Peter Splitt

Eine Kreuzfahrt ins Abenteuer

                            Peter Splitt

 

Eine Kreuzfahrt ins Abenteuer

 

Ich sitze gerade zur Abendlichen Dämmerung auf einer weißen Veranda in einem kleinen Hotel von kolonialer Bauweise, irgendwo in der Dominikanischen Republik, weit ab von Trubel und den Menschenmassen der großen Städte. Es gibt hier kein Radio, kein Fernsehgerät aber man hört das Rauschen der Wellen von dem naheliegenden karibischen Meer herüber. Ansonsten herrscht absolute Stille und eine laue Brise weht durch die vielen Palmenblätter welche noch von dem vollen Mond angestrahlt werden. Ich trinke eins, zwei, drei kleine Flaschen kalten Bieres der einheimischen Marke Presidente. Es ist bald Weihnachten, jedoch hier draußen ist von der sonst so gewohnten Hektik mit den vielen Vorbereitungen und Terminen so kurz vor den Feiertagen nichts zu spüren. Die Stimmung ist melancholisch, ja fast ein wenig traurig. Noch vor kurzem ist hier ein starker Hurrikan durchgezogen, der sehr viel Schaden angerichtet hat. Überall kann man noch beschädigte Häuser, mit eingestürzten Dächern, umgestürzte und entwurzelte Bäume sehen. Eine Karibikstimmung von etwas anderer Art…

Aber wie bin ich eigentlich hierher gekommen? Fast am Ende dieser Welt! Nun, das Ganze beginnt mit der verrückten Idee, einmal Lateinamerika auf die ursprüngliche Weise, nämlich mit dem Schiff zu bereisen. Ähnlich wie es schon Christoph Kolumbus etwa fünfhundert Jahre vor mir getan hatte. Nur reisen wir heute natürlich viel bequemer und schneller, zum Beispiel mit einem Kreuzfahrtschiff. Alles ist dann bis auf das kleinste Detail perfekt organisiert und vorbereitet…

 

Das Abenteuer beginnt an einem kalten, regnerischen Dezember- Nachmittag am Frankfurter Flughafen. Zwei große, doppelstöckige Reisebusse sammeln die Fahrgäste für die Transatlantik-Kreuzfahrt mit Zielort Genua in Italien ein. Es geht los! In einem der gut gefüllten Reisebusse sitzt mir ein älterer, beleibter Herr gegenüber, der wohl schon reichliche Erfahrungen mit Kreuzfahrten gesammelt hatte. Genüsslich erzählt er von schweren Stürmen bis Windstärke zwölf, wobei dann anscheinend eine Seefahrt erst richtig anfängt, Spaß zu machen. Mir wird gleich etwas flau in der Magengegend. Weitere Reisende mischen sich in die Konversation ein und jeder versucht, den anderen mit einer noch abenteuerlicheren Geschichte zu übertreffen. Dann erfolgt eine kurze Pause und weitere Reisende steigen zu. Wir gönnen uns  eine Tasse Kaffee, schnell die Türe schließen, wegen der Kälte draußen. Es geht durch die Schweiz. In den höheren Lagen liegt bereits Schnee. Wir fahren durch den Gotthard- Tunnel bis ins Tessin, dann folgt die Grenze zu Italien, weiter geht es bis nach Mailand und dann endlich erreichen wir Genua. Noch ein wenig Anspannung, dann ein endlosen Warten und schließlich das Einschiffen mit dem ersten Blick auf das Riesenschiff von dreihundert Metern Länge, neun Stockwerken und unsagbar viel Platz für mehr als zweitausend Passagiere sowie neunhundert Besatzungsmitglieder, einfach ein Wahnsinn! Die anfängliche Nervosität legt sich langsam etwas. An Bord erfolgt die Zuweisung der Kabine, das Gepäck wird gebracht, erste Unterweisungen werden gehalten und alles rund um das große Schiff ist ein einzigartiger Luxus. Wenn das  Christoph Kolumbus nur einmal hätte sehen können….

