Konrad Grabert

Der Glaube an das Perfekte

Es war schon später Abend, als Maximilian aus dem Bus stieg. Es dämmerte, der Himmel war in einen roten Umhang geschlungen, der fahles Licht auf die halbverrotteten Häuser warf und ein wenig ihre Falten glättete. Leanderstrasse hatte sie ihm gesagt. Er sah sich um, das Kopfsteinpflaster war von unzähligen Autos in sehr vielen Jahren glattgelutscht, auf den noch feuchten Steinen konnte Max sich beinahe spiegeln. Es hatte gerade erst aufgehört zu regnen. Die Gegend erinnerte ihn sicherlich ein wenig an sein Zuhause, ein kleines Dorf, mit nur einer Strasse und ein paar alten Häusern. Mitten in der Hektik einer Stadt erschien ihm die Szene jedoch eher wie aus einen der schlechten Filme der Siebziger. Er stand noch etwa zehn Minuten an der Haltestelle. Es war schon fast zehn als Julie erschien. Die Luft war immer noch heiß und ihr Kleidchen zeigte mehr als es verbarg. Max hatte nicht erwartet, dass sie so schön sein würde.

Sie hatte das bezauberndste Lächeln, das er je gesehen hatte. Kleine Grübchen über den Mundwinkeln, rehbraune und unendlich tiefe Augen und das kurze, schwarze und gestylte Haar betonten ihr Geicht mit der zarten Stupsnase und den glatten Wangen. Julie war nicht wirklich schlank und dennoch hatte sie die Figur, die man sonst nur auf den Hochglanzseiten teurer Modemagazine sah. Sie musterte ihn, lange und prüfend, dann erst sprach sie ihn schüchtern an. Ihre zarte, helle und angenehme Stimme klang nach unendlicher Leidenschaft, die Max einen wohligen Schauer über seine Haut jagte. Fast so, als würde sein Körper unter Strom stehen. Er wusste, Julie merkte nicht wie unglaublich elegant sie lief und wie sie dabei ihre Arme leicht schwenkte ohne auch nur ein wenig arrogant zu wirken, wie aufreizend sie aussah und dass sie das schönste Gesicht hatte, das Max in seinen ganzen siebzehn Jahren zu sehen bekommen hatte.

„ Hallo Maximilian! “ , sagte sie und Max wurden die Knie schrecklich weich. Sie hatte in ihrem Brief nicht übertrieben. Ihre Intelligenz erkannte man an den bloßen Worten , die sie sprach und an dem Gesichtsausdruck, den sie dabei hatte. Max schämte sich für die Briefe. Ein Jahr lang hatte er versucht Julie anzusprechen, nie hatte er den Mut und die Kraft dazu gefunden. Sie hatten sich schon oft in die Augen gesehen, Max fühlte sich dann immer sehr tapfer, nicht einfach weggeschaut zu haben. Irgendwann entschloss er sich, ihr eine Kurzgeschichte zu schreiben. Und damit fing es an. Sie erkannte sich in diesem, eher einfallslosen, Stück wieder und entschloss sich, ihm zurückzuschreiben.

Die Geschichte hat mir gefallen, es geht um uns beide, habe ich Recht? Hast du Lust, dass wir uns treffen? Ich möchte dich kennen lernen.

Natürlich hatte er, aber anstatt den nächsten Tag einfach zu ihr zu gehen entschloss er sich, aus lauter Schüchternheit und purer Freude, zurückzuschreiben.

Wenn ich etwas nicht sagen kann, dann schreibe ich es nieder. Worte können die Welt verändern, weißt du? Natürlich möchte ich dich sehen, unbedingt, so oft wie nur möglich und noch öfter! Aber ich möchte ein romantisches Essen für zwei. Mit Kerzen, Wein und allem was dazu gehört. Wenn du immer noch möchtest, sag mir einfach wann und wohin ich Dich einladen kann, o.k.?

Es folgten noch unzählige Briefe mehr, und viele Wochen vergingen, ehe beide konkret wurden. Schließlich konnten sie sich aus Neugier aufeinander nicht mehr über Briefe unterhalten. Sie sahen sich fast jeden Tag in der Schule, und dennoch waren sie sich völlig fremd.

„ Hallo! “ , mehr brachte Max nicht heraus. Er war wirklich schüchtern, eine Art Freak, denn keiner wollte es ihm je glauben. Doch noch nie hat er irgendeine Frau angemacht oder auch nur angesprochen. Das machte Max krank, ändern konnte er es aber nie. Sie starrten sich in die Augen und flüchtig auch in die Gegend, sie waren wie aus der Zeit gesprungen. Das, was gerade noch um sie war, verlor alle Bedeutung, es war ruhig, kein Lärm von Autos mehr. Dann, zum ersten Mal in seinem Leben fasste Max Mut. Es war der absolute Hochpunkt seiner Karriere als Casanova, er sah seine Traumfrau an und redete. Er redete wie von Liebe beflügelt über sein ganzes bisheriges Leben, und wie nichtig das jetzt alles plötzlich war. Das Eis war endlich gebrochen.

