Ulrike Werkmeister

Maira + Thorion

Maira schlenderte über den Markt. Sie schaute sich mal einen, mal am anderen Stand die auslagen an. Langsam näherte sie sich dem Teil des Marktes, wo die Waffen verkauft wurden. Sie hatte eigentlich gar nicht vorgehabt dort hin zu gehen, doch sie wurde regelrecht magisch angezogen. Sie sah sich flüchtig um, ob sie ein bekanntes Gesicht erkennen würde, doch Maira hatte Glück.
Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem sie das Schwert ihres Vaters aus der Truhe geholt hatte. Sie hatte es schon öfters gemacht, aber sie wurde nie entdeckt. Doch an jenem Abend hatte sie nicht lange genug gewartet und ihre Eltern standen plötzlich hinter ihr, Sie hatte einen Mordsärger bekommen. Sie musste die ganzen nächsten Monate ihrer Mutter im Haushalt helfen und die Truhe war von nun an fest verschlossen.
Heute hatte sie die Erlaubnis bekommen auf den Markt zu gehen. Die Einkäufe hatte sie schon erledigt, Sie wollte noch ihren freien Tag genießen und schlenderte über den Markt.
Sie sah sich die Schwerter an, die zum Verkauf angeboten wurden. Es waren wunderschöne dabei. So wie andere Mädchen ihres alters von Schmuck angezogen wurden, wurde sie von Schwertern angezogen.
Sie war jetzt fast am Ende des Marktes angekommen. Sie steuerte auf einen Stand zu, der etwas abseits stand und blieb stehen. Sie bewunderte die ausliegenden Schwerter und nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte:
„Was kosten die Schwerter?“ Sie hatte schon angst, dass ihr Gegenüber sie auslachen würde und sie nach Hause schicken würde, doch dieser antwortete ihr:
„Das hier kostet 500XY und das hier 400XY.“ Maira dachte sich: ‚die sind aber ganz schön teuer‘ und fragte:
„Gibt es auch billigere?“ Der Junge Mann antwortete:
„Ja. Das hier. Das kostet nur 300XY“
‚Das ist aber auch noch recht viel‘ dachte sie und sah sich die Schwerter und den Jungen Mann genauer an. Der Junge Mann hatte blondes, leicht gelocktes Haar, das ihm locker auf die Schultern fiel und ein freundliches und offenes Gesicht.
Sie wunderte sich, warum er sie nicht ausgelacht hatte, als sie nach dem Preis der Schwerter gefragt hatte. In der Gegend in der Maira lebte, hatte eine Frau zu kochen und das Haus in Ordnung zu halten. Und wenn sich eine Frau anders verhielt wurde sie ausgelacht und für verrückt verkauft.
Langsam schlenderte Maira weiter. Aber der Junge Mann wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass er ihr lange nicht mehr aus dem Kopf gehen würde. Hätte sie es zu dieser Zeit gewusst, hätte sie sich bestimmt anders verhalten.
Nachdem Maira durch den ganzen Markt gelaufen war, näherte sie sich wieder dem Waffenstand und starrte verträumt die Schwerter an. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie erschrocken zusammenzuckte als plötzlich eine Stimme sagte:
„Die Schwerter faszinieren dich schon ziemlich, oder?“ Der Junge Mann lächelte sie an.
„Doch. Schwerter haben mich schon immer fasziniert“ meinte sie.
„Was willst du überhaupt mit einem Schwert machen?“ fragte er.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“
„Wußtest du, dass bei uns Wikingern Frauen auch mitkämpfen?“ fragte er Maira.
Maira sah ihn erstaunt an. Das war ihr vollkommen neu. Frauen, die gleichberechtigt wie Männer ein Schwert tragen und es auch einsetzten!
„Nein“ meinte sie. Der Junge Mann lächelte sie an und sie lächelte zurück. Er war ihr total sympathisch, doch sie war viel zu schüchtern um etwas zu sagen.
Maira sah sich die Auslagen des Stands zum x-ten mal an und blieb bei ein paar Münzen stehen und betrachtete sie genauer. Auf der einen Seite war ein Schiff abgebildet und auf der anderen Seite ein Vogel um den etwas im Kreis geschrieben stand.
„Was kostet eine?“ fragte sie.
„Das sind Wikingermünzen. Das,“ er zeigte auf das Schiff, „ist ein Wikingerschiff. Und weißt du was? Weil du so nett bist schenk ich dir eine.“ Er lächelte ihr wieder zu.
Maira bedankte sich bei ihm und ging zurück. Es war mittlerweile schon recht spät und sie würde Ärger bekommen, wenn sie nicht bald heimkäme. Sie drehte sich noch einmal um und blickte zum Stand zurück.
Als sie daheim war, spürte sie ein komisches Gefühl in ihr und sie musste feststellen, dass ihr der Junge Mann nicht nur sehr sympathisch gewesen war, sondern, dass sie sich in ihn verliebt hatten. Verliebt sein ist ein komisches Gefühl, doch wenn man weiß, dass man denjenigen nie wieder sehen wird, ist es deprimierend. Und so erging es Maira.
Sie wusste von ihm nur, dass er ein Wikinger war und das war schon alles! Sie schwor sich die Münze ganz gut aufzubewahren und ihn nie wieder zu vergessen. Sie prägte sich sein Gesicht gut ein und beschloss, ihn Thorion den Wikinger zu nennen, denn sie konnte ihn nicht ohne Namen lassen.
In ihr herrschte eine schreckliche Leere und sie konnte sich auf nichts konzentrieren, weil sie immerzu an ihn denken musste. Sie hatte auch keinen Hunger mehr. Es war als ob in ihr eine Flamme von unbeschreiblicher Schönheit brennen würde. Von einer Schönheit, die fast schon wieder schmerzhaft war.
Wenn sie doch einen Weg wüsste ihn wiederzusehen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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