Hannah Kochendörfer

Der Pavillion

Es war zu der Zeit, als ich Sehnsucht nach Einsamkeit verspürte. Ich wollte raus aus dieser Welt, weg vom Alltag, den Menschen um mich herum. All diese Lügen und Intriegen hinter mir lassen, das war mein Traum. Diesen Traum erfüllte ich mir und so kam es, dass ich nach Spanien auswanderte, um genau zu sein in ein kleines Dorf nahe Cádiz, ganz weit im Süden. Und hier beginnt meine Geschichte.

Das Dorf war nur sehr klein. Die Straßen waren weder geteert noch gepflastert. Überall wuchsen Kakteen und trockenes Gras bedeckte das Land umher. Die Luft flimmerte und stand dick über der Erde, welche bei jedem Schritt den man tat staubte. In den Straßen standen überall alte Motorroller und Fahrräder, denn um Auto zu fahren war es viel zu heiß. Man musste sich wie eine Sardiene in der Büchse fühlen.                                        

Ich lebte in einer kleinen Holzhütte am Rande des Dorfes. Meine Haustür war nur mit dünnem Tunikenstoff verhängt. Die Bewohner in diesem Dorf schließen niemals die Türen ab, da man sich kennt und vertraut. Mein Geld verdiente ich, indem ich Einkäufe für die älteren Bewohner erledigte. Ich fuhr dann mit meinem knatternden, roten Motorroller nach Cádiz um alles zu besorgen. Viel Geld war es nicht, das ich so verdiente, aber es reichte, um das zu kaufen, was meine lieben Nachbarn mir aus ihren Gärten nicht geben konnten.

Aber das ist alles nur nebensächlich. Die kleine blaue Bucht, mit dem weißen Strand und den Palmen, ich werde sie nie vergessen. Ich lebte drei ganze Jahre dort und ging jeden Abend mit meinem Hund Don Carlo am Strand, in den Grasfeldern und auf den Klippen spatzieren, trotzdem fand ich dieses Paradies erst im letzten Jahr, das ich dort verbrachte. Vielleicht war das auch gut so.

Es war ein langer, trockener Tag gewesen und ich ging ausnahmsweise mal ohne Don Carlo raus. Ich konnte sein schrilles Gekläffe an diesem Tag wirklich nicht ertragen. Meine Gedanken waren leer und ich stapfte ohne zu wissen wohin durch die Landschaft. Ich lief und ließ den sanften Wind die Hitze des Tages aus meinem Körper brausen. Mit der Zeit taten meine Füße weh und ich setzte mich auf einen Stein und verschnaufte. Ich legte den Kopf auf meine Knie und atmete tief durch. Ich verharrte einige Minuten in dieser Haltung und wäre fast eingeschlafen, wenn mich nicht ein leises Klingeln und Klappern aufmerksam gemacht hätte, dass vom Wind durch die Luft getragen wurde. Ich hob den Kopf und fand mich auf einem sandigen Pfad in Mitten eines Palmenheins wieder. Da war es wieder! Ein Klingeln, dass mich zum schmuntzeln brachte, da es so verspielt und himmlisch klang. Dazu kam Meerrauschen und das Rascheln der Palmenblätter im Wind. Ich drehte mich um. Hinter den Palmen, die ich eben noch im Rücken hatte, sah ich die Sonne blutrot unter gehen. Sie ließ die leichten Wogen des Wassers glitzern. Dort, einige Meter von mir entfernt, lag eine Bucht, mit einem schneeweißen Sandstrand. Ich stand auf und ging langsam zwischen den Palmen hindurch. Mir stockte der Atem. Die ganze Atmosphäre die dieser Strand ausstrahlte, dazu dass gedämpfte Licht der Abendsonne, Meerrauschen! Das war es, so hatte ich mir das vorgestellt: mein Zufluchtsort in eine andere Welt. Das war jedoch nicht alles. In der Mitte des Strandes war eine Art Hütte aufgebaut. Ein spitzes, palmenbedecktes Dach, welches mit mehreren Pfälen verbunden war, die wiederum in den Sandboden gerammt waren, bildeten einen kleinen, runden Pavillion. Zwischen den Pfälen waren weiße, transparente Tücher gespannt. Ein Vorhang aus langen Muschelketten verschleierte den Eingang. Von ihnen ging das Klappern aus, dass ich gehört hatte. Das leise Klingeln wurde aber von einem Windspiel verursacht, welches aus hunderten von dünnen Metallrörchen bestand, die rund um den Pavillion am Dach hingen.

Ich ging näher. "Hola?", rief ich. Niemand antwortete. Ich umrundete den Pavillion und konnte somit einen Blick ins Innere erhaschen. Auf dem Sandboden standen mehrere Kerzen, die in bunten Gläsern flackerten. Auf einem kleinen, runden Tischchen stand eine Weinflasche, daneben lag ein Schnitzmesser und ein Buch. In der Mitte des Pavillions stand ein seltsames, aber schönes, rundliches Bett, auf welchem viele, große kissen lagen. Vom hohen Dachbalken baumelten Traumfänger und Windspiele, welche selbstgemacht aussahen, was nicht heißt, dass sie mir nicht gefielen. Als ich mich endlich von den schönen Kleinigkeiten losreißen konnte und mich in der Bucht umsah, konnte ich allerdings niemanden entdecken, der der Erbauer dieses Wunderwerks sein konnte. Ich war die einzige Menschenseele. "Da weiß wohl jemand, wie man eine Frau verführt.", dachte ich mir. Es war sicherlich ein Liebesnest eines jungen Paares, welches Wert auf Romantik legte. Ich ließ den Blick noch einmal darüber schweifen und wandte mich dann zum Gehen.