„Möchtest du wissen, wohin du mich ausführen darfst Maximilian?“ , fiel Julie Max ins Wort. Er stoppte sofort sich die Jahre des Schweigens vom Leib zu reden und es war erstaunlich, dass er das tat. Maximilian nannte ihn nur seine Mutter. Mit ihr hatte er schon häufiger Diskussionen geführt und sie war die einzige Person überhaupt, mit der er wirklich sprach. Alles andere, stumpfe Gespräche mit Freunden oder unsinnige Smalltalks führte er nicht gerne, das war immer so oberflächlich. Doch jetzt änderte sich alles. Von nun an gab es eine Person, mit der er alles teilen konnte. Jedes Lächeln, jede Träne, jedes Problem und, jedes Wort. Ihm war fast schon schwindelig, denn so hetzte sein Blut selten durch seine Adern. Sie gingen über die, inzwischen von Laternen beleuchtete Strasse und liefen noch etwa fünf Minuten durch die klare und mondscheinverzierte Nacht entlang Häuserzeilen, die fast schon bedrohlich wirkten. Julie sah das Gebäude zuerst, es war gelb und ein Tor führte direkt in die Kneipe, die sie sich ausgesucht hatte.

„Es ist schön hier, du bist im Licht der Kerze noch umwerfender!“, hauchte Max mit zitternder Stimme über die helle Kerze, die auf dem Holztisch stand. Und er log nicht. Sie faszinierte ihn, hielt seine Augen fest an sich, und sie lächelte wie nie zuvor. Sie hatte sich inzwischen eine Jacke angezogen, aber ihre Schönheit und Vollkommenheit hing nicht von der Kleidung ab und überhaupt war Max aufgefallen, dass es so etwas perfektes überhaupt nicht geben konnte, ohne dass die Sonne verblasste vor Neid. Ihre Grübchen hatten im Kerzenschein eine recht scharfe Kontur und schon bei einem flüchtigen Blick bemerkte man, dass sie nicht oft lachte, sie war Max so unendlich ähnlich, und doch fühlte er eine kleine Barriere. Er konnte das nicht einschätzen und wahrscheinlich war es auch nicht von großer Bedeutung, denn sie hatten sich ja erst vor zwei Stunden getroffen. Max war nicht nur ein akzeptabler Diskussionspartnerpartner, er konnte auch unendlich lange zuhören, so schien es Julie zumindest. Sie fragte ihn, warum er gerade sie eingeladen hätte, wo es doch noch so viel mehr Frauen gibt, und er konnte nicht antworten. Er konnte nicht einfach sein Innerstes offenbaren, dann würde er sich nackt fühlen. Aber alles teilen können, dass hieß auch Gefühle und Gedanken teilen. Er wusste das, denn genau so hatte er es sich noch vor ein paar Minuten vorgestellt.

„Es gibt nur einen Grund. Ich liebe dich, seit einer Ewigkeit schon. Und längst wäre ich innerlich verdorrt ohne dich. Mein ganzes Leben wartete ich auf eine Frau deines Ausmaßes und jetzt sitzt Du hier, mir gegenüber. Wir reden, als hätten wir tausend Jahre des Schweigens hinter uns, ich öffne dir mein Herz, eine völlig neue Erfahrung, und es tut mir nicht leid mein alter ego verraten zu haben. Du bist die Rose, die auch im Winter blüht. Du bist elegant, wärmend und erotisch wie Feuer. Ich kann mir schon jetzt nicht mehr vorstellen, dass ich dich einst noch nie gesehen hatte. Du weckst die Poesie in mir und bist der Motor, der mich jeden Morgen in die Schule treibt. Nur um eines flüchtigen Blickes deiner Schönheit, deiner Augen willen. Du bist die pure Energie, ohne dich fühlte ich mich innerlich bereits tot. Denn ich glaube an das Perfekte. Ich bete dich an.“

Im selben Augenblick verlor Julie eine Träne. Diese hinterließ einen glänzenden Streifen auf ihrer Wange, der ihr Gesicht zum hellen Schein werden ließ. Max konnte sein Herz schlagen fühlen, am ganzen Körper, als hätte es Besitz von ihm ergriffen. Ihm war wirklich schwindlig und das berühmte Kribbeln im Bauch, das er immer verspürte wenn er Julie sah, wurde übermächtig. Am liebsten wäre er ihr um den Arm gefallen und hätte sie innig geküsst. So wie es in den Filmen immer aussieht, von denen Max viele, zu viele, gesehen hatte. Er konnte sich kaum halten, wollte sie umarmen und umschlingen. Er wollte sie wärmen, so wie sie es mit ihm durch bloßes Dasein tat, doch stattdessen wischte er ihr die Träne aus dem Gesicht. Julie wusste nicht recht ob Max es ernst meinte oder ob es nur eine raffinierte Abschleppmethode war. Doch der Abend würde es zeigen. Max lächelte als erster nach der Träne. Auch Julie konnte sich nicht lange beherrschen und begann wieder zufrieden auszusehen. Eine erneute Unterhaltung wollte aber nicht mehr entstehen, zu schnell waren sie sich zu nahe gekommen ohne sich auch nur einmal berührt zu haben. Max fragte sich, ob er vielleicht zu viel erzählt und zu viele Gefühle geteilt hatte.

Noch bevor er sich diese Frage beantworten konnte wachte er jedoch auf. In der Hand hielt er einen Zettel. Er las ein paar Worte und stellte fest, es war die Kurzgeschichte, die er morgen in der Schule Julie geben wollte.

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