Andreas Rüdig

Die Bowlingkugel

Menschen können so grausam sein. nur weil ich eine Bowlingkugel bin, rollen sie mich ständig durch die Gegend. Ich finde das nicht fair. Kann sich denn keiner vorstellen, daß mir übel und schwindelig wird, wenn ich über die Bahn rolle? Kann sich denn keiner vorstellen, daß es mir schmerzt, wenn ich gegen die Kegel pralle? Kann sich denn keiner vorstellen, daß es unangenehm ist, wieder zum Bahnenbeginn zurückbefördert zu werden?
Ich bin mein Leben jetzt endlich Leid. Ich ließ mir vor einigen Tagen einen neuen Chip einbauen. Dieser Chip ist genial. Er verhindert, daß mir übel wird. Und er gibt mir die Möglichkeit, zu navigieren. Wenn ich in die Vollen gehen soll, tue ich es auch möglichst sanft. Wenn ich keine Lust habe, eine Kugel zu treffen, rolle ich auch schon mal daneben. Angeblich soll der Chip auch die Fähigkeit verleihen, zu schrumpfen. Dann kann ich auch beim Spiel auf die Vollen zwischen den Kugeln die Bahn entlangrollen. So kann ich – zumindest theoretisch – unangenehme Zusammenprälle vermeiden.
Hm. Mal überlegen. Wenn das Navigationssystem so gut ist – vielleicht kann ich ja dann in einem unbeobachteten Augenblick entfliehen? Aus der Tasche meines Spielers werde ich nicht so einfach herausfallen können. Dafür verschließt er sie zu gut. So, jetzt muß ich aber aufpassen. Ich bin jetzt wieder im Einsatz. Langsam rolle ich die Bahn entlang, umkurve die Kegel und erreiche das Ende der Bahn. Mist. Hier ist auch kein Loch, sondern nur das Kegel – Laufband. Wieder keine Möglichkeit, zu entkommen. Jetzt werde ich mir noch die Gardinenpredigt meines Menschen anhören müssen. Dann ist Feierabend für heute. Wenn er zu viel schimpft, entgleite ich ganz sanft und falle ihm auf seinen Fuß. Das sind die angenehmen Augenblicke im Leben einer Kugel, in denen ich ganz diskret Rache für mein bedauerliches Leben nehmen kann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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