Menschen können so grausam sein. nur weil ich eine Bowlingkugel bin,
rollen sie mich ständig durch die Gegend. Ich finde das nicht fair.
Kann sich denn keiner vorstellen, daß mir übel und schwindelig wird,
wenn ich über die Bahn rolle? Kann sich denn keiner vorstellen, daß es
mir schmerzt, wenn ich gegen die Kegel pralle? Kann sich denn keiner
vorstellen, daß es unangenehm ist, wieder zum Bahnenbeginn
zurückbefördert zu werden?
Ich bin mein Leben jetzt endlich Leid.
Ich ließ mir vor einigen Tagen einen neuen Chip einbauen. Dieser Chip
ist genial. Er verhindert, daß mir übel wird. Und er gibt mir die
Möglichkeit, zu navigieren. Wenn ich in die Vollen gehen soll, tue ich
es auch möglichst sanft. Wenn ich keine Lust habe, eine Kugel zu
treffen, rolle ich auch schon mal daneben. Angeblich soll der Chip auch
die Fähigkeit verleihen, zu schrumpfen. Dann kann ich auch beim Spiel
auf die Vollen zwischen den Kugeln die Bahn entlangrollen. So kann ich
– zumindest theoretisch – unangenehme Zusammenprälle vermeiden.
Hm.
Mal überlegen. Wenn das Navigationssystem so gut ist – vielleicht kann
ich ja dann in einem unbeobachteten Augenblick entfliehen? Aus der
Tasche meines Spielers werde ich nicht so einfach herausfallen können.
Dafür verschließt er sie zu gut. So, jetzt muß ich aber aufpassen. Ich
bin jetzt wieder im Einsatz. Langsam rolle ich die Bahn entlang,
umkurve die Kegel und erreiche das Ende der Bahn. Mist. Hier ist auch
kein Loch, sondern nur das Kegel – Laufband. Wieder keine Möglichkeit,
zu entkommen. Jetzt werde ich mir noch die Gardinenpredigt meines
Menschen anhören müssen. Dann ist Feierabend für heute. Wenn er zu viel
schimpft, entgleite ich ganz sanft und falle ihm auf seinen Fuß. Das
sind die angenehmen Augenblicke im Leben einer Kugel, in denen ich ganz
diskret Rache für mein bedauerliches Leben nehmen kann.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.07.2009.
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