Kitty Blechschmidt

Vergebung

Der Morgen war kühl und neblig, als die junge Lily das Haus ihrer Eltern verließ. Sie hatte einen schlimmen Traum, aus dem sie zitternd und frierend erwachte. Die Wasserkanne in der Küche war leer, also musste sie nach draußen. Auf dem Weg zum Brunnen zog sie ihren wollenen Mantel enger um ihren schlanken Körper.

     Die Nebelschwaden, die über dem kleinen Dorf Santinoc hingen, hoben sich allmählich. Bald würde der erste Hahn krähen, die Bauern aus ihren Betten rufen und zur Arbeit treiben.

     Lily erreichte den Brunnen trotz des Nebels ohne Mühe, denn sie kannte den Weg dorthin genau. Sie tauchte ihre klammen Hände in das kalte, frische Wasser, was sie soeben mit einem Eimer aus dem Brunnen heraufgezogen hatte. Sie zitterte noch mehr, als sie sich mit den Händen über das Gesicht fuhr, doch es vertrieb auch die bösen Erinnerungen an ihren Traum und klärte ihre Gedanken.

     In der Ferne war ein donnerndes Geräusch zu hören, was mit jeder Sekunde lauter zu werden schien.

     Lily blickte sich um, doch sie konnte nichts Außergewöhnliches erkennen. Der Nebel hing genau noch so träge in der Luft wie zuvor. Noch einmal tauchte sie ihre Hände in das Wasser und schlug es sich ins Gesicht.

     Das Geräusch kam immer näher und wurde stetig lauter.

     Lily achtete nicht darauf, dennoch überlegte sie, was dieses Geräusch verursachen könnte. Sie schüttete den Eimer neben dem Brunnen aus und ließ ihn wieder hinab um ihn erneut zu füllen. Nachdem sie den vollen Eimer auf dem Brunnenrand gestellt hatte, band sie ihn los und trug ihn Richtung Hauseingang. Ihre Mutter würde sich sicherlich darüber freuen, wenn sie die Wasserkanne in der Küche aufgefüllt vorfinden würde.

     Als Lily nach draußen ging um den Eimer wieder an das Brunnenseil zu binden, fiel ihr auf, dass die donnernden Geräusche verschwunden waren. Und mit ihnen auch die erschreckenden Bilder aus ihrem Traum.

     Auf dem Weg zurück ins Haus vernahm sie ein metallisches Klirren. Erschrocken blieb sie stehen und schaute sich um. Der Nebel war noch immer zu tief um weit blicken zu können. Wieder zog sie ihren Mantel enger um sich. „Was war das?“, fragte sie sich stumm. Angst stieg in ihr hoch, denn das Geräusch aneinanderschlagendem Metalls ließen die Bilder ihres Traumes wiederkehren.

     Wohin Lily auch sah, sie konnte nur den nebelverhangenen, kleinen Hof ihres Heimes erkennen. Tapfer ging sie wieder ein paar Schritte auf den Eingang des Wohnhauses zu. Doch ein weiteres klirrendes Geräusch ließ sie erneut innehalten. Diesmal klang es lauter, näher.

     In dem Gedanken, im Haus Schutz zu finden, eilte sie los, doch noch bevor sie die Tür erreicht hatte, wurde sie seitlich gepackt. Der schrille Schrei der ihrer Kehle entweichen wollte, wurde von einer behandschuhten Hand, die sich sofort auf ihrem Mund presste, aufgehalten.

     „Ganz ruhig, meine Kleine!“, raunte ihr ein Mann ins Ohr. „Wir wollen doch keine schlafenden Hunde wecken, nicht wahr?“

     Lily wimmerte und wand sich mit aller Kraft, doch der Mann, der sie fest umklammerte, war viel zu stark für sie.

 

* * *

 

„Lily! Lily, steh auf!“, ertönte die Stimme ihrer Mutter, während sie in der Küche das Frühstück zubereitete. „Lily!“, rief sie noch einmal lauter. Doch nichts rührte sich.

