Maria Reithmeier

Sorry, dass es mich gibt

Heute ist wieder einer dieser Tage an denen man am liebsten sterben möchte. Dabei hätte der Abend so schön werden können. Plötzlich kommt diese Frau, die sich meine Mutter schimpft und behauptet ich wäre so schlecht in der Berufsschule, dass ich keinen vernünftigen Abschluss hinkriegen würde und eine neue Arbeitsstelle würde ich sowieso nicht finden. Diese Frau hat doch den absoluten Vogel. Sie hat keine Ahnung und macht mich fertig. Ich habe schon viel zu viel darüber geheult als das ich das nochmal wiederholen will.

Kann sich jemand vorstellen, dass die eigene Mutter einen so fertig macht, dass man WIRKLICH sterben möchte?

Wie heißt es? Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Selbst deine Feinde? Ich kann nicht mal meine eigene Mutter lieben. Ich müsste mich selbst hassen, wenn ich sie so „lieben“ würde, wie mich selbst. Aber sie liebt mich ja auch nicht. Mal ehrlich. Wann hat mir meine Gebärerin jemals das Gefühl gegeben mich zu lieben? Alles musste ich selbst machen, nie habe ich etwas von ihr erbettelt, habe immer alleine gespielt, alleine gelernt. Ich war immer allein. Sie kennt mich nicht. Sie hat keine Ahnung wer ich bin, wie ich bin, was ich mache, wie ich liebe und was ich denke. Nie hat sie sich für mich interessiert. Mein erstgeborener Bruder ist natürlich der kluge, heimatverbundene Student, der sich in der Gesellschat engagiert. Auch meine ältere Schwester ist absolut beliebt. Schließlich ist sie eine hypergescheite Erzieherin. War zwar auch „nur“ auf einer Berufsschule, aber trotzdem noch was höheres als so eine Bürotussi, wie mich. Mein kleiner Bruder wird immer verhätschelt und bei allem gefördert. Ihn treibt sie sogar in die Realschule, obwohl er dumm wie Stroh ist. Ich hätte mehr Potenzial dazu gehabt, aber bei mir war das ja egal. Mich wollten sie so dumm wie möglich halten. Über meine ganz kleine Schwester brauch ich gar nicht viel erzählen, denn sie ist ja sowieso der Sonnenschein der Familie. Die süße Kleine, die jeder lieb hat und die alles macht. Wenn sie scheiße baut, ist das süß. Sie ist schließlich ein kleiner süßer, kluger, beliebter Engel.

Aber ich bin das, was unsere Familie anscheinend nicht braucht. Ohne mich wäre diese Familie perfekt. Warum haben sie mich nicht abgetrieben? Dann hätte ich es einfacher und sie auch. Sie liebt mich nicht. Warum hat sie mich ausgetragen? Sie hasst mich doch. Sie macht mich klein, damit sie stärker wirkt. Sie ist es aber nicht. Sie ist die Schwache. So erbärmlich, wie sie um sich schlägt, weil sie es selbst nicht besser gemacht hat. Und für diese Frau wollte ich morgen ein Weihnachtsgeschenk kaufen?

Aber jetzt weiß ich wenigstens ganz genau woran ich bin. In solchen Situationen merkt man erst wem man was bedeutet. Keins meiner Geschwister kam zu mir um mich zu trösten, als unsere Mutter mir diese Sachen an den Kopf geschmissen hat. Kein Geschwisterlein kam um mich zu trösten, mich in den Arm zu nehmen und um mir liebe Worte zu zusprechen. Kein einziger. In meiner Not konnte ich nur meinen Freund anrufen. Er hat mir zugehört und als einziger Mut zugesprochen. Er liebt mich, so wie ich bin und ich liebe ihn. So einen Freund finde ich doch nie wieder. Was ist, wenn er mich eines Tages verlässt? Dann bin ich wieder ganz allein. Ganz allein. Allein. Furchtbar allein.

Dann könnten mich nur noch Tabletten erlösen. Aber auch nur dann, wenn sie mich töten. Ich glaube nicht an das Fegefeuer. Gott liebt doch seine Schöpfung. Vielleicht liebt er auch mich. Bestimmt beweint er meine bemitsleidenswerte Seele und wünscht mir einen inneren Frieden. Und wenn ich dann tot bin, wird er sich entschuldigen. Nicht, dass er es müsste. Er würde es tun, weil er mich mag so wie ich bin. Auch wenn ich schwach war. Ich wäre so gerne stark, aber ich bin es nicht. Ich bin es einfach nicht und dafür hasse ich mich so sehr. Ich gib mir so viel Mühe etwas zu erreichen, aber das Leben macht keine Spaß, wenn man andauernd nieder gemacht wird. Wenn einen ständig vorgehalten wird, wie minderwertig man ist. Scheiße, das ist viel schlimmer als der Tod. Ich hoffe nicht, dass ich wieder auferstehe und wenn doch, dann möchte ich ein Tier sein. Am besten eine verwöhnte Hauskatze. Frei und geliebt. Was will man mehr? Dumm aber glücklich. Viel schöner als dumm und unglücklich.

Mein Jahr ist schon wieder gelaufen. Hoffentlich sterbe ich bei einen schweren Autounfall. Bitte lieber Gott. Töte mich und sorge dafür, dass sich mein Freund glücklich verliebt. Ich will nicht, dass er leidet. Nicht wegen mir. Ich bin es nicht wert. Er hat die beste Freundin der Welt verdient. Nicht so eine wie mich. Ich liebe ihn so sehr, aber ich habe ihn nicht verdient. Er ist viel zu gut für mich. Er ist so ein toller Mensch und ich bloß eine Versagerin. Er hat was besseres verdient. Etwas viel besseres.

Solche Tagebucheinträge sind depremierend, doch anderseits tut es auch gut wenigstens einen Teil von seinen Kummer verarbeiten zu können. Liebe Welt, es tut mir leid, dass ich der dümmste Mensch überhaupt bin. Es tut mir leid, dass ich auf diese Welt gekommen bin und dass ich so eine Versagerin und Schlampe bin. SORRY!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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