Dirk Huck

Spancil Hill

"I stepped on board a vision and followed with the will,
'Till next I came to anchor at the cross of Spancil Hill."

Ich kann nicht schlafen. Unruhig wälze ich mich im Bett hin und her. Eine Melodie geht mir nicht aus dem Sinn. Es ist die Melodie von "Spancil Hill", einem der populärsten Songs der irischen Folkmusik. Vielleicht geht mir die Melodie nicht aus dem Sinn, weil ich sie derzeit auf meiner Gitarre einstudiere, und dazu immer und immer wieder wiederhole. Und nun sucht sie mich sogar im Schlaf heim.

Das Lied handelt von einem irischen Emigranten, der eines Nachts im Traum an den Ort seiner Jugend zurückkehrt, nach Spancil Hill. Dort findet jedes Jahr am 23. Juni ein großer Pferdemarkt statt, zu dessen Anlass sich alle aus der Region, jung und alt, versammeln. Er träumt, wie er alte Bekannte wiedersieht, und seine große Jugendliebe besucht. Als er träumt, sie in seinen Armen zu halten und zu küssen, erwacht er in seinem Bett in Kalifornien, viele Meilen von Spancil Hill entfernt.

Hinter dem Lied verbirgt sich eine wahre und tragische Geschichte. Etwa um 1870 emigrierte der 20-jährige Ire Michael Considine nach Amerika. Zunächst arbeitete er eine Zeit lang in Boston, bevor er nach Kalifornien weiterzog. Er hatte vor, genügend Geld zu verdienen, um eines Tages die Überfahrt für seine Jugendliebe, Mary McNamara, bezahlen zu können und sie in Amerika zu heiraten. Doch bald nach seiner Ankunft in Amerika verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Als er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde, verarbeitete er seine Erinnerungen an seine Heimat und seine Jugendzeit dort zu dem Gedicht "Spancil Hill" und schickte es an seine Familie in Irland. Michael starb um 1873, ohne seine Liebste je wiedergesehen zu haben. Einige Quellen sagen, dass er in Spancil Hill begraben wurde. Wahrscheinlicher aber ist, dass er in Kalifornien bestattet wurde. Mary McNamara (in dem Gedicht als "Mack the ranger's daughter" erwähnt) blieb ihm für immer treu und heiratete nie.

Für die musikalische Fassung wurde das Gedicht von ursprünglich elf auf sechs Strophen gekürzt und leicht abgeändert (aus "Mike" wurde "Johnny", aus "Mack the ranger's daughter" wurde "Nell the farmer's daughter"). Den Zauber der Originalfassung hat es aber nicht verloren.

Spancil Hill (traditional, von Michael Considine)

Last night as I lay dreaming of pleasant days gone by,
My mind bein´ bent on rambling, to Ireland I did fly,
I stepped on board a vision and followed with the will,
'TIll next I came to anchor at the cross of Spancil Hill.

Delighted by the novelty, enchanted with the scene,
Where in my early childhood, I often times have been.
I thought I heard a murmur, and I think I hear it still,
It's the little stream of water that flows down Spancil Hill.

It been the twenty-third of June, the day before the fair,
When Ireland's sons and daughters in crowds assembled there.
The young, the old, the brave and the bold, came their duty to fulfil,
At the parish church in Clooney, a mile from Spancil Hill.

I went to see my neighbours, to hear what they might say,
The old ones were all dead and gone, the young ones turning grey.
I met the tailor Quigley, he's as bold as ever still,
Sure he used to mend my britches when I lived in Spancil Hill.

I paid a flying visit to my first and only love,
She's as fair as any lily and gentle as a dove.
She threw her arms around me, saying "Johnny, I love you still"
Ah, she's Nell, the farmer's daughter, the pride of Spancil Hill

I dreamt I held and kissed her as in the days of yore
She said "Johnny, you're only joking, as many's the time before"
The cock he crew in the morning, he crew both loud and shrill,
I awoke in California, many miles from Spancil Hill.

Den Ort "Spancil Hill" gibt es wirklich. Sein offizieller Name ist "Cross of Spancilhill". Er liegt in der irischen Grafschaft Clare an der R352 zwischen Ennis und Tulla, nur wenige Kilometer außerhalb von Ennis. Sein Name leitet sich vermutlich vom englischen "to spancil" ab, womit das Binden eines kurzen Stricks zwischen dem linken Vorderfuß und rechten Hinterfuß eines Pferdes bezeichnet wird, um es am Herumlaufen zu hindern. Der Name lässt darauf schließen, dass der Ort eine lange Pferdetradition hat.

Alljährlich findet in dem kleinen Ort Spancil Hill einer der ältesten und größten Pferdemärkte Irlands statt, auch heute noch. Es heißt, dass in seinen besten Tagen sogar Pferdehändler aus England, Russland, Preußen und Frankreich kamen, um dort Pferde für ihre Armeen zu kaufen. Nachdem der Markt in den letzten Jahren etwas an Bedeutung verloren hatte, wurde er vor kurzem wiederbelebt und erfreut sich wieder steigender Teilnehmer- und Besucherzahlen.