     „Was schreist du denn so rum, Milly?“, fragte John, der soeben aus den Ställen kam. „Ist Lily noch nicht aufgestanden?“ Er stellte den Eimer mit der frischen Milch auf den Tisch und ging zu seiner Frau. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte er leise an ihrem Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich hab die Kuh gemolken, hier ist die Milch.“

     Melinda lächelte daraufhin. „Ich wünsche dir auch einen guten Morgen. Aber nein, unsere Lily ist noch nicht aufgestanden. Setz dich schon mal hin, es gibt gleich Frühstück. Ich geh nur schnell rauf und wecke sie.“

     „Mach das, meine Liebe, ich habe einen Bärenhunger!“, sagte John und setzte sich auf seinen Stuhl an der Stirnseite des Tisches.

     Melinda stieg die kleine Treppe hinauf zur Dachkammer in der Lily schlief. „Lily, Frühstück!“, sagte sie mit mütterlich ruhiger Stimme als sie die Zimmertür öffnete. Doch Lilys Bett war leer. Melinda trat in die Kammer und sah sich um. Nichts hatte sich verändert. Das Bett war zerwühlt – sicherlich hatte ihre Tochter wieder einen schlimmen Traum gehabt. Aber wo war sie? Sie griff auf das Laken, es war kalt, Lily musste also schon vor dem ersten Hahnenschrei aufgestanden sein. Und ihr Kleid lag über dem Stuhl neben dem Fenster. „Lily“, wisperte sie und sah sich weiter im Zimmer um. Lilys Mantel war verschwunden!

     John lief schon das Wasser im Mund zusammen, der Duft von frischem Kaffee, Eiern und gebratenem Speck war betörend. Doch dann hörte er den schrillen Ruf seiner Frau.

     „John!“, Melindas Ruf ließ ihn zusammenzucken, „John, Lily ist weg!“

     Zwei Stufen auf einmal nehmend eilte John die schmale Stiege hoch in die Kammer seiner Tochter. „Milly, was ist los?“

     Seine Frau kam schluchzend auf ihn zu und schmiegte sich an seine Brust. „Lily... sie ist verschwunden!“

     John verstand schnell, doch er wollte auch sachlich bleiben. „Beruhige dich erst einmal, Milly!“, sagte er sanft, und schloss sie in seine Arme. „Vielleicht hatte sie wieder einen ihrer bösen Träume und ist deshalb schon früher aufgestanden.“

John zweifelte selbst an seinen Worten. Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass Lily bereits im Morgengrauen das Haus verließ, doch bisher hatte er sie danach immer am Brunnen oder in den Ställen vorgefunden. Doch an diesem Tag...

     „Nein!“, schluchzte seine Frau noch immer an seine Brust geschmiegt, „Sie ist weg! Unsere Lily ist weg!“

 

* * *

 

„Bleib ganz ruhig, Kleines“, raunte der Mann, der sie eben gefangen genommen und auf das Pferd eines anderen Ritters hob. „Dann passiert dir auch nichts!“ Sein Grinsen war dämonisch.

     „Lasst mich gehen!“, wimmerte sie vor sich hin, doch ihre Entführer hatten kein Erbarmen. „Ich habe euch doch nichts getan...“ Mit Tränen in den Augen erinnerte sie sich wieder an den letzten Traum, aus dem sie zitternd erwachte.

     „Sei still, kleines Biest!“, brüllte der Mann, vor dessen Schoß sie nun im Sattel saß. Grob packte er sie an ihrer noch kindlichen Taille, damit sie sich nicht seitlich aus dem Sattel werfen konnte.

     „Wir brechen auf!“ brüllte der Anführer der Ritter. „Alle Mann auf die Pferden!“

     Lily zuckte bei jedem einzelnen Wort zusammen. „Was geschieht hier bloß?“, fragte sie sich stumm. Ihre Tränen flossen unaufhaltsam. Sie konnte es einfach nicht bereifen. Eben lag sie noch in ihrem Bett, schlief und erwachte plötzlich von einem grausamen, real wirkendem Traum... der nun mit jeder Sekunde wahrer wurde. Kann es denn sowas wirklich geben?

     Der Ritter hinter ihr zog sie näher an sich, als er sein Pferd in Bewegung setzte und herrschte sie an, endlich mit dem Gejammer aufzuhören.

     Doch sie konnte es nicht. Stattdessen versuchte sie vergeblich sich aus seinem harten Griff zu befreien. Aus ihrer Angst wurde Zorn und dieser steigerte ihr Selbstbewusstsein. Mit aller Kraft biss sie zu.