Die Kabine ist wunderschön in toskanischem Stil gehalten, pastellfarbig, sehr geräumig, mit Balkon ausgestattet. Man bekommt ein tägliches Merkblatt, den Cruise Kompass ausgehändigt, worin dem Reisenden Informationen über sämtliche Veranstaltungen an Bord, Animationen, Essenszeiten sowie Landausflüge mitgeteilt werden. Die genaue Position und Fahrroute des Schiffes kann man über ein Fernsehgerät in der Kabine mitverfolgen. Der Gesamteindruck des Schiffes ist einfach überwältigend. Noch kurz vor der Abfahrt absolvieren wir eine kurze Rettungsübung, dann ertönt das Signalhorn und endlich geht es los, der Riesenkoloss setzt sich in Bewegung. Es geht zunächst an der französischen Küste entlang bis in das Mittelmeer. Vorbei an den Balearischen Inseln mit sehr mildem Klima für diese Jahreszeit. Dann folgt das erste Abendessen, alles ist nur vom Feinsten und als der elegante Kellner mich durch den mit Plüsch gepolsterten und ganz in italienischem Stil gehaltenen MacBeth Speisesaal des großen Kreuzfahrtschiffes zu einem ovalen für zehn Personen gedeckten Tisch führt sind bereits acht Stühle besetzt. Also, nehme ich einen der noch verbleibenden Sitzgelegenheiten auf der gegenüberliegenden Seite in Beschlag und als ich einen Rotwein bestelle bricht die allgemeine Konversation zunächst ab. „Eine sehr gute Auswahl“, sagt der Kellner und nickt zustimmend bevor er zu einem der Buffets verschwindet, das direkt hinter meinem Rücken steht. Ich treffe auf andere Reisegäste und schließe erste Freundschaften. Auf die Frage nach meiner Beschäftigung hin, entscheide ich mich dafür mein schwerstes Gesprächsgeschütz zu platzieren. “Ich bin Schriftsteller“ antworte ich freundlich und nippe dabei an meinem Weinglas welches in der Zwischenzeit gefüllt worden war. Vorherige Erfahrungen hatten mir gezeigt, dass ein Erwähnen meines Berufes einer Gruppe von Fremden gegenüber oftmals eine Art von Small Talk auslösen konnte. Reaktionen von Erstaunen bis hin zur Bewunderung sind schon aufgetreten. Dazu kommen  noch die „gewöhnlichen“ Personen, welche  mir dann  bis in  das  kleinste Detail von obskuren, ja mysteriösen Autoren erzählen würden, welche jahrelang Manuskripte bei zig tausenden Verlagen einreichen ohne jemals ein Buch veröffentlicht zu haben. Diese Taktik funktioniert fast immer um ein Abendessen in eine Art ungemütliches Gesellschaftsspiel zu verwandeln, wobei mir dann meistens der Part des Verlierers zugedacht war.

Ein Weltenbummler nimmt den letzten noch verbliebenen freien Platz an unserem Tisch ein. Er war mir schon vorher im Reisebus aufgefallen. Er ist Tauchlehrer und will zur Halbinsel Yucatan in Mexico. Von hier an nennen wir ihn nur „el Mexicano“.

