Julia Russau

First Date

Engel gibt es wirklich, denkt sie.
Ja, sie ist sich sicher, Engel gibt es wirklich. Es muss sie geben. Es muss einfach.
Sonst wäre sie jetzt nicht hier.
Eigentlich glaubt sie ja gar nicht an Engel. Eigentlich glaubt sie an gar nichts. Sie glaubt noch nicht einmal an Gott, weil sie eigentlich an nichts glaubt, was sie nicht sehen kann. Das einzige woran sie hin und wieder glaubt, das ist sie selbst. Das ist aber auch schon Glaube genug, findet sie.
Es heißt immer, jeder Mensch würde an irgendetwas glauben, weil man ohne Glauben nicht leben könne. Vielleicht glaubt sie ja tatsächlich an irgendwas. Aber wenn, dann weiß sie nicht, was es ist. Und wenn, dann weiß sie auch nicht, dass sie an dieses Etwas glaubt, von dem sie nicht weiß, was es ist.
Nur heute. Heute glaubt sie an Engel. Heute ist sie sich sicher, dass es Engel geben muss.
Es muss einfach.
Sie schnürt den Mantel ein wenig fester um ihren schönen Körper und stapft durch den hohen Schnee. Die Sonne ist längst untergegangen. Ein strenger Wind weht ihr ins Gesicht. Ihre Nase, ihre Wangen sind rot von der Kälte.
Aber egal. Sie lächelt.
Sie hat das neue schwarze Kleid an. Es sieht unglaublich sexy aus. Aber nicht aufdringlich. Nur sexy. Gerade richtig. Ihr Freund wird begeistert sein. Hatte die Frau in der Boutique gesagt.
Er wird begeistert sein...

Langsam fängt es wieder an zu schneien. Einzelne Flocken tanzen durch die klare Nacht und setzen sich sanft auf ihr feines Haar. Sie versteckt ihre kalten Hände in den warmen Taschen und stellt den Kragen auf. Ihr Atem wirft kleine Wölkchen in den dunklen Himmel. Bald ist sie da.
Es ist schon lange her, seit sie das letzte Mal mit einem Mann zusammen war. Es ist schon lange her.
An die Liebe geglaubt, hatte sie noch nie. Manchmal dachte sie sogar, sie könne sich gar nicht verlieben. Es funktionierte einfach nicht. Und wenn sie dachte, es würde funktionieren, dann funktionierte es am Ende doch nicht. Dann war es auf einmal weg. Dieses kribbelnde Gefühl. Genauso schnell wie es gekommen war. Weg.
Doch jetzt ist alles anders. Jetzt funktioniert es vielleicht doch. Und deshalb muss es einfach Engel geben. Weil es funktioniert...

Gedankenverloren überquert sie die Strasse. Der Asphalt ist spiegelglatt. Doch sie ist jung. Sie rutscht nicht aus. Heute könnte sie Flüsse überqueren, denkt sie insgeheim und stapft lächelnd weiter...
Schon von weitem kann sie das Haus erkennen. Es ist das letzte in der Strasse.
Es ist hübsch.
Es gefällt ihr.
Gerne würde sie dort wohnen.
Und der Garten perfekt für Kinder...
Erschrocken schüttelt sie den Kopf.
Nicht träumen, flüstert sie leise. Nur nicht träumen.
Jetzt noch nicht.
Später vielleicht...

