Rico Graf

Die Straße

Er ging die Straße entlang. Seine Augen suchten nichts Bestimmtes. Manchmal sind sie einfach nur da und das war es. Nicht immer sah man mit ihnen. Er wusste dies. Ihre Ziellosigkeit war Ausdruck der Nicht-Kontrolle über sie. Wenn die Konzentration an dieser Stelle fehlte, musste sie auf eine andere gerichtet sein. Deswegen wäre es nun auch unmöglich, zu beschreiben, wie diese Straße aussah. Unmöglich und unsinnig. Für wen?

Die andere Stelle ist eigentlich keine Stelle. Es ist auch eine Straße, wie die, auf der er gerade entlanglief. Jedoch hätte er auch hier niemals sagen können, wie sie aussah. Sie war real. Wirklich! Denn er war es schließlich auch. Dennoch war sie in ihm und damit einzigartig, träumerisch und surreal. Die Straße war ein Weg aus einer diffusen Masse, unsubstanziell. Es gab keinen Horizont. Ihre Häuser waren Wirbel. In Bewegung. Nie endend. Bewegungen aus Sprache. Wörter. Wörter mit Farben. Farben der Gefühle. Assoziationen, Konstrukte, zitternd und neblig. Unwirklich und wirklich. Die Augen weit offen. Sie suchten hier die Sicherheit. Eine ganz bestimmte Sicherheit. Etwas Festes. Stabiles! Die Worte zuckten gleich Klängen, die sich in Laut- und Leisesein abwechselten. Wie Gespenster. Personen. Menschen. Gesichter. Und da! Es klopfte schneller. Wärme kam über die Straße als würde der grenzenlose Schein einer hellen Sonne auf sie gerichtet werden. Etwas Eindeutiges darin. Er sah sie. Sie. Ein Lächeln. Ein Gesicht. Ein Körper. Eine Stabilität. Eine Sicherheit. Er war nicht mehr allein auf dieser Straße. Vor ihm stand diese Frau. Die er so sehr liebte. So sehr, dass ihm der Schmerz der Sehnsucht, der Taumel des Glücks, die Gewissheit einer Geborgenheit ihn dazu zwangen, die Tränen zu unterdrücken. Doch war es ihm nicht möglich. Er öffnete die Arme. Seine Liebe tat es ihm gleich und dann drückte er sie. Sie sich beide. Ganz fest. Sicher. Geborgen.

 

Und sie flüsterten sich gegenseitig ins Ohr: „Ich liebe dich!“

 

Es war so schön, dass selbst ihre Herzen Tränen des Glücks vergießen wollten. Heiße. Kraftvolle. Alles war hell. Sicher! Stark! Die Straße verschwamm. Und dann ein Blinzeln. Ein Zwinkern. Sie war fort. Und die Straße bestand aus echtem Asphalt, echten Häusern, einem Himmel mit Wolken, Menschen, Gesichtern, Stimmen, einem Horizont – die Straße war eine Straße. Und die Verschwommenheit löste sich auf, denn eine kleine Träne perlte aus seinem Auge die Wange herab und viel zu Boden, befeuchtete den Asphalt für einige Sekunden, bis sie kaum merklich verdunstete. Er ging weiter die Straße entlang. Und wenn jemand diese Geschichte lesen könnte, würde er vermutlich denken, wie traurig es sei, dass die Geliebte von ihm wahrscheinlich nie erfahren wird, dass eine Träne um sie vergossen wurde. Nur deswegen, weil sie geliebt wurde. Auf jeder Straße dieser Welt. Nur deswegen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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