Wilhelm Westerkamp

Kontrollen überall...

Das staatliches Obrigkeitsdenken nichts Neues ist, lehrt uns die Geschichte. Daß

solch unangenehme Konstellationen immer wieder mal in Erscheinung treten, kann

ebenfalls den Geschichtsbüchern entnommen werden. Da verwundert es nicht, daß

das beginnende 21.Jahrhundert vielleicht davon geprägt werden könnte. Denn das

Volk schreit unbändig nach Sicherheit, und die Politiker in unserem Land und in

weiten Teilen Europas, geben dem ängstlichen-neurotischem Bürger, das was er

anscheinend am meisten braucht, nämlich genau dieses nutzlose Sicherheitsdenken,

das die ganze Republik blockiert. Die Medien obendrein spielen hier munter mit.

Es häufen sich die Berichte über Sexualdelikte, insbesondere über Kindestötungen,

über kriminelle Delikte überhaupt, über Zugunglücke, über den Irak, über Päderasten,

über die Mafia, ja über alles Unglück in der Welt, der diabolischen Welt, die vom

Teufel besessen ist, die einem die Kehle zuschnürt bis in die Eingeweide hinein und

der Schmerz von alledem brennt einem spürbar auf den spröden Lippen. Ja, da wird

Lebensfreude zum Lebensgift und wandelt in dunklen Tunneln, in dunklen Trieben,

in der Masse der Menschen, spiegelt sich in den Objektiven der Kameras, spricht aus

den Lautsprechern von Fernsehapparaten und zum Schluß klettert es aus jedem Ri-

nnstein, aus jeder schmierigen Ecke, aus der Gosse, aus den Mülleimern, bis hin zum

Bundeskanzleramt. Aber nicht nur dort. Nein, jetzt kommen die Brunnenvergifter

mit ihren stillen Kontroll-Augen vermehrt auch in die Straßenbahnen. Jetzt beko-

mmt auch der Kleinkriminelle, der Dieb im Kleinen, der pedantisch betrügt und be-

lügt, sein Fett weg und nun erscheinen die Fahrscheinkontrolleure mit gleichem pe-

dantischem Gewissen und stringents. Wir loben den Herrn und preisen die Gerech-

tigkeit. Die SPD wusch sich ja schon immer in Gerechtigkeit, auch das ist nichts

Neues, nur diesmal scheinen sich die Gleise der Gerechtigkeit geradewegs im rechten

Winkel zu verbiegen. Der Schaffner müßte jetzt auf die Bremse treten, der Polizist

mit der Kelle wedeln, doch es bleibt nur die Kontrolle, um dann weiter zu kontro-

llieren. Manchmal frage ich mich, wo führt das alles nur hin.

 

Auch der Sport bleibt nicht verschont. Die Doping-Bekämpfer sind schon da, mit

ihren sauberen Händen. Doping, Doping, Doping und was kann uns da helfen?

Kontrollen, Kontrollen natürlich. Schmutzig springen wir in die Doping-Welt. Der

Kontrolleur geht wie selbstverständlich mit aus Klo, wenn der Leibessaft fließt, za-

pft ihm dann das Blut aus den Adern, ist immer da und nicht sehr weit. Und wenn

alles nicht hilft, dann könnten Razzien helfen. Dann kommen die Filzläuse mit gie-

riger Lust und flammend großen Augen, mit Handschuhen aus Plastik, steril und

nüchtern und stecken dir den Finger in den After, und fühlen nach den verbotenen

Substanzen, ketten die Sportler an Heizungskörper, geben ihnen nichts zu essen,

verfrachten sie kurzfristig ins Krankenhaus, auf die Intensivstation, um dann die

Symptome zu kurieren, um davon zu lernen. Was ist das für eine Welt? Es ist die

Welt der totalen Überwachung: für jeden Kriminellen eine Kamera, für jeden Kin-

derschänder einen Moderator, für jeden Athleten den entsprechenden Kontrolleur

und sein Krankenhaus. Oh, wie schön ist die Welt. Oh, wie anmutig war der

Mensch. Morgen schon der nächste Bericht. Und morgen schon, könnte alles anders

sein.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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