Mirjam Horat

Hexenmeister

 

Gemütlich schlendernd, näherten wir uns dem letzten Gleis im Hauptbahnhof Zürich. Wie immer hatten meine Schwester und ich genügend Zeit eingeplant, so dass wir uns gemeinsam noch Proviant für die Reise besorgen konnten, schließlich lag noch eine lange, lange Nacht vor uns.

Der Zug war noch nicht mal eingefahren, die Verköstigung schon längst besorgt und in den Taschen verstaut, so beschlossen wir einen kurzen Zwischenstopp einzulegen und machten es uns auf der ersten freien Bank neben dem Gleis gemütlich. Überhaupt fiel uns auf, war der Bahnhof auffällig ruhig, der Perron menschenleer, nicht mal eine Taube flatterte durch die Luft. Okay, es war auch nicht mehr mitten am Tag, nur noch knappe zwei Stunden trennten uns von der Mitternachtsstunde.

Uns beiden knurrte der Magen, da wir wie immer noch dies und das zu erledigen hatten, ehe wir endlich los konnten von zu Hause, - den Kindern schnell etwas zum essen zubereiten, noch rasch mit dem Hund Gassi gehen, am Ehemann noch letzte Anweisungen und Ratschläge für Notfälle mit auf den Weg geben, die letzte Maschine Wäsche obtun, ach ja, eine Katze gibt’s ja auch noch… - das übliche eben. Dann endlich, konnte es losgehen, zum ausgemachten Treffpunkt. Gut eine Stunde später grinsten sich zwei fast gleich aussehende, wuschellockenköpfige Frauen, aus ganzem Herzen freudig entgegen. Diese beiden sassen nun eben auf dem besagten ersten Bänkchen bei Gleis 15.

Angeregt unterhaltend, verspeisen wir die erste Zwischenverpflegung und schlürften genüsslich einen leckeren, bereits etwas lauwarmen Kaffee, um auch sicherlich genug Koffein im Blut zu speichern, damit wir die restliche Nacht putzmunter durch stehen werden. Mit einem Mal registrierte ich am Blick meiner Zwillingsschwester, dass sie etwas beobachtete. Der Richtung ihres Blickfeldes folgend, erkannte ich, dass sich uns von rechts, langsam aus dem Dunkeln eine noch undefinierbare Silhouette näherte.

Beide mucksmäuschenstill, starrten wir regungslos in diese Richtung, vergassen vor lauter Aufregung zu essen, ja sogar zu schlucken. Je näher die Gestalt kam, desto deutlicher wurde ihr Umriss. Es war ein Mann mittleren Alters, mit strähnigen, bereits grau schimmernden, langem, fettigem Haar, welches er offen über die Schultern trug. Er war in einen haselnussbraunen langen Ledermantel gehüllt. Sein Ziel war klar, er steuerte geradewegs auf uns beide zu. Gespannt darauf, was nun wohl kommen wird, warteten wir ab, bis er bei uns angelangt war. Er kam gleich zur Sache.

‘Morgen Abend ist das Treffen, ihr kommt doch auch?’

Wir blickten uns beide ziemlich ratlos an, weil wir schlichtweg keine Ahnung hatten von was der gute Herr da sprach, was er auch gleich selber realisierte und erklärend weiter sprach:

‘Der Hexenmeister höchst persönlich hat alle eingeladen und wird dieses Jahr auch dabei sein.’ Seine Augen leuchteten förmlich vor Verehrung, und die Begeisterung war kaum zu überhören. Doch nun sassen wir erst recht sprachlos nebeneinander auf dem Bänkchen- zum Glück sassen wir bereits- …  Hexenmeister? Eingeladen? Wir?

Vielsagende Blicke wurden unter uns ausgetauscht, was jedoch seiner unglaublichen Leidenschaft und Verzückung für dieses Thema keinen Abbruch tat, im Gegenteil er sprach voller Enthusiasmus weiter.

‘Das Treffen findet am selben Ort statt wie jedes Jahr. Ihr kommt doch sicher auch? Ich meine, es ist doch klar, ihr zwei seid ja schließlich Hexen! ‘

Wir konnten uns ein Lachen kaum mehr verkneifen. Wir Hexen? Der ungewöhnliche Mann war offensichtlich ziemlich betrunken. Mit Mühe und Not konnten wir uns zusammen reissen. Meine Schwester war die erste die ihre Fassung wieder fand. Und sagte ganz lässig und ruhig nickend:

‘Ja, da sind wir.’

‘Dann kommt ihr also auch zum Hexensabbat?’

‘Hm, das wissen wir noch nicht genau, wir sind eben heute noch lange  unterwegs.’

‘Aber ihr müsst einfach kommen, der Hexenmeister höchst persönlich wird da sein!’

‘Okay, wir werden es versuchen.’

‘Toll, das ist wirklich klasse von euch….

‘Aber ziemlich sicher schaffen wir es nicht.’ hängten wir rasch noch an, um das Ganze zu beenden.

