Helmut Wurm

Sokrates und die drei ewig-Jugendbewegten

(1 älterer Pfadfinder, 1 älterer Wandervogel und 1 älterer Jungenschaftler in jeweils typischer Bundes-Kleidung machen sich gemeinsam auf eine Fahrt/ Wochenendwanderung und diskutieren bezüglich ihres rein jugendbewegten Stiles mit Sokrates, merken aber nicht, dass sie als „Ewig-Jugendbewegte“ skurril und diachron wirken, während die dahinter stehenden Lebensweisen und Zielsetzungen, erweitert und umgeformt, auch für Erwachsene aller Alters-stufen beglückend und bereichernd sind. Dieses Gespräch fand zwar schon vor einigen Jahren statt, aber es ist immer noch sehr aktuell. Es ging Sokrates in diesem Gespräch nicht darum, ewig-Jugendbewegte lächerlich zu machen, sondern darum, dass Romantik und die Pfadfinder- und Wandervogelbewegung nicht durch“ alte Ewig-Jugendbewegte“ lächerlich gemacht werden)

Sokrates sitzt am Rand des Stadtwaldes einer deutschen Stadt und betrachtet die Spaziergänger und Wanderer, die an diesem schönen Wochenende aus dem Grau der Stadt und ihrem Lärm ins Grüne streben. Da hört er von fern Klampfenspiel, das langsam näher kommt, und dazu den Gesang 3er tiefer männlicher Stimmen. Wenn ein Lied zu Ende gesungen ist, wird sogleich ein neues angefangen. Der Gesang hört sich gut an und Sokrates hört auch gerne hin, denn er mag Wanderlieder, weil sie ihn an seine eigene Jugend erinnern, als er als junger Mann durch Attikas Berge streifte und dabei alte Hirtenlieder sang. Sokrates kann bei einem solchen Liedwechsel auch den neuen Liedtext verstehen: „Jauchzende Jungen auf dem Rücken ihrer Pferde...“. Sokrates stutzt etwas und betrachtet die Näherkommenden. Es handelt sich um 3 ältere Herren, alle mit grauen Bärten, einer hat schon eine Glatze und alle haben mehr oder minder Altersbäuche. Der eine geht etwas schief und zieht das eine Bein nach, denn er hat offensichtlich Arthroseschmerzen im Hüftgelenk. Der andere muss sein linkes Knie schonen und drückt das Bein beim Gehen nicht ganz durch und der Dritte schnauft beim Singen etwas, denn Wandern und Singen zugleich sind infolge seines Alters-Asthmas eine gewisse Anstrengung. Trotzdem machen alle eine glückliche Miene. Sokrates spricht sie an, als sie singend an seinem Sitzplatz im Gras am Weges-rand vorbei kommen.

Sokrates: Das passt gut zusammen, die frische Sommerluft, das Grün des Waldes und euer Singen. Schade dass man das nicht öfter hört (das ist keine rhetorische Floskel oder geschickt-mäeutische Einleitungsbemerkung, sondern Sokrates meint das ehrlich).

Alle Drei (im Wechsel): Ja das meinen wir auch, das sind unsere glücklichsten Stunden... Während andere jetzt faul auf dem Balkon liegen oder sich im Schwimmbad bräunen gehen wir auf Wochenendfahrt... Das machen wir schon seit über 50 Jahren, wenn es das Wetter zulässt... Seit damals, als wir dazu kamen und das Glück unserer Jugend begann...

Sokrates (jetzt stellt sich Sokrates unwissend, seine berühmte Taktik, obwohl er Pfadinder und Wandervögel vor Jahrzehnten schon längst kennen gelernt hat, auf dem Hohen Meißnertreffen 1913 als stiller Beobachter dabei war und auch ein interessantes Gespräch mit Baden Powell in Erinnerung hat): Ihr müsst mir einiges genauer erklären. Wozu kamt ihr vor über 50 Jahren, was meint ihr mit Glück eurer Jugend und was bedeutet „auf Fahrt“ gehen? Ihr geht doch zu Fuß und fahrt nicht.

Alle Drei (im Wechsel): Du bist also einer jener bedauernswerten Spieß-bürger, die in ihrer Jugend nicht in der Jugendbewegung waren... Dann kennst du auch nicht die schönen Lieder, die wir kennen... Komm, marschiere doch einfach mit uns und singe mit...