     „Verdammt“, schrie der Mann hinter ihr im Sattel. „Verdammte Göre, knebeln sollte ich dich!“

     Die Flüche des Mannes waren dem Anführer nicht entgangen, somit bat er mit einer Geste, seine Männer mögen anhalten.

     „Rynold, was ist denn los?“, fragte er, nachdem er das Pferd, auf dessen Rücken Lily saß, erreichte.

     „Nichts!“, antwortete Rynold, „Sie hat mich nur gebissen, dieses kleine Luder!“

     Der Anführer brach in ein schallendes Lachen aus, was jedoch nur kurz anhielt. Danach befahl er seinen Leuten weiterzureiten.

 

* * *

 

Ein Jahr war seither vergangen.

 

Der Tag neigte sich dem Ende zu, als der alte Bob wie fast jeden Tag nach der harten Arbeit auf dem Feld die Kneipe betrat.

     „Hey, Selda, eine ordentlichen Drink für mich!“, rief er der Wirtin bereits am Eingang zu.

     „Kriegst du gleich“, kam die Antwort gedämpft hinter der Theke hervor. Selda war gerade dabei einen Karton Flaschen unter dem Tresen zu verstauen.

     Bob schaute sich kurz um und entdeckte John in einer Ecke sitzen. Fragend blickte er zu Selda, die gerade ein Glas für ihn füllte.

     „Er trinkt schon den ganzen Abend“, antwortete sie kopfschüttelnd auf seine stumme Frage.

     Bob setzte sich an den Tresen und nahm seinen Drink entgegen. „Er trinkt um zu vergessen“, sagte er, prostete ihr zu und trank sein Glas in einem Zug leer. „Weißt du, was schlimmer ist, Selda?“, er hielt ihr sein leeres Glas hin, „Vergessen zu trinken!“

     Mit den Augen rollend füllte sie Bobs Glas nach. „Trotzdem, durch seine Sauferei kriegt er seine Tochter auch nicht wieder zurück!“

     „Ja ja“, meinte Bob nachdenklich und kratzte sich am Kopf, „Aber es scheint ihn zu beruhigen.“

     Selda wandte sich abrupt ab, schnappte sich einen Lappen aus der Spüle und begann einen der Tische im Schankraum zu säubern.

     „Selda“, sagte John träge, „Bring mir noch ein Bier, ja?“

     Selda blickte zu John hinüber. „Meinst du nicht, du...“

     „Gib ihm ruhig noch eins“, meinte Bob ruhig, stand auf und ging zu John. „Und mir kannst du auch gleich eins mitbringen.“

     John starrte weiter in sein leeres Bierglas, als Bob sich an seinen Tisch niederließ. Beide schwiegen, bis Selda ihnen das Bier an den Tisch brachte und die leeren Gläser mitnahm.

     „Weißt du, mein Junge, als meine Frau starb...“, begann Bob mit leiser Stimme.

     „Ich will das nicht hören!“, unterbrach John ihn und trank.

     Doch Bob ignorierte ihn und sprach einfach weiter: „...da habe ich mich tagelang verkrochen und gesoffen. So wie du jetzt“, fügte er vorsichtig hinzu. „Ich wollte alles um mich herum vergessen. Es hat funktioniert, aber...“

     „Da hast du es! Kannst also aufhören zu erzählen!“

     „Aber“, sagte Bob noch einmal betont, „es hat nicht richtig funktioniert. Denn als ich wieder klar im Kopf war, merkte ich, dass ich dadurch noch andere Probleme hatte. Mein Hof, mein Vieh, meine Felder“, er machte eine kleine Pause, „Ich hätte beinahe alles verloren...“

     John sah kurz zu ihm auf. „Und?“, meinte er gleichgültig.

     „Sieh dir meinen Hof jetzt an, John. Ich wüsste nicht, wann er jemals besser gelaufen wäre. Und das habe ich mit meinen eigenen Händen geschafft“, er unterstützte seine Aussage mit einer Geste, „Ganz allein. Doch du, mein Junge, bist nicht allein. Du hast ein liebes Weib zu Hause sitzen.“

     John, dessen Bierglas beinahe wieder leer war, sagte keinen Mucks. Er sah noch nicht einmal auf. Er kannte Bobs Geschichte, er hatte sie schon zigmal gehört.