Und wieder erscheint der ganz in bordeaux rot gekleidete Kellner. Ein kleines, goldenes Schild weist ihn als Francesco Orlando aus und sein Akzent ist unüberhörbar italienisch. Er möchte die Bestellungen für die zweite Sitzung des Abendessens aufnehmen. Ein Menü auf einem riesigen Kreuzfahrtschiff zusammenzustellen ist gar kein so einfaches Unterfangen. Die Auswahl ist in englischer Sprache geschrieben. Die Tisch-Nachbarn zu meiner linken stammen aus Portugal. Geduldig versuche ich ihnen jede Auflistung einzeln zu übersetzen und zu erklären. Resultat: Herrn Pinto wird ein gut durchgebratenes Steak  serviert obwohl er viel lieber ein fast noch rohes gegessen hätte. Francesco serviert eine exquisite Speise nach der anderen und ein junges Paar erzählt mir von lustigen Gegebenheiten, die ausgerechnet ihnen immer wieder auf Reisen widerfahren sind. Kaum zu glauben, aber am kommenden Abend erscheinen zur Dinnerzeit gleich drei Bedienstete und der Küchenchef selbst mit einer großen Geburtstagstorte, Kerzen sowie einem lauten „Happy Birthday“ auf den Lippen. Alle anwesenden Reisenden stimmen in den Gesang ein und wir applaudieren dem Geburtstagskind. Nur hatte hat an diesem Abend keiner von den beiden Geburtstag und sie löschen die Kerzen mit hochrotem Kopf. Wie peinlich!! Wir anderen haben jedoch unser Vergnügen an dem Missverständnis und die Geburtstagstorte wird trotzdem genüsslich verspeist.

 

Kreuzfahrt Schiffe sind eine Welt für sich. Schnell habe ich mich an die Foto-shooting Mentalität gewöhnt. Schiffseigene Fotografen sind überall anzutreffen. Für Fotos wird posiert und Aufnahmen entstehen zu ausgewählten Zeiten und Anlässen.  Beim Abendessen zum Beispiel oder bei besonderen Veranstaltungen mit dem Kapitän zusammen oder mit dem Kellner. Beim Verlassen des Schiffes, bei der Champagne Begrüßung, der Atlantiktaufe usw. Die  Fotos werden dann in der langen Galerie in der Nähe zum Speisesaal nebeneinander aufgereiht und für den Verkauf ausgestellt. Zurück in meiner Kabine genieße ich ein ausgedehntes Duschbad in dem luxeriösen Badezimmer währenddessen der eifrige Room-Service bereits die feuchten Handtücher austauschte, die ich zum trocknen über den Stuhl vor der Kirschbaumkommode gelegt hatte. Über Lautsprecher wird noch einmal auf die Aktivitäten am Abend hingewiesen. Eine Eisshow als Hauptattraktion soll besonders sehenswert sein. Während ich mich für das formale Abendessen in Schale werfe, bemerke ich, dass sich das riesige Kreuzfahrtschiff kaum mehr auf und ab bewegt und dies gibt mir Hoffnung auf eine weitgehend sanfte Weiterreise. Ich schaffe es auch der fragwürdigen Kunstauktion in der Schooner Bar auf dem Nautilus Deck aus dem Weg zu gehen. Von einem Kauf originaler Kunstwerke auf einem Kreuzfahrtschiff hatte man mir vorab dringend abgeraten.

Also erwäge ich noch den Golfkurs auf dem Oberdeck einmal anzutesten, weiß es aber dann sogleich besser: Dem formalen Abendessen kann ich einfach nicht aus dem Wege gehen. Es steht die große Kapitänsgala auf dem Plan. Etwas Gelangweilt kommt mir schon die Kleidungsauswahl als willkommene Abwechslung vor. Gemäß dem Aussehen mancher anderer Kreuzfahrtteilnehmer an diesem Abend, schien es den meisten Reisenden nicht viel besser zu gehen. Aufgetakelt bis zum äußersten stöckeln unförmige und in die Jahre gekommene rundliche Damen in kaum enden wollenden High Heels über die Royal Promenade auf Deck 5, vorbei an Sorrentos Pizza, Cafe Promenade, Jerrys Ice Cream shop dem Friseursalon und der Squeeze Juice Bar in Richtung MacBeths Speisesaal.