Sokrates: Als ich noch jung war, da gab es diese Lieder noch nicht und auch noch keine Jugendbewegung in der Form, wie ihr sie wohl meint... Informiert mich doch bitte genauer... Stellt euch doch einmal vor... Könnt ihr mir euere merkwürdige Kleidung erklären?

Alle Drei (im Wechsel): Wenn es in deiner Jugendzeit noch keine Jugendbewegung gegeben hat, dann bist du aber schon ziemlich alt... Du hast dich aber gut gehalten, alter Knabe... Gut, dann stellen wir uns mal vor.

Der Erste: Ich bin Wandervogel, seit über 50 Jahren aktives Mitglied des hiesigen Jungen-Wandervogels. Wir jugendbewegte Wandervögel lieben die Romantik in der Natur. Wir singen Wanderlieder zur Gitarre, so oft wir können. Wir suchen die imaginäre Blaue Wunderblume, der symbolische Ausdruck unserer unstillbaren Wanderromantik. Mein gelbes Mützchen nennt man Barett und es ist gelb, weil es die Sonne in meinem Leben verkörpert, die mich immer wieder hinauszieht... Weitere Erkennungsmerkmale von mir sind das grüne Halstuch, das ich so locker umgehängt habe als Zeichen der Natur, in der ich mich erst richtig wohl fühle... Und dann habe ich einen mit Blumen verzierten Gürtel als Symbol für die Blumenwiese, in der ich am liebsten schlafe... Ich trage feste Wanderschuhe und derbe Hosen, im Sommer meist kurze Hosen, eben wie in meiner Jugendzeit, als ich dazu kam. Und meine Gitarre und meinen Rucksack nehme ich überall hin mit... Du lächelst so still in dich hinein. Ich hoffe, du findest das nicht komisch?

Sokrates (aufrichtig): Nein, ich finde das nicht komisch. Ich finde euere Suche nach Romantik in der Natur und auf der Wanderschaft und eure Liebe zum Singen eine schöne, bereichernde und beglückende Freizeitbeschäftigung und deine Symbole und Kennzeichnen sind leicht verstehbar. Ihr sensibilisiert die Gefühlswelt, fördert das Naturempfinden und das Kennenlernen von Land und Leuten. Das ist für Junge und Alte eine wertvolle Bereicherung. Es sollten mehr Erwachsene, gerade in den Städten, dieser gesunden, schönen und beglückenden Freizeitbeschäftigung nachgehen.

Aber warum bist du aktives Mitglied im Jungen-Wandervogel? Du bist doch schon längst aus dieser Altersstufe hinaus. Wäre es nicht besser, du gehörtest einem Erwachsenen-Wandervogel an?

Der Wandervogel: Bei uns gibt es nur den Jungen-Wandervogel und damit begann vor vielen Jahrzehnten in unserer Stadt mit einer Wandergruppe von Gymnasiasten und jungen Studenten die Jugendbewegung. Statt wandern und draußen im Freien oder beim Bauern übernachten sagen wir „auf Fahrt“ gehen, das Wort kommt irgendwie aus dem Mittelalter. Damals kam auch ich dazu und es begann das Glück meiner Jugend. Und weil alles eben als Jugendbewegung begann und weil ich mich heute noch auf Fahrt so glücklich fühle wie damals mit 15 Jahren, so blieb ich Mitglied im Jungen-Wandervogel. Man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich fühle mich seit dieser Zeit immer nur als 15-Jähriger..., auch wenn ich äußerlich etwas älter aussehe...

Sokrates (sich zu dem Nächsten wendend): Und du bist zwar etwas anders, aber doch auch ähnlich gekleidet. Du hast statt Barett einen großen braunen Hut wie die kanadische Waldpolizei. Du hast auch ein Halstuch, das aber durch einen Lederring zusammengehalten wird. Dein Hemd hat eine graubraune Farbe, auf denen bunte Abzeichen aufgenäht sind, dein Gürtel ist durch eine Lilie geschmückt... Du machst einen äußerlich ordentlicheren Eindruck als dein Freund Wandervogel. (Zu diesem gewandt) Entschuldige diese Feststellung...

