Janik Sohn

Janik entdeckt die Welt – diesmal: Hamburg

 

Von Fischmärkten, Musicals und unmoralischen Angeboten

 

Man hat es als professioneller Weltentdecker schon nicht leicht. Da hatte ich gerade mal 4 Tage Zeit, um mich von meinem Urlaub auf Gran Canaria zu erholen und schon war ich wieder gefordert, einen weiteren, kleinen Teil der Welt zu entdecken.

Dieses Mal verschlug es mich in die schöne Hansestadt Hamburg. Nun gut, ob diese Stadt nun  wirklich als schön zu bezeichnen ist, würde ich nach diesem Kurztrip immer noch überdenken können.

Ich war bereits vor einigen Jahren schon mal in Hamburg gewesen. Allerdings habe ich damals nur den Zoo mitsamt seinen zahlreichen Tieren betrachtet und nichts weiter vom hektischen Leben im Zentrum der Stadt erfahren.

Ein anderes Mal habe ich die 1,7 Mio. Einwohnerstadt nur aus dem Bus heraus gesehen, weil wir uns auf dem Weg nach Glücksburg befanden. Doch schon damals gefiel mir etwas an dieser riesigen Metropole nicht. Vielleicht waren es die hässlichen Häfen, die aus nicht viel mehr als nacktem Beton bestanden und das Auge mit ausladenden Grautönen langweilte; vielleicht das besch…eidene Wetter, das wieder einmal nichts als Regen vorzuweisen hatte oder aber die Tatsache, dass man ständig das Gefühl hatte, sich auf dem größten Fischmarkt der Welt zu befinden, dessen weit reichender Gestank einem bis in die letzte Pore zu dringen schien.

Ich gebe zu, ich war diesem überdimensionalen Fischerdorf gegenüber also ein wenig voreingenommen.

Und meine negativen Erinnerungen wurden bei unserer Ankunft auch prompt bestätigt. Die Regentropfen prasselten gut gelaunt auf uns ein, die Unterkunft sah von außen aus wie ein Bordell in den Ghettos der Slowakei und eine Schnellstraße befand sich direkt daneben, die – so dachte ich jedenfalls – das Schlafen immens erschweren würde. Es sollte allerdings alles ganz anders kommen.

Es war also alles beim Alten in meiner Lieblingsgroßstadt. Wenigstens waren die Zimmer mit kostenlosem Fernsehgerät und zimmereigener Dusche, die zuvor gewissenhaft gesäubert wurde, sowie einer funktionierende Toilette ausgestattet. Dazu kam außerdem noch das wohl duftende Shampoo, das es ebenfalls gratis in der Dusche gab, sodass ich erst einmal versöhnt war. Auch das bedrohlich quietschende Hochbett, in dem ich auf der unteren Matratze lag und nach oben guckend den Hintern meines Mitschülers begrüßen durfte, konnte daran nichts mehr ändern. Nach einer circa 5 Stundenfahrt mit einem offensichtlich betrunkenen Busfahrer mit dem sympathisch anklingenden Namen Erich Jacobi, war ich auch in gewisser Weise abgehärtet und auf das Schlimmste gefasst. Ich hatte schon früh beschlossen, diesem Kerl kein Trinkgeld zukommen zu lassen.

Als wir unsere Zimmer und ungemachten Betten verlassen hatten, suchten wir die nahe gelegene Filiale einer bekannten Fast-Food-Restaurant-Kette auf, die in diesen zwei Tagen unser einziger Ernährer sein sollte. Nachdem die Kassiererin mich über alle möglichen Kombinationsmöglichkeiten das Essen betreffend aufgeklärt und mich darüber hinaus auf die Teilnahme an einem Gewinnspiel aufgeklärt hatte, verschlang ich das köstliche Mahl als hätte ich wochenlang nur von Hundefutter und Sauerkrautsaft gelebt.

