Ingrid Grote

TOPP, die Wette – Wie es weiterging...6

Einfach so tun, als wäre nichts geschehen? Aber vielleicht ist ja gar nichts geschehen. Und falls doch, WAS JUCKT ES SIE!

Sie wird ihn am Freitag besuchen, sie wird kein Wort über die Oper verlieren, sie wird es mit ihm treiben, lustvoll treiben, sie wird ihn genießen, die ganze Nacht lang, und sie wird Sachen mit ihm anstellen, die ihn umhauen werden.

Haha, erst ihn umhauen, und danach wird sie abhauen und mit einem Kerl, den sie schon vor Monaten kennen gelernt hat, aufs Land fahren. Und vielleicht wird sie sogar mit diesem Kerl schlafen. Er ist wahnsinnig nett, und er mag sie sehr. Mal was anderes. Denn sie fühlt sich so müde, sie hat alles so satt, dieses Abtasten, dieses Herumgeeiere, diesen Zwang zur Vorsicht...

 

~~~~~~~~~~~

 

GESCHICHTEN...

 

„Hab’ ich dir eigentlich schon von Madames Psychologen erzählt?“ Er schreckt zusammen und schaut sie leicht verwirrt an.

„Nein“, sagt er schließlich.

„Also, Madames Psychologe – wo ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Psychiater und einem Psychologen? Ach was soll’s! Jedenfalls behandelt der Madame umsonst. Wie findest du das?“

„Weiß nicht...“

„Also, ich finde es unangemessen. Wer sich mit der abgibt, der sollte viel Geld dafür kriegen und ihr nicht noch was in den Hintern stecken!“ Irma ist ein wenig aufgebracht. Es scheint so, als ob Madame ziemlich viele Verehrer hat, unter anderem auch diesen Seelenklempner. Na gut, sie hat auch ein paar Verehrer. Zum Beispiel den netten Typen, den sie vor ein paar Monaten in der Disco kennen lernte. Es passierte vor Chris und nach einer bescheuerten Hochzeitsfeier. Ex Oliver erschien wider Erwarten mit seiner neuen Freundin, und Irma fühlte sich allein und im Stich gelassen. Spät in der Nacht verdrückte sie sich klammheimlich von der Feier, marschierte mehrere Kilometer durch einen finsteren Wald, landete schließlich in der Disco, und dort sprach Harald sie an. Er war nett und fürsorglich, er versuchte sie zu trösten – Himmel, was hatte sie damals eigentlich für läppische Problemchen, nichts als verletzte Eitelkeit war das – er nahm sie in den Arm, und sie nahm ihn dafür mit nach Hause. Er schlief im Wohnzimmer auf dem Sofa, er fand es ganz normal, dort zu schlafen. Gewisse andere hätten das nicht so normal gefunden… Seitdem rief er sie ab und zu an, aber sie hatte es bisher vermieden, ihn zu treffen.

„Wo war ich? Ach ja, Madame… Sie ist mit ihrem Psychologen durch die Innenstadt marschiert, und die beiden haben alte Leute angerempelt. Er hat es ihr befohlen, meinte, es wäre eine gute Übung für sie. Wie findest du das?“

Chris schweigt. Es ist ungewohnt, dass er ihr nicht zuhört. Oder dass er ihr zuhört, aber nichts dazu sagt.

„Chris?“

 

Was ist los? Hat sie sich ein wenig zu weit vorgelehnt mit diesem Sexspielchen? Hat sie seinen Stolz verletzt? Doch er wollte es ja, jedenfalls schien es so. Er verhielt sich zwar den ganzen Abend über seltsam passiv, aber geil war er trotzdem. Und sie hielt es für eine gute Möglichkeit, selber mal die Hosen anzuziehen, im übertragenen Sinne natürlich. Sie erzählte locker plaudernd, wie andere Männer gebaut wären und worauf es Frauen ankäme, Sie wollte ihm wehtun und ihn gleichzeitig erregen. Auch körperlich.

