Gerhard "gismo" Pracht

Auf der Suche nach der Mutter

Teil I - Am Anfang steht - das Ende

Am Tag zuvor waren die Steuereintreiber gekommen, und wutschnaubend und Drohungen ausstossend wieder abgezogen. Es gab einfach nichts, was sie ihnen hätten geben können, die Ernte war auf den Feldern verdorben, die Vorräte verbraucht, und die wenigen Münzen, die sie hatten sich absparen können, längst für das Nötigste vergeben.

Doman, der Anführer der Krieger, hatte lange mit der Mutter gesprochen, hatte immer wieder gefordert, die Waffen zu erheben, bereit zu sein, wenn sie wiederkommen sollten. "Sie kommen wieder" sagte die Mutter mit leiser Stimme. Sie hatte ihr Tuch um sich gehüllt und sich in einer Ecke ihrer Hütte verkrochen. Der Schmerz dessen, was sie gesehen hatte, war ihr körperlich anzumerken. Sie wandt sich, hatte Mühe, überhaupt zu sprechen. "Wenn ihr kämpft, werdet ihr sterben. Sinnlos, einfach so. Es interessiert sie doch nicht." Doman aber hatte darauf bestanden. Schliesslich hatte sie nachgegeben - was blieb auch anderes.

Während die Männer sich versammelten, hatte sie ihre Tochter in die Hütte gerufen. "Schick die Frauen weg. Versuche, sie irgendwohin zu schicken, wo sie nicht suchen werden." "Zum Heiligtum?" "Nein, ich habe es brennen gesehen. Sie sollen zu den Nachbarstämmen gehen, sich dort unter die Leute mischen... sie müssen sich eilen, ich sehe sie kommen..." Am Abend sass ihre Tochter müde neben ihr. Sie hatte nicht mehr zu den anderen Frauen durchdringen können, die kämpfen wollten, die ihren Männer Mut machen wollten. Keine war bereit gewesen, das Dorf zu verlassen. Niemand hatte ihr mehr zugehört. Schliesslich hatten böse Blicke sie verfolgt, als sie von Hütte zu Hütte gegangen war, und endlich hatte sich einer der Krieger ihr in den Weg gestellt. "Wir werden kämpfen. Und wir werden siegen. Lass es sein, niemand hört auf dich. Wenn nicht - wir würden es ungern tun... aber wir können jetzt keine Unkenrufe brauchen. Geh zur Mutter, sie hat es eingesehen und schweigt. Sie braucht deine Hilfe - das ist alles. Wir erledigen den Rest".

Ja, wir erledigen den Rest... am Morgen, als sie spürte, dass es soweit war, ihre Tochter neben ihr saß, zitternd und ängstlich, da hatte sie auch die Kleine hereingerufen. Und während die Männer ihren Schlachtgesang anstimmten, die ersten Brandpfeile in den Dächern der Hütten Feuer entfachten, da hatte sie ein Pulver in das dürre Feuer geworfen, ihre Tochter und die Kleine an sich gezogen und die Decke über sie alle geworfen. Aus irgendwelchen Gründen war ihre Hütte stehengeblieben, als alles herum in Flammen aufging. Der Legionär, der hereinkam, hatte lustlos mit dem Schwert die kargen Dinge durchstöbert, die sie hatten, und sich wieder anderem zugewandt. Die drei sassen stundendenlang, hörten die Schreie der Verletzten versterben, hörten das Kreischen der Frauen, und schliesslich den Befehl des römischen Zenturio. "Tötet die Männer, die Frauen und Kinder nehmen wir mit". Dann war Ruhe eingekehrt. Weinend lag die Tochter der Mutter im Schoss, schweigend starrte die Mutter geradeaus, hinaus, wo einst der Dorfplatz gewesen war. Nun lag totes Vieh neben rauchenden Trümmern. Sie begann, leise ein altes Lied zu summen und streichelte der Kleinen über den Kopf, bis sie schliesslich einschliefen... Mutter, Tocher und Enkelkind, die einzigen Lebenden, die es hier nun noch gab.

Sie sah die Bilder vor sich, wie die Legionäre wie im Vorbeigehen auch die Bäume im Heiligen Hain umhauten. Anzuzünden gab es dort nicht viel, aber auch das erledigten sie gründlich. Dann zogen sie, die Gefangenen an einer langen Kette mit sich schleppend, nach Westen, von wo sie gekommen waren. Morgen wird er kommen, sagte sie sich. Sie dachte an all die Frauen, denen sie Trost und Hoffnung gegeben hatte, an all die Kinder, denen sie mit auf die Welt geholfen hatte, an Doman, den Vater ihrer Enkelin, den Anführer, der es recht gemacht hatte. Was hätte er auch tun können, ausser zu kämpfen. Es war den Männern nicht gegeben, anderes zu tun, es war alles nur Kampf. Morgen wird er zu uns kommen, dachte sie noch, bevor auch sie, erschöpft, die Bilder verbannte.

Morgen. Es wird ein Morgen geben.



Teil II - Der Weg in die Wälder

Doman sass am Waldrand, müde an einen Baum gelehnt. Er hatte seinen Leuten befohlen, sich schlafen zu legen, und die Wache selber übernommen. Zeit brauchte er, um nachzudenken, was nun zu tun sei. Es war ein kleiner Haufen, der sich aus dem brennenden Dorf hatte retten können. Der Kampf war kurz gewesen, eigentlich gar kein richtiger Kampf.

Die Römer waren erfahren in diesen Dingen, das musste er sich eingestehen. Viele seiner Männer hatten sich schon von Pfeilen und Speeren durchbort am Boden gewälzt, als die Römer schliesslich in das Dorf eingedrungen waren. Er hatte gedacht, das wäre der Augenblick gewesen, um wenigstens einige der verhassten Feinde zu töten, wenn sie beutegeil über das Dorf herfielen... aber die Römer waren diszipliniert vorgegangen, hinter ihren fest aneinander gereihten Schilden fast unangreifbar, bis auch der letzte Widerstand gebrochen war.