Das Essen herunter geschlungen und schon halb verdaut, machten wir uns auf den Rückweg zum Hostel, um uns musicalfertig zu machen. Ein kurzer Blick in den Spiegel genügte, um zu entscheiden, dass ich ein frisches Styling nicht nötig hatte. Ich beließ es bei einem T-Shirtwechsel und frisch aufgetragenem Antitranspiranten und warf mich auf mein Bett, das urplötzlich sehr, sehr bequem zu werden und mit steigender Liegezeit proportional an Gemütlichkeit zuzunehmen schien. Irgendwann hatten sich aber auch meine Zimmergenossen genügend mit üppigem Parfüm und piekfeinen Kleidungsstücken in Schale geworfen und wir marschierten zum vereinbarten Treffpunkt, den die werten Damen typischerweise erst eine Viertelstunde später erreichten, so dass der Busfahrer, dessen Blut immer noch von Alkanolen überschwemmt war, gezwungen war, nervös hupend und die Geschwindigkeitsbegrenzung permanent überschreitend durch die überfüllten Straßen von Hamburg zu rasen. Nur durch einen rekordverdächtigen Sprint in Richtung des Schiffes, das uns zum Musicalgebäude bringen würde, schafften wir es noch rechtzeitig zur Vorstellung ehe uns alle Türen vor der Nase zugeschlagen würden.

Im Inneren erwarteten uns Sekt trinkende Wichtigtuer, die in pseudokulturelle Gespräche vertieft waren und ein riesiger Raum mit hunderten von Stühlen, die überraschenderweise überaus komfortabel waren und einem zudem auch noch einen unbeschwerten Blick auf das Geschehen gewährten. Popcorn wurde glücklicherweise nicht verkauft, daher konnte ich das Schauspiel knusperfrei genießen. Der Raum war schon längst in Dunkelheit getaucht und die Luft geschwängert mit Schweißgeruch. Vermutlich war ich einer der wenigen, der vorher seinen Deodorant zum Einsatz gebracht hatte.

„Der König der Löwen“ war aufwendig inszeniert, wusste mit beeindruckendem Lichtspiel sowie hervorragendem Gesang der Darsteller zu überzeugen und ließ die altbekannte Geschichte in einem erfrischenden Gewand erscheinen, was der Dramatik keinerlei Abbruch tat. Meine weiblichen  Sitznachbarn, die ihren sensiblen Gemütern Freilauf gewährten und früh zu schluchzen anfingen, waren der Beweis dafür. Aber womöglich hatten sie auch nur einen Moskito im Auge, deren Anwesenheit mich nicht mal gewundert hätte, da die Atmosphäre wirklich sehr authentisch rüber gebracht wurde, oder sie heulten über die an eine Frechheit grenzenden Getränkekosten.

Mein allererstes Musical überraschte mich also absolut positiv und hinterließ ein durch und durch gutes Gefühl in mir. Lediglich die überteuerten Getränke lieferten einen bitteren Beigeschmack. Das Ende der Vorstellung war nach 2 Stunden erreicht und so schubsten und drängelten wir uns durch die Menschenmassen, die den Ausgang sowie die Gänge zur Toilette verstopften.

Mit einigen meiner Mitschülerinnen draußen angekommen, gerieten wir in leichte Panik angesichts unserer scheinbar vom Erdboden verschluckten Lehrerin und der plötzlich bedrohlich und zugleich atemberaubenden Skyline dieser unüberschaubaren Stadt, in der wir uns mit Sicherheit schon nach wenigen Minuten aussichtslos verlaufen hätten, wenn wir nicht nach einer Wartezeit von ca. 15 Minuten auf die brillante Idee gekommen wären, die Flussüberquerung mit dem Schiff alleine zu wagen. Die kurze Fahrt verbrachten wir mit dem Erstellen von Erinnerungsfotos. Wir grinsten grüppchenweise in die Linse und ließen die beleuchtete Skyline im Hintergrund auf den Betrachter der Schnappschüsse wirken, bis wir unsere Reise über die Elbe hinter uns gebracht hatten. Die Mädchen meisterten die Überquerung des mit Löchern übersäten Untergrundes des Schiffes mit ihren Pfennigabsätzen mit Bravour und wir schlenderten schuldbewusst doch fröhlich pfeifend gen Treffpunkt, an dem unsere Lehrerin noch nicht einmal angekommen war. Ha! Von wegen unpünktliche Schüler.

