Marcel Hartlage

Schatten im Wald (Kapitel 2)

  Die Zelte waren nun aufgeschlagen. Bella und Joe hatten ihr eigenes Zelt aufgeschlagen, während die anderen drei sich ein größeres teilten. Sie hatten drei Meilen abseits von Joes Wagen auf einer Lichtung ihren Zeltplatz vorgeschlagen, nicht zu nah und nicht zu weit entfernt vom Unfallplatz. Sie alle waren ratlos gewesen, bezüglich des platten Reifens. Joe und Edward waren die zweihundert Meter immer und immer wieder entlang gegangen, doch nichts hatten sie entdecken können. Sie würden morgen früh noch einmal die Strecke entlang laufen, doch allzu große Hoffnung hatten sie nicht.
  Es dämmerte bereits, und Daniel und Martin waren dabei, Feuerholz zu sammeln.
  Es roch nach frischem Laub, ein Duft, den Martin gerne wahrnahm, da er genau diesen Geruch kaum kannte. Es war eigentlich nie sein Ziel gewesen, in der Stadt zu leben, doch aus familiären Problemen hatte er damals keine Wahl gehabt. Bei seinem Job hatte er dann die andere kennen gelernt. Es war ein gutes Gefühl gewesen, Freunde zu finden.
  »Manchmal hasse ich meinen Bruder über alles.« begann plötzlich Daniel vor sich hin zu reden. Er weckte Martin aus seinen Gedanken. »Wenn er sich so aufregt, habe ich manchmal richtige Angst vor ihm.«
  »Hast du schon mal versucht, mit ihm darüber zu reden?« fragte Martin. Er schnappte sich einen breiten Ast und packte ihn auf seinen Stapel.
  »Nein. Wahrscheinlich werde ich das auch nie tun. Dafür habe ich die Hoffnung schon längst verloren.«
  »Man sollte niemals die Hoffnung aufgeben.« ermutigte ihn Martin. Daniel zeigte als Antwort nur ein schwaches Lächeln, dann packte er sich wieder einen Ast.

  Das Feuer brannte und knisterte, warf lange tanzende Schatten an die Zelte. Sie alle saßen um das Feuer, bewaffnet mit einer Dose Bier und einer weiteren Kiste in Edwards Auto (Er hatte sie auf der Hinfahrt sogar angeschnallt, damit ja nichts passierte). Es war dunkel, in weiter Ferne gab eine Eule laute von sich, Mond und Sterne waren von Wolken verborgen. Es war keineswegs kalt, sondern ein angenehmes warmes Klima.
  »Ich finde es nicht so gut, die Autos weiter abseits geparkt zu haben.« sagte Bella und starrte auf das Feuer.
  »Und wie würdest du sie auf die Lichtung fahren wollen?« fragte Edward sarkastisch.
  Bella ignorierte ihn und wandte sich an Joe. »Was glaubst du, hat den Platten verursacht?«
  »Ich weiß es nicht, aber falls sich irgendein Bengel dabei 'nen Spaß erlaubt hat, dann kriegt er das zurück, darauf kannst du wetten!«
  »Joe, unser Held und Bringer des Friedens!« sagte Martin und alle lachten über seine Worte (Auch wenn Bella es nicht gerade amüsant fand, wenn man über ihren Freund Späße machte).
  Plötzlich heulte in weiter Ferne ein Wolf.
  Ihr Gelächter verstummte augenblicklich.
  »Stand in den Broschüren irgendetwas über Wölfe?« fragte Daniel, während er den Himmel empor blickte.
  »Nicht das ich wüsste.« sagte Bella.
  »Solche Viecher dürfte es in dieser Gegend eigentlich nicht geben.« sagte Martin.
  Doch seine Worte verstummten, gingen in einem Knurren unter.
  Es kam aus dem Wald.
  Sie alle blickten, von Panik und Angst wie gelähmt, zwischen das dunkle Geäst der Bäume hindurch, in eine tiefe Finsternis, bestehend aus rauen Konturen von Büschen und winzigen Blüten.
  Joe schluckte und brach als erster das Schweigen. »Einer muss nachsehen.« sagte er.
  »Ich ganz bestimmt nicht! Ich bin doch nicht Lebensmüde!« sagte Edward sofort.
  »Das könnt ihr vergessen!« brachte Martin stotternd hervor.
  »Von einem Mädchen könnt ihr so etwas ja wohl nicht verlangen, oder?« erwiderte Bella, als alle Blicke auf ihr vielen.
  »Joe, du oder Daniel.« sagte Martin langsam.
  »Wieso das?« drängte Daniel. Man merkte ihm seine Nervosität an, er zitterte.
  »Weil ihr beide nicht den Mut habt, eure Meinung zu äußern! Und jetzt entscheidet euch! Ich will nicht das irgendetwas aus dem Gebüsch gesprungen kommt!«
  »Aber – «
  »Entscheidet euch!«
  Daniel und Joe sahen einander an. 
  Bella verstand diesen Zorn von Edward nicht: Wie konnte er die beiden Geschwister zwingen, für sie alle, für ihn, nachzusehen? Wollte er seine Feigheit verbergen? Wollte er den großen Anführer spielen? Würde sie jetzt etwas sagen, so würde auch sie nur angeschrien werden. Es war eine Zwickmühle! Edward war viel zu arrogant, als das man seine Meinung ändern könnte!
  »Aber wie sollen wird das tun?« fragte Daniel. Er stotterte, Schweiß ran ihm übers Gesicht.
  Wieder knurrte etwas aus der Dunkelheit.
  Nur noch lauter.
  »Beeilt Euch! Macht Schere, Stein, Papier oder so was!«
  »Also gut.« sagte Joe und ballte seine Hand zu einer Faust, Daniel tat das selbe. Ihre Hände schwangen hin und her, einmal, zweimal … dreimal.
  Joe hatte einen Stein.
  Daniel eine Schere.
  »Los jetzt, Daniel!« drängte Edward nervös.
  Daniel war gelähmt vor Panik.
  Wieder ein Knurren. Bösartig. Kalt.
  Langsam erhob sich Daniel. Mit glasklaren Augen starrte er entsetzt auf Joe, der es meidete, den Blick seines Bruder zu kreuzen. Dann sah Daniel die anderen an: Martin, Bella und Edward. Dann schaute er in den Wald, in die Dunkelheit.
  Er schritt vorwärts.
  Vor dem Geäst blieb er stehen, drehte sich noch einmal um.
  Er verschwand im Wald.

 


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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