Was man nicht alles mit einem Finger machen kann... Er schaute sie hilflos und erregt an. Und dann... Er explodierte förmlich! Und wie er keuchte und sie anstarrte... Es gab ihr ein Gefühl von Macht, nicht übel zur Abwechslung, bisher hat sie sich immer gefühlt wie ein williges Werkzeug in seinen Händen, und jetzt hat sie den Spieß mal umgedreht. Obwohl sie ja gar keinen Spieß hat. Witzig, witzig...

Wie immer sah er verletzlich aus nach seinem Höhepunkt, aber dieses Mal sah er ganz besonders verletzlich aus. Und sie empfand auf einmal, ja was war es, es handelte sich um ein Gefühl, das sie traurig machte, und schließlich kam sie darauf, dass es sich um Mitleid handelte. Mitleid mit Chris? Was für ein irrationales Gefühl, als ob er Mitleid nötig hätte. Aber sie fühlte es trotzdem.

Ihn küssen kam natürlich nicht ihn Frage, stattdessen rutschte sie wieder nach unten und umfasste ihn sanft und beschützend. Warum hatte sie das Gefühl, ihn beschützen zu müssen? Das hatte sie noch bei keinem anderen Mann, und Chris war ja wohl der letzte, der das brauchte. Trotzdem lag sie dort und liebkoste seine Eier, als wären es seine Lippen, bis sie sich schließlich von ihm löste und sich neben ihn legte, um eine Unterhaltung anzufangen. Aber da kam wohl auch nichts bei rum…

 

„Das ist ja wohl ein Ding“, sagt er nach einer schier endlosen Weile. „Alte Leute anzurempeln... Was ist denn das für ein seltsamer Psychologe?“

Verdammt noch mal, und was ist los mit Chris? Seit wann langweilt er sich bei ihrem Geschwätz? Bis jetzt hat er sich immer gut darüber amüsiert. Ist er ihrer überdrüssig? Irma wird es ein bisschen seltsam zumute.

„Was machen die wohl als nächstes? Vielleicht ’ne Bank überfallen?“ sagt sie, nur um etwas zu sagen.

„Natürlich nur zur Stärkung des Selbstbewusstseins“, Chris wirkt zerstreut, und er ist immer noch nicht so interessiert, wie sie ihn gerne hätte.

„Natürlich...“ Irma lässt das unergiebige Thema über Madames Psychologen fallen und fängt ein neues an: „Und außerdem weiß ich jetzt, wo man in Deutschland am billigsten saufen kann. Und das in jedem Bundesland...“

Er schaut sie mit einem Funken von Neugier an. Klar, er ist ein Geizhals, nicht nur in geldmäßiger, sondern auch in gefühlsmäßiger Beziehung und vor allem in gefühlsmäßiger Beziehung zu ihr. Aber dann fällt ihr schlagartig ein, dass er seine junge Kusine in die Oper eingeladen hat, und das war bestimmt nicht billig... Saukerl!

„Ach! Und wo?“

„Das rätst du nie!“ Na also, Geiz ist doch geil und siegt meistens. Allerdings nicht bei jungen hübschen angeblichen Kusinen...

„Na, sag’s schon!“

„Es sind die Hundeplätze.“ Irma entschließt sich, sehr sparsam mit ihren Enthüllungen über die billigsten Saufplätze in Deutschland umzugehen.

„Häääh?!“

„Es sind die Hundeplätze. Ja tatsächlich! Da gibt es immer ein Vereinslokal mit Theke – und während die Kampfdackel draußen abgerichtet werden, kann man im Vereinslokal was zu sich nehmen. Und zwar ganz billig...“

„Ist nicht wahr!“

„Ein Pils kostet fünfzig Cents, und ein Schnaps kostet auch fünfzig Cents. Leider haben die nur so ekliges Zeug wie Korn....“

„Das ist wirklich sagenhaft billig... Und man benötigt keinen Hund dazu?“ Chris scheint interessiert zu sein. Er ist wieder da. Geiz oder Nichtgeiz, gedanket sei dem Herrn.

