Mirjam Horat

Alles nur Zufall...?

 

Der Zug war zum bersten voll, Kopf an Kopf reihte sich auf den blauen Sitzen, stickige, verbrauchte Luft erfüllte die restlichen Lücken des Wagons. Mit Unmengen an Schulmaterial, Taschen und Zeichnungsmappe ausgerüstet, kämpfte ich mich durch die Menschenmenge, die alle in dieselbe eine Richtung drückten. Ich entschied mich, die Treppe hoch zu gehen und dort mein Glück zu versuchen und siehe da, gleich in der zweiten Reihe war noch ein Platz frei, den ich mir sofort zu Eigen machte. Mit einem Seufzer liess ich mich erschöpft nieder plumpsen, packte ein dickes Buch aus der Tasche, um noch einen, wie ich hoffte möglichst grossen, Teil zu pauken für die anstehende, morgige Prüfung, ehe ich anschließend bereits wieder weiter in die Jazztanzstunde stressen musste um für die Aufführung zu üben. Viel zu schnell rauschten die Stationen an mir vorbei… Stadelhofen… Uster… Wetzikon. Hatte die seltsam klingende Lautsprecherstimme gerade Wetzikon gesagt?

Ein kurzer Blick durchs Zugfenster, bestätigte mir das eben Vermutete. Das bedeutete bereits Endstation für mich. Schnell packte ich meinen Kram zusammen, hängte gekonnt all mein Bagage um, und machte mich bereit zum aussteigen, stand auf… doch was war das? Ein undefinierbarer, stechender Schmerz in meinem rechten Knie brachte mich beinahe zum fallen. Zwang mich auf jeden Fall erneut zum sitzen. Doch ich hatte keine Zeit mehr, denn der Zug hielt bereits an. So kämpfte ich mich humpelnd, mit ziemlich schmerzverzehrtem Gesichtsausdruck, abermals durch die gewaltige Menschenmasse, diesmal in die entgegen gesetzter Richtung, aus dem Zug hinaus, aufs Perron, um hastig hinüber zu eilen zum Busbahnhof. Ich bildete gezwungenermaßen das lädierte Schlusslicht des ganzen Trosses und war sichtlich erleichtert, als ich das Ende nahen sah.

‘Jetzt muss ich mich nur noch diese Stufen hoch kämpfen, dann hab ich es geschafft’, seufzte ich innerlich.

Oben stand bereits, ungeduldig, Ausschau haltend, meine Zwillingsschwester. Ihre Augen erhellten sich schlagartig, als sie mich erblickte.

‘Wo hast du denn so lange gesteckt?’ fragte sie mich gleich nachdem wir uns begrüsst hatten.

‘Ich weiss auch nicht was los ist, als ich in den Zug stieg war alles noch in bester Ordnung. Aber als ich aussteigen wollte, verspürte ich plötzlich einen furchtbaren Schmerz in meinem rechten Knie, genau da.’

‘Echt jetzt? Du, ich hab mir vorhin mein linkes Knie ganz heftig an einem Ecken angeschlagen, das tat höllisch weh, exakt an derselben Stelle, wie die  deine…’

 

Da war es wieder, unser wohlbekanntes Spiegelbild!

 

Wir können uns bis heute nicht auf logische Art und Weise erklären, wie es möglich ist, dass wir, ohne triftigen Grund, so oft gleichzeitig dasselbe fühlen, wie eben Schmerz oder Glücksgefühl. Oft gleichzeitig entscheiden dasselbe zu tun, wie einander anrufen und beide sind bereits am anderen Ende der Leitung, ehe das Telefon überhaupt geklingelt hat. Wir Wort für Wort dasselbe sagen, in derselben Tonlage, zum gleichen Zeitpunkt, wenn wir zusammen sind, und natürlich nur zu oft, genau dasselbe denken…

Gibt es vielleicht wirklich diese Zwillings- Telepathie? Wir sagen dazu ganz klar: Ja!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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