Der Zweite: Ich bin Pfadfinder, aktives Mitglied des hiesigen Jungen-Pfad-finderbundes. Wir Pfadfinder streben weniger nach Romantik in der Natur, sondern mehr nach Fertigkeiten und Fähigkeiten in der Natur und auch in unserer Gesellschaft. Wer zu uns kommt, lernt viel, z.B. sich in der Natur zurecht findet, Lagerfeuerarten, Tierspuren und Vogelstimmen, Biwak bauen, Behandlung von Wunden... und er lernt auch ehrlich und hilfsbereit zu sein... Aber natürlich singen wir auch gerne und helfen unseren Freunden von den Wandervögeln bei ihrer Suche nach der Blauen Blume... Ich hoffe, du findest das Pfadfindertum genau so wenig komisch wie das Wandervogelsein...

Sokrates (aufrichtig): Du brauchst keine Sorgen zu haben, ich finde auch deine Ziele sehr wertvoll. Sie fördern bei Jung und Alt die Beobachtungsgabe, die Fertigkeiten, die Werte und die Haltung. Es sollten viel mehr Erwachsene aktive Pfadfinder in ihrer Freizeit sein...

Aber weshalb bist du aktives Mitglied in dem Jungen-Pfadfinderbund? Du bist doch längst über diese Altersstufe hinaus? Wäre es nicht passender, du gehörtest einer Erwachsenen-Pfadfindergruppe an?

Der Pfadfinder: Die Pfadfinderbewegung entstand dadurch, dass sich in England Jungen unter Führung von Baden Powell zu Gruppen zusammen schlossen und in die Natur zogen und Lager bauen, auf denen sie dann Fertigkeiten und Fähigkeiten lernten. Und das Glück meiner Jugend begann auf einem solchen Lager... Ich war damals 16 Jahre und ich bin nie mehr glücklicher gewesen als damals als Jungpfadfinder... Und weil die Pfadfinderbewegung mit Jugendlichen begann, handelt es sich auch um eine so genannte Jugendbewegung... Und deswegen bin auch ich ein Jugendbewegter und bin aktives Mitglied meines damaligen Jungen-Pfadfinderbundes geblieben... Man ist so alt, wie man sich fühlt, und ich fühle mich draußen in der Natur immer noch so glücklich wie als 16-Jähriger,... auch wenn ich jetzt etwas älter aussehe...

Sokrates (sich zu dem Dritten wendend): Und welcher Gruppierung gehörst du an? Du scheinst mir Merkmale der beiden anderen zu haben und gleich-zeitig etwas andere Ziele zu vertreten. Deine Matrosenbluse deutet auf das Meer hin...

Der Dritte: Das hast du richtig beobachtet, alter Junge. Ich bin ein Jungenschaftler, der sowohl etwas Wandervogel als auch Pfadfinder sein kann, aber trotzdem etwas Eigenständiges darstellt. Mit dem Meer und Matrosen haben wir aber nichts zu tun. Ich trage keine Kopfbedeckung, dafür eine grasgrüne Matrosenbluse als Zeichen dafür, dass wir gerne in der Natur sind. Dazu trage ich einen Gürtel und feste Schuhe wie meine beiden Freunde. Das Zelt, in dem wir vielleicht heute schlafen und vorher unser Essen kochen und singen, haben wir aus Nordrussland mitgebracht, es ist ein Feuerzelt. Wir haben als Ziele, dass unsere jugendlichen Mitglieder ohne den Einfluss von Erwachsenen ihr Leben gestalten und zu tüchtigen Erwachsenen aus eigener Kraft werden. Sie sollen sich musikalisch anspruchsvoll üben und das beglückende, abenteuerliche Naturerlebnis erfahren. Insofern gehe ich gerne mit meinen Freunden, dem Wandervogel und dem Pfadfinder auf Fahrt... Wir passen zusammen... Ich hoffe, du hast für unsere Jungenschaftsziele genau so Verständnis wie für die meiner beiden Freunde.

Sokrates (aufrichtig): Auch dieses volle Verständnis kann ich dir zusichern. Es ist wichtig, dass man schon ab der Jugend übt, sich ohne die Einflussnahme oder sogar Bevormundung Älterer zu einer selbstständigen Persönlichkeit zu bilden und innerlich und besonders im Musischen besonders feinfühlig und anspruchsvoll zu sein. Es müssten viel mehr Erwachsene nach solchen Zielen in ihrer Freizeit leben...

Aber weshalb nennst du dich „Jungenschaftler“? Du bist doch längst über diese Altersstufe hinaus. Wäre es nicht passender, die gehörtest jetzt einer Erwachsenenschaft an,... sofern ein solcher Ausdruck überhaupt passend wäre?