„Okay, Madame hatte die Venus dabei, ihren fetten Rottweiler, und sie hat sich von denen beraten lassen. Aber man könnte ja einen Plüschhund mitnehmen, wenn man keinen richtigen zur Hand hat...“

Er schweigt wieder. Das ist ja nicht zum Aushalten! Vielleicht sollte sie ihm ein Geheimnis verraten, das sie eigentlich ungern preisgibt, aber irgendwie will sie sein Interesse wieder wecken.

„Habe ich dir eigentlich schon meinen wahren Namen genannt?“

Chris stutzt, schaut sie verblüfft an und sagt: „Was soll denn das für ein Name sein? So was wie Rumpelstilzchen?“

„Nein, nicht direkt. Aber ähnlich schlimm. Ich heiße nämlich Irma Wilma Lina...“

„Das hört sich nett an, Frau Feuerstein“, sagt er spöttisch lächelnd.

„Und wenn ich mal Kinder hab’, dann nenn’ ich die Pebbles und Bambam.“ Upps, das war vielleicht etwas vorschnell. Irma plappert hastig weiter: „Ach nee, ist unwahrscheinlich, dass ich mal Kinder habe. Vielleicht werde ich irgendwann eine Katze Pebbles nennen.“ Das wird ja immer schlimmer, und was erzählt sie da eigentlich? Sie und Kinder haben? Das ist eine Vertraulichkeit, die Chris gar nichts angeht, denn mit ihm geht es ja nicht, das mit den Kindern. Mit ihm geht gar nichts, außer der Bettsache. Sie schaut ihn unauffällig an, vielleicht sagt er ja noch was Fieses dazu. So was wie: Na dann viel Spaß mit den Blagen...

Aber er sagt nichts, und Irma glaubt mittlerweile wirklich, dass sie ihn langweilt, denn so still war er noch nie. Was ist los mit ihm? Für irgendwas muss sie ihn doch interessieren können. Vielleicht für die Hochzeit, als sie schwer angeschickert über eine finstere Landstraße lief und überhaupt nicht wusste, wo sie war. Das könnte was sein...

„Ich mag Hochzeiten nicht besonders.“ Das ist ein guter Anfang.

„Warum nicht, kann doch nett sein“, Chris sieht irritiert aus.

„Okay, manchmal können sie nett sein. Aber diese? Nein danke! Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr und wollte einfach nur noch weg“, erzählt Irma. Sie registriert aus den Augenwinkeln, dass Chris sie aufmerksam anschaut. Das ist gut, das ist sehr gut.

„Natürlich war kein Taxi vor dem Restaurant, war ja am Arsch der Welt. Läufste einfach los, hab’ ich mir gedacht, kann ja nicht so weit sein, vielleicht ein bis zwei Kilometer bis zum nächsten Taxistand...“

„Und war da einer?“ Chris lächelt.

„Nicht die Bohne! Ich glaub’, ich bin stundenlang durch den Wald gelaufen, es war furchtbar finster, und ich war froh, wenn ich von weitem die Scheinwerfer eines Autos sah. Aber wenn sie dann näher kamen, kriegte ich Schiss – und versteckte mich. Neben der Straße irgendwo, leider konnte ich nicht sehen, wo ich hin sprang, aber da war Gott sei Dank kein Wassergraben...“

„Wozu hast du denn ein Handy?“ Chris schüttelt den Kopf.

„Gute Frage...“, sagt Irma leicht säuerlich. „Aber zu dem Zeitpunkt war’s sowieso zu spät fürs Handy. Die hätten mich gefragt, wo ich bin. Ach ja, ich laufe eine finstere Straße entlang in unbekannter Richtung. Und ach ja, ich springe immer in den Straßengraben, wenn ein Auto naht...“

„Du machst aber auch Sachen!“ Er lacht, und seine Stimme hört sich ein bisschen besorgt an, aber bildet sie sich sicher nur ein.

 

