Klaus-Dieter Baudach

Das Mißgeschick

Vor langer Zeit lebte eine Hexe mit ihren Raben, Nuri und Nori, in einem Wald.
Kaum jemals verirrte sich jemand dorthin.
Die beiden Raben waren immer sehr ausgelassen und zu jedem Streich bereit.
Ab und zu brachten sie die Hexe regelrecht zum kochen. Doch das störte die beiden nicht im geringsten, Hauptsache sie hatten ihren Spaß.
Doch eines Tages übertrieben die Raben ihren Schabernack. Die Hexe Wollkraut drohte den beiden eine schlimme Strafe an.
" Ich werde euch in Kaninchen verzaubern " rief sie zornig.
Doch Nuri und Nori lachten bloß und riefen im Chor " tust du nicht, tust du nicht, tust du nicht ".
Jetzt platzte der Hexe der Kragen.
Völlig außer sich vor Wut, stürzte sie sich auf die Raben, packte diese mit der einen Hand und berührte beide mit dem Zauberstab, welchen sie in der anderen Hand hielt. Gleichzeitig stieß die Hexe hastig einen Zauberspruch hervor.
Im selben Augenblick verwandelten sich die Raben Nuri und Nori in zwei häßliche Topflappen. Zu spät merkte die Hexe, das sie in ihrer Wut den faschen Zauberspruch gesagt hatte.
" Was mache ich jetzt nur", jammerte die Hexe und holte sich aus dem großen Topf, welcher über dem Feuer hing, eine Tasse Spezial Tee.
Nach einem kräftigem Schluck von dem heißen Gebräu, wurde die Hexe Wollkraut merklich ruhiger.
Sie setzte sich an den Tisch, der mitten in ihrer Hütte stand und überlegte.
An den Zauberspruch für Topflappen konnte sie sich überhaupt nicht erinnern, darum fiel ihr natürlich auch nicht der Spruch ein, um das ganze rückgängig zu machen.
Welch Schande, ausgerechnet der mächtigen Hexe Wollkraut mußte so ein Mißgeschick passieren.
Das durfte niemand erfahren, alle würden sie auslachen.
Sie grübelte den ganzen Tag. Fast den ganzen Topf mit Spezial Tee hatte die Hexe ausgetrunken.
" Ich hab’s ", rief die Hexe, sprang vom Stuhl, griff ihren Zauberstab, berührte die Topflappen und murmelte einen Zauberspruch.
Und siehe da, ein zackiger Blitz schoß aus dem Stab und die Topflappen verwandelten sich.
" Oh nein", stöhnte die Hexe, " das darf doch nicht wahr sein".
Die Topflappen hatten sich verwandelt, aber nicht in die Raben Nuri und Nori.
Zwei verschrumpelte Äpfel lagen jetzt dort, anstelle der Topflappen.
" Verflixt noch mal ", schimpfte die Hexe Wollkraut und fegte die Äpfel vom Tisch.
Laut polternd fielen die Äpfel auf den Holz Fussboden und rollten quer durch den Raum unter den Schrank.
Schwer atmend sank die Hexe auf die Knie und angelte mit der Hand nach den Äpfeln.
" Ich will meine Raben wieder haben " jammerte sie.
Endlich erreichte sie die Äpfel und trug diese zum Tisch. Mit eingeplatzter Schale lagen die Äpfel, besser gesagt Nuri und Nori vor der Hexe auf dem Tisch.
" Ich Krieg das schon hin, ich Krieg das schon hin ", murmelte die Hexe und starrte auf die Äpfel.
Doch auch die nächsten zwei, drei Zaubersprüche gingen daneben. Jetzt lagen auf dem Tisch statt der Äpfel, oder der Schuhsohlen, zwei Schnürsenkel in Pink.
" Oooorrrr" knurrte die Hexe " und wenn ich die ganze Nacht hexen muß, ich will meine Raben wieder haben".
Die Eule Oro, welche Nachts manchmal die Hexe Wollkraut besuchte, saß auf auf dem Baum vor der Hütte und kratzte sich den Hinterkopf.
Was sollte sie nur davon halten. Es blitzte dauernd in der Hütte und zorniges Geschrei war zu hören. " Ach was soll’s", seufzte die Eule Oro,"da will ich lieber nicht stören".
Mit einem eleganten Flügelschlag schwang sie sich in die laue Nachtluft.
Auch ein vorbei schleichender Fuchs suchte schleunigst das weite. Ebenso ein neugieriges Kaninchen, das eigentlich schon längst schlafen sollte, huschte in seinen Bau.
Im Innern der Hütte war es jetzt still, auch blitzte es nicht mehr.
Erschöpft saß die Hexe Wollkraut auf dem Stuhl. Vor ihr auf dem Tisch lag der Zauberstab und es stand dort eine Schüssel mit Pudding. Die eine Hälfte Schwarz, die andere Weiß.
" Schlimmer kann es nicht kommen", sagte die Hexe in die Stille," ich kann nicht mehr richtig Zaubern. " Ich werde mir andere Arbeit suchen müssen". " Aber was soll ich ohne meine Raben?“
Natürlich, schoss es ihr da in den Kopf. Ich muß mich nur richtig konzentrieren und ganz ruhig bleiben, dachte die Hexe.
Vorsichtig stand sie vom Stuhl auf, hob den Zauberstab, richtete diesen auf den Pudding und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen.
Ganz ruhig, laut und deutlich sprach sie den Zaubertext.
" Hokus, Pokus, Fidibus, drei mal schwarzer Kater, Pudding werde zu Nuri und Nori", und als Zusatz kam da noch drei mal " hex, hex, hex ".
Soll ich, oder soll ich nicht, dachte die Hexe, welche immer noch ihre Augen geschlossen hatte?
Gespannt öffnete die Hexe die Augen und schaute auf den Tisch.
Nichts. Absolut nichts war auf dem Tisch.
Die Hexe holte tief Luft und schluckte schwer. Sie war einer Ohnmacht nahe. Sie fing an zu schwanken und klammerte sich mit beiden Händen am Tisch fest. Polternd fiel der Zauberstab zu Boden.
" Hier sind wir du olle Hexe", krächzte es im Chor." Wir haben Hunger".
Die Hexe sah auf und entdeckte die Raben auf dem Kaminsims.
Seelenruhig putzten die sich ihr Gefieder.
" Wir haben Hunger, gib uns sofort zu essen", verlangten die Raben.
" Natürlich bekommt ihr zu essen", sagte die Hexe ".
" Endlich habe ich euch wieder", freute sich die Hexe und stürzte an den Herd um zu kochen.
" Hunger, Hunger, Hunger", krächzten die Raben und flatterten ungeduldig hin und her.
" Ich eile, ich eile", summte die Hexe Wollkraut, die sich nie wieder über Nuri und Nori ärgern wollte.
Was die beiden Halunken zweifellos ausnutzen würden.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-Dieter Baudach).
Der Beitrag wurde von Klaus-Dieter Baudach auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Dich: Gedichte von Walter L. Buder



Es ist ein eigenwilliger und eigenständiger, kleiner aber feiner Gedichtband. Die in „dich“ versammelte Lyrik ist über mehrere Jahre hinweg entstanden. Die rund 100 Texte sind reduziert, in durchgehender Kleinschreibung und sparsam verwendeter Interpunktion ‚gewachsen‘. Sie faszinieren und sind attraktiv in ihrer offenen Form, reimlos, mehr erzählend reflexiv denn lyrisch, gehalten. Dem inhaltlichen Duktus entspricht die gekonnte, formal-grafisch Gestaltung durch Monika Schnitzbauer. Der Umschlag - im händischen Siebdruck produziert, macht jedes einzelne Exemplar von „dich“ zu einem Unikat.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-Dieter Baudach

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

10. Kanonatuta oder Flitzpiepe von Margit Farwig (Fantasy)
Teatro Politeama in Lissabon (Rua Portas de Sto.Antao 109) von Norbert Wittke (Reiseberichte)