Hella S.

Schaurig schöne Bahnreisen

 

Wie liebe ich es, Eisenbahn zu fahren. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern als ich mit der Dampflok über Nienburg nach Hamburg reiste. An jedem kleinen Bahnhof hielt der Zug. Es gab entzückende kleine Bahnhöfe damals, jeder hatte seinen eigenen Charme und erst die Leute, die ein und ausstiegen. Manche hatten die Gesichter ihrer Gegend. Das lustigste Ereignis hatte ich mit 16 Jahren als der Zug durch ländliches Gebiet fuhr. Mitten in einer einsamen Gegend  am Waldesrand rannte plötzlich ein splitterfasernackter Mann am Wald entlang. Der helle Körper hob sich stark von den dunklen Tannen ab. Dieses ästhetische Bild  habe ich nie vergessen. Vielleicht weil ich in der Pubertät war und bis dahin noch nie einen nackten Menschen gesehen hatte, so war das eben 1966.

Als ich  viele Jahre später mal wieder nach Hamburg  fuhr, und in Altona ausstieg, merkte ich, dass ich vom Hauptbahnhof  bis Altona der einzige Fahrgast gewesen  war, das heißt, ich hatte einen ganzen langen Zug für mich alleine und der Lokführer schaute aus seiner Lok und sagte: „Sie waren jetzt mein einziger Fahrgast, auf Wiedersehn.“ Das rührte mich so, dass ich dachte, nett dass er sich die Mühe gemacht hatte, mich nach Altona zu bringen.

Irgendwann kaufte ich mir dann ein Auto, aber für längere Strecken nahm ich trotzdem noch den Zug. Wie schön ist es, am Rhein entlang zu fahren, wie ein Film läuft die liebreizende Landschaft an einem vorbei.

Und dann wurde aus der guten alten Bahn ein Wirtschaftsunternehmen. Es gab plötzlich Automaten, über Telefon war die Auskunft der Bahn fast nie zu erreichen, und das Personal sprach eine fremde Sprache (sächsisch) und bekam von mir die Auszeichnung als unfreundlichste Menschen weit und breit. Man hatte das Gefühl, die unmenschlichen Grenzbeamten der ehemaligen DDR wurden auf uns losgelassen. Ein schlechtes Image für ein Wirtschaftsunternehmen. Mal abgesehen davon, dass die Züge schneller und komfortabler geworden waren, war es eine Qual, mit dem Zug zu fahren. Ich hatte für vier Wochen mein Auto verliehen und freute mich, mal wieder Zug zu fahren. Zwar war es nur eine kurze Strecke, aber besser als gar nichts, dachte ich. Es fing schon mit der Fahrkarte an. Den Schalter an den ich sonst immer ging ließ ich links liegen, denn bei der langen Schlange hätte ich die Bahn verpasst. In weiser Voraussicht war ich schon eine viertel Stunde vor Abfahrt des Zuges zum Bahnhof   gegangen und ich brauchte auch fast so lange um durch die Anweisungen des Automaten zu steigen. Ich bin schon 61 Jahre alt und wäre ich nicht vertraut mit dem Computer, ich hätte wohl auf die Reise verzichten müssen. „Was nur die alten Leute machen?“ dachte ich so bei mir.

Im Zug der Schaffner: „Sie haben ja die Karte nicht entwertet.“ „Wieso dass“ ich war verblüfft. „Das steht groß auf der Karte drauf“, meckerte er. Nun hatte ich doch mit Mühe überhaupt eine Karte bekommen,  sie war mit der Vorderseite nach unten in den Automatenschlitz gefallen und ich hatte sie in der Eile auch so in meine Tasche gesteckt. Welcher normale Mensch dreht denn die Karte um und liest erst was drauf steht, wobei ihm dann der Zug vor der Nase wegfährt. „Wo soll ich die Karte denn entwerten“, fragte ich. Da hatte ich dumme Pute doch schon wieder ins Fettnäpfchen getreten. „Da sind doch überall Automaten.“ Ich bleibe hartnäckig: „ Was für Automaten denn?“ "Gute Frau, die sind ja wohl nicht zu übersehen, sie sind orange.“ Ich kenne die Entwerter ja vom Bus, doch da sind sie im Bus drin. Verdammte Automatisierung !!!

Die Rückfahrt wird genauso lustig. Erst standen beim Automaten dicht hinter mir vier Jugendliche und versuchten mir über die Schulter zu schauen. Mich befiel ein mulmiges Gefühl. Ich warf ihnen einen bösen Blick zu. In weiser Voraussicht hatte ich mein Geld abgezählt in der Hand. Es regnete und war kalt geworden ich trug nur ein ärmelloses T-Shirt, der Zug hatte 15 Minuten Verspätung. Ich fror schrecklich. Wenigstens wurde mir der einzig freie Platz angeboten.