Der Jungenschaftler: Die Jungenschaft begann vor einigen Jahrzehnten mit Lagern von Jungen. Insofern ist sie auch eine Jugendbewegung. Und als ich mit 15 Jahren zur Jungenschaft kam, begann damals das Glück meiner Jugend. Ich bin nie mehr glücklicher gewesen als damals in meiner Jungenschaftszeit und in meiner Jungenschaftskleidung. Und deswegen bin ich aktives Mitglied in meiner damaligen Jungenschaftsgruppe geblieben... Man ist so alt, wie man sich fühlt und ich fühle mich hier draußen in Begleitung meiner beiden Freunde so glücklich wie damals als 15-Jähriger ... Auch wenn ich äußerlich etwas älter aussehe...

Sokrates: Ihr Drei habt hoffentlich bemerkt, dass ich euere jeweiligen Ziele und Lebensformen nicht nur tolerant akzeptiere, sondern für alle Altersstufen in unserer technisierten und nüchternen Zeit als empfehlenswert einschätze. Mir geht es nur um den Begriff „Jugendbewegung“. Er erscheint mir hinderlich darin zu sein, euere Ziele auf alle Altersstufen auszudehnen. Menschen wie ihr dürfen nicht als in ihrer Jugend „Steckengebliebene“ erscheinen. In Wirklichkeit habt ihr nur als Jugendliche gefunden und erlebt, was Menschen aller Zeiten und Altersstufen beglücken kann und beglückt hat.

Wenn ich an meine Jugendzeit zurück denke, dann erinnere ich mich, dass es immer die Jugend war, die Neues entdecken wollte, die zu Abenteuern und Reisen aufbrach, die die Ferne und das Urwüchsige und Natürliche liebte... Auch mir ging es damals so... Aber als Erwachsene haben wir dann diese uns lieben Werte weiter gepflegt, aber als Erwachsene und in Formen für Erwachsene... und sehr anspruchsvoll...

Die Drei (sich gegenseitig anschauend und abwechselnd): Das scheint aber schon lange her zu sein... Es stimmt zwar irgendwie, was du sagst, aber irgendwie für uns auch wieder nicht... Wie alt bist du denn, alter Junge?

Sokrates (lässt sich nicht beirren): Ich meine, dass es sich hier bei diesem hinderlichen Nomenklaturproblem um ein typisch deutsches Problem handelt. Ich weiß nicht, ob es im nicht-deutschsprachigen Ausland auch Gruppierungen wie Wandervogel und Jungenschaften gibt. Aber bezüglich der Pfadfinder gibt es im Englischen und Französischen, wie ich mich erinnere, den neutraleren Terminus Scout und der ist nach den erwachsenen Führern durch die Wildnis Nordamerikas und Südafrikas gewählt und beinhaltet kein Generationsproblem. Alle Altersstufen können froh und problemlos Scouts ihr Leben lang sein... Nur ihr Drei müsst aus Verlegenheit, so scheint es mir, einen Umweg von der so genannten Jugendbewegung über euere innere Jugendlichkeit zu eurer Begeisterung dafür noch im Alter machen. Das erscheint wenig überzeugend und sogar komisch, entschuldigt bitte... Könnte man nicht neue Bezeichnungen für eure Gruppierungen mit ihren schönen und wertvollen Interessen finden, die altersstufenneutral sind?

Die Drei (abwechselnd): Du möchtest wohl, dass wir unsere geliebte Kluft und Gitarren einmotten!... Wir sollen wohl wie ältere Spießbürger mit Spazierstock und Hut spazieren gehen und Musik aus dem Kofferradio hören!... Wir sollen uns also unserer Bünde schämen!...

Sokrates: Nein, das sollt ihr alles nicht. Ihr sollt weiterhin euere geliebte Kluft tragen und auf euere Weise auf Fahrt gehen... Aber nicht als völlig überalterte Anhängsel an Jungenbünde, sondern innerhalb von Bünden mit einem die Generationen übergreifenden Familienverständnis oder mit altersspezifischen Organisationsstrukturen... Sonst packt man euch am Ende noch in dieselbe Kiste wie infantile Frauen, die noch mit Puppen spielen. Wollt ihr das?...