„John, ich hatte nie eigene Kinder, deshalb...“

     Bei dem Wort „Kinder“ schlugen in Johns Kopf die Alarmglocken und er brüllte los: „Genau, Bob! Du hattest nie ein Kind!“ Wütend starrte er Bob an. Er wusste, was jetzt kommen würde. Gleich würde Bob ihm verkünden, dass seine Frau noch jung genug sei um noch ein Kind zu gebären. Wie oft hatte er ihn dies schon zu anderen Männern sagen hören.

     Doch Bob schwieg.

 

* * *

 

Keiner der Bewohner Santinocs hatte sich Lilys Verschwinden erklären können. Doch alle waren sich stumm darüber einig, das Lily niemals mehr zurückkommen würde.

     Melindas Schmerz war groß, doch ihre Hoffnung stärker. Tag für Tag hatte sie fest daran geglaubt, ihre Tochter würde zurückkehren. John hingegen war seit dem Tag ihres Verschwindens in sich gekehrt, vernachlässigte seine Arbeit auf dem Hof und suchte Trost bei reichlich Bier und Wein. Für ihn gab es keine andere Möglichkeit als anzunehmen, seine über alles geliebte Lily sei tot. Und mit der Zeit schwand auch Melindas Zuversicht, ihre Tochter jemals wiederzusehen.

     John und Melinda lebten bisher in einer harmonischen Ehe, doch seit Lily nicht mehr bei ihnen war, lebten sie, jeder für sich allein, aneinander vorbei. Wenn sie einander begegneten wurde meist nur das Nötigste geäußert. Die Trauer überschattete jegliche Gefühle füreinander.

     John, der die meiste Zeit in der Dorfschenke verbrachte, sah keinen Sinn mehr darin den Hof ordentlich zu betreiben. Melinda hingegen versuchte alles, um dafür zu sorgen, dass sie den nächsten Winter überstehen können.

     Manchmal brauchte sie Hilfe in den Ställen und in der Scheune und jedes Mal, wenn sie sich auf die Suche nach ihrem Mann begab, stellte sie fest, das er wieder einmal nicht zu Hause war und er mit Sicherheit in der Kneipe hockte und nachdenklich in sein Bier starrte.

     Nein, sagte sie sich, so konnte es gewiss nicht mehr lange weitergehen.

 

* * *

 

„John!“, rief Melinda als sie die Tür zur Schenke aufstieß. „Wo zum Teufel steckst du, John?“ Sie brauchte nicht lange zu suchen, denn bis auf Selda, Bob und ihrem Mann war niemand weiter zu sehen.

     Bob erhob sich, nahm sein leeres Bierglas und ging damit an den Tresen, stellte es dort ab und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken in Seldas Richtung.

„Bis morgen“, sagte sie leise an ihn gewandt.

     Auch wenn es Bob sehr interessierte, wie Melinda endlich einmal versuchen würde ihrem John ordentlich den Kopf zu waschen, so bevorzugte er jetzt dennoch, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, den Rückzug.

     Melinda trat energisch an Johns Tisch und baute sich vor ihm auf. „Herrgott nochmal“, schrie sie, „Tag ein, Tag aus sitzt zu hier rum und säufst!“

     John sah kurz zu ihr auf, nur um sich dann wieder auf sein leeres Bierglas zu konzentrieren, als würde es sich dadurch füllen.

     „Interessiert es dich denn überhaupt nicht, wie es mit uns weitergehen soll?“

     John ignorierte ihre Frage, hob das leere Glas und sah Selda erwartungsvoll an.

     „Nein, John!“, kreischte Melinda und entriss ihm das Glas. Sie stellte es so hart auf den Tisch zurück, dass sich ein Sprung bildete. „Nein“, sagte sie noch einmal mit Nachdruck. „Du stehst jetzt verdammt noch mal auf und kommst mit nach Hause, wo du hingehörst!“

     So kannte John seine Frau nicht. Sie war herzensgut und keine wütende Furie, wie sie sich eben gab. Noch nie hatte er sie so zornig erlebt. Nein, korrigierte er seine Gedanken, er hatte Melinda noch nie so verzweifelt erlebt.

     „Lass mich in Ruhe, Milly, und geh wieder nach Hause!“, seine Stimme klang leise im Gegensatz zu ihrer.

     Selda hatte sich inzwischen in eine Kammer hinter dem Schankraum zurückgezogen. Gedanklich bat sie darum, das Melinda ihren Mann wieder zur Vernunft bringen würde.

