Sylvia Knitel

Wenn die letzten Schatten tanzen

 Es war bereits stockfinster als Edwin die Kerzen anzündete. Zahlreiche davon standen auf den Anrichten und etliche mehr waren in den Auswuchtungen der Wände zu finden. Danach bürstete er die schwarzen und roten Roben aus.
Von der Decke hingen wuchtige Kronleuchter, deren Licht sich in dem langen Tisch spiegelte wie die Sonne in einem klaren Gebirgssee.
Alles war bereit in den heiligen Gemäuern der Gerichtsbarkeit.
Ja, heute Nacht würde wieder Gericht gehalten über die Menschheit, über die Welt. Viele der bekanntesten Namen standen auf der Gästeliste, fast wie bei jedem Mal.
Edwin lief langsam und schaute sich noch einmal genauestens um. Jede noch so kleine Ecke spähte er aus. Nichts, aber auch gar nichts durfte seinen Herrn an diesen Abend aufregen.
Langsam, aber stetig setzte er seinen Weg fort, der geradewegs zu seines Herren Schlafgemach führte.
Zögernd klopfte Edwin an die alte schwere Holztüre. "Mein Herr, ich habe alles gerichtet", sagte er mit erhobener Stimme, dann wandte er sich um und ging geradewegs in sein kleines Reich. So nannte er die kleine Wohnung, die ihm sein Herr zur Verfügung gestellt hatte. Das Wohnzimmer war dunkel, nur hier und da brannte eine Öllampe. Er mochte diese Art der Beleuchtung, sie strahlte so viel Wärme aus in diesen finsteren Zeiten. Nichts war mehr so wie die Menschen es gekannt hatten, nichts. Alle Werte, für die einst Ritter und andere Menschen gekämpft hatten, waren erloschen. Die Welt ähnelte der biblischen Hölle. In Eden hatte die Menschheit vor langer Zeit gelebt, doch sie war eitel gewesen, hatte versucht die Erde zu unterjochen. Sie haben den Planeten ausbluten lassen, haben auf ihm Schmerzen und grenzenloses Leid gedeihen lassen. Statt Felder zu bestellen hatten sie Städte gebaut. Städte von unbegrenzten Ausmaßen. Statt Wälder zu hegen und aufzuforsten wurden sie gerodet. Die Menschen heute sind nur noch Schatten. Schatten von dem was wir einst waren. Sie sind eitel geworden, ihr Alltag bestimmt von Neid und Intrigen. Eine vulgäre Sprache ist die Ihre. Alles scheint verseucht zu sein.
Bis sie kamen.
Es ist kalt, viel zu kalt für diese Jahreszeit, dachte er und wärmte sich an seinem Ofen. Der Teekessel kochte vor sich hin und das Buch, das er las, lag aufgeschlagen auf einem kleinen hölzernen Beistelltisch.
Edwin war einst einer dieser Schatten gewesen. Alkohol und Sex hatten seine Tage bestimmt. Immer getrieben von der Suche nach etwas Besserem, etwas Härterem. Er ekelte sich noch heute vor seinem alten Ich, wenn er an diese Zeit zurück dachte. Wie ein räudiger Hund war er gewesen. Er hatte bezahlt, mehr als ihm bewusst gewesen war. Sein einst so wundervoll schwarzes Haar ist jetzt schütter und grau.
Das Leben hatte sich tiefe Gräben in seinen Körper gegraben und sie erzählen von seinem ehemaligen dahinvegetieren. Wäre sein Herr nicht gewesen, ja, wäre er nicht gewesen, hätte Edwin nie gewusst wie sehr er sein Leben liebte. Der Wind der seine Haut sacht streichelte. Der Duft der verschiedensten Blumen. Die Sonne, die den Himmel in den schönsten Farben erstrahlen lassen konnte. Für das geschriebene Wort, das alle möglichen Emotionen in einen hervorbringen konnte. Für all das hatte er nie einen Blick gehabt, auch nicht für die ganz kleinen Dinge im Leben.
Nun ist dies anders und er ist mehr als dankbar für das was er nun erleben durfte.
Er schaute erschrocken auf die Uhr als er bemerkte, wie weit fortgeschritten sie war. Schnell griff er zu dem Anzug, den er zu diesem heutigen Anlass geschenkt bekommen hatte. Er sah genauso aus wie all seine anderen Anzüge und doch war er für ihn der schönste von allen.
Zügig kleidete sich der Butler an und überprüfte alles noch einmal gründlich im Spiegel. Danach ging er nach unten um alle in Empfang zu nehmen und ihnen den Weg zu weisen.
Einige waren bereits angekommen. Herzog Balduin von Vogelstein, ein älterer und stämmiger Mann mit ungewöhnlich ruhiger Art. Begleitet wurde er wie immer von seiner um einiges jüngeren Gattin, Rosa, die stets ein bezauberndes Lächeln auf ihren Lippen zeigte. Sie waren ein Herz und eine Seele, hatten Achtung und Respekt voreinander - zumindest wenn sie zu Besuch waren. Über mehr konnte Edwin nicht urteilen.
Dann waren da noch Sir Reginald of Ulster und Gräfin Helene von Gerolsbach. Ein überaus soziales und erfolgreiches Paar, hoch angesehen in der Gesellschaft, wenn auch noch nicht verheiratet. Sie hielten sich immer sehr nah bei den Schatten auf, die sich überall tummelten. Anders mochte Edwin die Menschen nicht nennen. Für ihn waren sie leblose Körper mit Trieben, gesteuert von ihrer Gier nach MEHR. Unreine Monster, die aus Märchenbüchern entsprungen zu sein schienen. In Gedanken versunken nahm er die nassen Mäntel und hängte sie in die Garderobe.
Es war eine düstere Nacht, die von Blitzen erhellt wurde. Das Grollen des Donners drang bis in das tiefste Gewölbe. Eine Nacht, die man aus Kitschromanen kannte.
Es kamen immer mehr Gäste an. Die Frauen bildeten eine Traube um über das Neuste zu reden und die Herren saßen im Salon auf einer alten ledernen Eckbank und spielten Skat. Auch bei ihnen konnte man viel Neues hören. Edwin fand es immer sehr aufregend den Diskussionen beizuwohnen. Er konnte soviel lernen, auch wenn er nur die Getränke reichte und daher nicht immer alles mitbekam. Es war für ihn ein Event, auf das er sich jeden Monat freute. An den anderen Wochenenden war sein Herr außer Haus und residierte bei noblen Herrschaften.
Wie Edwin sie alle bewunderte. Warum hatte er nicht alles daran gesetzt, dies zu erreichen? Warum war er so blind gewesen? Wenn sein Herr Aaron Moorbach nicht gewesen wäre, wer weiß, was ihm noch alles geschehen wäre und ob er jetzt noch leben würde.