Er hatte sich in das Getümmel stürzen wollen, um durch seinen Tod zu vollenden, was eben nicht zu verhindern gewesen war. Aber er war von einem seiner alten Kampfgefährten mitgerissen worden, und sie hatten es geschafft, sich am Bach entlang halbwegs geordnet zuückzuziehen. Die Römer hatten es ihnen nicht verwährt, der römische Zenturio hatte klare Vorgaben. Er schickte einen Teil seiner Leute los, ihnen zu folgen, aber als sie den nahen Wald erreicht hatten, waren sie unsichtbar für diese des Landes fremden Leute geworden. Die hatten auch wenig Lust zum kämpfen und waren rasch ins Dorf zurückgekehrt, wo bereits das Signal zum Plündern gegeben worden war.

Nun sass er hier, die Sonne war gerade über den Bergen aufgegangen, und es wäre ein wunderschöner Morgen gewesen, wenn da nicht die rauchenden Trümmer unten im Tal gewesen wären... plötzlich hatte er Angst bekommen, er wusste nicht, was sie nun tun sollten. Als sein Gefährte Geralt neben ihn trat, war er eingenickt. Einige Zeit lang stand der alte Kämpe neben ihm. Er war wesentlich älter und erfahrener als Doman, und hatte klar vor Augen, was zu tun war. Leicht legte er die Hand auf Domans Schulter. "Wach auf, die Männer sind wieder auf den Beinen, es muss irgendwie weiter gehen. Wir sollten ihnen keine Zeit zum Grübeln lassen". Doman schreckte auf, schaute zu seinem alten Freund auf, dann ins Tal hinunter. Zwei römische Reiter kamen langsam den Weg zum Dorf geritten. Der eine war ein Offizier, wie sie an dem Helmbusch sofort erkannten. Doman spähte, aber es war sonst niemand dort unten zu erkennen ausser diesen beiden. Er sah zu Geralt hinauf, grinsend. "Gut, dann holen wir uns doch die beiden."

Kurze Zeit später hatten sie ihre Leute im sich versammelt und waren auf dem Weg ins Tal, jede Deckung ausnutzend. Fast hatten sie die Feinde schon erreicht, als die beiden vor dem Dorf anhielten und absassen. Doman machte das Zeichen zum Halt, und sie spähten hinab. Der Offizier sprach kurz mit dem Soldaten, der sein Pferd an einen Baum band und dann in Habacht-Stellung salutierte. Der Offizier ging, das Pferd am Zügel, in das Dorf hinein. Doman winkte weiter, und langsam umgingen sie den ängstlich um sich spähenden Römer. Obwohl er offenbar damit gerechnet hatte, dass sich jemand in der Nähe hätte befinden können, war er nicht imstande, sich zu wehren, als plötzlich von zwei Seiten Gestalten wie aus dem Nichts auftauchten. Er lag am Boden, ein Messer in der Seite, als Geralt sich über ihn beugte. Es wäre besser gewesen, ihn befragen zu können, vielleicht würde er ja noch einmal zu sich kommen, er atmete noch mühsam.

Während seine Leute ihn banden, schlich Doman auf der Suche nach dem Offizier in das Dorf. Die Feuer waren erkaltet, alles war still, unheimlich still. Der Mann wirkte wie vom Boden verschluckt, keine Menschenseele war zu entdecken, die Toten lagen in verrenkter Haltung. Schon hatten sich die verdammten Rabenvögel über die Kadaver der Tiere hergemacht. Er verscheuchte einige von ihnen mit Steinwürfen, einer plötzlichen Regung folgend. Dann wurde ihm klar, dass irgendetwas verändert war.

Wie ein leichter Nebel lag es über der Szene, obwohl es an diesem Morgen doch kühl und klar war. Er stand auf dem Dorfplatz, an der Ecke einer der Hütte, er lauschte in das Schweigen. Plötzlich sah er den Offizier wie aus dem Nichts kommen, über den Platz auf die Hütte der Mutter zugehen. Und dann... war er verschwunden. Mitten auf dem Weg, als wenn er hinter eine unsichtbare Wand getreten wäre.

Doman konnte sich nicht halten, er rannte los, stürmte in die Hütte. Nichts. Leere. Ein paar alte Lumpen lagen am Boden, so als wenn jemand etwas gesucht hätte. In der Ecke duckte sich die Katze am Boden, ängstlich. Als er einen Schritt auf sie zu machte, fauchte sie, dann sprang sie davon. Er stand wie gelähmt. Da hörte er von draussen das Galoppieren eines Pferdes. Er sprang herum, zur Tür hinaus. Nichts zu sehen, Ruhe, unheimliche Ruhe.

Da bekam er es mit der Angst zu tun. Die Geister. Das mussten die Geister sein, die der Gefallenen, die seiner Kameraden, die nun hier unbestattet lagen. Aber daran war nicht zu denken. Er rannte hinaus, in Panik, keuchend, schrie seinen Kameraden zu - "Bloss weg hier!" Zitternd stand er vor ihnen. "Ich habe die Geister gesehen. Sie sind im Dorf. Wir müssen hier weg. Der Ort ist verwunschen".

Geralt war besonnener - wie immer. Er hatte genug gesehen in seinem langen Leben, um sich vorstellen zu können, wie Doman zu Mute sein musste, was er in den Trümmern des Dorfes gesehen haben mochte, das einst ihre Heimat war. Ja, wir müssen hier weg, sagte er ruhig und bedächtig. Sie werden kommen und ihre Leute suchen. Wortlos ging er zu dem Gefangenen und beendete mit einem raschen Schnitt das Leben, das ohnehin langsam aus ihm hinausgewichen war. Erfahren hatte er nichts, der Gefangene hatte nur zu einem leisen Stöhnen Kraft gehabt. Und mit nehmen konnten sie ihn nicht... Geralt wies an, die Leiche hinter den Büschen zu verbergen, und dann hatte auch Doman sich wieder soweit in der Gewalt.

