Michael Roth

Eiskalte Rache

Meine beste Freundin ließ sich nur noch selten blicken.
Früher zogen wir jedes Wochenende gemeinsam oder mit anderen Freunden um die Häuser und wenn wir uns mal einen Tag nicht sahen, telefonierten wir ewig.
Ich weiss nicht, ob sie es jemals bemerkte, aber tief in meinem Inneren liebte ich sie, aber um unsere Freundschaft nicht zu gefährden, behielt ich diese Tatsache aber lieber für mich.
Wir lachten gemeinsam, umarmten uns und weinten gemeinsam und nie passierte mehr als ein freundschaftlicher Kuss auf die Wange.
Eines Tages erzählte sie mir bei einem Treffen in einem Cafe`, dass sie jemanden kennengelernt und sich verliebt habe. Liebe auf den ersten Blick, bla bla, bla... .
Sie versprach mir, dass unsere Freundschaft nicht darunter leiden solle und dass wir trotzdem regelmäßig sehen und etwas miteinander unternehmen würden. Doch wenige Wochen später sagte sie, dass sie mit diesem Typen zusammen in eine Wohnung ziehen wolle. Ich fühlte mich schlecht. Sie hatte mir den Kerl noch nicht einmal vorgestellt, was mich schon irgendwie verletzte und nun zogen sie schon zusammen.
Meine beste Freundin Charlotte, die ewig Single sein wollte und von Kindern nach fünf Minuten genervt war, wurde häuslich? 
Ich ließ mir meine Enttäuschung nicht anmerken und bot ihr sogar meine Hilfe für den Umzug an. 
Tage vergingen, ohne dass sie sich meldete. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und schrieb ihr eine SMS. Sie antwortete erst am nächsten Tag, was noch nie vorgekommen war und in diesem Moment, wusste ich, dass unsere Freundschaft für sie unwichtig geworden war. Sie stellte mich aufs Abstellgleis für einen Kerl, den sie kaum kannte. In der SMS erklärte sie mir, dass der Umzug geschafft war und sie sich für die angebotene aber nicht in Anspruch genommene Hilfe herzlich bedanke. Ein kurzer Hinweis auf ihre neue Adresse und das wars dann. Ich hörte wochenlang nichts von ihr. Und ich war zu stolz, um mich bei ihr zu melden.
Ich lebte mein Leben allein weiter. Tagsüber jobbte ich als Fahrradkurier, am Abend und in der Nacht büffelte ich Medizin. Wenn ich es schaffte, konnte ich in wenigen Monaten Rettungsassistent sein. Manchmal redete ich mir sogar ein, dass es gut sei, Charlotte nicht mehr zu sehen. So hatte ich mehr Zeit zum lernen. 