An einem anderen Ende der Stadt hatte zwischen all den anderen Bortsteinschwalben Eva einen neuen Freier erobert. Es war nicht leicht, wenn man ausgemergelt und krank aussah. Ihr Gesicht war eingefallen und durch die blasse Haut konnten die Adern genau gesehen werden. Evas langes blondes Haar bestand nur mehr aus dünnen Strähnen, durch die ihre Kopfhaut durchschimmerte. Und doch war sie eine der Schönsten unter all den anderen. Sie ging schon lange auf den Strich um sich am Leben halten und Tropic Summer leisten zu können. Der billigste Fusel, den es zu kaufen gab, wie schon am Namen und Etikett zu erkennen war. Doch er hatte die Macht, den Alltag vergessen zu machen und all den Dreck nicht mehr wahr zu nehmen.
Auf den Straßen der Stadt lag Müll, der Geruch war bissig. Es gab keine Stadtwerke mehr, die alles sauber und ansehnlich hielten. Alles erinnerte an die vergangen Katastrophen. Überall auf der Welt sah es so aus wie hier. Kein Strom von Kraftwerken. Nichts. Alles war teurer und Geld gehörte zu den Dingen, die niemand, der hier wohnte, je hatte.
Ihre Eroberung lotste die Prostituierte in eine Gasse. Er sah reich aus. Nicht wie all die anderen. Der Mann trug ein dunkelblaues T-Shirt und eine Jeans. Sein lockiges Haar war hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sein Äußeres war gepflegt und sauber. Eva wusste, dass er nicht aus dieser Stadt stammen konnte. Sie war neugierig, aber für Fragen war hier nicht der rechte Ort und die rechte Zeit.
"Erst die Kohle, bevor ich dich anpacke", sagte sie fordernd, doch ihr Gegenüber blieb stumm. Mit seinen anziehenden und dunklen Augen blickte er sie an.
"Sag mal, Junge, hörst du nicht oder biste zu dumm um zu antworten?"
Langsam rückten seine Lippen näher an ihr Ohr und eine dunkle Stimme flüsterte: "Menschenkind, kleiner Schatten, heute wird Gericht gehalten und du darfst dabei tanzen."
Plötzlich dämmerte es Eva, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte und sie schrie aus voller Kehle. Aber niemand kam, keine Polizisten, keiner der anderen Freier, die mit ihren Konkurrentinnen beschäftigt waren. Nur ein "Halts Maul, du dämliche Schlampe" schrie jemand durch ein geöffnetes Fenster. In den Gassen hallten die Worte wider.
Dusty, wie sich Evas Kunde selbst nannte, packte ihren Arm und stieß eine Spritze durch die pergamentartige Haut. Ein Betäubungsmittel drängte in die Venen der Prostituierten. Natürlich hätte Dusty auch einen mit Äther getränkten Wattebausch oder Lappen verwenden können, aber so bereitete es ihm größere Freude. Sein Job machte ihm Spaß, er sammelte die Schatten ein, riss sie aus ihrem Dasein um sie dann dem Gericht zu übergeben.
Mit einem Ruck warf er den regungslosen Körper über seine linke Schulter und ging zu seinem Wagen. Dieses Gefährt hatte er speziell für seine Arbeit besorgt. Ein vom Rost zerfressener Audi mit defekten Seitentüren und unzähligen Beulen. Im Grunde nicht mehr als ein Wrack, doch für diese Zwecke reichte es aus und Dusty war sich sicher, dass diese Karre nie jemand klauen würde.
Er öffnete den Kofferraum und warf die bewusstlose Frau hinein.
Eine unreine Ratte weniger, dachte er.