     Melinda trat neben John und zog ihn mit aller Kraft auf die Beine. „Nein, mein Lieber, wenn ich gehe, dann nur mit dir. Du wirst jetzt mitkommen, dich ins Bett legen und schlafen. Und morgen früh kümmerst du dich ums Vieh...“

     „Verdammt, Milly“, Johns Stimme wurde lauter, „Was soll das?“ Schwankend trat er einen Schritt auf sie zu.

     „Was das soll, fragst du mich?“ Ihr Zorn schwoll an, ebenso ihre Verzweiflung und Tränen traten in ihre Augen. „John“, sagte sie mit zitternder Stimme, „du bist mein Mann. Wir haben geheiratet, weil wir uns lieben und weil wir zusammen leben wollten. Wir haben einen Hof, der uns ernährt, aber allein...“, ihre Stimme brach ab.

     Johns Blick wurde weicher, als er seine Frau so verzweifelt und beinahe flehend vor sich stehen sah. Doch ehe er etwas sagen konnte, sprach sie weiter.

     „Du fehlst mir John! Ich kann das nicht mehr allein. Ich brauche dich! Ich brauche dich zu Hause, bei mir.“

     John hatte an diesem Tag gewiss schon sehr viel getrunken, doch diese Worte, von denen er noch nicht einmal ahnen konnte, dass sie Melinda einmal aussprechen würde, ließen ihn klar im Kopf werden. Und plötzlich wurde ihm auch bewusst, wie sehr er seine Frau mit seinem Verhalten in den letzten Monaten verletzt haben muss, denn sonst würde sie ihm jetzt nicht so gegenüber stehen. Hereingeplatzt war sie wie eine wütende Furie – wirkte wie eine Fremde für ihn –, doch nun war sie einfach nur noch verzweifelt und zerbrechlich. Er hatte sie all die Monate allein gelassen mit ihrer Trauer.

     „Milly“, sagte er mit schwacher Stimme. „Es..., es tut mir Leid, meine liebe Milly.“ Ohne sie jedoch wirklich anzusehen ging er leicht schwankend an ihr vorbei, auf die Tür zu.

     Milly folgte ihm, holte ihn ein, hakte sich bei ihm unter und verließ mit ihm gemeinsam die Schenke.

     Als sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, kam Selda wieder aus ihrer Kammer hervor, und mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht begann sie die restlichen Gläser zu spülen. Heute, sagte sie sich, würde sie ihre Schenke früher schließen als sonst.

 

* * *

 

Ein weiteres Jahr war vergangen.

 

Melinda, hochschwanger, war nicht davon abzubringen morgens die Kuh zu melken. Doch etwas ließ sie innehalten. Sie rief nach John, der sofort in den Stall an ihre Seite gelaufen kam.

     „Milly, was ist, meine Liebe“?, fragte er zärtlich, da er jeden Moment damit rechnete, sie würde gebären.

     Melinda waren diese überfürsorglichen Reaktionen ihres Mannes beinahe lästig, doch sie ließ es geschehen. Denn nichts war ihr in diesem Moment lieber. John hatte endlich wieder angefangen zu leben – mit ihr, dem noch ungeborenem Kind und in ihrem gemeinsamen Heim. Er kümmerte sich täglich um den Hof, versorgte das Vieh und ackerte auf den Feldern – so, wie es schon immer war und für immer sein sollte.

     „Die Kuh kalbt“, sagte sie und musste sich ein Lachen verkneifen. Doch da er sie nur mit großen Augen anstarrte, lachte sie laut los. „Die Kuh, um Gotteswillen!“, sie zeigte auf das Tier, was sich durch die Schmerzen der beginnenden Geburt immer lauter zu verständigen gab. „Hol Bob, er weiß was zutun ist“, fügte sie noch immer lachend hinzu.

     Auf dem Weg zu Bobs Gehöft, die Dorfstraße entlang, brach er ebenfalls in ein schallendes Gelächter aus. Die Kuh, dachte er glücklich, nur die Kuh.

 

* * *

 

Nur wenige Tage später rannte John mitten in der Nacht erneut ins Dorf, um den hiesigen Doktor abzuholen, denn bei Melinda setzten die Wehen ein.

     Bereits im Morgengrauen hielt Melinda ihren kleinen Sohn im Arm – Benedict.

 

 

Kitty Blechschmidt, März 2009

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.03.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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