Denis Weitz

Versteckspiel

Versteckspiel

 

Diese Dunkelheit. Sie füllte den Wald, sodass es unmöglich war, die eigene Hand vor Augen zu sehen. Dennoch schritt ich durch den durchweichten, schlammigen Boden. Immer wieder knackte es unter meinen Füßen, wenn sie auf herabgefallene Äste traten, und der heftige Regen prasste auf mich ein, wie kleine, schmerzhafte Nadelstiche. Der Wind tobte, weswegen ich meine Arme schützend vor mich hielt, um mich gegen den enormen Druck zu stemmen. Doch dieser Kampf schien aussichtslos zu sein. Ich würde ihn hier niemals finden, es war Wahnsinn, was ich tat. Und trotzdem, ich konnte nicht umkehren. Irgendwo in diesem verdammten Wald musste er sein, und ich musste ihn finden. Schnell!

 

 

„Weißt du, Tim, ich muss dir ganz dringend etwas sagen…Der Tag mit dir, er war…er war, einfach unvergesslich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen erlebt zu haben…Draußen wütet ein schreckliches Unwetter, wir beide sitzen hier an einem kleinen Tisch  in einer Holzhütte mitten im Wald, wir haben nichts weiter als diese eine Kerze, die uns Licht spendet…und doch wollte ich nirgendwo lieber sein… “

 

All diese Bäume. Es war wie in einem endlosen Labyrinth. Ich sah nichts, ich wusste nicht, wo hin ich lief, nicht woher ich kam, nein, ich war hilflos. Meine Füße wurden immer schwerer, die bittere Kälte setzte meinem Körper mehr und mehr zu. Nicht mehr lange und ich würde mich der brutalen Gewalt von Mutter Natur beugen müssen. Aber das durfte einfach nicht passieren, nicht jetzt. Ich muss weiter suchen, ich muss!

 

„Das ist doch schön, Danny. Ich freue mich auch, dass du bei mir bist. Wir haben hier unseren Spaß, selbst wenn das Wetter nicht mitspielt…Aber deswegen musst du nicht so aufgeregt sein. Was ist denn los?“

 

„Tim, es ist mehr als das. Viel mehr. Ich…ich…ich glaube, ich habe mich in dich verliebt! Wir sind schon seit Jahren beste Freunde. Aber in der letzten Zeit spüre ich, dass das nicht ist, was ich will. Tim, ich träume von dir, Nacht für Nacht, ich denke an dich, Tag für Tag, ich sehne mich nach deiner Nähe, es ist mein tiefster Wunsch, für immer in deinen Armen zu liegen…“

 

 

Diese verdammten Schmerzen. Ich zitterte am ganzen Leib, ich spürte meine Glieder kaum noch; es schien, als wäre meinem Körper jegliche Wärme entwichen. Das Rennen des Anfangs verwandelte sich nun in ein mörderisches Schleichen. Alles hatte sich gegen mich gewendet, und meine schwindenden Kräfte ermöglichten mir nur noch ein schweres Vorankommen. Es war eine Schlacht, die ich niemals gewinnen würde. Und sie forderte ihren Tribut. An einer Wegenge kam ich plötzlich ins rutschen; ich verlor das Gleichgewicht und stürzte links den Hang hinunter.

 

Was redest du da, Danny. Was soll das? Ich, ich versteh nicht. Was ist mit dir los?“

 

„Ich liebe dich…“


“Hör doch auf mit der Scheiße, Mann. Du bist mein Kumpel, und keine Schwulette!“

 

„Tim, ich liebe dich. So sind meine Gefühle, ich kann das nicht ändern. Es ist anders. Aber darum nicht falsch. Mein Herz sagt, es ist das Richtige. Und darauf höre ich jetzt!“

„Danny, nein! Hör auf damit. Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!!!“

 

„Tim, es ist so. Und es ist richtig. Ich konnte es doch zuerst auch nicht glauben. Aber wir sind einfach für einander bestimmt. Die Zeichen stehen gut. Du musst dich nur darauf einlassen. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“

 

„Eben das glaube ich nicht. Danny, hör auf damit. Hör auf!“

 

„Nein! Ich höre nicht auf, denn ich weiß, dass das unser Schicksal ist. Ich weiß es! Hör auf dein Herz! Tim, ich weiß, dass du mich auch liebst!“

 

„Danny, nein! Ich liebe dich nicht. Nein! Ich bin normal, ich bin nicht schwul. Nein!

 

„Und warum hast du mich heute Mittag mit diesem unnachahmlichen Blick angesehen, als wir nebeneinander auf der Wiese lagen und uns sonnten. Warum hast du mich in diesem einen Augenblick so angeschaut, so verträumt und mit dieser Innigkeit, warum bist du mir so nah gekommen und zogst dann ganz schnell deinen Kopf wieder weg? Warum?“

 

„Wovon redest du?“

 

„Tim, du weißt, was ich meine. Wende dich nicht ab.  Sieh mich an. Sieh mich an, und sag mir, dass dir das hier nichts bedeutet…“

 

Ein Kuss. Stille.

 

„Tim, sag mir in die Augen, dass dir das nichts bedeutet hat! Sags mir!“

 

„Danny…das…bedeutet für mich überhaupt nichts. Das ist einfach nur…widerwärtig!“

 

„Widerwärtig ist das? Verdammter Feigling! Zum Teufel mit dir! Zum Teufel mit der Liebe! Zum Teufel mit dir, dummes Herz!

 

Danny verschwindet durch die Tür, sie schließt mit lautem Knall. Stille.

 

 

Jetzt nicht. Steh auf! Steh auf, Tim. Komm schon, steh auf.

Ich grub meine Fingerspitzen in die durchnässte Erde, dann versuchte ich mich aufzurichten. Doch ich sackte schon wieder zu Boden, als ich nur wenige Zentimeter von selbigen entfernt war. Verzweifelt schlug ich meine Faust auf den Boden. Hier durfte es nicht enden, auf keinen Fall. Noch einmal mobilisierte ich die letzten verfügbaren Kräfte, um hochzukommen. Meine Beine schlotterten fürchterlich, doch ich konnte mich letztlich auf Kniee und Beinen stützten. Ich hob meinen Blick und machte eine grauenvolle Entdeckung. Nicht weit von mir lag er, an einem Baum. Mit riesiger Anstrengung robbte ich mich zu ihm, um nach ihm zu sehen. Das sich mir darbietende Bild schockierte mich. Danny lag in einer großen Blutlache, er regte sich nicht. Ängstlich fühlte ich nach seinem Puls, doch ich spürte nichts. Dann verpasste ich ihm eine Ohrfeige, aber es tat sich nichts. Noch eine, und wieder nichts. Und noch eine, aber es passierte nichts!

 

„Danny, wach auf! Bitte, Danny, wach auf.  Danny, bitte, tu mir das nicht an. Nein, Dannnnnyyyy!!!“, schrie ich und bittere Tränen flossen über meine Wange. „ZUM TEUFEL MIT DIR, DUMMES HERZ!!!“

 

 

Nichts passierte! Tim stand einfach nur da. Er pustete die Kerze aus und sah aus dem Fenster…

 

„Was hab ich nur getan? Wohin hab ich dich getrieben? Warum bin ich nur so dumm? Verdammt, Danny, ich spürte nie einne süßeren Kuss als deinen…“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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