Sie läuft den Zaun entlang.
Das Gartentor ist zu.
Sie nimmt die Hände aus den Taschen und drückt die Klinke hinunter. Das Tor quietscht leise als es aufschwingt. Der schmale Weg zur Treppe ist freigeschaufelt. Und er ist gefegt. Man sieht sogar noch die Rillen des Besens in den letzten feinen Schneeresten.
Sie streift sich den Schnee von ihren Stiefeln und läuft den Weg hinauf.
Die Treppen hoch, bis zur Eingangstür.
Einen Moment bleibt sie stehen.
Sie horcht.
Nichts.
Sie legt ihre Hand auf den Klingelknopf.
Und drückt nicht.
Horcht erneut.
Ein lautes Klopfen dringt aus ihrer Brust.
Ganz plötzlich ist es da.
Obwohl es schon die ganze Zeit über da war.
Doch erst jetzt kann sie es nicht mehr ignorieren.
Es ist zu laut.
Nicht mehr zu überhören.
Auf einmal ist sie aufgeregt.
Und auf einmal sind dort diese Zweifel.
Vielleicht sollte sie umkehren, denkt sie.
Vielleicht wäre es besser so.
Vielleicht hat sie sich wieder nur getäuscht.
Sie schließt ihre Augen.
Atmet tief ein.
Öffnet die Augen.
Schließt sie.
Atmet.
Öffnet.
Auf einmal fühlt sie sich wie ein Teenager. Als wäre sie sechzehn. Nicht fünfundzwanzig. Als wäre es wirklich ihr erstes Date.
Ihr erstes Treffen mit einem Mann.
Ihr Herz rast.

Mit der rechten Hand streicht sie über ihr Haar.
Es ist nass. Aufgeweicht vom vielen Schnee. Die Strähnen hängen schwer vom Kopf herunter. Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben.
Ihre Ohren sind eiskalt. Auch die Nase. Bestimmt ganz rot, denkt sie.
Bestimmt sehe ich furchtbar aus.
Bestimmt wird er mich auslachen.
Ich sollte gehen.
Ihr Herz pocht.
Sie will sich umdrehen.
Und drückt auf die Klingel.
Einfach so. Sie hatte es nicht geplant.
Ein Summen ertönt im Haus.
Kurz darauf hört sie Schritte hinter der Tür. Dumpfe Schritte.
Sie kommen näher.
Wenn es nicht so kalt wäre, würde sie schwitzen. Dann würde sie vor Aufregung nasse Handflächen bekommen, feuchte Schläfen. Aber zum Glück ist es kalt.
Und deshalb schwitzt sie nicht.

Und dann steht er vor ihr.
Er öffnet die Tür und steht vor ihr. Er sieht gut aus. Verdammt gut.
„Hallo.“ sagt sie. Ihre Knie sind weich wie Butter.
„Hallo.“ sagt er.
Seine Stimme ist angenehm tief.
Er macht einen Schritt zur Seite.
Sie tritt über die Schwelle in den Flur.
Drinnen ist warm. Mollig warm. Und es riecht nach Essen.
„Ist es sehr kalt draußen?“
Er hilft ihr aus dem Mantel.
„Ja. Und es ist windig. Richtig windig, weißt du...“
Ihre Stimme zittert. Sie hat Angst, er könne es hören.
Er betrachtet sie lächelnd.
Er hat braune Augen.
Genauso braun wie sein Haar.
Sie weiß nicht, was sie machen soll.
Ihre Haare sind nass.
Ihre Nase rot.
Und ihre Ohren brennen.
Sie sieht furchtbar aus.
Er lächelt noch immer.
Sekunden verstreichen.
Er nimmt ihre Hand.
Sie zittert.
Er zittert auch.
„Du bist wunderschön.“ sagt er plötzlich.
Ein wenig verlegen.
Er ist nervös.
Genauso nervös wie sie.
Sie wird rot.
Sie lächelt.
Sanft drückt sie seine warme Hand.
Und dann weiß sie es wieder.
Engel.
Engel gibt es wirklich.
Es muss einfach.
Sonst wäre sie jetzt nicht hier...



Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Julia Russau).
Der Beitrag wurde von Julia Russau auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Ducko Der kleine Drache von Margit Marion Mädel



Ducko, der kleine Drache muß viele Abenteuer bewältigen und findet auf der Suche nach anderen Artgenossen viele neue Freunde auf der Welt. Ob er aber irgendwo in der Welt noch Drachen finden wird, dass erfahrt ihr in dieser kleinen Geschichte…

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Julia Russau

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Konsum als Ersatzleben von Julia Russau (Gesellschaftskritisches)
Seidiges Rot von Claudia Jendrillek (Liebesgeschichten)
Olga der Marienkäfer von Matthias Brechler (Romantisches)