"Wir gehen in die Wälder und suchen nach den anderen... Wir sind nicht die einzigen, die jetzt in die Wälder gehen werden." So zogen sie los, am Bach entlang, aufwärts. Sie hatten nicht einmal Vorräte, aber sie hatten einen Feind getötet, und nun waren sie bereit, weiter zu kämpfen. Sie hatten ein Pferd erbeutet, sie würden also nicht selber schleppen müssen - wenn es denn etwas zum schleppen geben würde. Geralt, mit Doman vorangehend, stimmte eines der alten Lieder an, mit denen sie sich Mut zu machen pflegten. Sie waren ihrer zwölf, ein gutes Zeichen, wie er fand. Zuerst würden sie aus dem einsamen Hof oben am Bachlauf holen, was sie zum Überleben brauchten. Und dann weitersehen.

Es war ein schöner Tag, sonnig, wenn auch kalt.



Teil III : Lucius, Zenturio

Für Lucius, Zenturio der römischen Armee und Kommandant eines Kastells auf der Nachschubslinie am Fluss entlang, hatte der Tag früh angefangen. Er verlangte seinen Leuten viel ab - hier, in einer unruhigen Provinz, die nach dem letzten Feldzug zwar als "befriedet" galt, in der aber immer noch hier und da Aufstände aufflackerten. Aber er gab auch selber, was er verlangte. Er hatte bereits eine Inspektion der Vorwerke am Fluss hinter sich gebracht, hatte alles gut und geordnet und seine Leute wachsam gefunden.

Der Sold hatte zwar schon lange auf sich warten lassen - aber wofür hätten sie ihn hier auch ausgeben können? Die Verpflegung war derb, aber in Ordnung und reichlich. So ritt er am Fluss entlang zurück zum Kastell, um die allmorgendliche Besprechung mit seinen Hauptleuten abzuhalten. Auf dem Weg fiel ihm wieder eine alte Geschichte ein, und er griff unter sein Gewand und holte ein unscheinbares Amulett hervor. Das Bild der Alten kam ihm wieder vor Augen, die es ihm gegeben hatte, weiter im Osten, als sie mit dem Legaten des Kaisers den gefährlichen Marsch durch das Feindesland gemacht hatten.

Alle Legionäre sind abergläubisch, dachte er belustigt, warum sollte ich es nicht sein? Er war in ihre Hütte getreten, als sie in dem Dorf gerastet hatten, und die Alte hatte ihm eine Schale Wasser gereicht, ihm lange in die Augen geblickt... und ihm dann, unter unverständlichem Murmeln, das Amulett gegeben.

Er hatte einen Priester danach befragt, der es als gutes Zeichen gedeutet hatte... die Götter ihrer Feinde hatten ihm etwas gegeben, das er mit sich tragen konnte, um sich auch des Schutzes dieser Götter zu versichern, deren Volk nun ihnen unterlegen war. Aber wer wäre ihnen, den Römern, nicht unterlegen? Sie hatten ihre Götter mitgebracht, aber sie liessen auch die Einheimischen gewähren, deren Götter vielleicht schwächer, aber sicher auch gefährlich waren... es war immer gut, sich der Gunst aller möglichen Götter zu versichern.

Aber das war eigentlich ja gar nicht sein Ding, und er merkte, wie es ihm schwerfiel, diese Gedanken weiterzuspinnen. Das Pferd kannte den Weg und trottete dahin, und er hatte nur noch auf das Amulett in seiner Hand gestarrt. Vorsichtig steckte er es wieder ein.

Im Kastell angekommen begab er sich in die Kommandantur, eher eine grössere Hütte, ein Teil der Mannschaften hauste immer noch in Zelten. Er hatte dort einen roh gezimmerten Tisch und einen - ziemlich unbequemen - Stuhl, seine Hauptleute waren um ihn im Stehen versammelt. Es waren die übrigen Dinge zu besprechen, Einteilungen vorzunehmen, Aufgaben für die bevorstehende Überwinterung hauptsächlich. Ein Teil der Mannschaften würde abgezogen werden, und nur eine Kerntruppe aus wenigen verlässlichen Männern das Kastell über den Winter besetzt halten.

Er brachte alles möglichst schnell hinter sich, und bald konnte er das "An die Arbeit!" ausgeben, seine Männer verliessen den Raum. Er blieb dort sitzen, und schon wieder hatte er das seltsame Amulett in der Hand. Ein Soldat betrat den Raum, salutierte, und wartete darauf, von ihm angesprochen zu werden. Er schob also seine Gedanken beiseite. Es war einer der Melder, die Tag für Tag die Strecke zwischen den Kastellen abzulaufen hatten. Er zog ein versiegeltes Schreiben von Oberkommando in Vetera aus seiner Tasche, das Lucius erst einmal auf dem Tisch beiseite legte, und bereichtete dann die wichtigsten Ereignisse aus den Bereichen der anderen Kastelle.

Eines der Versorgungsschiffe auf dem Fluss war leckgeschlagen, und dann von den Einheimischen ausgeplündert worden, jedoch hatte man die Räuber stellen können und ihnen ihre Beute wieder abgenommen. Ein Dorf, das sich den Steuereintreibern widersetzt hatte, war gestraft worden. Ein Transport mit Getreide aus dem Westen war angelangt. Er fragte, ohne grösseres Interesse, welches Dorf und warum genau. Der Melder wusste jedoch auch nicht viel genaueres, berichtete aber ausgiebig, dass es viele Gefangene gegeben habe und die Soldaten sich "ein paar schöne Tage mit den Frauen" hatten machen dürfen als Belohnung für die planmässige Durchführung der Expedition.

Was für Heldentaten, dachte Lucius sich nur, und winkte ab. Er hatte genug gehört, gab dem Melder ein paar Informationen für den Kommandanten des Nachbarkastells mit auf den Weg und winkte ihn hinaus.