Doch so schnell liess der gute Mann sich nicht abwimmeln. Aus unserer, übertriebener Höflichkeit, haben wir die Anwandlung viel zu lange zu zu hören. Genau wie heute.

‘Ihr müsst wissen…’ fing er von neuem an zu reden ohne Unterbruch. Das Ganze fing an eine richtig mühsame Wende zu nehmen. Wir tauschten einen kurzen, aber aufschlussreichen Blick aus, woraufhin schnell klar war, wir müssen hier weg.

Noch bevor er abermals eine lang ausschweifende Geschichte erzählen konnte, verabschiedeten wir uns höflich und erkoren die nächste Unterführung als Zielort um zu verschwinden. Gemütlich, mit den Armen beieinander eingehackt, marschierten wir davon.

Doch irgendetwas, ein seltsames Geräusch, ein undefinierbares Schlurfen war dicht hinter uns. Wir, die in solchen Situationen wirklich die grössten Angsthasen sind die es gibt, wagten natürlich keines Falls hinter uns zu blicken.

Immer mulmiger wurde es uns zu Mute, mit einemmal wirkte alles unheimlich, die ganze Stimmung schien bizarr, die Atmosphäre seltsam, keine Menschenseele war unterwegs, es war finster, dann kommt dieser eigenartige Mensch, beginnt von Hexen zu erzählen. Diese ganze Kombination wirkte plötzlich Furcht einflössend. So beschlossen wir gemeinsam einen Blick zurück zu werfen, und realisierten mit Schrecken: wir werden tatsächlich verfolgt von unserem Hexenmeisteranhänger!

Immer schneller wurden unsere Schritte, bis wir schließlich in einem Eiltempo, halb kichernd, halb kreischend, davon sausten zur nächst besten Unterführung. Und je schneller unser Schritttempo wurde, desto unheimlicher wurde uns auch zu Mute. Gegenseitig aufgehetzt vor Angst, steigerten wir uns regelrecht in eine Panik hinein. Endlich hatten wir es geschafft ihn abzuhängen.

Wir mussten uns erstmal gründlich erholen von dem unerwarteten Zwischenfall. Dann, als wir uns zumindest einigermaßen normalisiert fühlten, beschlossen wir zurück zu kehren zum Perron. Doch jedes Mal, wenn wir zum Zug hinauf wollten, der unterdessen bereits eingetroffen war, erblickten wir unseren Hexenliebhaber eifrig Ausschau haltend nach uns beiden. Woraufhin wir schlagartig, kreischend, uns an der Hand fassend, die Flucht ergriffen.

Wenn uns dabei jemand beobachtet hätte, der hätte bestimmt gedacht wir seinen zwei hysterische, verrückte Hühner.

Aber nun hatten wir ein Problem, die Zeit wurde langsam aber sicher knapp, der Zug würde schließlich nicht auf zwei solche Feiglinge, wie wir grad unabstreitbar waren, warten. Schon völlig außer Atem, schmiedeten wir einen Plan, wie wir nun endlich in diesen Zug rein kommen sollten. Wir beschlossen nicht bei unserem reservierten Wagon einzusteigen, sondern bei der erst besten Tür die wir erblickten, anschliessend im Zug selber die Strecke zurücklegen bis zu unserem reserviertem Platz.

Gesagt getan.

Wir schlichen vorsichtig auf der rechten Seite der Unterführung, ganz nah, fast schon klebend, der Mauer entlang hoch. Mit unzähligen Unterbrüchen, aufgeschreckt ab jedem kleinsten Zwischenfall, schrieen wir gleich drauf los.

’Psst!’ …

’Psst!’ ertönte es im Chor, abgelöst von einem Lachanfall.

Da endlich erspähten wir am Ende der uns schier endlos wirkenden Unterführung, eine rettende Tür des Zuges, in dazu greifbarer Nähe.

Langsam vorwärts gehend, beäugten wir kaum wagend das links Blickfeld.

‘Er koooooommmt!’

‘Oh mein Gott, oh mein Gott… er kommt wirklich!’

‘Renn!!’

‘Schnell, mach doch die verdammte Tür auf!’

‘Ich versuchs doch… ich schaff es nicht.’

‘Du sollst ja auch nicht rumkichern! ‘

‘Wenn du doch die ganze Zeit so lachst… Hilf mir lieber…!’

Da endlich, die Tür ging auf, wir schnurstracks rein.

‘Uff, das war jetzt aber knapp!’

‘Ach du meine Güte, ich dachte mir bleibt das Herz stehen!’

Plötzlich bemerken wir, draußen vor der Tür war der besagte Herr. Er schrie, wild gestikulierend, irgendetwas das höchstwahrscheinlich uns ‘Hexenschwestern’ galt. Wir bekamen einen Riesenschrecken, fassten uns an den Händen und ergriffen erneut schlagartig die Flucht, diesmal innerhalb des Zuges. Der setzte sich zu unserer Erleichterung, langsam in Bewegung und der Mann wurde immer kleiner am Horizont, bis er schliesslich ganz aus unserer Sicht verschwand. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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