„Manchmal können Handys ganz nützlich sein, obwohl ich sie nicht mag“, erzählt Chris schließlich. „Zumindest hätte ich damals eins brauchen können...“

Irma hört ihm fasziniert zu, denn erstens ist sie erleichtert, dass er wieder redet, und zweitens ist die Geschichte gut:

Man wollte zu dritt in Spanien Campingurlaub machen. Alles war perfekt aufgeteilt auf zwei Autos, ein Kumpel transportierte den Gaskocher, die Luftmatratzen und die Zeltstangen, während Chris und sein Freund das Kochgeschirr, das Zelt und jede Menge Decken im Auto hatten.

In der Schweiz verlor man sich dummerweise aus den Augen, und alles schien gelaufen zu sein, das mit dem Zelt, das mit dem Schlafen und das mit dem Kochen. Man stellte sich auf einen recht einseitigen teuren Urlaub in einem Hotel ein.

Aber wie durch ein Wunder vierundzwanzig Stunden später – nach einer Nacht im Auto – mitten auf der französischen Autobahn und mitten im französischen Hochgeschwindigkeitsrausch überholten sie den Kumpel. Er trug bereits ein Hawaiihemd, und sein linkes Bein baumelte aus dem Autofenster.

Zelt, Gaskocher und vor allem der Urlaub, alles war gerettet.

 

Irma findet die Geschichte lustig. Aber dann auf einmal steht ihr dieses Zelt vor Augen. Was ist darin wohl alles abgegangen? Was macht man so als junger Stier in Spanien? Wie oft hat Chris wohl schon mit anderen Frauen? Woher kommen seine guten Kenntnisse so sexmäßig? Wie viele und was für welche? Auch so was wie Typ ‚junge Kusine’ oder ganz was anderes? Warum gibt er sich mit ihr ab, sie ist doch relativ unerfahren in dieser Beziehung? Obwohl sie mit ihm Sachen tut, die sie mit keinem anderen Mann getan hat.

Und auf einmal ist Irma es, die eine seltsam abwesende Phase hat und sich merkwürdig uninteressiert zeigt.

Sie dreht sich zur Seite, um ihn nicht anschauen zu müssen, und dann kringelt sie sich zusammen, wie um sich zu beschützen.

„Was ist los, Süße?“ Seine Stimme hört sich ein wenig spöttisch an, wie immer, wenn er ‚Süße’ zu ihr sagt. Und es handelt sich natürlich um einen Witz: Irma la Douce... La douce heißt nämlich ‚die Süße’...

„Ach nichts“, grummelt sie in sich hinein.

 

Sie spürt ihn hinter sich, sein Körper fühlt sich so vertraut an – so hart und so männlich – obwohl der Rest ihr fremd ist. Aber das macht nichts. Nicht jetzt.

Er fasst sie um die Taille und streichelt dann die Haut unter ihren Brüsten, und das erregt sie seltsamerweise mehr, als würde er ihre Brüste streicheln. Oder ist es die Erwartung, dass er sie streicheln könnte?

„Das fühlt sich gut an“, murmelt er, und seine Hand bewegt sich langsam tiefer. Irma atmet heftig ein. Das ist auch nicht schlecht, das ist sogar besser...

Es endet in einer richtig gemütlichen Nummer, nicht so aufwühlend wie letztens die nach dem verlorenen Billardspiel, aber aufwühlend genug, weil es irgendwie zärtlich und sanft abgeht. Aber sanft ist er ja immer beim Sex, zumindest mit den Händen...

 

Und sie ist so müde, sie hat alles so satt, dieses Abtasten, dieses Herumgeeiere, diesen Zwang zur Vorsicht. Ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist irgendwas mit Harald, und was soll sie mit ihm auf dem Land? Und sie schläft ein, während Chris noch in ihr ist.

 