Traditionell findet der Pferdemarkt am 23. Juni statt. Dieses Datum ist auch auf einer Plakette neben dem Gatter zu der umzäunten Wiese, die als Austragungsort dient, eingraviert. Im Lied heißt es zwar "on the 23rd of June, the day before the fair". Doch in der ursprünglichen Fassung wird auch der Morgen des heiligen Sabbat erwähnt (ein weiterer Hinweis ist die Zeile "...came their duty to fulfil, at the parish church in Clooney..."). Es ist wahrscheinlich, dass der Pferdemarkt um einen Tag verschoben wird, falls er auf diesen christlichen Tag der Ruhe fällt.

Ich besuchte den Ort letztes Jahr im September während meines Urlaubs im Westen Irlands. In Ennis mietete ich mir ein Fahrrad und folgte einer Vision, bis ich tatsächlich zum „Cross of Spancilhill“ kam, angezeigt durch ein unscheinbares Schild am Rand der Landstraße. Etwa eine Meile weiter findet man an einer großen und einsamen Kreuzung tatsächlich "the parish church in Clooney", heute eine moderne Kirche. Diese Orte waren nicht länger nur eine Fiktion. Eine Welt, besungen in einem 140 Jahre alten Volkslied, offenbarte sich mir.

Vom "Cross of Spancilhill" folgte ich dem schmalen Weg hinunter ins Tal zu dem kleinen Gehöft "Spancilhill". Dort befindet sich das "Spancilhill Inn", das an dem Nachmittag einsam und verlassen vor mir lag. Dem Inn gegenüber liegt die große Wiese, auf der, umgeben von sanften Hügeln, einem natürlichen Amphitheater gleich, alljährlich der Pferdemarkt stattfindet. An der Mauer links vom Gatter, das auf die Wiese führt, findet man die in Stein gemeißelte Plakette mit der Inschrift "June 23rd Spancilhill Fair".

Als ich die Plakette betrachtete, bekam ich eine Gänsehaut. Mit klopfendem Herzen öffnete ich das Gatter und betrat die Wiese.

Der starke Geruch von Pferd schlug mir entgegen. Und dann war ich mittendrin. Menschen überall, jung und alt; grauhaarige ältere Männer, die kritisch Pferde beäugten und fachsimpelten, junge, rothaarige Burschen, die an langen Halftern zwei, drei Pferde hinter sich herzogen; sommersprossige Kinder, die störrische Esel vor sich her trieben; Frauen, die auf Klappstühlen vor großen Pferdetransportern saßen und bei einer Tasse Kaffee das Geschehen auf der Wiese vom Rande aus beobachteten. Trotz der scheinbar herrschenden Gelassenheit war eine allgemeine Erregung, eine freudige Erwartung angesichts des großen Ereignisses deutlich spürbar. Überall die Pferdebesitzer, die stolz ihre Tiere präsentierten, und um sie herum eine Schar potenzieller Käufer, die jedes Tier sorgfältig musterten und dem Besitzer Fragen stellten. Hier und da saßen Reiter auf den Pferden auf, meist ohne Sattel, um sie zu einem leichten Trab über die Wiese und quer durch das dichte Gewimmel aus Mensch und Tier zu treiben.

Alle Arten von Pferd waren dort. Da waren schlanke und hochgewachsene Reitpferde, die ihre Ohren aufmerksam in alle Richtungen stellten und deren Augen das Geschehen um sie herum genau verfolgten. Und es gab die kleinen gedrungenen Ponys und Esel, die ihren Blick stets zu Boden richteten, so als ob sie sich schämten neben den rassigen Pferden zu stehen. Und es gab die großen und kräftigen Zugpferde mit Fesselbehang an ihren mächtigen Hufen, mit denen sie sich in der Erde abstützen, fähig, ein Gewicht von einer halben Tonne zu ziehen.

Ich schlängelte mich zwischen all den Menschen und Tieren hindurch, wanderte von einer Pferdegruppe und Menschentraube zur nächsten, vorbei an angebundenen Eseln und diskutierenden Pferdehändlern. Die älteren Männer trugen meist Hemd und Tweetjacke, dazu Kordhose und Mütze, die jungen Burschen Wollpullover, Jeanshose und Gummistiefel. Es waren allesamt einfache Menschen vom Lande, die sich zu diesem großen Ereignis versammelt hatten.

Und plötzlich stand sie vor mir. Eine junge hübsche Frau, mit blondem, hochgestecktem Haar, einer dunklen Bluse und einem leger umgelegten grünen Schal, der sich sanft in der Brise hin und her bewegte. Mit ihren großen, von Lachfalten gesäumten Augen blickte sie mich an, und ihr strahlendes Lächeln entblößte eine Reihe wohlgeformter schneeweißer Zähne. Ihr abwartender Blick und ihr Lächeln ließen mich glauben, dass sie mich kannte und auf eine Reaktion meinerseits wartete. Doch ich wusste nicht, von woher wir uns kennen sollten. Und während ich noch grübelte und zögerte, warf sie ihren Kopf zurück und rief lachend: "Come!" Damit griff sie meine Hand und zog mich hinein ins Getümmel des Pferdemarktes von Spancil Hill.

