Mirjam Horat

Heute ist er fällig...

 

An einem schönen Frühlingstag, ich weiss es noch wie wenn es gestern gewesen wäre, am Mittwochnachmittag der 16. April 1986, beschlossen meine Zwillingsschwester und ich:

‘Heute ist unser Papi fällig!’

‘Genau, heute muss er dran glauben.’

Mit der Tierwelt und einem Stift unter dem Arm bewaffnet marschierten wir schnurstracks in Richtung Büro unseres Vaters. Wir hatten einen Plan geschmiedet, der niet -und nagelfest war, ganz inspiriert von dem Erfolgserlebnis einer Kollegin des Reiterhofes. Klar hatten wir sie gemeinsam bis ins kleinste Detail ausgequetscht. Wie sie das, für uns Unmögliche, denn nur geschafft hatte. Sie schilderte uns noch so gerne, glücklich strahlend, alle Einzelheiten. Wir waren sicher, es musste einfach klappen.

Guten Mutes betraten wir das Arbeitszimmer, in dem wie immer das uns wohlbekannte Chaos herrschte. Wohin man auch blickte, war der Raum übersäht mit Büchern, jede Wand war in ein riesiges Bücherregal umfunktioniert worden, dennoch fanden die dicken Schunken nicht genügend Platz um ordentlich verstaut zu werden, und stapelten sich an allen möglichen Stellen. Hinter der einen Tür sammelten sich die Zeichnungsmappen, Leinwandbilder und Gemälde und ein dicker Bund beschriebene Blätter, zierte den Platz neben der Schreibmaschine.

Vorsichtig näherten wir uns Papi. Mit dem allerliebsten, strahlendem Lächeln das es überhaupt gibt, - welches, wenn ich heute zurück denke, wohl unserem Papi eher gleich ein Schrecken einjagte und vermittelte: oho das bedeutet nichts Gutes für mich! - fingen wir an zu reden.

‘Duuu, Papi?’

‘Ja?’

‘Weisst du, wir haben eine Frage…’

‘Was gibt’s denn?’

‘Es ist so….’

Mit einem hilfesuchenden Blick deutete meine Schwester mir an, auch endlich mal was zu sagen.

‘Ähm ja, es ist so, du weisst doch das wir uns schon so lange einen Hund wünschen. Und wir finden mit 11 ½ sind wir jetzt verantwortungsbewusst genug, dem Hund selber zu kucken.’ 

‘Aha…’

‘Genau, wir würden alles selber machen, Ehrenwort!’ 

‘Jeden Morgen Gassi gehen, ihn füttern, erziehen und spielen.’

‘Wir haben uns sogar schon informiert, welche Hunderasse ein geeigneter Familienhund ist.’

‘Aha…’

So nun kam die Tierwelt zum Einsatz, bereits schon an der Richtigen Stelle umgeblättert, hielten wir sie ihm unter die Nase. 

‘Da, das ist ein Labradorzüchter. Diese Hunde sind total kinderlieb und sehr angenehme Familienhunde.’

‘Och bitte, bitte können wir uns diese Hundewelpen nicht wenigstens einmal ansehen gehen?’

Seufz…. Und ein nachgiebiges Lachen folgte. Er nahm die Tierwelt zur Hand und las das Inserat sorgfältig durch. Zufrieden schauten wir uns an. Soweit waren wir bei all unseren Versuchen bis anhin noch nie gekommen. Doch zu früh gefreut, denn nun folgte erstmal die Frage:

‘Wie habt ihr euch das denn mit den Kosten vorgestellt, dieser Hund kostet ja ein Vermögen.’

Aber das war für uns kein Hindernis, auch das hatten wir zwei alles schon in unseren Plan mit eingebaut. Eins war uns klar, wir ließen uns von unserem Plan nicht abbringen, nicht heute.

‘Wir würden jede einen Drittel aus unserem Ersparten dran zahlen, dann wäre es für dich doch nicht mehr all zu teuer?’ unser bittende, engelhafte Blick war kaum mehr zu übertrumpfen.

Wieder kam ein tiefer Seufzer von unserem Vater. Er nahm erneut die Zeitschrift zur Hand und las zum zweiten Mal die Annonce gründlich durch. 

‘Aber das ist ja in Thun, das sind mehr als zwei Stunden Fahrt bis dahin. Und ihr wisst doch wir haben kein Auto.’

War ja klar das dieses Argument kommt, auch an diesem Hindernis wollten wir nicht scheitern.

‘Wir haben Michis Mutter bereits gefragt, ob wir heute Nachmittag ihr Auto ausleihen dürfen.’

Nun folgte wieder ein Lacher, diesmal etwas lauter, als ob er realisiert hätte, dass wir alles bis ins kleinste Detail durchgeplant und berechnet hatten.

‘Ruf doch diesen Herr Trachsler wenigstens mal an, und frag ob er noch einen Welpen zum verkaufen hat?’

Das war unsere grösste Befürchtung, denn diese Zeitung, die wöchentlich neu erschien, war nämlich schon ein paar Tage alt. Und siehe da, unser Vater liess sich tatsächlich dazu bewegen diesen Herrn anzurufen. Bibbernd, zitternd, kribbelig wartend, standen wir hinter unserem Vater und hofften vergebens ein paar wichtige Informationen raus zu hören. Endlich verabschiedete er sich und kehrte sich zu uns um. Unser Vater war schon immer, ganz im Gegensatz zu uns beiden, die Ruhe in Person, was uns beide immer wieder fast zum Wahnsinn trieb. Und heute, genau in dem Moment, erschien es uns schlimmer denn je, bis er endlich ein paar Worte an uns richtete.

‘Also gut, dann fahren wir eben mal nach Thun, und schauen uns einen Hund an, aber nur anschauen.’

