Michael Roth

Abgezockt

Es war schon kurz vor Mitternacht und ich war noch immer hellwach. An Schlaf war nicht zu denken, deshalb zog ich mich an um einen Spaziergang zu machen. Ich schlenderte also durch die Straßen meiner Stadt, genoss die frische Luft und war bezaubert vom sternklaren Himmel über mir. Kein Mensch war unterwegs, nur ein streunender Hund begegnete mir in einer Gasse und verschwand wieder.
In sämtlichen Kneipen waren die Lichter gelöscht, was die Hoffnung auf ein kühles Bier zunichte machte. Ich beschloss, mich langsam auf den Heimweg zu machen, als ich am Marktplatz vorbei kam und die Leuchtreklame der Spielothek sah.
Ich war noch nie drinnen gewesen, ein Bekannter hatte mir nur schon öfter von seinen Glückssträhnen erzählt und ich war neugierig geworden. Nach einem Moment lauschen öffnete ich die Tür und betrat das Gebäude. Es war ein altes zweistöckiges Haus und die Betreiber hatten es hübsch bunt renoviert.
Im unteren Bereich war ein langer Gang, der zu einer weiteren Tür führte, hinter der eine Treppe nach oben zu führen schien. Auch hier war es menschenleer, nur ein Billardtisch und ein Tischfußball standen allein in einem großen Raum. Die Hauptaktivitäten schienen sich also im oberen Bereich abzuspielen, man konnte einen Fernseher und einzelne Stimmen aus dem oberen Stockwerk hören.
Ich holte noch einmal Luft, dann öffnete ich die Tür und stieg eine knarrende Treppe hoch und kam an einen Tresen. Dahinter saß eine Frau, die, obwohl sie nicht mehr die Jüngste war, war sie wie ein Teenager gekleidet. Sozusagen, eine ungefähr 45jährige im Outfit einer 20jährigen, was etwas lächerlich aussah.
"Guten Abend!", flötete sie freundlich.
"Guten Abend!", flötete ich zurück und setzte mich auf einen der Barhocker. "Krieg ich hier noch einen Kaffee?"
"Na klar. Hier gibts immer Kaffee, zu jeder Zeit.", sagte sie.
Ich gab ihr meinen letzten Zwanziger, ließ mir das Wechselgeld in Münzen geben und sah mich erstmal um.
Im ersten Raum standen die Funautomaten. Zwei junge Frauen saßen an einem Automaten und spielten Memory. Dann wurde es interessant, der nächste Raum stand voll mit Geldspielautomaten. Drei junge Männer und eine Frau saßen davor und zockten. Ich setzte mich vor einen der freien Automaten und beobachtete das Geschehen. Bei der Frau schien es gut zu laufen, sie spielte Poker und der Gewinnspeicher stand bei über 150Euro. Weniger gut klappte es bei den Männern. Sie fluchten ständig leise und mussten ständig nachmünzen. Das Gerät vor mir zeigte konnte in verschiedenen Einsätzen gespielt werden. Angefangen bei 10Cent, weiter über 25Cent, 50Cent und schließlich 1Euro und 2Euro. Wenn man das außerordentliche Glück hatte, im höchsten Einsatz drei Sonnen in einer Linie auf dem Display zu haben, hatte man den Jackpot von 1000Euro geknackt. Im 1Euro Einsatz waren es immer noch 500Euro.
"Alles oder nichts!", dachte ich und warf meine 19Euro Kleingeld in den Schlitz. Ich wählte den 1Euro Einsatz und drückte auf Start. Nichts. Kirschen, Bananen, Ananas kreuz und quer. Da ich meinen Kaffee fast ausgetrunken hatte, wählte ich den größten Einsatz, drückte Autostart und lehnte mich zurück. Entweder war das Geld in wenigen Sekunden weg oder nicht. Neun Chancen hatte ich und das Geld nickte herunter.
Erste Runde-Nichts, zweite Runde-Nichts, und so ging es weiter. Achte Runde nichts, dann letzte Chance, Neunte Runde. Es kam die die erste Sonne, die zweite und das Herz blieb mir stehen. "Sonne, Sonne Sonne!", betete ich. Und was kam? Kirschen.
"Fuck!", flüsterte ich.
Einer der jungen Männer hinter mir lachte und sagte: "Na da wäre ja noch schöner gewesen. Das erste Mal hier und gewonnen, das geht nun wirklich nicht!"
"Einen Versuch war es wert!", seufzte ich und schaute den anderen eine Weile zu. Der Gewinnspeicher der Frau war schon auf 200Euro angewachsen. Sie sah nicht nach links und rechts, wie hypnotisiert starrte sie auf den Automaten.
Ich musste niesen und auf der Suche nach einem Taschentuch, fand ich in meiner Hosentasche eine 2Euro Münze. Nach kurzem Nachdenken, ob ich mir noch einen Kaffee holen oder sie noch in den Automaten werfen sollte, gewann der Automat und schon klimperte sie im Einwurfschlitz.
