war innerhalb wenigen Minuten da.

„Woher wusstest du wo wir sind.“, fragte Anni Thorsten, nachdem Michael weg gebracht worden war.

„Die alte Frau Zimmer hat in der ganzen Stadt herumerzählt wo ihr seid, nachdem sie euch gestern neugierig nachgelaufen war.“

„Diese alte Plaudertasche. Doch irgendwie bin ich froh. Ohne sie hätte dieser Alptraum wohl nie ein Ende genommen.“ Erleichtert küsste Anni die kleine Ala auf die Stirn.

 

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Als junges Mädchen erfand ich schon lustige Geschichten, die ich meiner Nichte erzählte. Meine Dichterei geriet in Vergessenheit, erst meine Kinder Walter und Beatrix gaben mir, durch ihren herzigen Kindermund die Idee wieder zu schreiben.
Wie sie sehen, ging meine Phantasie mit mir durch und etliche Gedichtbände kamen raus. Ich hoffe auch sie finden das Eine oder Andere, worüber sie lächeln können. Viel Vergnügen beim Lesen wünscht ihre Margit.

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