Die Drei (entrüstet): Wir sind innerlich jugendlich geblieben... Und es heißt in Deutschland nun mal Jugendbewegung und danach muss man sich richten... Jetzt komme uns nicht noch halb-psychologisch... Sollen wir etwa aus unseren Gruppen austreten, in denen wir eine Heimat seit unserer glücklichen Jugend gefunden haben... Es gibt einige Verbände, bei denen werden sogar die älter Gewordenen rausgeschmissen, weil man sich sklavisch nur nach der Bezeichnung Jugendbewegung richtet. Das ist doch gemein... Willst du das auch?

Sokrates: Ich finde es nicht gemein, sondern konsequent, wenn man unbedingt bei der Praxis Jugendbewegung bleiben möchte und deswegen Ältere aus den Jugendgruppen herausnimmt. Denn sobald man kein Jugendlicher mehr ist, hat man eigentlich in einer reinen Jugendbewegung nichts mehr verloren... Viele jugendliche wollen auch gar nicht, dass Ältere ständig bei ihnen herumspringen... Es geht um die Ausgewogenheit...

Das Problem liegt woanders, nämlich darin, dass man die Lebensformen, die euch so begeistern, nicht auch ehrlich für alle Altersstufen als gültig anerkennt. Das hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass Romantik, Naturerlebnis und Abenteuerlust alle Altersstufen begeistert haben. Es ist eine deutsche Begriffsverengung, die hier zu Spannungen und Missverständnissen führt...

Die Drei (abwechseln): Irgendwie wirst du jetzt spitzfindig und altklug... Was hast du denn schon alles angeblich erlebt... Warst du überhaupt schon einmal in einer Jugendherberge?... Hast du schon mal ein Lager mitgemacht?... Hast du schon mal in einer Jugendgruppe aktive Hilfe geleistet?...

Sokrates: Ich war früher gelegentlich auf meinen Reisen und Wanderungen auch in Jugendherbergen. Schade, dass diese früheren familiären Jugendher-bergen immer seltener werden und dass immer weniger Wanderer dort ein-kehren. Die meisten Jugendherbergen sind Jugendhotels oder Familienhotels oder Tagung-Hotels geworden. Romantisch in euerem Sinne sind nur noch die wenigsten. Und damit gehen natürlich auch solche Gruppierungen wie die eueren zahlenmäßig zurück. Das ist sehr schade...

Auf Lagern war ich als junger Mann wiederholt, aber in harten Feldlagern während der Kriege zwischen Athen und Sparta. Aber auch dort habe ich die Romantik des Lagerfeuers, der Nachtwache und des einfachen Lebens erlebt... Ich konnte dieses Leben gut ertragen... Wenn nur der Krieg nicht gewesen wäre...

Und Erwachsene in Jugendgruppen haben eigentlich nur eine Berechtigung als aktive Helfer, sei es als Führer, Geld- und Gerätewart, als Gitarrenlehrer, als Lehrer bei den zu erlernenden Fertigkeiten, usw. Ich hatte in meinen Gruppen immer die Aufgabe, die Gespräche zu leiten... Einfach nur als aktive Mitläufer passen Erwachsene eigentlich nicht in Jugendgruppen. Man hat sonst schnell die Meinung, dass es sich um „Steckengebliebene“ handelt, die nie richtig erwachsen geworden sind. Wollt ihr, dass man so von euch denkt?

Die Drei (abwechselnd, einer fasst sich vielsagend an die Stirn): Langsam wird es unheimlich... Im Krieg zwischen Athen und Sparta... Du in deinen Gruppen als Gesprächsleiter... Du willst wohl, dass wir neue altersgerechte Gruppen mit passenden Namen gründen... z.B. Wandervogel-Familie oder Alt-Wandervogel oder nur Fahrtenbund bzw. Pfadfinder-Familie oder Alt-Pfadfinder oder nur Lagerbund... Nur bei den Jungenschaften dürfte das etwas schwierig werden... So ein Quatsch...

Sokrates: Das wäre die richtige Richtung, neue altersgerechte Gruppen und Namensformen... Darüber solltet ihr einmal nachdenken...Sicher würden euch geeignetere Name einfallen...