 Ein neues Wochenende eine neue Zugfahrt. Wieder stehen ein paar Jugendliche dicht hinter mir. Sieht aus wie eine Gang. „Bleibt mir von der Pelle“, fahre ich sie an. Sie nehmen sofort Abstand.  Nachdem ich vor einiger Zeit erfahren habe, dass eine gute Bekannte im Zug auf der Toilette vergewaltigt worden ist, bin ich vorsichtig, ich steige nie in ein geschlossenes Abteil wenn es sich vermeiden lässt. Diesmal muss ich. So setze ich mich zu einem jungen Mädchen, das aber an der nächsten Station aussteigt. Als ich noch überlege was ich tue, öffnet sich die Abteiltür und der Vergewaltiger setzt sich zu mir. Er hat so etwas Gewisses in seinem  Blick. Ich versuche ihn in ein Gespräch zu verwickeln und es stellt sich heraus, dass er ein Schwede ist auf Deutschlandtour und mit dem Billigangebot von 29 € durch ganz Deutschland fährt und da er nicht gut deutsch spricht unterhalten wir uns auf Englisch.

Die Rückfahrt hat wieder neue Überraschungen: Natürlich kommt der Zug wieder mit Verspätung. Diesmal ist es vor Hitze kaum auszuhalten. Nach dem ersten Halt steigt ein smarter alter Mann ein, er war mir auf dem Bahnsteig sofort ins Auge gefallen, gepflegte Erscheinung, teure Kleidung, Designerbrille. Er setzt sich zu mir und beginnt sogleich ein Gespräch. Er muss schwerhörig sein. Laut und unflätig erzählt er mir vom letzten Weltkrieg, lästert über die Braunen und beklagt sich über die Juden, die immer wieder Krieg machen und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich einen alten Nazi vor mir habe. Der Spruch Kleider machen Leute muss hier heißen: Kleider verstecken Leute.

Wieder ein neues Wochenende. Die Gang ist mir noch einmal begegnet, sie lauerten am Bahnhof herum, die gleichen Jungen wie letztes Mal. Sie lassen mich in Ruhe, haben jemand anderen auf dem Kieker. Beide Automaten funktionieren nicht, sie nehmen keine Scheine an. Zum Glück habe ich 5.90 € als Kleingeld, ein Zufall. Der Entwerter an meinem Bahnsteig ist außer Betrieb. Zwei ältere Damen versuchen vergeblich, das Transportband in Bewegung zu setzen. Mir fällt ein, dass es schon vor einem Jahr nicht mehr lief.  Die Anzeigetafel ist leer und ein Schild weist darauf hin, dass man auf die Ansage hören soll. Bei der Lautsprecherdurchsage reden neben mir die Leute so laut, dass ich kein Wort verstehe. Hoffentlich sitze ich im richtigen Zug.

Auf der Rückfahrt bitte ich meinen Freund, der mich zum Bahnhof bringt, doch mit bis zum Automaten zu kommen, falls die Jugendlichen dort wieder rumlungern. Ich bin extra einen Zug später gefahren in der Hoffnung, sie sind nicht da und ich hatte Recht. Als sich die Abteiltür öffnet und ich in den Zug einsteigen will, schwimmt mir eine Bierlache entgegen. Fußballinferno! Ich gehe zum nächsten Abteil, dort scheinen normale Menschen zu sitzen. Das Gegröle der Fußballfans holt uns ein, sie singen Hetzlieder gegen Arminia Bielefeld,  wir halten gleich  dort, doch das schlimmste sind die Nazilieder, die sie schmettern. Die normalen Leute lächeln hilflos dazu. In Bielefeld steigen ein paar der Chaoten aus. „Kein Wunder, wenn es Schlägereien gibt“, denke ich, da sehe ich ein Aufgebot von Polizisten, die die Gruppe empfängt. Ich trage ziemlich moderne Kleidung, bin attraktiv, sehe für mein Alter gut aus, habe meine Haare gerade gefärbt und diesmal jedes graue Haar erwischt und stehe mit dem Rücken zum Abteil, da klopft mir ein junger Mann auf die Schulter und sagt: „Mäuschen, gehst Du mal an die Seite?“ Die älteren Leute neben mir brechen in Gelächter aus. Der junge Mann wird gleich in Ohnmacht  fallen, wenn ich mich umdrehe. Er fällt nicht, er ist zu betrunken, er merkt nichts mehr. Ich könnte seine Oma sein.

So könnte ich weiter und weiter schreiben, denn ich fahre immer noch ab und zu mit der Bahn.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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