Ich entscheide mich für eine helle Leinenhose und einem dunklen Hemd mit dazu passender Weste  und marschiere in Richtung Speisesaal auf Deck vier. 20.30 Uhr war bereits um einiges verstrichen, denn ich hatte noch vorher eine Tasse Kaffe in einem der zahlreichen Cafes auf dem wie eine Einkaufsstrasse aufgebauten Promenadendeck genossen und meine Augen nicht von den neusten Modetrends lassen können. Die ganze Zeit während des Abendessens bearbeiten dann Fotografen den Speisesaal. Gerade kurz vor dem  Nachtisch erscheinen sie an unserem Tisch. Wir rücken die Stühle näher zusammen, eine Dame in Seemannskleidung gesellt sich zu uns. Fotos in verschiedenen Posen und mit gestelltem Lächeln werden aufgenommen. Man kann sich auch zusammen mit dem Kapitän fotografieren lassen und bekommt leckere Cocktails serviert. Es fehlt nur „el Mexicano“, der mit solchen Konventionen nichts anzufangen weiß. Die Tage vergehen wie im Fluge. Schon nahen die ersten Landausflüge. Wir besuchen Gibraltar im Süden Spaniens sowie später die kanarische Insel Teneriffa. Man stelle sich nur einmal die Menschenmenge vor, wenn zweitausend Passagiere ein Schiff verlassen bzw. später wieder an Bord zurückkehren. Unser Oberkellner Francesco Orlando legt sich mächtig ins Zeug denn laut Gebot auf Kreuzfahrtschiffen wechseln Trinkgelder erst am allerletzten Tag der Reise die Hände .Mit anderen Worten, das Service Team  wird vorab keine Auskunft über die Höhe der Zuwendung bekommen und am Ende war es dann auch zu spät um noch dementsprechendes zu unternehmen. Es wird immer wärmer draußen, jedoch als wir Teneriffa verlassen zieht ein Unwetter auf und bringt viel Wind und starke Schwankungen. Das große Schiff gleicht nur noch einer Nussschale auf dem weiten, unendlichen atlantischen Ozean. Draußen stürmt es und die Wellen schlagen hoch gegen die Bordwand. Stabilisatoren werden ausgefahren. Der einzige, der sich so richtig wohlfühlt ist „el Mexicano“. Er sitzt am Außendeck und genehmigt sich einige Bierchen. Überhaupt nimmt er alles sehr gelassen hin. Morgen gehe ich erste einmal zu den Freunden von Bill W. sagt er zu mir mit einem verschmitzten Lächeln, während eine Welle fast das gesamte Deck überflutet. Bill W. lautet einfach das Pseudonym für Selbsthilfegruppen aller Art. Da sind zum Beispiel die anonymen Alkoholiker oder Menschen mit psychischen Problemen oder Essstörungen in Gruppen organisiert. „Bei letztgenannter würde ich auch bald auf Grund der Essensmengen hier an Bord um Rat ersuchen müssen“, kommt es mir schlagartig in den Sinn. Am nächsten Morgen ist der Sturm vorbei und das „normale“ Leben an Bord beginnt wieder: die niemals enden wollenen Buffets, Restaurationen, Animationen, Sport und Unterhaltungsveranstaltungen und das Schiff nimmt Kurs auf die Karibischen Inseln. Ich gehe vom Speisesaal vorbei am Studio B, der Karaoke Bühne und dem Spielsaal mit den unzähligen einarmigen Banditen. ( Jemand erzählte mir, dass mit dem Spielsaal ähnliche Umsätze erzielt würden wie mit den gesamten Fahrkarten aller Kreuzfahrtteilnehmer ). Dann folge ich der halbrunden Treppe hinauf auf Deck 5 und marschiere über die elegante gläserne Brücke schnurstracks zum Kunden-Informationsschalter.