 

Wir marschierten schon bald zusammen Richtung Reeperbahn. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Ich kannte die berühmt-berüchtigte Straße nur vom Hören und hatte sie für eine Art Straßenbahn gehalten, ähnlich der Schwebebahn in Wuppertal. Meine Erwartung sollte gründlich widerlegt werden, wie sich der aufgeklärte Leser bereits denken kann.

Als wir nach einigen Minuten an ein Schild gelangten, das uns darauf hinwies, unsere Schusswaffen in diesem Gebiet doch bitte stecken zu lassen, entwickelte ich schon eine vage Ahnung, wo ich dort gelandet war. Ein unauffällig beleuchteter Waffenladen, der sich inmitten dieser Straße befand, trotzte besagtem Schild paradoxerweise. Die Hamburger scheinen es mit dem Einhalten von Regeln nicht sehr genau zu nehmen.

Anfangs wunderte ich mich noch über die Bekanntheit dieser Gegend, da lediglich einige Kneipen zu sehen waren, in denen alkoholtrinkenderweise das DFB-Pokal Halbfinale begutachtet wurde. Doch die zahlreichen von Minderjährigen verschonten Bars, die die meisten Schüler nur aus dem Tatort oder von Kneipenrunden mit Papi kennen, ließen nicht lange auf sich warten. Die Türsteher, ob männlich oder weiblich (wobei dies oftmals auch nach mehrmaligem Hinsehen nur schwer zu erkennen war), machten uns verlockende aber doch unmoralische Angebote, die wir leider ablehnen mussten. Bei dem Gedanken daran, dass mich ein homosexueller Freund des Türstehers für happige 32 € gerade mal mit Fellatio beglücken möchte, beschloss ich, dass die Obdachlosen, die an jeder Straßenecke anzutreffen waren, das Geld deutlich nötiger hatten und wies den Türsteher freundlich aber bestimmt darauf hin, dass ich ein derartiges Vergnügen von meinem Freund zu Hause kostenlos bekommen würde. Er akzeptierte meine offensichtliche Lüge, nannte mich aber von nun an nur noch Schwanzlutscher, wenn wir mal wieder von außen einen Blick in seinen Schuppen warfen.

 

Irgendwann hatten wir dann genügend Sexshops von außen besichtigt, unmoralische Angebote abgelehnt und drogenabhängige Obdachlose bemitleidet, so dass wir die Rückkehr zu unserem Hostel antraten. Der eine oder andere von uns hatte seinen Alkoholpegel schon beachtlich gesteigert, was trotzdem niemanden daran hinderte, die Nacht durchmachen zu wollen.

Wir erforschten auf unserem Zimmer diverse Fernsehkanäle und redeten über Dinge, die spät pubertierenden Jugendlichen so durch den Kopf gehen. Und wie testosterongeladene Jungs, die die ewigen Weiten der Sexualität noch nicht gänzlich ergründet haben, in diesem Alter nun mal sind, kam einer meiner Zimmergenossen auf die tolle Idee, seinen leichenblassen Hintern in meine Richtung zu strecken, was mich - der Verzweiflung nahe - dazu veranlasste, unser Flüstern lautstark zu durchbrechen. Der auf dem Flur postierte Securitymann namens Ivan fühlte sich durch meine Hilfeschreie allerdings dazu bewogen, seiner Pflicht nachzugehen und uns des Zimmers zu verweisen. Der Kerl hatte sichtlich Spaß daran, seine Macht an uns auszuspielen. Wahrscheinlich war er einer von der Sorte, die von ihrer Alten zu Hause zum Spülen verdonnert werden und gefälligst willig zu sein haben, wenn es Frauchen befiehlt. Dummerweise war seine Partnerin gerade nicht in der Nähe und so öffneten wir mit unserer Aktion das Ventil in ihm, das vor Überdruck zu platzen drohte. Ich hätte es ihm ebenso stopfen sollen wie den After meines Klassenkameraden. So aber wurden wir gezwungen, die Nacht auf den überaus komfortablen aus edlem Eichenholz bestehenden Bänken der Lobby zu verbringen.