Eine gewisse Unruhe hatte ihn überfallen, er hätte nun eigentlich zu seinem täglichen Rundgang durch das Lager aufbrechen sollen, stattdessen sass er am Tisch und verfiel schon wieder in Gedanken. Er nahm das Amulett hervor, es schien zu leuchten? Nein, er musste sich getäuscht haben. Überraschend, auch für ihn selbst, beschloss er, seinen Lagerrundgang heute sein zu lassen und stattdessen über Land zu reiten und sich einen Eindruck vom Stand der Arbeiten an den Wegen nach Osten zu verschaffen, die angedungene und gepresste Einheimische mehr recht als schlecht unter der Aufsicht seiner Leute durchführten.

Er trat aus der Hütte und gab der Wache einen Wink. Zwei Pferde, wir reiten über Land. Es dauerte nur einen Augenblick, bis der Soldat mit den Pferden kam, und sie sich gemeinsam auf den Weg machten. Ganz gegen seine Pläne fand er sich bald schon auf einem wenig begangenen Weg, der nach Südosten führte. Er hatte das Gefühl, das das Amulett an seinem Hals pochte. Eine innere Unruhe überfiel ihm, als ihm klar wurde, wohin er des Weges war. Erst jetzt wurde ihm klar, dass jenes gestrafte Dorf das Dorf sein musste, in dem ihm die Alte das Amulett gegeben hatte.

Trotz allem war er Profi genug, um zu wissen, dass es nicht ganz ungefährlich sein würde, mit nur einem Mann Begleitung dorthin zu gehen. Es konnten noch Feinde in der Nähe sein. Es war einfach verrückt, dorthin zu gehen. Er hätte umkehren sollen. Aber irgendetwas zog ihn an.... So verlangsamte er das Tempo, als sie dem Dorf näher kamen, und spähte aufmerksam umher, konnte aber niemanden entdecken. Vor dem Dorf hielten sie an und sassen ab. Er befahl dem Soldaten, vor dem Dorf Ausschau zu halten und den Rückzug zu sichern, falls doch noch versprengte Feinde auftauchen sollten. Und dann sagte er etwas, was er selber nicht verstand. "Ich habe hier etwas zu erledigen, du wartest hier höchstens eine halbe Stunde, wenn ich dann nicht zurück bin, reitest du in das Lager zurück. Hast du mich verstanden? Der Mann salutierte, und er führte sein Pferd am Zügel in das Dorf hinein.

Das Bild der Alten vor Augen, wusste er genau, welchen Weg er nehmen musste, um zu ihrer Hütte zu gelangen. Als er an den Dorfplatz kam, schien es ihm, als wenn sich ein Nebel über das Dorf gelegt hätte, alles war verschwommen, ein leises Klagen war zu hören, wie von weit entfernt. Er ging über den Platz, die Hütten wirkte leer. Da plötzlich kam ein kleines Mädchen aus der Tür einer der Hütten gelaufen, kam zu ihm und nahm in bei der Hand. "Die Grossmutter erwartet Dich!"

Wie konnte er ihre Sprache verstehen? Es hatte irgendwie eigenartig geklungen, als wenn diese Stimme eher aus seinem Inneren gekommen wäre. Da war er auch schon in der Hütte, und Frieden umfing ihn. Ja, Frieden. Nach dem Anblick des von Kadavern überdeckten Dorfplatzes... es war hell und freundlich, als wenn die Sommersonne von draussen hereinbräche, die Alte kauerte in ihrer Ecke und gab dem Mädchen einen Wink. Die Kleine bedeutete ihm, sich auf ein Fell am Boden zu setzen vor der Grossmutter, dann ging sie hinaus und kam mit einer Schale zurück. Wieder wurde ihm ein labender Trank angeboten, wieder dankte er der Mutter mit freundlichen Worten. Doch diese erhob sich, wirkte grösser, jünger, kräftiger... sie trat hinaus, das Mädchen an der Hand, und winkte ihm, zu folgen.

Er sah sich verblüfft um, zögerte einen Augenblick. Etwas wie ein Schatten fiel durch den Raum, die Katze, die bis dahin ruhig in einer Ecke gelegen hatte, fauchte und stellte das Fell auf. Der Schatten wirbelte durch den Raum, er aber hatte keine Angst, wunderte sich gar nicht, sondern trat hinter der Alten hinaus auf den Dorfplatz.

Sein Pferd war zutraulich auf die Alte zugekommen und liess sich von ihr am Zügel nehmen. Er sass auf, die Alte hob das Kind zu ihm hinauf, er fasste es fest mit einer Hand, die Alte - wie schaffte sie das nur? - war mit einem Satz hinter ihm im Sattel, das Pferd bäumte sich auf, und im wilden Galopp ging es aus dem Dorf hinaus, in der entgegengesetzten Richtung, aus der sie gekommen waren. Hätte er Zeit zum Nachdenken gehabt, so hätte er sicher an seinen Kameraden gedacht, der dort Wache stand, aber er hatte keine Zeit zum Nachdenken.

Die Alte schnalzte mit der Zunge, das Pferd machte einen Satz... es eilte dahin, es flog fast, die Berge umher schienen vorbeizueilen. Er sah hinunter, ja hinunter! Nein, beruhigt stellte er fest, dass das Pferd den Boden fest unter den Hufen hatte. Aber er hatte das Mädchen im Arm, das sich zutraulich an seine Brust schmiegte, und hinter ihm sass die Alte. Ein Traum. Es muss ein Traum sein, dachte er sich.



Teil IV - Das Schicksal der Frauen: Die Geburt einer Fürstin

Den Frauen war es inzwischen nicht irgendwie gut gegangen... die Legionäre hatten sie, an eine lange Kette geschlossen, mit sich gezerrt. Je weiter sie nach dem Westen kamen, zurück zum Fluss und in ihr sicheres Kastell, desto besser wurde die Laune der Männer. Nun hatten sie keine Angst mehr vor einem Überfall der Feinde, die ihnen den ganzen Weg über im Nacken gesessen hatten. Also konnten sie sich in Ruhe ansehen, was sie da an Gefangenen mit sich schleppten. Die Frauen waren meist barfuß und müde von dem Weg. Nun wurden sie zum Spott ihrer Bewacher. "Na, meine Schöne, willst du heute abend mit mir ausgehen?" Ihr Zenturio, der zu Pferd neben dem Zug einherritt, brachte seine Leute zur Ruhe. Er wollte kein Risiko eingehen. Erst, wenn sich das Tor des Kastells hinter ihnen geschlossen haben würde, wäre die Aufgabe für ihn erfüllt. So blieb seinen Leuten erst einmal nichts über, als die Frauen anzuglotzen und sich auf später zu freuen.