Was dann passierte, bekam ich erst gar nicht richtig mit, weil ich mir die Nase putzte.
Ein schrilles Klingeln und eine Sirene ertönten plötzlich. Der Typ, der eben noch gelacht hatte, wurde blass und schüttelte den Kopf.
"Das kann nicht war sein!", schimpfte er. "Der erste Besuch hier und der Jackpot wird geknackt!"
Die anderen schauten ebenfalls neidisch, sagten aber nichts.
"Andere stecken ständig Unmengen Geld in die Kiste und dann kommt einer, mit zwei Euro und sahnt ab!", schimpfte er weiter. Er schien wirklich sehr angefressen zu sein.
Ich selbst stand nur ungläubig da und sah mir das Bild an, dass der Automat anzeigte. Drei Sonnen, diagonal von links oben nach rechts unten und oben im Gewinnspeicher standen 999Euro. Der Typ wetterte weiter und ich bekam langsam ein schlechtes Gewissen. Trotzdem drückte ich auf Auszahlung und ein schier endloser Schwall Münzen fiel in den Ausgabeschacht. Ich setzte mich wieder und nahm einen der großen Becher, die überall herum standen und packte das Geld hinein. 499 2Euro Münzen und eine 1Euro Münze.
Ich ging vor an den Tresen zur Angestellten und stellte ihr den Becher hin. Er war schwer.
"Kriege ich das bitte gewechselt?", fragte ich.
"Ungern.", antwortete sie."Aber was will ich machen." Ich konnte den Neid in ihrer Stimme hören.
Klar, manche sitzen jeden Tag hier und verzocken ihr Geld, ohne etwas zu gewinnen und ich komme das erste Mal und räume groß ab. Das berühmte Anfängerglück eben.
"Geben Sie mir 990Euro. Vom Rest gibts eine Runde Kaffee für alle.", schlug ich vor.
Da lächelte sie wieder. "Na das ist doch ein Wort!", sagte sie und fing nochmal an zu zählen.
Nach endlosen Zehn Minuten hatte ich endlich mein Geld in den Händen, verabschiedete mich und ging die Treppe hinunter.
"Tschüss, bis zum nächsten Mal!", rief ich und die Tür fiel himter mir ins Schloss. Im Augenwinkel konnte ich noch sehen, dass der Typ, der so geschimpft hatte, gerade telefonierte. Egal, ich war raus und nebenbei noch reich. Den Fehler wieder zu kommen und das Geld wieder zu verlieren, würde ich nicht machen.
Glücklich ging ich heimwärts und konnte es mir nicht verkneifen, unter jeder zweiten Straßenlaterne anzuhalten und in meinen Geldbeutel zu schauen un das Geld zu zählen.
Das mich ein paar Schatten verfolgten, bemerkte ich nicht.
Ich lief eine Abkürzung an der Sporthalle vorbei, als ich die Schritte hinter mir hörte. Stehenbleiben kam nicht in Frage, also ging ich schneller.. Die Schritte wurden ebenfalls schneller. 
Ging ich schneller, wurden die Schritte hinter mir ebenfalls schneller. Ging ich langsamer, wurden sie es ebenfalls. Ich musste schnell zur Hauptstrasse, dort war immer Verkehr und ich wäre in Sicherheit. Zur Not könte ich mich im Altenheim verstecken. Gerade lief ich um eine Hausecke, als ich von der Seite gepackt und zu Boden geworfen wurde. Mein Kopf knallte mit voller Wucht aufs Pflaster und mir wurde schwarz vor Augen. Zum Nachdenken blieb keine Zeit, von hinten kamen zwei Gestalten angerannt. Sie packten mich, zogen mich hoch und der, der mich überrascht hatte, schlug mir ein paar mal in den Bauch. Dann wurde ich losgelassen und fiel wieder zu Boden.
"Nehmt seine Brieftasche und dann weg hier!", sagte einer von den drein.
Ich war total benommen, konnte mich nicht wehren. Noch nicht einmal eins der Gesichter konnte ich erkennen. Fremde Hände tasteten mich ab, fanden meinen Geldbeutel und nahmen in.
Dann traten sie auf mich ein. Wieder und immer wieder. Ich spürte wie mir der leere Geldbeutel ins Gesicht geschleudert wurde und immer wieder die Tritte.
Dann wurde ich ohnmächtig.
 

Nicht dass ihr denkt, ich wäre ein Zocker.
Ich besuche allerdings sehr oft eine kleine Spielothek in meinem Heimatort, zum Kaffee trinken und labern. Ab und zu werf ich mal ein paar Euro in diverse Automaten und habe sogar schon ein wenig Glück gehabt.
Wenn man aber sieht, dass es Leute gibt, die alles was sie haben so verpulvern, dann ist das schon traurig.
Michael Roth, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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