Daniel Siegele

Tante Inge

Bei Wesel am Niederrhein gehört der Tante Inge ein kleines Stück sehr flachen Landes, das inmitten von sehr viel weiterer niederrheinischer Flachheit daliegt und mit einem schon recht schiefgezogenen alten Fachwerkhäuschen sowie einem wettergegerbten hölzernen Geräteschuppen bebaut ist. Der Tante Inge gehört auch eine kleine Schafherde sowie der freundlich-faule und etwas einfältige Schäferhund Rex, der sich mehr vor der Schafen fürchtet, als daß er auf sie aufpaßt und so verbringt die Tante Inge ihre Zeit am liebsten, indem sie zwischen ihren Schafen auf ihrem eigenen kleinen Stück Grund und Boden herumwandert, ihren Schäferhund Rex ausschimpft und mit den Nachbarn tratscht, die auf dem nahen Feldweg ein paarmal am Tag an Tante Inges schiefgezogenem Fachwerkhäuschen vorbeikommen.

Neben der halb eingegrabenen, alten, rostigen Blechbadewanne, die ihren Schafen als Tränke dient, streut Tante Inge immer wieder einmal ein paar Getreidekörner aus – Tante Inge hat allerdings nicht etwa die Absicht, es hier ihren bäuerlichen Nachbarn gleichzutun und Ackerbau zu betreiben, statt dessen hat sie es vielmehr darauf abgesehen, die hier so allgegenwärtigen Krähen anzulocken, damit diese versuchen, die Getreidekörner aufzupicken, wodurch sie Tante Inge die Gelegenheit verschaffen, sich nach besten Kräften über die Krähen aufzuregen, sie lautstark als die nutzlosesten unter Gottes Geschöpfen zu bezeichnen und die Krähen schließlich mit allem, was Tante Inge gerade findet, zu bewerfen.

Die Krähen haben vor der schimpfenden und mit alten Klamotten werfenden Tante Inge allerdings schon seit einer ganzen Weile keine wirkliche Angst mehr – sie sehen die ganze „Veranstaltung“ bei der sonst üblichen, ländlichen Langeweile eher als willkommene Abwechslung an; Wenn Tante Inge neue Getreidekörner als „Köder“ ausstreut, um sich bald von vielen krächzenden, schwarzen Vögeln umkreisen zu lassen, heißt es bei den Krähen deshalb inzwischen schon „Kommt, Jungs! Bei der Tante Inge gibt’s gleich wieder Karussellfahren!“

Als gelegentlichen Helfer bei kleinen Reparaturen und ähnlichen Dingen beschäftigt Tante Inge auch noch Thomas – einen etwas unbeholfenen und eher netten als klugen Bauernsohn aus der unmittelbaren Nachbarschaft, den Tante Inge schon als kleines Kind gekannt hat. Thomas hilft Tante Inge nicht so sehr wegen der paar Mark, die er von ihr ab und zu für seine Arbeit bekommt, sondern weil er von jeher getan hat, was „Tante Inge“ ihm sagt, wobei er vor Tante Inges Schimpfkanonaden und Ohrfeigen allerdings schon immer viel mehr Angst gehabt hat als vor jeder Erziehungsmaßnahme seiner eigenen Mutter.

Obwohl Tante Inge ihren „Halbenkel“ Thomas in gewisser Weise durchaus mag, treibt er sie mit seiner Unbeholfenheit sowie seinem zuweilen enervierend langsamen Denken doch immer wieder bis zur Weißglut, weshalb sie ihn im Zorn schon mehrmals als „lahmen Rotzlöffel“ oder den „mißratenen Sohn einer gestraften Mutter“ bezeichnet hat! Als Kind hatte Thomas von der ungeduldigen Tante Inge tatsächlich so manche Ohrfeige oder Tracht Prügel bekommen, wonach er weinend zu seiner Mutter lief, die sich die Klagen ihres heulenden kleinen Sohnes – den sie ja ebenso gut kannte wie Tante Inge – allerdings nicht sehr lange anhörte sondern meinte: „Wenn die Tante Inge dich gerade ordentlich verhauen hat, dann wird sie dafür schon ihre Gründe gehabt haben!“

Wenngleich Thomas inzwischen auch schon 32 Jahre alt ist, sieht ihn Tante Inge auch jetzt noch als den kleinen Jungen an, der sie mit seiner Ungeschicktheit sowie seinem langsamen Denken aufregt und Thomas weiß seinerseits, daß Tante Inge trotzt ihres schon etwas fortgeschrittenen Alters immer noch recht kräftig ist und daß sie ihn – wenn sie Thomas zu fassen bekäme – auch jetzt noch ordentlich durchhauen könnte, weshalb er bei einer aufkommenden Gewitterstimmung „seiner Tante Inge“ nach wie vor lieber schnell das Weite sucht. Trotz seiner häufigen Angst vor Tante Inge würde Thomas in seinem Leben allerdings einiges vermissen, wenn die alte Frau mit ihren Schafen, dem freundlich-faulen Rex und dem schiefgezogenen Fachwerkhäuschen – über dessen Eingangstür der Spruch „Trautes Heim – Glück allein!“ auf ein Holzstück gepinselt ist – eines Tages nicht mehr da sein sollte!

