Celine Radau

Welten

 

Ihre Absätze klackerten auf dem kalten Steinboden und übertönten ihr Schluchzen. Sie lief so schnell sie konnte und plötzlich fiel sie hin. Sie rappelte sich wieder auf, raffte ihr Kleid zusammen und ging weiter. Der Tüll ihres langen Kleides, welches extra für diesen Tag angefertigt wurde, raschelte bei jedem Schritt. Sie blieb stehen und drehte sich, bis sie genau in den großen Spiegel sah. Der creme farbende Stoff schmiegte sich perfekt an ihren Körper. Eine geschnürte Korsage betonte ihre dünne Taille und der weit ausladende Rock war mit Schleifen verziert. Ihr hellhaselnussbraunes Haar war locker hochgesteckt und wurde von Spangen, in Form von Rosen und Schleifen gehalten. Sie griff in ihr Harr und riss ein paar Spangen heraus. Dadurch lösten sich ein paar Haarsträhnen, die nun leicht über ihre nackten Schultern fielen. Sie schüttelte den Kopf und weitere Spangen segelten zu Boden. Sie streckte eine zarte Hand aus und legte sie auf das kühle Glas. Ihr Dekolte war von einem leichten Glitzerpuder überzogen, so dass sie mit dem Kleid wie eine Fee aussah. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich und das Geräusch, das entstand, wenn man eine Pistole entsicherte. Sie schaute in den Spiegel und erkannte ihn hinter sich. Langsam drehte sie sich um und sah in das Gesicht ihres Verlobten. Und obwohl dieser eine Waffe in der Hand hielt und Zorn in seinen Augen funkelte, durchfuhr sie ein leichter Schauer von Lust und Liebe.

 

 Er sah so verführerisch in dem schwarzen Anzug, mit der roten Rose in der rechten Brusttasche, aus. Die schwarzen Lederschuhe hatten sie extra für diesen Tag anfertigen lassen, genauso wie ihr Kleid. Sein Aussehen wurde durch seine kurzen schwarzen Locken kompeltiert. Sie waren für einander geschaffen, auch wenn seine Familie es nicht verstand, warum er eine bürgerliche heiraten wollte, denn war er doch Graf und adelig. Es hatte Wochen gedauert, bis sie die Zustimmung seiner Eltern erlangt hatten. Und als sie dieses endlich hatten, waren sie überglücklich gewesen. Doch der Schein trog. Während er alles vorbereitete, hatte sie sich immer mehr zurückgezogen, hatte ihn unbemerkt beobachtete. Und nach und nach wurde ihr klar, dass sie ihn überhaupt nicht verstand. Auch wenn sie viele Gemeinsamkeiten hatten, kam es ihr vor, als lebte er in seiner und sie in ihrer Welt. Und diese Welten waren  komplett unterschiedlich. Und dann kam der heutige Tag. Alles war vorbereitet gewesen, alles war fertig. Sie sollten heiraten und glücklich werden .Doch als der Moment kam und ein einfaches „ja“ gereicht hätte, als die gesamte Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, hatte sie ihn nur angestarrt und dann die Flucht ergriffen. Sie hatten ihren Verlobten vor dem Altar stehen lassen und nun richtete er eine Pistole auf sie. Er wollte sie erschießen!

 

„Warum? Warum hast du das getan?“ zischte er wütend und fixierte sie mit seinen dunkelblauen Augen, in die sie sich einst verliebt hatte. Sie schluckte, doch bevor sie antworten konnte, begann er wieder. „Heute sollte der glücklichste Tag in unserem Leben werden. Und dann lässt du mich einfach stehen. Vielleicht ist dir das nicht klar, aber du hast mich vor meiner Familie gedemütigt. Was sollen die denn jetzt von mir denken? So eine Demütigung!“ rief er und fing an hin und her zu laufen, den Lauf der Pistole immer noch auf sie gerichtete. „Wir sind doch das beste Paar. Ich bin ein Graf und du bist meine wunderbare Verlobte. Du bist so wunderschön. Du bist PERFEKT!“ sagte er und betonte das letzte Wort.

„Nein! Ich bin nicht perfekt!“ flüsterte sie. „Vielleicht denkst du das, aber ich bin es nicht. Ich bin nicht perfekt oder adelig oder was weiß ich! Ich weiß nur eins: Ich liebe dich! Aber ich habe das Gefühl, wir leben in unterschiedlichen Welten. Es ist nicht mehr so wie früher. Es ist anders. Du bist von Adel und hübsch und die Damenwelt liegt dir zu Füßen. Und ich? Ich bin bürgerlich, nur ein normales Mädchen, ich verdiene..!“ rief sie. Doch bevor sie den Satz zu ende sagen konnte, wurde ihr Wortschwall von einem heißen Kuss erstickt. Sie hörte wie ihr Verlobter die Pistole weg warf und schon spürte sie seine starken Arme, die sie umfassten. Sie keuchte, als seine Hände über ihren Rücken und Po strichen und dann auf ihren Brüsten liegen blieben. Er beendete den Kuss sanft und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „ Du bist meine Prinzessin! Ich will nur dich! Ich liebe dich!“ flüsterte er und sie spürte seinen heißen, süßlichen Atem an ihrem Ohr. Sie lösten sich aus ihrer Umarmung und dann betraten sie zusammen die Kappelle.. Und als der Priester sie fragte, antwortete sie mit einem kräftigem „JA“. Nun waren sie Mann und Frau und niemand sollte je erfahren, was damals im Flur geschah, denn dieses Ereignis nahmen beide mit ins Grab!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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