~~~~~~~~~~~

 

Sie wacht auf, geweckt von einem Geräusch. Schlaftrunken lauscht sie in die Dunkelheit. Irgendetwas ist anders, ist nicht normal.

Chris liegt mit dem Rücken zu ihr, aber sein Atem geht nicht so regelmäßig wie gewohnt sondern verstummt manchmal für lange Sekunden. Das findet Irma beängstigend, er muss doch atmen...

Okay, jetzt atmet er wieder, aber stoßweise und heftig.

Vielleicht träumt er schlecht, das kann jedem mal passieren.

Aber dann auf einmal stöhnt er qualvoll im Schlaf auf, und es hört sich furchtbar an. Ist sie von diesem Geräusch wach geworden?

Sie dreht sich langsam zu ihm herum. Wieder setzt sein Atem aus, und sie spürt, dass er anfängt zu zittern.

Und dann murmelt er vor sich hin: Wenn er nicht gewesen wäre, dann würde sie noch leben.

Irma ist vor Schreck wie gelähmt, was ist, was hat er? Es hört sich schrecklich an.

Wieder stöhnt er es, diesmal abgehackt und stoßweise: Wenn     er nicht   gewesen wäre,   dann würde     sie  noch leben.

Was soll sie tun? Sie hat Angst. Sie hat Angst um ihn. Sie muss ihn aufwecken von diesem Alptraum.

Sie schiebt sich vorsichtig an ihn heran, streichelt kurz seinen Rücken und sagt dann leise: „Ist ja schon gut. Du träumst nur.“

Sofort hört er auf zu stöhnen, es scheint, als ob er ihre Stimme gehört hat. Irma zieht vorsichtig ihre Hand zurück. Oh Gott, was ist los mit ihm? Es erschüttert sie, dass er so hilflos ist, so kennt sie ihn gar nicht, er ist doch der abgebrühte Typ, der von keinerlei Gefühlsregungen bewegte Mann. Aber jetzt nicht, jetzt ist er so entsetzlich hilflos. Wie kann sie ihm helfen. Am liebsten möchte sie die Arme um ihn legen, ihren Kopf an seinen Rücken schmiegen und ihm Worte des Trostes zuflüstern.

Aber sie tut es natürlich nicht. Sie gibt ihm nur einen zarten aufmunternden Klaps auf die Schulter, und kurz danach werden seine Atemzüge wieder flacher, und er scheint fest zu schlafen. Irma lauscht seinen Atemzügen, während sie ratlos in die Dunkelheit starrt. Sie ist ziemlich durcheinander. Was war das?

Aber dann spürt sie die Wärme, die von ihm ausgeht. Es ist eine einlullende beruhigende Wärme, und Irma fühlt sie intensiv, sie liegt ja näher bei ihm als normalerweise. Ich bleib’ morgen ein bisschen länger hier, denkt sie undeutlich, bevor sie wieder einduselt.