Bei allzu kaltem und schneereichem Winterwetter oder während verregneter Herbsttage macht Tante Inge es sich entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit auch während ganzer Tage in ihrem schiefgezogenen Fachwerkhäuschen gemütlich; weil Tante Inge die nötige Geduld für das Lesen von Büchern kaum aufbringen mag und auch nur wenige Bücher ihr Eigen nennt, verbringt sie die Zeit in ihrem rustikal-gemütlich eingerichteten Fachwerkhäuschen am liebsten vor ihrem großen, alten Fernsehapparat mit der zigarrenkistengroßen Kabelfernbedienung und dem schon etwas alterschwachen, schwergewichtigen Videorekorder – zu Tante Inges Lieblingssendungen gehören vor allem Rateshows mit möglichst einfältigen und ungeschickten Kandidaten, über deren geistiges Unvermögen Tante Inge sich dann in einer Weise, die sie selbst immer wieder als sehr belebend empfindet, nach Herzenslust aufregen kann!

In ihrer unmittelbaren Umgebung gibt es einen Menschen, den Tante Inge wirklich von Herzen mag: Marianne ist ein Bauernkind, das auf einem der benachbarten Höfe lebt und auf seinem Schulweg täglich zweimal an Tante Inges schiefgezogenem Fachwerkhäuschen vorbeikommt. Wenn Tante Inge diesem munteren kleinen Mädchen mit seinem rotweiß karierten Kleidchen und den zu zwei langen Zöpfen geflochtenen, dunkelbraunen Haaren an warmen Sommertagen zuschaut, denkt Tante Inge wehmütig an die eigene kleine Tochter, die sie sich in jüngeren Jahren immer gewünscht hat, aber nie haben konnte, weil es kein Mann lange genug mit der schon immer sehr eigensinnigen Inge aushalten konnte, um ein gemeinsames Kind in die Welt zu setzen.

Die kleine Marianne ist der einzige Mensch, den Tante Inge nie in ihrer so typischen, herzhaften Weise ausschimpfen würde, weil Tante Inge in Marianne das junge Mädchen wiedererkennt, daß sie selber vor jetzt schon sehr vielen Jahren einmal gewesen ist. Tante Inge verwöhnt die kleine Marianne nach Strich und Faden, wobei sie Marianne nicht etwa mit Süßigkeiten füttert – die Tante Inge auch gar nicht im Hause hat – sondern mit dem, was Tante Inges kleiner, aber mit viel Liebe gepflegter Garten an Obst hervorbringt. Tante Inge hat die kleine Marianne natürlich auch bald mit ihrem faulen und sich vor den Schafen eigentlich eher fürchtenden Schäferhund Rex bekannt gemacht, indem sie zu Marianne sagte: „Schau mal Marianne, das hier ist der Rex – das ist ein sehr guter Hund und den kannst du auch ruhig streicheln, denn der hat die Mama noch nie gebeißt!“

Tante Inges Nachbarn sind seit vielen Jahren an Tante Inges Eigenarten gewöhnt – wenn Tante Inge also einmal mehr herzhaft schimpfend auf ihrem kleinen Ackerstück steht und von den heiser krächzenden Krähen wie von einer Wolke umkreist wird, dann lehnt bestimmt jemand aus der Nachbarschaft in einer gewissen Entfernung an einem Weidezaun und sagt zufrieden zu sich selbst „Ja, ja – das ist die Tante Inge!“ Wenn sich Tante Inge – mit einer Kittelschürze, Gummistiefeln und Lockenwicklern bekleidet und vielleicht eine uralte, rostige Heugabel in der Hand haltend – dann wieder einmal nach Herzenslust über die Krähen aufregt, kann es durchaus passieren, daß einer ihrer Nachbarn zu ihr tritt und scherzhaft meint „daß die Krähen in diesem Jahr doch eine echte Plage seien!“, worauf Tante Inge – die sich niemals von irgend jemandem auf den Arm nehmen läst – zwischen zwei Schimpfkanonaden wahrscheinlich einfach nur mit einem kurzen „Da kannste wohl Recht haben, mein Jung!“ antwortet.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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