In dieser Nacht träumte ich von diesem geheimnisvollen Ort. Ich ging wieder durch den Palmenhein zum Strand und umrundete den Pavillion. Doch diesmal trat aus dem, mit Muschelketten verhängten Eingang ein großer sonnengebräunter Mann. Er trg eine weite Leihnenhose, die, weil sie ihm viel zu lang war, am Saum sandig braun verfärbt und ausgefranst war. Sein muskulöser Oberkörper glänzte und einige Tropfen rannen über seine warme Haut. Um den Hals trug er eine Kette mit einer Muschelperle, die von zwei Korallenstückchen flankiert wurde. Sein schulterlanges, lockiges Haar war zu einem Zopf gebunden.
Er trat auf mich zu und legte seine Hand auf meine Wange. Ich blieb einfach still stehen, ohne ein Wort zu sagen. Dann legte er seine Lippen, welche nach Meersalz schmeckten, auf die Meinen. Seine Hände glitten an meinen Armen herab, bis zu meinen Handgelenken. So zog er mich langsam, ohne den Kuss zu unterbrechen, in den Pavillion. Ab diesem Zeitpunkt lief der Traum wie ein Film ab. Es war als würde die Kamera immer wieder um den Pavillion kreisen und durch die transparenten Wände zeigen, was im Innern vor sich ging. Ich sah unsere Körper, wie sie sich auf und ab bewegten, wie sich seine breiten Schulterblätter sich zusammen zogen und seine Muskeln sich anspannten, wie ich erregt den Kopf in den Nacken legte und mein Brustkorb sich wölbte. Bald lagen wir uns fest umschlungen nd erschöpft in den Armen und sahen uns an. Die Kamera war nun über uns und entfernte sich immer weiter. Dann wurde es dunkel.

Ich öffnete die Augen. Vor mir saß Don Carlo und hächelte mich an. Ich wandte den Kopf weg und sah auf die Uhr, die über meinem Bett hing. Halb eins! Die Mittagssonne stand schon hoch. Ich stand langsam auf, streckte mich und ging dann in die Küche. Don Carlo folgte mir und stieß mit der Nase an den Wassernapf. Das Klappern wieß mich darauf hin, dass dieser leer war. Ich hob ihn auf und füllte ihn. Don Carlo schlürfte in vollen Zügen, so dass ich ihn ein zweites Mal hätte füllen können, aber ich stand verträumt an der Kaffeemaschiene, hielt den Filterin meinen Händen und blickte in die Ferne. Als Don Carlo fragend fiepte, sah ich auf und stöhnte leise. Ich füllte den Wassernapf nochmals und ging dann auf die Veranda. Ich lehnte den Kopf gegen den Stützpfosten und versank wieder in meinen Gedanken. Dann viel mir plötzlich ein, dass ich diesen Pavillion wirklich gesehen hatte. "Gestern Abend!", stieß ich hervor und schlug mir gegen die Stirn. Ich rannte ins Haus und kam angekleidet wieder herausgestürzt. "Bleib da!", rief ich zu Don Carlo und rannte in Richtung Traumstrand.
Erst als ich am Palmenhein und bei dem Stein, auf dem ich gesessen hatte, ankam, blieb ich stehen. Ich schloss die Augen und lauchschte. Verwirrt öffnete ich sie wieder. Es war kein Klingeln und kein Klappern zu hören. Ich schritt also langsam zwischen den Palmen hindurch und hinaus auf den weißen Strand. Der Pavillion war verschwunden. Ich schnaufte enttäuscht. War es also alles ein Traum? Plötzlich entdeckte ich einen Pfosten, der in den Sand geschlagen war. Daran hing etwas, das vom Wind getrieben, hin und her pendelte. Ich ging näher und musste lächeln. Nicht nur lächeln-ich fing an zu lachen. Ich tanzte und sprang im Sand umher, bis ich mich prustend fallen ließ. Als mein Anfall zu Ende war stand ich auf und ging wieder an den Pfosten heran.
An einem Nagel gebunden, hing eine Kette. Eine Kette mit einer Muschelperle, flankiert von zwei Korallenstückchen.

Seid diesem Tag, weiß ich Wahrheit und Illusion nicht mehr zu unterscheiden. Bis heute kann ich mir das alles nicht erklären. Hätte ich es jemandem erzählt, hätte mir diese Person mit Sicherheit nicht geglaubt. Deshalb schrieb ich diese Geschichte nieder. Denn die Welt zwischen den Worten kann für jeden anders sein, kann für jeden Wahrheit hervor bringen. Oder vielleicht doch nur eine Illusion.

 

 

 

Diese Geschichte basiert auf der Inspiration durch Musik. Ich habe ein Lied gehört, die Augen geschlossen und diesen Pavillion vor mir gesehen.Hannah Kochendörfer, Anmerkung zur Geschichte

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