 

~~~~~~~~~~~

 

DER MORGEN

 

Irma beugt sich über den Billardtisch und versucht einen Stoß über die Bande. Chris lehnt an der Wand und schaut ihr zu, in der Hand hält er eine Tasse mit Kaffee.

Dieser Billardtisch ist einfach Klasse! Er steht im Kellergeschoss des Hauses, und als sie ihn zum ersten Mal sah – das war vor zwei Wochen – da ist sie fast ausgeflippt vor Begeisterung. Chris schien ihre Begeisterung zu gefallen, und er grinste natürlich herablassend dazu. Und wenn schon! Dieser Billardtisch war wie ein Wirklichkeit gewordener Traum, und sie gingen nicht aus, sondern spielten den ganzen Abend gegeneinander Billard. Das war wunderbar, wirklich wunderbar, und es endete auch recht ausgeglichen. Nur am Morgen danach ist es irgendwie in die Hose gegangen. Sie hat mit ihm gewettet, und sie hat tatsächlich verloren. Sie weiß immer noch nicht, wie das passieren konnte. Aber es ist passiert, und das danach war... Irma holt tief Luft, als sie daran denkt, denn sie fühlt sich immer noch so nackt, und das ist ein geiles Gefühl...

 

Es ist elf Uhr morgens. Sie trägt ein Hemd von Chris, es ist blau und weich. Er hatte nichts dagegen, dass sie es überstreifte.

Die Phantome der Nacht haben sich in Luft aufgelöst – Chris weiß wohl nichts mehr von seinem Alptraum – und auch die Phantome der Oper sind verschwunden. Irma hat sich entschlossen, nicht mit Harald aufs Land zu fahren. Wozu auch?

„Wieder Lust auf ein kleines Spielchen? Chris’ spöttische Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

Diesmal gewinne ich, will sie gerade sagen, aber just in diesem Moment poltert jemand die kleine Treppe zum Keller herunter, sie dreht sich um und erblickt Chris’ Kumpel Siggy.

Siggy ist anscheinend schwer verwundert, sie zu sehen. „Irma, du hier?“ Er glotzt sie fassungslos an.

Hat Chris ihm etwa nichts von ihr erzählt? Irma fühlt sich ein bisschen verärgert. Er hätte wenigstens mal erwähnen können, dass er sie manchmal bumst.

„Ja, ich hier. Wieso?“ fragt sie locker, und natürlich erwartet sie keine Antwort.

Sie sieht, dass Chris freundlich lächelt. Das ist sonderbar. Irma glaubt, dass sie sich mittlerweile mit seiner Mimik auskennt. Er hält es wie ein Japaner: Wenn er grimmig lächelt, dann ist er erheitert, und wenn er freundlich lächelt, dann ärgert er sich über irgendwas. Aber worüber? Irma überlegt unauffällig, während sie registriert, dass Siggy sie immer noch anglotzt.

Das wird ja allmählich unerträglich, Irma wendet sich unwirsch ab und kreidet das Queue ein. Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass Chris’ freundliches Lächeln noch stärker geworden ist. Er muss total sauer sein! Passt es ihm nicht, dass Siggy sie so offen anstarrt, vor allem ihre Brüste unter dem dünnen Hemd, natürlich hat sie keinen BH an, man kann bestimmt alles gut sehen, aber warum sollte Chris das jucken? Oh, jetzt kommt’s ihr, Chris schämt sich ihretwegen, sie ist unter seinem üblichen Niveau, und deswegen weiß Siggy auch nichts von ihr. Hätte sie gleich drauf kommen können.

Es ist Chris peinlich, dass sie hier ist.

Gut, sie hat verstanden...

Und wahrscheinlich zieht es ihn hinaus in die freie Natur, wo das Wild aus Frauen besteht, die man reihenweise erlegen kann. Und vielleicht ist ja wieder was fällig mit der Frau eines Kollegen. Erst sie bumsen, danach erzählt sie ihm über ihre Probleme – und er legt den Arm um sie, zur Belohnung natürlich. Ja wirklich Klasse! Irma fühlt, wie Ärger in ihr hochsteigt. Sie stört hier nur. Also sollte sie sehen, dass sie unauffällig hier rauskommt.

 

Sie legt das Queue zur Seite und nickt Siggy freundlich zu. Dann schaut sie Chris an, weniger freundlich natürlich, aber nicht so unfreundlich, dass es auffallen könnte. Aber der lächelt mittlerweile überhaupt nicht mehr, ganz im Gegenteil, er sieht untypisch finster aus. So finster, dass sie sich das Queue wieder greift und so tut, als würde sie ein paar Stöße üben.

 

„Wo ist denn deine geile Kusine hin?“ hört sie Siggy fragen.

Aha, die Kusine... Das interessiert Irma natürlich auch. Ja wo ist sie denn hin?

„Die ist weg!“ sagt Chris kurz.

„Schade, die Alte sah ja wirklich geil aus...“ Siggys Stimme klingt schwärmerisch.

„Na ja, ging so...“

Ging so? Der verdammte Lügner! Er hat sie bestimmt gebumst, so wie die ihn angeguckt hat!

„Ich hoffe doch sehr, dass du sie flachgelegt hast“, hört sie Siggy leise sagen.

Schön, schön, immerhin sagt er es leise. Irma spürt, wie sie rot wird vor Wut. Wo ist sie hier? Kann jeder vorbeikommende Penner sie beleidigen, indem er erzählt, wie Chris mit anderen Frauen rumgemacht hat oder rummachen sollte?