Ein Freudengeschrei, gefolgt von Gehüpfe, mit lautem Gekreische, war unsere Antwort darauf.

Als wir bei Michis Mutter Susanne ankamen musste sie gleich lachen, als sie uns ankuckte und meinte:

‘An euren glänzenden Augen an, nehme ich mal stark an, dass ihr euer Vater endlich soweit gebracht habt, dass er euch einen Hund kauft?’

‘Nur mal ankucken.’ antwortete Papi prompt. 

‘Klar nur ankucken.’ meinte sie mit einem Augenzwinkern an uns gerichtet.


Kurze Zeit später sassen wir in ihrem metallic, hellblauen Golf Richtung Thun. Die Fahrt dauerte gefühlte zehn Stunden, auf jeden Fall viel zu lange für zwei so ungeduldige Exemplare wie wir es waren. Natürlich kam dann die Tatsache, dass wir uns in Thun selber auch noch unzählige Male verfahren mussten, erschwerend hinzu. Doch endlich bei einem kleinen Bauernhof wusste eine nette ältere Dame den richtigen Weg, und kurz darauf parkten wir neben dem gesuchten Haus.
Herr Trachsler bat uns herein, ging voraus zu den Hundezwingern, wo wir beide uns auch sogleich auf die süssen Hundeknäuel stürzten. Er meinte wir sollen sie doch gleich mal füttern, was wir noch so gerne taten. Doch nur ein schwarzes, kleines Hundchen stand mitleiderregend hinter den anderen, und ging leer aus bei der Fütterung. Herr Trachsler erklärte uns, dass es eine kleine Hundedame war, die sich leider fast nicht durchsetzten kann bei all ihren Geschwistern Langsam gingen wir auf sie zu, sprachen mit ihr, und ein schüchternes Wedeln mit dem Schwanz war die Antwort. Mit herzerweichendem Hundeblick kuckte sie uns an, währenddessen der Züchter aufzählte welche Welpen bereits vergeben und versprochen waren. Das war uns eigentlich ziemlich egal, denn unser Herz hat sich schon längst für die niedliche kleine Hündin entschieden.

‘Ja die hier, die ist noch zu haben. Die wollte bis anhin noch niemand weil sie vom Wesen her einfach zu schwach ist.’

Kaum zu glauben, das man SIE nicht wollte. Wir hätten in jedem Fall von all den sieben Hunden nur sie ausgewählt.

‘Ihr könnt sie gleich mitnehmen, denn nächste Woche beginnen die Bauarbeiten, da bin ich froh um jeden Hund der schon fort ist.’

So, jetzt kam die Stunde der Wahrheit. Alles drei, -mit Hundenaugen mit einbezogen waren es vier-, Augenpaare waren auf unseren Vater gerichtet, warteten gebannt auf seine Reaktion, denn schließlich waren wir ja nur zum Hundewelpen ankucken gekommen, und nicht gleich zum mit nach Hause nehmen. Stille… Noch ein letztes Mal schauten zwei leuchtende, dunkelblaue Augenpaare, erfüllt mit  bittendem, flehendem, sehnlich hoffendem Blick, der jedes Vaterherz unweigerlich schmelzen lässt, zu ihm hinauf.

Und warteten. Immer noch Stille…

Dann brach ein, uns wohlbekannter, Seufzer die Stille.
Zu unserer Überraschung zückte unser Vater seine Brieftasche hervor, bezahlte dem Züchter die ganze Summe und wir hatten endlich, nach all den vielen Jahren des Wartens, unseren ersten eigenen Hund. Wir trugen sie wie einen Schatz auf Händen, und ließen sie nicht mehr los.

Schnell waren wir uns einig, unser süsser, kleiner Wuschel soll den Namen ‘Zita’ bekommen. Bei der langen Rückfahrt mussten wir feststellen, dass die neue Umgebung, das ganze Unbekannte, die Autofahrt, ihr doch mehr zusetzte, als wir vermuteten, ihr wurde hundeelend und ihr ganz Mageninhalt wurde auf dem Hintersitz zwischen uns beide platziert. So erfuhren wir auch gleich zu Anfang, dass ein Hund aufziehen nicht nur spielen und streicheln bedeutet…

Also legten wir zwangsläufig einen kurzen Zwischenstopp ein, der unser Vater sogleich nutzte unsere Mutter mit der ‘tollen’ Neuigkeit zu überraschen. Sie, die gerade bei der Arbeit war, hatte bis dato ja noch keinen blassen Schimmer davon, was ihre beiden Töchter ausgeheckt hatten. Mit den Worten:
‘Jetzt muss ich mich erst mal hinsetzen!’ nahm sie die Tatsache, dass wir nun stolze Hundebesitzer waren, relativ gelassen auf.
Und was soll ich sagen, als wir schlussendlich mit Zita zu Hause waren, war gerade unsere Mami diejenige, die als allererste unsere Zita mit wenig Schokoladenjoghurt verwöhnte.

Auch rückblickend ist für unsere ganze Familie klar, dieser Hund war wohl das Familienmitglied, das von allen am meisten verwöhnt, gebraucht und geliebt wurde. Ihr konnten wir erzählen, wenn uns  etwas beschäftigte, ihr konnten wir das Herz ausschütten, wenn wir traurig waren, denn sie hörte uns immer geduldig zu. Sie war jeder Zeit für uns  da, wenn wir uns alleine fühlten und sie freute sich jedes Mal, einfach nur schon wenn wir nach Hause kamen. Mit ihr ging an diesem 16. April 1986 ein langersehnter Kinderwunsch für meine Zwillingsschwester und mich in Erfüllung, den wir niemals vergessen werden. Danke Zita, dass du unser Leben auf unvergessliche Weise bereichert hast!

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