Mirjam Horat

Ausreisserinnen

 

Mitten in einer Blocksiedlung, in der ein Gebäude exakt wie das andere in den Himmel hinauf ragte, wuchs ich mit meiner Familie auf. Nur ein paar Blocks weiter, in derselben optischen Überbauung, wie die unsere, lebte die beste Freundin von meiner Zwillingsschwester und mir. Soweit ich mich zurück erinnern kann, verbrachten wir jede freie Minute mit ihr, spielten draußen, bauten die schönsten Sandburgen, schauten wer am höchsten schaukeln konnte, spazierten singend und hüpfend über die Wiesen, planten, sehr zum Leidwesen unseren Eltern, allerlei Unfug, redeten über alles was uns beschäftigte, kurz gesagt wir konnten nicht oft genug beisammen sein.

Als wir in das Alter kamen, wo bereits die ersten Verpflichtungen aufkamen, wie die des Kindergartens, waren wir überglücklich, dass wir allesamt denselben Kindergarten besuchen durften. Jeden Morgen trafen wir uns unten an der Strasse, gingen fröhlich plaudernd, mit einem umgehängten Znünitäschchen, den restlichen Kindergartenweg gemeinsam. Doch eines Morgens, als wir bei unserem üblichen Treffpunkt anlangten, bemerkten wir sofort, dass mit Nathalie etwas nicht stimmte, erfuhren auch gleich, dass wir recht behielten. Betrübt erzählte sie uns, sie und ihre Familie werden wegziehen, zwar nicht weit weg, nur in das Nachbarsdorf, aber sie müsse nun den Kindergarten wechseln.

Was für eine furchtbare Nachricht das für uns alle war. Und ich bin mir sicher, kurz nachdem sie es uns erzählt hatte, war sie auch schon weg, einfach fort aus unserem Leben… Einige Tage, oder gar Wochen waren schon verstrichen, ohne jegliches Lebenszeichen von Nathi. Mit jedem Tag der verstrich, wuchs auch der Wunsch in uns, sie wieder zusehen. Uns war klar, so kann es nicht weitergehen. Und wie kann man das triste Leben ohne Nathalie ändern? Genau, wir besuchen sie doch einfach. Ausserdem waren wir ja keine Babys mehr. Zum Glück hatte sie uns den Weg am letzten Kindsgitag noch erklärt…

‘Bis zum Kindergarten, danach entlang am Spielplatz, weiter dieser Strasse nach, bis sie einen starken Bogen macht in diese Richtung (zeigte sie mit einer heftigen Armbewegung), dann müsst ihr nur noch alles dieser grossen Strasse nach, die kommt nämlich genau zu meinem Haus.’

Okay, das hörte sich eigentlich gar nicht so schwierig an, und schliesslich waren wir schon mehr als fünf jährig, beinahe sechs! Wir waren uns sicher, dass wir wieder zu Hause sein werden, bevor uns unsere Mutter überhaupt vermisste. So marschierten wir kurz entschlossen, und guten Mutes Richtung Nachbarsdorf.

Den Kindergarten hatten wir schnell erreicht, denn diese Strecke war uns wohlbekannt. Als wir den Spielplatz passierten, wurden unsere Schritte allmählich etwas zögerlicher, kleiner und auch langsamer. Eine scharfe Rechtskurve erschien in unserem Blickfeld. Sogleich wussten wir: wir sind auf dem richtigen Weg! Brav auf dem Trottoire weiter schreitend, mündete unser Weg in die  Hauptstrasse, eben diese ’eine grosse Strasse’, die uns dann direkt zu Nathalie führen wird. So gingen wir tapfer, uns an der Hand haltend weiter.

Unterdessen zwar einwenig eingeschüchtert ab den vielen, lauten unglaublich schnellen Autos die an uns vorbei brausten, aber wir wollten schließlich zu Nathalie.

Mit einem Mal kam etwas unvorhergesehenes, der Gehweg endete abrupt in einer Sackgasse. Wir blieben für einen kurzen Augenblick wie erstarrt stehen, denn so was hatten wir in unserem bisherigen Leben noch nie gesehen. Was nun? Wie kommen wir weiter?

Auf der anderen Strassenseite bemerkten wir, dass der Gehweg weiter ging. So war uns schnell klar dass wir irgendwie da rüber kommen müssen. Wir wussten, dass man die Strasse bei diesen gelben, grellen, länglichen Streifen überqueren muss. Schnell wurden wir fündig und standen nun mit zunehmendem Pulsschlag, vor einem gelben ’Streifen- Exemplar’.

Mutig fassten wir uns an den Händen, warteten brav ab, fleißig nach links und nach rechts kuckend, bis die Autos von beiden Fahrtrichtungen anhielten und uns herüberließen. Das klappte hervorragend. Wir überschritten das allererste Mal, ganz alleine einen Fussgängerstreifen. Ungeheuer stolz, über unsere gerade erst vollbrachte Leistung, standen wir auf der anderen Seite der Strasse, blickten zurück und fanden uns einfach nur enorm gut.

Plötzlich, wir wussten gar nicht wie uns geschah, fasste uns ein älteres Ehepaar an den Händen, und so hilfsbereit wie sie waren führten sie uns überfreundlich auf die andere Seite der Strasse zurück mit dem vermeintlichen Glauben das wir nicht wussten, wie wir diese Strasse überqueren müssen.

Ganz verdattert standen wir wieder an derselben Stelle, wo wir gerade erst vor wenigen Sekunden mutig entschlossen hatten, das erste Mal alleine eine solch grosse Strasse zu überqueren. Und ehe wir etwas sagen konnten, kam eine sich sorgende Mutter angerannt, froh darüber uns Ausreisserinnen endlich gefunden zu haben. So endete unsere Wanderschaft, ohne dass wir Nathalie besuchen konnten.

 

Wie wir dann von unserer Mutter erfahren mussten, hätten wir Nathalie auf diesem Wege auch niemals gefunden, denn sie wohnte genau in der entgegengesetzten Richtung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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