Ute Zimmer

Sehnsucht (1)

                                                           1.        

 

Nachdenklich stand Marina Körner am Wohnzimmerfenster ihrer kleinen Dachgeschosswohnung am Stadtrand von Stuttgart und schaute hinaus. Schneeflocken wirbelten durch die Luft, der Himmel bewölkt und grau. Es war Anfang Januar und eisiger Wind fegt den Schnee in Böen vor sich her. Ihr erster Urlaubstag seit dem Sommer und die Ruhe tat ihr gut nach dem Stress der letzten Monate. Der erste Roman war veröffentlich, ihre Agentin hatte ganze Arbeit geleistet und die ersten Lesungen hatte sie auch hinter sich.

 

Marina ließ den Blick über die Stadt schweifen, die wie in einem Kessel vor ihr lag. Das Haus, in dem sie vor kurzem erst eine Wohnung gemietet hat, wurde vor einigen Jahren in den Hang gebaut und von ihrem Fenster aus hatte sie einen uneingeschränkten Blick über die ganze Stadt.

 

Ihre Gedanken wanderten zu Mark, mit dem sie seit drei Jahren mehr oder weniger ihr Leben teilte. In der Silvesternacht machte er ihr einen Heiratsantrag. So richtig nach alter Schule.

Still lächelte Marina in sich hinein, als sie daran denkt, wie er vor ihr kniete, ihr tief in die Augen schaute und sie fragte, ‚willst du meine Frau werden?‘

Dem ersten Impuls folgend wollte sie ja sagen. Doch irgendetwas hielt sie zurück. Sie sagte kein Wort, schaute ihn nur an und stotterte endlich, ‚lass mir etwas Bedenkzeit. ‘

 

Mark war eine gute Partie, wie man so schön sagt. Doch ab und zu ertappte sie sich dabei, wie sie ihn heimlich beobachtete. Er war 53, sah für sein Alter noch ganz gut aus. Graue Strähnen durchzogen sein dunkelbraunes Haar und manchmal blitzte es übermütig in seinen blauen Augen, doch dabei blieb es dann auch. Niemals kam das Unerwartete, nichts spontanes.  Für ihn war sie einfach da. Alles war so selbstverständlich geworden mit der Zeit. Sie war die Vorzeigefrau an seiner Seite.

Marina spürte, wie ihre Kehle eng wurde und Tränen ihren Blick verschleierten. Sie spürte eine unbändige Sehnsucht in sich, die ihr fast das Herz zerriss. Es tat weh. Es tat so weh. In ihren Geschichten schrieb sie von der großen Liebe, Leidenschaft und Glück, den Menschen zu finden, der wirklich zu einem passte. Ihr Leben war anders.

 

Wo war die leidenschaftliche Hingabe, die ungezügelte Lust, nach der sie sich so sehnte, wenn sie in Marks Armen lag. Davon war nichts zu spüren. Man schlief ab und zu miteinander, doch auch dabei ertappte sie sich immer öfter, dass sie mit ihren Gedanken oft woanders war.

Mark beglückwünschte sie zu ihrem Erfolg, jedoch konnte er mit der Art der Geschichten die sie schrieb nichts anfangen. Schon gar nicht kam er auf den Gedanken, dass sie ihre Gefühle und Sehnsüchte beschrieb.

Verstohlen wischte sie sich eine Träne vom Gesicht.

Der Heiratsantrag war vor fünf Tagen. Was es wirklich das, was sie wollte? Was sie sich für ihr Leben wünschte und vorstellte? Den Rest des Lebens mit Mark verbringen?  All ihre Träume über Bord werfen?

Plötzlich wird ihr klar, dass sie genau dies nicht will. Sie würde ihm sagen müssen, dass sie ihn nicht heiraten wird. Ihn nicht heiraten kann. Doch den wahren Grund konnte sie ihm nicht sagen. Er würde es nicht verstehen.

 

Sie denkt an ihre Jugend. Mit 18 hatte sie noch den Kopf voller Pläne, glaubte zu wissen, was sie später mit ihrem Leben anfangen wollte.  Sie wollte leben, reisen, etwas von der Welt sehen, ein Buch schreiben. Doch irgendwie kam alles anders. Das Buch war zwar geschrieben und viele kleinere Geschichten ebenso, doch jetzt war es plötzlich ‚später‘ und alles lief in festgefahrenen, vorgeschriebenen Bahnen. Sollte das alles gewesen sein. Sollte es immer so weiter gehen? Sie dachte an ihr erstes Auto. Ein Cabrio. Marina konnte den Wind in ihrem offenen Haar fast körperlich spüren und fühlte auch das Glücksgefühl, das sie überkam, als sie mit offenem Verdeck allein über die Landstraße fuhr. Sie dachte an den letzten Urlaub mit Mark. Sie machten Urlaub in Marbella, doch hatte Mark sein Laptop mitgenommen und die meiste Zeit arbeitend auf dem Balkon im Hotel verbracht. Nur selten begleitete er sie an den Strand. Meistens ging sie allein, schaute aufs Meer und  die unendliche Weite und ihre Träume verloren sich am Horizont.