Dusty liebte die Blicke seiner Opfer, wenn sie begriffen. So voller Angst, gleich einem unschuldigen Kalb, das zur Schlachtbank geführt wurde. Aber unschuldig waren seine Opfer nicht, keines von ihnen. Ihre Einfältigkeit hatte er noch nie verstehen können, dieses grenzenlose Vertrauen.
Nach einer kurzen Fahrt durch die zerstörte Stadt traf der Wagen auf Aaron Morbachs Gut ein. Die Wachen an den Toren leuchteten ins Innere des Audis und nickten einfach. Langsam fuhr Dusty um das Rondell mit Blumenbeeten. Die im Haus postierten Wachen machten gerade eine Zigarettenpause. Sie schauten beiläufig zu dem ankommenden Fahrzeug, schenkten ihm aber keine weitere Beachtung. Sie kannten den Wagen, wussten, was Dusty hier zu schaffen hatte. Behäbig stieg der Sammler aus seiner Schrottlaube und schlenderte zum Kofferraum.
Die Dosis des Betäubungsmittels war hoch genug, um seine Fracht für Stunden außer Gefecht zu setzten. Genug, damit diese Schatten schliefen, doch zu wenig um ihnen wirklich zu schaden. Dusty war ein gewissenhafter Sammler, der stets mit Vorsicht seine Arbeit erledigte.
Ein kurzer Wink genügte und zwei der Wachen gesellten sich zu Dusty. Eine kleine Absicherung während er die Fracht entlud, denn wie leicht könnten die kleinen Ratten plötzlich immun gegen das Betäubungsmittel werden. Nein, Dusty war kein dummer oder gar überheblicher Sammler. Er schätzte Gefahren genau ein, dachte immer drei Schritte voraus und unterschätzte nichts und niemanden. Aus diesen Gründen hatte ihn Moorbach zum Sammler ernannt. Ein Job, der jede Menge Vorteile mit sich brachte, die Dusty sehr wohl zu erhalten wusste.
Der weibliche Schatten, der sich Eva nannte, lag noch immer reglos da. Sie schlummerte wie ein Baby, das sich im Mutterschoß geborgen fühlt.
Nun brachte er die kleine Ratte nach unten, zu all den anderen, die er bereits vor Wochen eingesammelt hatte. Unter dem Herrenhaus befanden sich ein weitläufiger Kerker mit Dutzenden von Zellen. Viele standen einfach nur leer oder waren zu Abstellräumen umfunktioniert worden. Feuchte Wände verbreiteten einen modrigen Geruch, der schwächste Gestank von allen denen, die es hier unten wahrzunehmen gab, aber auch der beste.
Mit der Lieferung war Dustys Job erledigt.
Nun blieb nur noch eines zu tun. Dusty musste zu seinem Arbeitgeber gehen um die volle Liste abstempeln zu lassen und um eine neue entgegen zu nehmen.
"War das eben die letzte, Dusty?" drang es aus einer dunklen Ecke hervor.
"Ja, Herr Moorbach, ich bin gekommen um die nächste Liste zu holen ... und meinen Lohn."
Der Gutsherr starrte wortlos zu seinem Sammler. Dusty konnte in diesem Gesicht nichts lesen, er wusste nicht, was Moorbach dachte, was er vorhatte. Es machte den Sammler nervös.
Schließlich wurde die unangenehme Stille von der Stimme des Gutsherrn, des obersten Richters, gebrochen: "Nun gut, hier ist eine neue Liste und die versprochene Entschädigung für deine Umstände."
Dusty nahm Liste und Geld entgegen, hielt aber den Mund. Es war besser so. Zu viele Worte konnten einen in Misskredit bringen und das wollte ja keiner, schon gar nicht bei Aaron Moorbach.

...

©Sylvia K.

                                                    --Fortsetzung folgt---

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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