Zu unserer Freude war Herr McDonalds, der auf dem Hauptbahnhof schon auf uns wartete, mal wieder höchst zuverlässig. Wir fütterten unsere ungeduldigen Bäuche mit den allseits bekannten Kalorienbomben und kehrten unmotiviert zur Unterkunft zurück, wo uns unsere Klassenkameradinnen einluden, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Wir verbrachten eine viel zu kurze Nacht in unbequemen Betten mit Jeans bekleidet und gönnten unseren Elitekörpern den wohlverdienten Schlaf. Dass irgendjemand offensichtlichen Gefallen am Schnarchen fand und ein anderer sich das Nasehochziehen zum Hobby machte, störte mich zu dem Zeitpunkt nur geringfügig.

Im Speisesaal erwartete uns ein ausgiebiges Frühstück, das ich dankend ablehnte. Ein fruchtiger Orangensaft blieb mein einziges Nahrungsmittel an diesem Morgen.

 

Bei der darauf folgenden Hafenbesichtigung erfreuten die altbekannten Grautöne der Schiffanfahrtsstellen das gelangweilte Auge und hier und da hatte sich ein kleiner Strauch den Weg durch den Beton geboxt, was der Reiseführer zelebrierte wie Schotten die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Ich als Bewohner der „jungen Stadt im Grünen“ hatte dafür nur ein müdes Lächeln übrig, genoss stattdessen die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und versuchte vergeblich das Geschwafel dieses Möchtegernbonatikers zu ignorieren.

Wir wurden über wichtige Bauten am Rande des Kanals aufgeklärt und bewunderten zum Schluss eine Familie, die inmitten dieser Beton- und Schiffsmonstren ein Schiffhaus bewohnten und fragten uns, wann einen die Aussicht des hauseigenen Balkons zu langweilen anfängt.

Den Abschluss unserer Hamburgfahrt bildete eine Erkundung der Stadtmitte, falls es so etwas in dieser Stadt überhaupt gibt, die wir eigenhändig angehen konnten ohne uns an die Fersen unserer Lehrerinnen heften zu müssen.

Wir landeten nach einiger Zeit in einem Viertel, das von Gucci-, Armani- und Pradaläden sowie Ferraris und Aston Martins nur so wimmelte. Mein mickriger Geldbeutel, der sich armselig an mein Gesäß schmiegte, verriet mir, dass wir in diese Gegend so gut passten wie der Dalai Lama nach Harlem. Also setzten wir uns auf eine Bank in der Nähe unseres für 16.00 Uhr angesetzten Treffpunktes und bewerteten vorbeilaufende Passanten anhand ihrer Gangart und ihres Kleidungsstils, wobei die Bewertungen von „Quasimodo’s Bruder“ über „Schwiegermutter’s Liebling“ bis hin zu „Teilnehmer der Adipositas-Selbsthilfegruppe“ reichten.

Nachdem wir über genügend Leute gelästert hatten und sogar der langsam wandernde Schatten einer Sonnenuhr an Reiz verloren hatte, kam Erich Jacobi angebraust und alle Schüler und Schülerinnen bis auf einen stiegen dem Heimweg erwartungsvoll entgegenblickend ein. Irgendwann kam auch Mehmet angeschlendert und wir konnten mein Lieblingsfischerdorf hinter uns lassen.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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