Als sie im Lager ankamen, wurden die Frauen sofort von den Kindern getrennt in ein abgeteiltes Viereck aus Palisaden geführt. Stroh war auf dem Boden ausgeschüttet, und in einer Ecke ein grobes Dach gezimmert, unter dem sie bei Regen etwas Schutz bekommen konnten. Die Kette wurde ihnen nicht abgenommen, die Legionäre stiessen sie grob, sodass sie so, wie sie gerade standen, zu Boden glitten, eine die andere mit sich ziehend. "So, wir wünschen euch eine angenehme Nacht". Mit einem Grinsen zogen die Kerle ab. Der Aufseher verabschiedete sich mit einem Tritt in die zufällig zu seinem Füssen liegende Freidja, dann war auch er verschwunden, von aussen wurde ein kräftiger Holzbalken vor das Tor geschoben. Die Frauen krochen eng zusammen, es wurde bereits dunkel, zuviel hatten sie heute erlebt, um irgendetwas bereden oder gar planen zu können. Langsam krochen sie, die schwere Kette mit sich ziehend, in die Ecke unter dem Unterstand. Ruhe kehrte ein, nur ab und an durch ein Schluchzen unterbrochen, schliesslich siegte die Erschöpfung, und sie schliefen ein.

Die Nacht war kurz, und der Morgen graute erst, als der Aufseher mit mehreren Männern mit Fackeln in den Verschlag kam und mit Flüchen und Tritten die Frauen aufscheuchte. Eine nach der anderen wurde von der Kette losgemacht, bekam aber sofort schwere Eisen an die Füsse gelegt und wurde in die Ecke zurückgestossen. Der Aufseher schrie sie an "Wer ist euere Anführerin"? Aber alle schwiegen nur, schauten ängstlich zu Boden. So standen sie, ängstlich auf ihre Peiniger schauend, dicht zusammengedrängt. Der Aufseher musterte sie einzeln. "Wollen doch sehen." Und, zu seinen Männern gewandt, "Holt den Bock und die Neunschwänzige". Die Frauen sahen sich bestürzt an, sie ahnten, was nun kommen würde. Freidja war mit Damian zusammen, und damit die Ranghöchste der Gefangenen. Was sollte sie tun? Was wollten die Römer überhaupt von ihnen?

Währenddessen lag Lepius, der Zenturio, zusammen mit dem Legaten aus Rom bei Tisch. Der Legat war am frühen Morgen überraschend eingetroffen und hatte etwas von einem Sonderauftrag erklärt. Nun, da man ihm aufgetischt hatte, was die Küche irgend hergab, und es Wein aus den geheimen Reserven des Zenturio gab, war er bester Laune. "Also, die Sache ist die. Unser erhabener Feldherr wünscht, seinen Triumpf zu feiern. Dazu wird alles mögliche benötigt... Waffen, Beutestücke, und so weiter... Du kennst das ja. Die meisten Sachen lassen wir von Handwerkern in Gallien arbeiten. Das sieht viel authentischer aus und macht mehr her als die armseligen Sachen, die wir hier aufgelesen haben. Was wir aber brauchen, ist die nötige Anzahl an Gefangenen, gutgewachsene, möglichst Frauen. Und der Feldherr wünscht natürlich auch, dass es möglichst hochstehende Personen sind, damit er sich mit den Namen von besiegten Fürsten schmücken kann... Ich hoffe, Du kannst mir da weiterhelfen. Es soll zu Deinem Schaden nicht sein". Lepius, der wohl wusste, dass man in Rom die Verhältnisse hierzulande nicht wirklich einschätzen konnte, hatte frohgemut aufgetrumpft, dass sie gerade eine Reihe von Gefangenen eingebracht hätten. Dass diese aus einem abgelegenen, armseligen Dorf stammten, brauchte er ja nicht gleich ausplaudern. Er wusste auch überhaupt nicht, ob es hierzulande überhaupt so etwas wie Fürsten gab... jedenfalls keine "richtigen" in seinen Augen, sie hatten weder Städte noch Paläste gefunden, nur Dörfer und ab und an einen Tempelbezirk, eher ein Stück Wald, das die Einheimischen für heilig hielten, manchmal mit einer Einzäunung versehen, oft aber auch kaum von einem "normalen" Wald zu unterscheiden. Jedenfalls ... Es war immer gut, sich in den höheren Chargen Freunde zu machen. "Sie sehen gut aus... wir sind gerade dabei, sie zu befragen... Macht es Euch bequem, ich werde sehen, was sich machen lässt".

Als er sich in den für die zukünftigen Sklaven abgeteilten Teil des Lagers begab, hatten die Männer sich bereits eine der verzweifelten Frauen herausgegriffen und auf ein roh gezimmertes Holzgestell geworfen. Einer der Männer stand mit der Peitsche in der Hand nehmen ihr, bereit, auf ein Zeichen des Aufsehers seine für ihn nicht unerfreuliche Aufgabe zu vollenden. Die Frau wimmerte leise, man hatte ihr das Gewand heruntergerissen, grobe Stricke hielten sie in gebeugter Haltung. Der Aufseher trat zu den Frauen, die sich vor ihm duckten, und ging durch die Reihen... einer nach der anderen den Kopf anhebend, prüfend... Als Lupius herbeitrat, standen die Männer still und salutierten. Der Aufseher kam sofort kriecherisch auf ihn zu. "Herr, sie wollen nicht reden... wir sind gerade dabei, ein Exampel zu statuieren". "Gut. Ich will wissen, wer uns da ins Netz gegangen ist. Fangt an". Er liess sich auf einem Stuhl nieder, den einer der Soldaten herbeigeholt hatte, und gab dem Mann mit der Peitsche ein Zeichen. Ehe die Frauen sich richtig klargemacht hatten, was passierte, durchschnitt der Schrei der getroffenen die Stille, ging in ein langgezogenes Heulen und schliesslich in ein leises Wimmern über. Ein roter, blutiger Striemen zog sich quer über ihren Rücken. Sie wand sich in den Fesseln, versuchte, ihren Körper irgendwie zur Seite zu drehen, aber schon hob ihr Peiniger wieder den Arm mit der Peitsche und holte genüßlich weit aus, um in den nächsten Schlag womöglich noch mehr Kraft zu legen. "Halt. Lasst ab von ihm". Es war Freidjas Stimme, die da hell und klar erklungen war. Nun trat sie vor und sah dem Zenturio offen in die Augen. "Ich bin ihre Anführerin, die Frau von Damian, dem Ersten unserer Krieger. Wenn ihr jemanden strafen wollt, dann mich".