Die Drei (abwechselnd): Wir denken jetzt darüber nach, ob du wohl etwas spinnst... Du müsstest nach deinem Gerede über 2000 Jahr alt sein... Typischer Fall von Schizophrenie, d.h. man ist in seinem Kopf etwas anderes als man real ist... Und zu Anfang wirktest du so sympathisch... Mit solch einem psychischen Gespaltensein belasten wir uns nicht gerne... Wir wollen jung und innerlich gesund bleiben... Man ist so alt, wie man sich fühlt und wir singen deswegen noch ein frisches Wandervogel-Lied aus unserer Jugendzeit. (Sie stimmen frisch-fröhlich an und singen): „Wo wollt ihr hin, ihr tollen Jungen, wir wissens nicht in fernes Land...“.

Sokrates (Bei ihm kocht jetzt doch etwas die in Athen bekannte und gefürchtete sokratische Ironie hoch): Das ist für junge Wandervögel ein schönes Lied, aber passt auf, dass man bei euch nicht denkt „Wo wollt ihr hin, ihr ollen Jungen...

Die Drei (höchst entrüstet abwechselnd und gleichzeitig): Ah...Uh..., Oh... Ih... Jetzt hast du dich und deine spießige Meinung endlich offen zu erkennen gegeben... Du möchtest also doch, dass wir uns von unserem Jugendglück lossagen... Du bist ein Verächter unserer Tradition... Du bist ein Gegner der Jugendbewegung... Du hast kein Gefühl für Tradition... Du langweiliger Spießbürger!

Sokrates: Ich bin kein Gegner jener Tradition, die als Jugendbewegung begann, aber schon lange keine mehr ist... Ich möchte vielmehr, dass die Romantik in unserer nüchternen und hektischen Zeit wieder mehr Menschen, jüngeren und älteren, zu einem Ausgleich wird. Aber ihr solltet dafür die Strukturen und Namen eurer Lebensform der altersübergreifenden Realität anpassen und euch endlich vom Begriff Jugendbewegung trennen. Ihr macht euch sonst nur lächerlich... 

Die Drei (sich zunickend und abwechselnd): Tradition bleibt Tradition... Du hast kein Gefühl für Tradition... Jugendbewegung bleibt auch später Jugendbewegung... Jetzt singen wir erst recht noch ein paar Lieder aus unserer glücklichen Jugendzeit.

(Sie greifen zu den Gitarren und stimmen an: „Wir sind Jungen aus Burgund...“ Dann wandern sie weiter, der eine hinkt leicht, der andere muss sein Knie schonen und der dritte kann wegen seinem Altersasthma nicht so laut singen)

Sokrates (blickt ihnen etwas traurig und etwas belustigt nach und murmelt): Ich hoffe, es handelt sich nur um Einzelfälle von Steckengebliebenen, etwas gepaart mit Schizophrenie... Wie sagte der eine eben: Etwas anderes in seinem Kopf sein, als man real ist... In diesem Falle nämlich 15 und 16 Jahre statt schon über 60 Jahre. Die Drei merken einfach nicht, dass sie nicht nur sich selbst lächerlich machen, sondern die ganzen Bewegungen, denen sie innerlich so begeistert anhängen. Dabei wären Wandervogel und Scoutismus auch für Erwachsene aller Altersstufen so wertvolle Lebensformen der Freizeit, gerade in unserer modernen nüchternen Zeit... Diese deutsche Verkrustetheit bezüglich des behindernden Ausdrucks Jugendbewegung ist einfach schade...

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Helmut Wurm).
Der Beitrag wurde von Helmut Wurm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Helmut Wurm als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Die kleine Schnecke Ringelhaus von Heike Henning



...kleine Maus und Schnecke Ringelhaus, dicker blauer Elefant, Ente und ihre Küken, Zebra Zimpel, Wurm im Sturm, Eichhörnchen, Wüstenschweinchen, kleiner Floh, Fliege, und Summselbiene!
Die kleinen Helden dieses Buches erleben so manches Abenteuer, bringen die Kinder zum Schmunzeln (und vielleicht auch den einen oder anderen Erwachsenen), sind auf ihre Art lehrreich oder lassen Rätsel raten. Die im Buch zahlreich vorhandenen Bilder und Fotografien regen die Fantasie an und lassen das Lesen nie langweilig werden.
Unser Tipp: Die ganz kleinen Kiddies freuen sich riesig, wenn ihre Eltern oder Großeltern ihnen etwas vorlesen und dabei gleich die eine oder andere Frage beantworten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Helmut Wurm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sokrates unangenehme Empfehlungsliste für das Schulwesen von Helmut Wurm (Schule)
Sie nannte ihn Schnucki von Christiane Mielck-Retzdorff (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Endstation Fruitvale von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen