Kerstin Köppel

Der Käfer

Ich lebe in der Nähe von Darmstadt in einem nahe gelegenen Laubwald, einen der schönsten der Welt, soweit ich das beurteilen kann.
In meiner unterirdischen Höhle lagere ich nicht nur leckere Wurzeln und meine kulinarischen Favoriten Eichen- und Himbeerblätter, sondern auch Bücher, Zeitungen oder Fragmente davon, was der Mensch im Wald so fallen lässt oder vergisst. Und das ist nicht wenig.

Lesen und Essen sind meine Lieblingsbeschäftigungen! Wenn im Wald die Wölfe jaulen oder der Bär steppt, mampfe ich wonach mein Herz gelüstet und lese.
So erfuhr ich von der Welt und das sie nicht die Einzige sein soll.
Stopp, liebes Tagebuch, jetzt stelle ich mich erst einmal vor, denn wenn ich einst in die Weiten der Jagdgründe eingehen werde, wird mein Büchlein vielleicht auch gefunden und in einer stürmischen Nacht wie der heutigen gelesen werden...
Ich bin Max Scarabaeidae. Den Vornamen habe ich mir selber gegeben, denn es ist in unserer Familie eine unübliche Sitte, Namen an Individuen zu vergeben. Gleich wohl gibt es sogenannte Unterfamilien und die unsere lautet Melolontha.
Da ich Wilhelm Busch sehr schätze, verfiel ich auf den Namen Max, und meine verstorbene Käferin taufte ich ehrenvoll Moritz. Sie war entzückt. Übrigens glaube ich nicht, dass Sie einfach so gestorben ist, aber dazu später mehr.

Gewöhnlich leben wir nicht lange, verglichen mit einem Menschenleben, genaugenommen düsen wir nur kurze Zeit durch die Botanik.
Ich allerdings bin alt wie Methusalem, obwohl, ich hatte 1950 mein Hauptflugjahr, dem zufolge bin ich noch keine 1000.
Mein ungewöhnlich hohes Alter macht mir sehr zu schaffen. Die Beine sind steif und wollen nicht mehr, die Augen sind oft gerötet und der Panzer ist trocken und juckt. Das Fliegen ist nicht mehr meine größte Leidenschaft, nachdem ich gegen die Krone einer Eiche krachte, obwohl ich selber nichts in der Krone hatte. Eine Notlandung rettete mein Leben. Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre am Waldboden zerschmettert worden.

Das Beste wäre, sagt meine Heilerin, die alte Käuzin, ich flöge gleich wieder durch die Lüfte, dieselbe Strecke. Schon beim Gedanken daran wird mir schlecht und ich lege mich aufs Moos, neben sie. Nun kommt sie mir wieder mit ihrer Suggestivmasche, ich solle wieder Flugstunden nehmen. Wohl bei ihr. Das hätte sie wohl gern. Lieber wackle ich gemütlich durch mein Revier und kann mich an dem Geruch der Nachtblüher laben.

Wenn mir schlecht ist, krankheitsbedingt, und ich im Moos liege, legt sie sich oft zu mir, Imelda, die Käuzin, die das Grauen des Krieges miterlebt und das Röcheln der sterbenden Käfer gehört hat. In solchen Momenten reden wir über die alten Zeiten, den DDT Krieg, der von 1950 bis 1972 wütete, sind uns nah.
Damals wollten die Menschen alle Maikäfer vernichten.
Viele Populationen wurden ausgerottet, sodass die Menschenkinder uns in der Nachkriegszeit nur noch von einem Lied her kannten oder als Schokoladenmaikäfer.
Diese sogenannte „Schädlingsbekämpfung“ hat alle Maikäfer getötet, nur wenige, auch ich blieben übrig. Meine Eltern waren auch kontaminiert.
Ich schlüpfte als genmanipulierter Engerling aus eines ihrer Eier und überlebte.
Das ich steril bin, erwies sich erst sehr viel später und nur durch Zufall.
Riesige Vögel spuckten Gift über unsere Reviere. Meine Eltern erstickten.
Ich habe heute noch Alpträume davon.

Gestern bin ich mal wieder zu meiner alten Käuzin gewackelt, als Patient. (Manchmal treffen wir uns auch privat und trinken ein paar Flaschen Holundersekt). Ich erzählte ihr von meinen Alpträumen und der Flugangst. Sie kam gleich wieder mit ihren Flugstunden an, ließ es aber auch ganz schnell wieder, als ich ihr, so von unten und mit scharf gestelltem Blick, ins Auge sah....
Dann hat sie mich hypnotisiert und Zack, schon konnte ich mich kühn in die Lüfte erheben. Allerdings nur im Geiste. Zack, und schon war ich wieder da und lag kotzend auf dem Moosteppich. „ Uhu ,uhu“, sagte die Käuzin, „an dieser Stelle machen wir das nächste Mal weiter“. Da kann man mal sehen, wohin einen Fantasie, pure Vorstellung und virtuelles Erleben bringen können. Das Gehirn reagiert wie auf „tatsächlich“ Erlebtes.

Die Glühwürmchen streiken.
Seitdem ich Ihnen einige Seiten aus dem Manifest vorgelesen habe, sind sie aufmüpfig geworden, zischen immerzu, sie sind Deutschland, von wegen, und, sie sind die Vorhut der Arbeiterklasse, wer’s glaubt, und am Schluss heißt es immer, wenn sie meine Hütte weiter ausleuchten sollen, dann wollen sie Sex und „mal sehen“, was dabei herauskommt. Ja, wenn ich könnte wie ich wollte. Ich bezweifle allerdings ob unsere „Andockstellen“ Kompatibilität besitzen würden. Auf der anderen Seite brauche ich Licht um zu lesen. Ich bot meinen „Leuchten“ an, ihnen weiter vorzulesen und wir einigten uns schließlich auf eine erträgliche Arbeitszeit für mich, murrend, von ihrer Seite, und, mit der Option, den Lesestoff selber zu bestimmen, von meiner.
Heute Abend tanzte ich nach den zähen Verhandlungen fast bei Tageslicht, schwamm in buntesten Farben, sie gaben alles, bei lieblichem Gezirpe im ¾ Takt, bis ich in Ekstase geriet, bis ich auf dem Panzer lag, auf dem Teppich. Dann ging es im Chorea Huntington Stil weiter, also in Zeitlupe. Dann in meiner Vorstellung.
Sonderlich beeindruckt war „die Arbeiterklasse“ davon nicht. So las ich Ihnen noch 3 Stunden aus dem Buch „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“ vor, bis ich vor Ermüdung und von dem Buch bewegt, meinen Aggregatszustand änderte, möchte ich fast sagen, und einschlief.

Von den Menschen schaue ich mir immer wieder etwas ab, und wie mir scheint, sie sich auch von mir, nicht persönlich von mir, nein, von den Insekten. Bei Ihnen heißt das Bionik. Mir imponiert z.B. die Nummer mit dem Plastikteil, in dem sich Brennbares befinden muss und das mit dem Daumen gerieben wird, bis es brennt, ungemein. Mir ist es bis jetzt noch nicht gelungen einen Beleuchtungsgegenstand herzustellen bzw. von den Menschen abzustauben, daher die Glühwürmer.
Die Waschbärerei ist geschlossen. Meine „Glühlampen“ streiken schon wieder. Die Waschbären wahrscheinlich auch. Alle meine Blätter sind schmutzig. Ich schreibe im Dunkeln. Kein Licht. Keine Klamotten. Was für ein Leben.

Seit Moritz Tod sind fast 5 Monate vergangen. Nie und nimmer ist meine Käferin eines natürlichen Todes gestorben, wie das Stinktier behauptet.
In die Todesurkunde von Moritz schrieb das Stinktier: Herzversagen. Pah! Als ob das Stinktier, unser Leichenbeschauer, jemals, auch nur ein einziges Mal eine andere Todesursache angab, als die sogenannte natürliche. Jeder zweite Mord bleibt unerkannt und ungesühnt, behaupte ich kühn. Nein, nie und nimmer. Moritz war eine flotte Käferin. Auf ihrem Todesbett versprach ich ihr, ihren Tod zu rächen, bevor sie sich vor meinen Augen auflöste und ich schreiend zurückblieb. Ich träume heute noch davon. Und von den großen kalten Vögeln, die Krankheit bringen und Verderben.

Heute Morgen habe ich meine letzten Himbeerblättervorräte vertilgt und lustvoll schmatzend las ich meinen Roman zu Ende.
Frau Elster kam keine 5 Minuten später. Sie bringt mir die Post, aber die erwarteten Untersuchungsergebnisse von Moritz Autopsie waren nicht dabei.
Seitdem Moritz tot ist, höre ich immer wieder von Fällen, wo Käfer aus heiterem Himmel einfach so verschwinden und verschwunden bleiben. Wildlife, Eagle Amnesty und Animal BBC sprechen davon, dass Menschen Käfer in großem Maßstab entführen, um sie aufzuspießen und in Glaskästen auszustellen, aber das kann doch gar nicht wahr sein, oder?

Moritz wurde nicht entführt. Sie starb ganz plötzlich und ich will herausbekommen weshalb. Animal BBC deutet an, dass die Menschen mit für uns immer gefährlicher werdenden Giften arbeiten, die Monsanto oder Bayer z.B. herstellen, obwohl die Menschen das natürlich anders sehen, da sie uns für „Schädlinge“ halten.
Sogar Käfer werden gegen Käfer eingesetzt, eigens dafür gezüchtet, wie sie es nennen. Ich rühre ihre genmanipulierten Getreide- und Kartoffelhybriden jedenfalls nicht an.

Vor ungefähr 5 Monaten bekam Moritz zunächst starke Bauchkrämpfe, schreckliche Koliken, dann Durchfall. Sie aß immer weniger, ihre Haut wurde grau, transparent und blutig, was grauenvoll aussah und roch, und, obwohl ich ihr leckere Kräutertees mit Teebaumölhonig zubereitete und mein ganzes Wissen zusammenkratzte, eine Zeitlang arbeitete ich als Pillendreher, half keines meiner Rezepte. Sie verlor schnell an Lebenskraft, Gewicht und, um ihr Leben bangend, rannte ich aus dem Haus zu meinem Notspecht und bat ihn, sofort eine entsprechende Meldung an das Rote Waldkreuz durchzuspechten. Die Spechte arbeiten bei uns fast alle in der Waldtelefongesellschaft.

In meinem Fall, da ich bei den Spechten „Meine Frau ist in Lebensgefahr. Sie ist ins Koma gefallen.“ angegeben hatte, kam schon nach einer halben Stunde das Team von Dr. Schwan. Er untersuchte Moritz gründlich, verschrieb ihr eine ätzend riechende Tinktur und riet ihr viel zu trinken. Mehr nicht. Er ordnete keine Blutuntersuchungen an oder anderes.
Ich kochte den besten Kamillentee für Moritz und träufelte die Tropfen vom Schwan dazu. Ich wechselte die Bettwäsche und legte mich nur für einen winzigen Augenblick zu Moritz und schlief ein.

Als ich wieder erwachte, merkte ich sofort, dass sich der Geruch in unserem Bau verändert hatte. „ Moritz!“, schrie ich und schüttelte sie voller Verzweiflung, bis ich plötzlich ihre Beine in der Hand hielt, zumindest zwei von Ihnen. Entsetzt legte ich sie zurück ins Bett und brach schluchzend zusammen. Es war warm und sie verweste schnell. Ich brauchte Gewebe, dass ich untersuchen lassen wollte. Schnell entnahm ich ihr verbliebene Organe, schnitt ihr auch die wenigen Haare ab und konservierte alles in Ethanol. Ich wollte die Tropfen vom Schwan zu dem konservierten Gewebe stellen, aber das braune Tropffläschen mit der Pipette war weg. Was war geschehen, während ich schlief?

Ohne ihn gerufen zu haben, erschien das Stinktier mit mehreren Polizisten. Ich war wie von Sinnen. Hier stimmte etwas nicht.
„Lieber Herr Scaradingsda, beruhigen Sie sich. Ich gebe Ihnen eine Spritze. Alles wird wieder gut. Sie werden schon sehen“.
Die Heuschrecken hielten mich links und rechts fest und die beiden Bienen kamen immer näher, bis mich eine stach und ich das Bewusstsein verlor.
Fragment

... kannst du bitte eine kurze Meinungsäußerung ablassen? Danke. KerstinKerstin Köppel, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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