 

Sie konnte die Zeit nicht zurück drehen, aber sie konnte ihre Zukunft selbst bestimmen und dabei war eine Heirat mit Mark nicht vorgesehen. Dessen war sie sich jetzt sicher.

 

 

Marina setzt sich an ihren Schreibtisch, nimmt ein Blatt Papier und schreibt ein paar Zeilen.

 

Lieber Mark‚

ich hoffe, dass du mich eines Tages verstehen wirst, aber wenn du diese Zeilen liest, bin ich schon weit fort. Es ist nicht das, was ich mir für mein Leben erträumt habe, auch wenn ich dich dadurch verletzen muss und dein Traum zerstört wird. Aber es ist nun mal dein Traum und nicht meiner. Ab heute lebe ich meinen Traum.

 

Sie faltete den Brief, steckt ihn in ein Kuvert, verschließt ihn und ließ ihn auf dem Schreibtisch liegen. Lange ruhte ihr Blick darauf.

 

Gegen Abend würde Mark kommen, sie wollten essen gehen und über die mögliche Heirat reden. Einer plötzlichen Eingebung folgend nahm sie den Briefumschlag vom Schreibtisch und versteckte ihn in der untersten Schublade unter einem Stapel Papier. So ging es nicht. So konnte sie es ihm nicht mitteilen. Nicht so.

Ihr Blick fiel auf ihr Laptop. Es war eine gute Möglichkeit, sich etwas abzulenken und die trüben Gedanken beiseite zu schieben.

Marina schaltete den Computer ein und setzte sich davor.

Ein paar Emails im Posteingang. Die meisten von ihnen sind irgendwelche Werbemails die sie ungesehen löscht. Ihre Freundin Delia schrieb, dass sie ihren Aufenthalt an der Ostsee um eine Woche verlängert. Sie hatte einen „Süßen Typen“ kennengelernt und will die Zeit mit ihm noch auskosten, wie sie sich ausdrückt. Delia machte es richtig, dachte Marina.  Sie genießt das Leben.

Und was tust du hier? schalt sie sich. Hängst hier rum und heulst weil dich jemand heiraten will.

Sie überlegte, ob sie Delia gleich antworten sollte, verschob es dann aber auf später. Die hatte jetzt bestimmt keine Zeit am Computer zu sitzen und auf Emails von ihr zu warten.

Plötzlich öffnete sich ein kleines Fenster von ihrem Messenger auf dem Bildschirm.

‚Jemand möchte seine Kontaktdaten mit ihnen austauschen‘ stand darin. Neugierig öffnet sie das Mitteilungsfeld.

Sie bekam öfters solche Mitteilungen, doch die meisten blockierte sie. Es trieben sich zu viele Spinner im Internet herum, jedoch hatten sich im Laufe der Zeit ein paar nette Freundschaften ergeben.

„Hi“ lautete die kurze Mitteilung.

Marina überlegt, ob sie antworten soll. Sie klickt auf das Profil. Sehr aussagekräftig war das nicht. Männlich, Bulgarien.

Na prima, denkt sie. Schon mal nicht um die Ecke.

„Hi“ antwortet sie genauso kurz zurück und setzt noch ein Fragezeichen.

„How are you?“ kam prompt die Antwort.

„Fine and you?  Es fing an Spaß zu machen.

Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, ihr neuer Chatpartner spricht sogar deutsch.

Das wird ja immer besser. Sie ist angenehm überrascht von der netten Unterhaltung, es kamen keine dummen Anmachsprüche. Das sprach sehr für ihn.  Er ist Musiker und des Öfteren mit seiner Band unterwegs.

So einer muss doch viele Freunde haben, denkt Marina, wieso sucht er welche übers Internet? Was sagt seine Frau dazu? So einer ist noch sicher nicht allein.

Eine Weile schreiben sie noch über alles Mögliche, stellen fest dass sie den gleichen Weingeschmack haben, bis ihr Blick plötzlich auf die Uhr fällt. Oh je, schon so spät, in einer halben Stunde kommt Mark.

‚Ich muss gleich Schluss machen, ich bekomme gleich Besuch. Sag mal wie heißt du eigentlich? ‘

Dejan und du?‘

‚Marina‘

‚Ich schick dir mal ein Bild von mir, damit du weißt wie ich aussehe‘ schrieb Dejan und schon kam eine Bilddatei.

‚Ich schaue es mir gleich an, aber dann muss ich Schluss machen für heute. Wir können ja morgen weiter schreiben und dann schick ich dir auch ein Bild. ‘

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag und als das Bild endlich da war, speicherte sie es ab und öffnete die Datei.

Ein sympathisches Gesicht mit dunklen, warmen, etwas melancholischen  Augen schaute sie an, die kurzen schwarzen Haare zerzaust, dunkle Bartschatten umgaben schmale, leicht lächelnde Lippen.  Fasziniert sah sie auf das Foto.

Ihre Sehnsucht hatte ein Gesicht.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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