Eines Abends, ich war mit einem Lehrbuch auf der Couch eingeschlafen, wurde ich durch lautes Klopfen und Hämmern an meiner Wohnungstür wach. Ich brauchte einen Moment bis ich erfasste, was los war. Stöhnend richtete ich mich auf und schlurfte in den Flur um nachzusehen, wer mich da störte.
Das Klopfen hatte in der Zwischenzeit nicht aufgehört. Entweder stand da ein Verrückter vor der Tür oder die Feuerwehr, die mich vor einem Feuer warnen wollte.
"Ja ja! Ich komme ja. Immer mit der Ruhe!", rief ich genervt und öffnete die Tür und was ich dann sah, brachte mich dazu, einen Schritt zurück zu weichen.
Ich erkannte sie nicht sofort. Erst als sie zu schluchzen anfing sah ich, dass Charlotte vor meiner Tür stand.
Sie hatte ein Kleid an, in dem ich sie schon unzählige Male gesehen hatte. Doch diesmal war es zerrissen und blutig. Charlotte sah mich mit einem Auge an. Das andere war total zu geschwollen. Sie sah aus, als hätte sie gegen beide Klitschkos im Ring gestanden und mächtig einstecken müssen.
Eine Platzwunde an der rechten Augenbraue und eine aufgeplatzte Lippe machten das traurige Bild komplett. Ich trat zur Seite um sie herein zu lassen und als ich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, fiel sie mir weinend um den Hals. Wir standen minutenlang da und niemand sagte etwas. Sie heulte mein TShirt nass und ich hielt sie einfach nur fest. Nachdem sie sich etwas beruhigt  hatte, führte ich sie ins Wohnzimmer und setzte sie auf die Couch.
"Warte,", sagte ich zur ihr: "ich hole was zum sauber machen."
Ich flitzte ins Bad, holte eine Schüssel Wasser, einen Lappen, ein Handtuch und Verbandszeug. Dann ging ich wieder zu ihr und begann ihr das Blut vom Gesicht zu waschen und die Wunden zu säubern.
Charlotte sagte nichts, sah mich nur mit ihren großen, um Verzeihung bittenden Augen an und verkniff vor Schmerzen das Gesicht, wenn ich eine Wunde berührte. Ich schüttelte nur ständig mit dem Kopf und wusste nicht, wie ich das Gespräch anfangen sollte. Es dauerte eine Weile, bis ich fertig war. Ich schaffte es sogar, die Platzwunde an der Augenbraue zu kleben und gab ihr eine Kühlkompresse für das geschwollene Auge.
"Zieh das Kleid aus, ich habe noch eine Jogginghose und ein TShirt von dir, das ziehst du an.", forderte ich sie auf. Ich half ihr beim Aufstehen und als sie das Kleid über ihre Schultern gleiten und zu Boden fallen ließ, sah ich mehrere große blaue Flecken auf ihrem Rücken und dem Bauch. 
"War er das?", fragte ich sie endlich.
Sie nickte und blickte zu Boden.
"Und wie lange geht das schon so?", fragte ich weiter.
"Lange.", flüsterte sie und fing wieder an zu weinen.
Ich nahm sie wieder in die Arme und küsste sie auf den Kopf. 
"Du legst dich jetzt in mein Bett und schläfst erstmal. Morgen sieht die Welt wieder anders aus."
Dann nahm ich sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Ich legte sie in mein Bett, deckte sie zu und ging wieder ins Wohnzimmer zurück um zu überlegen, was ich tun sollte. Die Misshandlungen schienen also schon eine Weile anzudauern, das verrieten die blauen Flecken auf ihrem Rücken und dem Bauch.
Ich setzte mich und dachte nach. Sollte ich den Morgen abwarten und dann zur Polizei gehen und Anzeige erstatten? Dann würde der Typ nach kurzer Zeit wieder da sein und würde sich bestimmt an ihr rächen.
Nein, das konnte ich nicht zulassen. Ich nahm mein Handy vom Tisch und schaute nach, ob die SMS von Charlotte noch da war, in der sie mir ihre neue Adresse mitgeteilt hatte. Da ich meinen Speicher selten löschte, hatte ich Glück. Kennedyring 84, das war mit dem Rad nur fünf Minuten entfernt.
Kurzentschlossen sprang ich auf, schnappte mein Bike und und verließ leise die Wohnung. Es war Nacht und
während ich durch die Strassen radelte, schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Ich sah Charlotte blutend und weinend vor meinem geistigen Auge, sah mich vor der Tür des Schweins, dass ihr das angetan hat stehen, ich sah die alte fröhliche Charlotte und andere Bilder aus glücklichen Tagen.
Schnell war ich bei der Adresse angekommen. Ich stellte das Rad vor der Haustür ab und verschnaufte einen Moment. Dann drückte ich gegen die Haustür und mit einem KLACK, öffnete sie sich. Wahrscheinlich hatte der Hausmeister vergessen abzuschließen. In den meisten Mietshäusern wurde nach 22Uhr alles verriegelt, hier war das anscheinend anders.
Langsam ging ich Etage für Etage nach oben und schaute auf den Klingelschildern nach Charlottes Namen.
Im vierten Stock hatte ich Glück. Werner/Knorr stand auf dem Schild und neben der Tür in der Ecke, lehnte ein Baseballschläger. `Wie passend`, dachte ich wütend und drückte auf den Klingelknopf. Nicht ein Mal sondern wieder und immer wieder. Es dauerte keine Minute, da hörte ich, wie jemand schnellen Schrittes zur Tür kam. Sie wurde aufgerissen und ein Kerl von ungefähr 1,90 Metern und einem Rücken, so breit wie ein Kleiderschrank, stand vor mir. Er musterte mich mit vor Wut funkelnden Augen.
"Entweder sagst du mir jetzt, dass ich im Lotto gewonnen habe oder du hast ein echtes Problem!", fauchte er mich an.
`So ein Arschloch!`, dachte ich.
"Was ist?", fragte er, fast brüllend.
"Bist du der Freund von Charlotte?", fragte ich und bemühte mich, leise zu sprechen.
"Ich glaube, dass geht dich einen Scheißdreck an!", antwortete er aber ich glaubte in der Stimme Unsicherheit zu hören. Er war es also und wenn ich mir ihn so ansah, traute ich ihm zu, Charlotte so zu zugerichtet zu haben.
Blitzschnell beugte ich mich vor, ergriff den Baseballschläger und stieß ihn ihm mit aller Kraft in den Magen.
Überrascht von diesem Angriff, ging er röchelnd in die Knie.
"Was soll das, du Arschloch?", schnaufte er und wollte sich wieder aufrichten.
Die Wut hatte mich nun richtig gepackt, ich holte aus wollte auf den Kopf schlagen, doch er war schnell und nahm die Arme hoch. Der Schläger traf seinen rechten Unterarm und ich hörte, wie dieser brach. Es klang, als würde ein Streichholz brechen, nur viel lauter.
Er schrie laut auf und ein Schwall Schimpfwörter kam aus seinem Mund.
"Sag ihr, dass ich sie nie wieder hier sehen will, deine kleine Schlampe! Und du tauchst besser unter, denn wenn ich dich in die Finger kriege, siehst du schlimmer aus als sie!", brüllte er.
Ich schäumte über vor Hass und schrie:"Du wirst nie wieder jemanden etwas antun!"
Dann holte ich erneut aus und traf mit voller Wucht seinen Schädel. Diesmal klang es so, als hätte ich auf eine überreife Melone geschlagen. Eine Mischung aus KNACK und KLATSCH erklang und ich glaubte Blut und Hirnwasser zu sehen. Das Arschloch verdrehte die Augen und kippte nach vorn um. Er fiel mir vor die Füsse und gab keinen Ton mehr von sich. Ich starrte auf ihn hinunter, ließ den Baseballschläger fallen und spuckte ihm auf den Rücken.
"Du tust keinem mehr was!", sagte ich, drehte mich um und ging langsam die Treppe hinab. Ich wollte nach Hause, nach Charlotte sehen und mich zum Schlafen auf die Couch legen. Die Polizei würde irgendwann kommen aber vorher wollte ich noch ein wenig schlafen und mich vergewissern, dass Charlotte in Ordnung war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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