Bewundernd schaute Lupius die herrische Gestalt an, die da, in einem zerlumpten Gewand und in Ketten, vor ihm stand. Dann überflog ein Lächeln seine Lippen, und er gab dem Legionär, der neben ihm stand, einen Wink. "Wenn ihr mit dem Zenturio sprecht, ist Demut angesagt". Ein Stoss in ihre Seite, sie versuchte, auszuweichen, aber da waren die Ketten zwischen ihren Füssen, sie stolperte und fiel zu Boden. Sofort war der Legionär neben ihr, fasste sie im Nacken und drückte ihr Gesicht in den schlammigen Boden. Dann riss er ihren Kopf hoch. Sie starrte den Zenturio an, hasserfüllt. Der aber grinste nur. "Schon besser. Nun aber, sage mir, wie du heisst, und wer von den armseligen Kreaturen dort hinten zu deinem Gefolge gehört..."

Freidja verstand die Frage erst gar nicht. Sie wollte aufstehen, wurde aber von dem Legionär neben ihr sofort wieder hinuntergedrückt. Auf allen Vieren, wie ein Hund, dachte sie. Dreckverschmiert... Sie versuchte, mit der Hand ihr Gesicht sauberzuwischen, natürlich vergeblich. Der Zenturio war nun aufgestanden und dicht vor sie getreten. "Dein Gefolge, natürlich. Widersprich mir nicht. Wenn ich sage, Du bist eine Fürstin, und nach Deinem Gefolge frage, dann BIST du eine Fürstin und HAST ein Gefolge." Freidja schaute zu ihm auf, in das harte Gesicht direkt über ihr, der Legionär griff ihr in die Haare, zog ihren Kopf nach hinten, sodass sie gar nicht anders konnte, als ihrem Peiniger in die Augen zu schauen. Was sollte sie dazu sagen?

Der Zenturio gab dem Mann, der neben der Frau auf dem Bock stand, ein Zeichen, das Zischen der Peitsche, ein Aufschrei, übergehend in ein langgezogenes Nein..... Während noch das Wimmern der getroffenen zu hören war, überschlug es sich im Inneren von Freidja. "Ja Herr. Ihr habt Recht, Herr. Was wollt ihr von mir, Herr?"

Guuuut. Mit einem gutgelaunten Seufzer ließ sich Lepius, der Zenturio, wieder in seinen Sessel fallen und verschränkte die Arme. Der Tag gefiel ihm, diese Aktion war nach seinem Geschmack. Keine Gefahr, aber Macht über Menschen. Und die Frau, die da vor ihm im Dreck lag, gefiel ihm sehr gut... vielleicht könnte er es arrangieren, dass sie, bevor der Legat aufbrach, in sein Zelt gebracht würde. Aber bis dahin war noch Zeit, nun musste er erst einmal dafür sorgen, dass alles zur Zufriedenheit des Legaten geregelt würde.

Auf sein Zeichen hin wurde die Frau von dem Holzbock losgemacht, zwei Männer nahmen sie zwischen sich, da sie sich nicht auf den Beinen halten konnte, und warfen sie zu den anderen Frauen auf den Boden. Freidja wurden von dem Legionär neben ihr die Arme weggetreten, erneut landete sie im Schlamm, wagte gar nicht mehr, sich aufzurappeln. Aber in ihr arbeiteten die Gedanken, und mit gespielter Demut sah sie zu dem Zenturio hinauf. "Herr, ich werde tun, was immer ihr von mir erwartet". "Was auch immer? Eine gute Idee". Die Männer um ihn herum grinsten. "Ruhe ihr da!" Sofort verschwand das Grinsen von den Gesichtern. Lepius wandte sich Freidja zu.

Hör mir genau zu! Ich sage es nur einmal, und wenn Du nicht gehorchst, dann wirst du, dann werdet ihr alle erfahren, was es heißt, Feind der Römer zu sein. Wenn ihr gehorcht, wird es euch erst einmal gut gehen. Du also bist eine Fürstin, wer auch immer dich fragt. Wie heißt du? Freidja? Eigenartiger Name, aber nun gut. Du HAST ein Gefolge, und du wirst die Frauen, die du mir dir auf den Weg nehmen willst, der euch nun bevorsteht, aufrufen. Hast du mich verstanden?"

"Ja Herr. Wie viele Frauen soll ich aufrufen, Herr? Und was wird mit den anderen geschehen?" "Ein Dutzend sollte reichen. Die anderen? Da fragst du noch? Ihr habt euch gegen Rom erhoben, nun seid ihr Roms Gefangene. Da gibt es nichts zu fragen, was dann mit einem geschieht. Verkaufen werden wir sie, oder sie werden als Beute an die Legionäre gegeben. Was interessiert es dich?"

Freidja hatte blitzschnell überlegt, dass es ihnen, die sie für irgendetwas herhalten sollten, sicher besser ergehen würden als denen, die sie hier zurückließ. Sie begann also, die kranken, die schwachen aufzurufen, diejenigen, von denen sie glaubte, dass sei in der Sklaverei nicht lange würden überleben können. Lepius schaute kritisch auf die Frauen, die da eine nach der anderen, von Freidja gerufen, aus der Menge hervortraten. "Nein, nein, nein. So geht das nicht". Gar zu erbärmlich war der Haufen der Gestalten, die sich da ängstlich neben Freidja versammelt hatten. "Zurück! Geht zurück".

