Mirjam Horat

Nachtbegegnung...

 

 

Ich öffnete, soeben aus einem Traum gerissen, meine Augen. Rund um mich herum war es dunkel. Die Finsternis um gab mich, nichts war zu erkennen. Wo mein Blick auch hinschweifte herrschte Dunkelheit. Beängstigt schaute ich durchs Fenster. Ich hatte das ungute Gefühl, dass etwas Seltsames im Zimmer war...

Oder war es nur ein böser Traum gewesen?

Leise schlich ich ins obere Bett zu meiner Zwillingsschwester. Sie atmete ganz ruhig, schlief tief und fest.

Langsam hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Die Umrisse des Schrankes, des Tisches wurden sichtbar. Nichts Aussergewöhnliches, oder gar Furchteinflössendes war zu erkennen. Doch das schwere, beklemmende, Gefühl  im Herzen schwächte nicht ab.

So beschloss ich, zu meiner eigenen Beruhigung und für mein Sicherheitsempfinden, zu meinen Eltern ins Zimmer rüber zu schleichen. Leise öffnete ich die Tür um einen kleinen Spalt. Zu meinem Erstaunen brannte in dem rechteckigen Vorraum immer noch Licht. Ich spähte blinzelnd hinaus. Im Vergleich zum eben noch stockfinstern Raum, wirkte dieses Licht unangenehm grell.

Doch plötzlich erkannte ich eine Gestalt, der Silhouette nach war es eindeutig eine Frau. Mitten in unserem Vorraum, stand sie direkt unter dem dunkelbraunen, mit gelben Fransen verzierten, Papierlampenschirm. In einen grossblumigen Morgenmantel gehüllt und blassrosa farbenen Plüschpantoffeln bestückt, war sie vertieft in die Beschäftigung sich ihr Haar zu frisieren, sie drehte sich in aller Ruhe ihre Lockenwickler ins halblange Haar.

Mir stockte der Atem, das beklemmende Gefühl von vorhin um ein tausendfaches verstärkt, blieb ich wie versteinert, mucksmäuschenstill stehen. Nach unbeschreiblich langen Schrecksekunden, schlich ich unbemerkt zurück ins Kinderzimmer, kletterte abermals zu meiner Zwillingsschwester aufs obere Bett hinauf. Doch diesmal liess ich sie nicht in Ruhe. Noch völlig in den Schlaf vertieft, blickte sie mich ungläubig an, spürte aber sofort, dass was Eigenartiges passiert sein musste. Ich erklärte ihr in kurzen, kaum verständlichen Sätzen von der seltsamen Frau. Sie verstand mich aber trotzdem und mutig wie sie war, traute sie sich mit mir gemeinsam einen erneuten Blick durch den Türspalt zu werfen.

Da stand sie, in voller Lebensgrösse, unbeirrt weiterhin vertieft in ihre Lockenwicklerarbeit.

Wir deuteten auf die gegenüberliegende Zimmertür, das Schlafzimmer unserer Eltern. Meine Schwester machte den Anfang, dicht gefolgt von meinerseits. Wir zwei, gerade mal ein Meter hohe Winzlinge, krochen, so langsam man überhaupt kriechen konnte, der Wand entlang. Zuerst bis zur Toilettentür. Geschafft...

Nun folgte die heikelste Passage. Wir mussten nach vorne ins Licht, um den hölzernen Schrank herum. Meine Zwillingsschwester ging tapfer voran.

Die Zeit schien still zu stehen. Ich bewegte mich kaum merklich, Millimeter um Millimeter, fast wie in Zeitlupe. Mein Herz pochte bis zum Hals, ich traute nicht nach links zu kucken. Schliesslich schloss ich die Augen, kroch mit gesenktem Kopf an dem Schrank vorbei, schnurstracks die letzten Meter zum Elternschlafzimmer. Meine Schwester konnte in der Zwischenzeit einen scheuen Blick auf die Person werfen, und war sich sicher, dass es die Frau von unserem Hausmeister sei. Das ergab auch einen gewissen Sinn, denn wie wäre sie sonst, ohne Schlüssel, unter unsere Lampe gekommen. Vielleicht hatte sie sich lediglich im Stockwerk geirrt....

 

Leider konnte ausser uns beiden die Frauengestalt niemand wahrnehmen. Aber die kleine Geschichte blieb bis heute unvergessen.

 

Ob es sie wirklich gab? Oder lediglich eine Kindervision war?

Wir wissen es bis heute nicht. Aber bis heute könnte ich die liebe Frau Wohlgensinger, bis ins kleinsten Detail skizzieren...        

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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