Mit ihr als meiner Führerin über den Pferdemarkt zu ziehen, war ein völlig anderes Erlebnis. Hatte ich davor noch mühsam meinen Weg zwischen Menschen und Tieren suchen müssen, öffneten sich uns nun plötzlich die Wege wie von selbst. Mit einer Leichtigkeit, wie sie jungen Frauen zufällt, die um ihre Wirkung auf andere wissen, tänzelte sie mit mir im Schlepptau über den Pferdemarkt. Jeder schien sie zu kennen. Wo sie auftauchte, wandte man den Blick nach ihr, grüßte sie herzlich und machte uns bereitwillig Platz. Sie kokettierte mit jedem, ob jung, ob alt, auf die leichteste und angenehmste Weise. Ihr bezauberndes Lächeln erfasste alle. Und während ich sie so sah, musste ich an die Worte "the pride of Spancil Hill" denken. Denn das war sie wahrhaftig.

Sie stellte mich Pferdehändlern vor, ich schüttelte Hände mit Patrick, Johnny, Seamus, Eoghan, Michael, durfte Pferde streicheln und bewundern, und wurde Zeuge, wie per Handschlag Geschäfte abgewickelt wurden. Mir fielen die gestochen scharfen, seltsam funkelnden Augen der Pferdehändler auf. Andere Viehhändler, die etwa Rinder oder Schafe kaufen oder verkaufen, haben ebenfalls scharfe Augen. Doch ihr Blick offenbart nur die Anerkennung der Qualität, das Erkennen des Potenzials der Tiere. Die Augen der Pferdehändler dagegen offenbaren auch deren besondere Liebe und Hingabe für Pferde. Die Augen des Verkäufers sind erfüllt mit Stolz für sein prächtiges Pferd. Die Augen des Käufers funkeln vor Verlangen, dieses prächtige Tier zu besitzen. Bereits manche fünfzehn- oder sechzehnjährige Burschen vom Land haben scharfe Augen so alt wie die ihrer Väter und Großväter, in denen man ihre jahrelange Erfahrung im Umgang mit Pferden erkennen kann.

Dies alles sah ich dort in Spancil Hill. Am Ende unseres Streifzuges über den Pferdemarkt führte uns unser Weg zurück zum Gatter am Eingang zur Wiese. Während ich hindurchschritt, blieb meine Begleiterin davor stehen, wie vor einer unsichtbaren Schranke. Ich betrachtete sie. Die Nachmittagssonne bestrahlte ihr hübsches Gesicht, der leichte Wind bewegte ihr blondes Haar. Eine Frage brannte mir auf den Lippen. „Do you live in Spancil Hill?“ fragte ich sie. Ein Lachen entblößte ihre strahlend weißen Zähne. "I lived in Spancil Hill!" rief sie, drehte sich leichtfüßig um und verschwand in der Menschenmenge hinter ihr. Mir wurde die Bedeutung ihrer Worte nicht sofort bewusst. Doch dann blickte ich auf das Schild neben dem Gatter. "June 23rd Spancilhill Fair" stand dort geschrieben. "Wir haben nicht Juni." rief ich mir in Erinnerung. Ein Frösteln überkam mich, und als ich aufblickte, lag die Wiese leer und verlassen vor mir. Eine gespenstische Stille hing über dem Ort, dort wo sonst der Pferdemarkt von Spancil Hill stattfindet.

"Was für ein lebhafter Traum." sagte ich zu mir. Dann erwachte ich in meinem Bett in Dublin, viele Meilen von Spancil Hill entfernt.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dirk Huck).
Der Beitrag wurde von Dirk Huck auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Vier Graupapageien und ein Happy Oldie von Fritz Rubin



Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Pedro und bin ein Graupapagei, ja, genau, der mit dem schwarzen Krummschnabel, der weißen Maske, dem grauen Gefieder und den roten Schwanzfedern. Meine drei Freunde Kasimier, genannt »Karl-Karl Kasel«, Grete, genannt »Motte-Maus« oder »Prinzessin«, Peter, genannt »O«, und ich leben seit Dezember 1994 in einem schönen Einfamilienhaus in einem Dorf in der Vorharzregion. Ich habe mir vorgenommen, aus meinem Leben zu berichten, was mir alles so passiert ist, wie mein Tagesablauf ist und war und was mich alles so bewegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie Reiseberichte Irland

Weitere Beiträge von Dirk Huck

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Des Teufels Küche von Dirk Huck (Reiseberichte)
Pilgerweg X III. von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)
Ein Date, ein Tag im Dezember 2001 und ein DejaVu... von Kerstin Schmidt (Wahre Geschichten)