Sie muss weg hier, sie hält es nicht mehr aus!

Sie wirft einen wütenden Blick auf Chris, blöderweise schaut der sie auch gerade an, und er scheint betroffen zu sein von der Wut in ihren Augen. Mist, er sollte doch nicht sehen, dass sie sauer ist!

Irma sieht schnell wieder weg. Hat er sie nun flachgelegt oder nicht, die geile Alte? Sie will es gar nicht wissen. Oder weiß sie es schon? Jedenfalls muss sie weg von hier! Aber ohne das Gesicht zu verlieren...

Gemächlich legt sie das Queue auf den Billardtisch.

„Ich geh’ dann mal“, sagt sie leichthin.

Chris nagt an seiner Unterlippe, es sieht aus, als wolle er etwas sagen, aber er sagt dann doch nichts, sondern nickt nur. Er kann ihr natürlich nicht den üblichen Abschiedskuss auf die Stirn geben, denn sie vermeidet es, ihm zu nahe zu kommen. Und vor seinem Kumpel Siggy wäre es ihm bestimmt voll peinlich.

 

Irmas Körper fühlt sich steif an, als sie sich auf den langen Weg zur Tür macht.

Sie spürt die Blicke von auf ihrem Hintern und auf ihren nackten Beinen. Man spürt so etwas als Frau.

Außerdem schweigen sie.

Sie versucht, so wenig wie möglich mit den Hüften zu wackeln und geht sehr steif die kleine Treppe empor. Hoffentlich ist die Tür oben noch auf, sonst muss sie womöglich noch mal zurück und Chris um den Wohnungsschlüssel bitten. Sie hat zwar die Schlüssel, aber die sind irgendwo in ihrer Tasche. Und die ist oben in der Wohnung.

Uff, die Tür ist noch auf!

Und sie wollte ja sowieso gehen...

Denn jetzt fängt das Wochenende erst richtig an für sie.

 

Harald, mein Schatz, ich komme!

 

Keine Fortsetzung

 

Ihr Lieben, das ist der letzte Teil der Staffel, mir fehlt im Augenblick die Zeit, noch einen zu schreiben. Außerdem wäre er sowieso überflüssig, weil er nichts wirklich Neues bringen würde. Also überlasse ich den Rest eurer Fantasie. Aber es läuft ungefähr so ab:

 

Irma befand sich in einer mörderischen Stimmung. Siggys blödes Geschwätz ging ihr nicht aus dem Sinn. Hat Chris oder hat er nicht? Allein der Gedanke daran tat Irma weh. Und das war nicht in Ordnung, das gehörte nicht zu dem Programm mit Chris. Chris war Sex ohne Gefühle, Chris sah gut aus, aber er war nicht für sie bestimmt.

Aber vielleicht würde der heutige Abend alles ändern. Sie würde endlich von ihm loskommen, sie hatte soviel Zärtlichkeit in sich, die irgendwie aus ihr heraus musste, sie wollte geliebt werden, und sie wollte lieben. Amen! Also Harald...

 

Irma verbringt einen absonderlichen Abend auf dem Land, aber nicht auf einem Bauernhof, sondern in einer Neubauruine mit seltsamen Leuten, und es nieselt die ganze Zeit über. Nachdem die letzte S-Bahn weg ist, übernachten sie bei dem Gastgeber im Wohnwagen, und sie schläft im gleichen Klappbett wie Harald. Aber sie hätte es wissen müssen, es klappt  nicht – haha, warum heißt es dann Klappbett – mit ihm, und sie fühlt sich elend.

Seltsamerweise sehnt sie sich nach Chris. Nach seinem Bett und vor allem nach seinem Körper. Sie muss sich eben drauf einstellen, dass er ein Schweinehund ist, denn sie kann nicht auf ihn verzichten. Aber nächste Woche wird sie nicht bei ihm andackeln. Da muss er schon selber kommen...

 

Chris hält es natürlich nicht aus, ohne sie zu sein und steht am Freitag vor ihrer Tür. Er meint in ihren Augen Eifersucht gesehen zu haben, als Siggy so blödes Zeug schwatzte, und das gibt ihm einiges von seiner Sicherheit zurück. Vielleicht geht es ja doch mit Irma.

Irma erzählt ihm über dem Abend auf dem Land, natürlich ohne Harald zu erwähnen, und er findet es amüsant. Er zögert den unvermeidbaren Abschied am Samstag morgen hinaus. Sie frühstücken tatsächlich in einem Café. Und dort ergibt sich endlich die Gelegenheit für ihn, länger mit ihr zusammen zu sein...

 

Na also, geschafft! Ab hier geht es weiter mit Topp, die Wette... Teil 1 hier bei e-stories oder auf meiner Homepage.

 

Und ich arbeite an einer Fortsetzung, die sich mit dem Leben der beiden beschäftigt, nachdem sie erkannt haben, dass sie sich, naja...

Aber das kann ein bisschen dauern.

Also erst einmal Tschüss und vielen vielen Dank fürs Lesen!

Ich hab dann doch noch den letzten Teil geschrieben, und er ist ganz gut geraten, wie ich denke... ;))

Alle Irma-Chris Geschichten sind auf meiner Homepage, und zwar dort:
http://ingridgrote.de/html/bucher.html
Ingrid Grote, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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