Die Legionäre packten die Frauen und drängten sie zurück. Nun ging Lepius durch die Reihen der Frauen, zeigte hier und da auf eine hochgewachsene, starke, blonde, urteilend, wie es ihm gefiel, nach den Brüsten und den langgewachsenen Haaren, wie auch immer. Sowie er eine der Frauen ausgewählt hatten, traten zwei seiner Männer herbei und zerrten die Unglückliche, die gar nicht wusste, was und warum ihr geschah, aus der Menge der Frauen heraus. Freidja weinte hemmungslos, ihr wurde nun erst klar, in welche Zukunft sie nun aufbrechen würden, dass ihnen keine Rettung möglich war.

Zufrieden musterte Lepius seine Auswahl. Es erschienen ihm nun doch zu viele Frauen zu sein, die er des Gefolges einer Fürstin für würdig hielt. So deutete er noch auf die eine oder andere, ein Wink, ein "zurück mit ihr", und die Frauen, die schweren Ketten zwischen den Füssen, wurden wieder zurückgestoßen. Endlich gefiel ihm, was er vor sich sah. "Gut. Bringt sie an den Bach, sie sollen sich waschen, und gebt ihnen etwas Brot. Dekurio Marcus, Du erledigst das mit deinen Leuten. Aber passt mir bloß auf sie auf! Wenn ich erfahren sollte, dass auch nur einer von ihnen ein Haar gekrümmt wurde, möchte ich nicht an Eurer Stelle sein!"

Marcus salutierte. Die Legionäre stießen sie zum Tor des Gevierts, mit gezogenem Schwert gingen sie zur rechten und linken des Haufens der traurigen Frauen, die sich langsam dahinschleppten. Freidja hörte noch, wie Lepius mit lauter Stimme rief - "Die anderen gehören Euch, schnappt euch, was euch gefällt!" Sie wandte sich ab, konnte die Schreie, den Tumult hinter sich nicht ertragen, stolperte vorwärts. Aber sie konnte sich nicht verschließen, es tat ihr im Innersten weh, das nun geschah, was sie nicht hatte verhindern können.

Die Schreie gellten ihr noch in den Ohren, als sie schon längst aus dem Lager und an den Bach gelangt waren. Die Legionäre stellten sich auf beiden Ufern lockerer Reihe auf, dann wurden die Frauen unter dem Kreischen der Legionäre angewiesen, sich auszuziehen und sich im Wasser zu säubern. Wenn schon kein Haar krümmen - ansehen war ja nicht verboten. Freidja setzte sich am Ufer nieder, keines weiteren Gedankens mehr fähig, als kräftige Hände ihr einen Stoss versetzten und sie im Wasser landete. "Du da, du blonde Schlampe, das gilt auch für dich". Teilnahmslos zog sie ihr Gewand aus und begann, sich zu waschen.

Was würde dies alles mit sich bringen? Schließlich aber siegte in ihr doch der Mut, das, was sie sich immer geschworen hatten : Füreinander zu sorgen, durchzustehen, zu kämpfen. Sie dachte an ihren Mann, der auch gekämpft hatte, den sie mit seinen letzten Kameraden hatte zurückweichen sehen, als sie schon von den Händen eines Legionärs hinweggezerrt worden war. Ob Demian und die anderen überlebt hatten? Vielleicht würden sie sogar nach ihnen suchen...

Vielleicht. Nun aber war erst für anderes zu sorgen. Und während die Frauen sich wuschen, berichtete sie ihnen flüsternd, was ihr der Zenturio aufgetragen hatte, dass sie nun Fürstin und Gefolge zu sein hatten - warum auch immer.



Teil V - Die Hexen!

So also war Lucius, seines Zeichens Kommandant eines römischen Lagers, auf dampfenden Pferd durch die ihm unbekannten Wälder unterwegs, in den Armen ein kleines Kind, hinter sich im Sattel - tja, wenn er das so genau gewusst hätte. War sie doch eine alte Frau gewesen, als sie zu ihm auf das Pferd gestiegen war. Nun klang ihre Stimme silberhell und jugendlich. "Langsam... hier links... bei dem Apfelbaum, den Pfad entlang, am Bachlauf hinauf".

Gehorsam hielt er sein Pferd an, schaute sich den schmalen Pfad an. Mit einem Seufzer stieg er vom Pferd ab, setzte die Kleine in den Sattel vor die alte Frau und nahm das Pferd beim Zügel. Was hatte er da nur getan? Aber ein Zurück gab es für ihn auch nicht. Dazu war er zu konsequent. Irgendetwas hatte er begonnen, und nun wollte er es auch zu Ende führen. Seine Einheit würde ihn sicherlich am Nachmittag vermissen, Suchtrupps ausschicken, dabei auf den Legionär treffen, den er am Eingang des Dorfes zurückgelassen hatte... wenn dieser nicht schon vorher so schlau gewesen wäre, zum Lager zurückzukehren. Nun, ob sie ihn dann finden würden? Wahrscheinlich nicht, allzu oft waren sie durch Wasserläufe geritten, die Spur würde sich schnell verloren haben. Das alles führte ihn nicht weiter...

Der Weg wurde immer schmaler, führte an dem Bachlauf entlang in eine Schlucht hinein. Da sah er durch die Bäume eine dünne Rauchfahne aufsteigen, und bald tauchte eine ärmliche Kate zwischen den Büschen auf. Die Alte sagte, in gewohnt befehlsmässiger Art, "Halt an, wir müssen uns vorbereiten, bevor wir dort einkehren können". Mit einem Schulterzucken hielt er an, hielt das Pferd kurz, damit die beiden hinunterklettern konnten. Dann band er das Pferd an einem knorrigen Ast fest und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Was sollte nun kommen? Was nun geschah, verstand er nicht, konnte er auch nicht verstehen.

Die Alte nahm das Kind in die Arme, und begann, sich im Kreis zu drehen, erst langsam, dann immer schneller, bis sie vor seinen Augen mit dem Kind zu einem bunten Kreisel von Farben verschwamm. "Jetzt ist die Alte verrückt geworden" dachte er noch, aber da wurde sie wieder langsamer, er konnte Details erkennen. Wo war das Kind geblieben? Eine schöne junge Frau mit langen blonden Haaren hielt sich mit der Alten an den Händen, als hätten sie Ringelrei gespielt. Während er sich noch die Augen wischte, begannen sie ein Gespräch. Er hörte die Stimmen wie aus der Ferne, es war die silberhelle Stimme, die er auf dem Pferd gehört zu haben glaubte, und die raue, krächzende Stimme der Alten. "Diesmal will ich es tun! Du warst schon letztesmal die Mutter, und ich musste sterben, als die Kleine zur Welt kam" "Dafür hast du über die Sonnenwendfeuer springen dürfen" "Aber du hast die Gaben entgegengenommen in diesem Herbst"...

So ging es eine Zeit weiter, hin und her, er verstand alles und doch nichts. Schließlich nahmen sich die beiden Frauen in den Arm, drehten sich einmal im Kreis, und als sie wieder vor ihm standen, sprach die jüngere mit ihrer hellen Stimme. "Was du gesehen hast, wirst den verstehen, später. Was du gehört hast, wirst du vergessen. Was du nun tun wirst, musst du freiwillig tun. Wir können Dich nicht zwingen. Willst Du uns begleiten bei dem, was wir nun tun müssen?"

Er stutzte, wollte fragen, was denn nun bei allen Göttern zu tun wäre, hörte sich aber mit leiser Stimme langsam sagen "Ja, ich begleite Euch". Eh er sichs versah, hatte ihm die Jüngere entgegnet "Dann werden wir Dich binden, anders werden sie es nicht verstehen". Zog einen dünnen Lederriemen aus einer Falte ihres Gewandes, er hielt die Hände hinter dem Rücken zusammen, und sie band ihm, zart und vorsichtig, aber dann mit entschiedenem Ruck, die Hände auf dem Rücken zusammen. "Steig auf! das wirst Du doch irgendwie hinbekommen..." Einfacher gesagt als getan. Er nahm den Zügel des Pferdes mit den Zähnen auf, führte es neben den Baumstamm, hieß es stehen bleiben. Dann kletterte er auf den Baumstamm, legte den Oberkörper über das Pferd, und mit einiger Anstrengung schaffte er es, sich hinaufzuziehen und mit den Beinen über den Pferderücken zu kommen. Schließlich saß er, unentschlossen um sich blickend, im Sattel.

Die junge Frau lächelte ihn freundlich an. "Gut. Ich sehe, du willst uns wirklich helfen. Das ist gut, ich danke Dir, auch im Namen der Kleinen. Dass du sie gerettet hast, hat uns den Weg in die Zukunft gerettet. Merke Dir eins. Wir können sterben, wir müssen sterben, damit die Kleine leben kann. Aber die Kleine muss leben. Sie wird die Mutter werden, der Kreis muss sich schließen, auf immerdar." Dann wandte sie sich um, nahm den Zügel des Pferdes auf, und führte das Pferd weiter zu der Hütte. Dort blieb sie mit dem Pferd und dem hilflosen Reiter stehen, die Alte ging zur Türe und klopfte an.

Eine Frau öffnete ihnen, genauso alt und hässlich, in Lumpen gehüllt, wie die Ankommende. Ein Freudenschrei, Umarmungen, überschwängliche Begrüßung auch der jungen Besucherin. Dann schaute die Hüttenbesitzerin misstrauisch zu dem fremden Mann auf dem Pferd. Dass er ein Offizier der römischen Armee war, war nicht zu übersehen. Dass er gefangen sein sollte, kaum zu glauben, zu kräftig und trotzig saß er dort oben, auch wenn seine Hände gebunden waren.

"Wie habt ihr?" "Still, das erzählen wir Dir nachher. Wir haben ein wenig nachgeholfen, er ist wehrlos, er tut, was wir von ihm wollen." "Er kommt mir nicht in die Hütte!" "Gut, gut, das ist schon in Ordnung. Wo können wir ihn denn unterbringen?

Die Alte zeigte auf eine weitere Hütte, die abseits stand und um die ein paar Hühner scharrten. "Dort. Bequem braucht er es ja nun nicht zu haben! Die Bastarde haben es nicht besser verdient. Aber wie bekommen wir ihn nur dorthin?" "Das lass mal unsere Sorge sein. Geh du nur hinein und bereite uns etwas Warmes, wir sind den ganzen Tag mit ihm unterwegs". Während die Alte, sich noch einmal misstrauisch umsehend, in die Hütte schlurfte, wurde Lucius von der jungen Frau freundlich aufgefordert, abzusteigen. Irgendwie schaffte er das dann auch, ohne in den Dreck zu fallen, und ging langsam hinter ihr her auf die kleine Hütte zu.

Sie sagte, sanft und freundlich, aber bestimmt "Der Hühnerstall ist sicher nicht die Unterkunft, die eines Gastes wie Dir würdig ist. Aber es geht nicht anders, die alte Vettel kennt sich nicht mehr aus in der Welt, ihr Sohn wurde von Euren Leuten getötet, er hatte sich den Aufständischen angeschlossen..."
Dabei öffnete sie die Tür, die ohne Schloss und nur angelehnt war, und führte ihn in den dunklen Raum. "Sie wird nicht herkommen, Du kannst hier bleiben. Es wird besser sein, wenn du gebunden bleibst, für alle Fälle. Wir haben etwas mit der Alten zu besprechen." Er sank zu Boden, nun plötzlich sehr erschöpft. Bevor er einschlief, meinte er noch, ihre Hand über sein Haar streichen zu spüren. Dann versank er in wilde Träume.

 

 Vielen Dank für's Lesen!

---- wird fortgesetzt : ) -----







 
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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