 Zwischen dem angeheuerten Service-Team scheint es eine Art Rangordnung auf dem Kreuzfahrtschiff zu geben. Die meisten einfachen Seeleute, die Basisarbeiten verrichten stammen aus dem fernen Osten. Es handelt sich um Chinesen oder Koreaner. Der Kabinen Service, die Küchenhilfen und das Personal am Buffet kommen von den Filipinen oder aus Indien. Im Speisesaal besteht das Service Team zum größten Teil aus Osteuropäern, Oberkellner und Chefkoch sind Italiener. Das junge Volk in den weißen Uniformen, welches hinter den Informationsschaltern oder an den Kassen der Boutiquen, Bars und Geschenkartikelläden arbeitet scheinen Engländer oder Amerikaner zu sein. Das gleiche gilt für das Animationsteam. Der Kapitän und die obersten Offiziere stammen wieder allesamt aus Italien. Am Schalter des Kundenservice warte ich geduldig in einer Schlange hinter amerikanischen Touristen, die nörgelnd ein unwichtiges Reiseproblem lösen wollen. Dann komme ich an die Reihe und trage mein Anliegen vor. Überhaupt ist so ziemlich alles Lebensnotwendige an Bord zu bekommen, allerdings manchmal zu recht gesalzenen Preisen. Das veranlasst nun wiederum unseren Mexicaner dazu bei den Landausflügen entsprechend günstig einzukaufen: Zwölf Flaschen Bier, Whisky und Cognac werden in einer großen Reisetasche an Bord geschmuggelt. Andere Reisende tuen es ihm gleich. Am Abend allerdings treffen wir uns dann in seiner Kabine und lichten gemeinsam seine Alkoholvorräte, später dann auf seinem Balkon sitzend erzählt er uns kleine Anekdoten von seinen Reisen und Abenteuern. Als Tauchlehrer kennt er wundersame Unterwasserwelten und eigentümliche Meeresfauna, die sich auf einem Schiffswrack bilden und dieses zu einem künstlichen Riff werden lassen. Gespannt erfahren wir, wie viel Geschick es benötigt um einen Baracuda mit der Harpune zu erledigen. Dieser pfeilschnelle Raubfisch verteidigt sein Territorium in das der Taucher eindringt durch Drohgebärden. Er öffnet und schließt sein Maul und zeigt dabei seine scharfen Zähne und nähert sich so in bedrohlicher Weise dem Taucher, um dann blitzschnell zur Seite abzudrehen. Dies ist dann der beste Moment, um den Fisch wirklich tödlich in den Kopf zu treffen. Zwischen April und September sollte man allerdings auf den Verzehr von großen Raubfischen verzichten. Durch eine giftige Algenart können diese Fische oft ungenießbar sein. Der Mexicaner weiß auch eine Menge über Segel und Motorboote zu erzählen und besitzt sämtliche Fahrlizenzen. So geht der schöne Abend unter guten Freunden sehr schnell vorbei, wir erzählen uns Erlebnisse bis tief in die Nacht hinein und über uns liegt eine unzählbare Sternenmenge mit dem Kreuz des Südens. Als ich zu meiner Kabine wankte, hatte der Room-Service bereits gedämpftes Dimmerlicht brennen lassen .Die Bettdecke ist etwas zurückgeschoben. Auf meinem Kopfkissen liegt wie immer ein Stück Schokolade und ein Handtuch ist zu einem Schwan zusammengefaltet. Alles kleine Aufmerksamkeiten welche das zu erwartende Trinkgeld möglichst erhöhen soll. Der kommende Tag verläuft zunächst wie die meisten Tage auf See. Man geht irgendeiner Beschäftigung nach, isst zuviel oder trinkt zuviel Kaffee, welcher an jeder Ecke serviert wird. Manche Leute schrecken vor nichts zurück und stapeln sich bis zu sieben Hamburger auf den Teller. Wieder muss ich an Christoph Kolumbus fünfhundert Jahre vor mir denken. Auf einem Kreuzfahrtschiff bedeutet der sogenannte See Pass alles. Die kleine Plastikkarte erlaubt das Betreten und Verlassen der Kabine, das An und Von Bord Gehen des Schiffes und sie ist absolut notwendig für jegliche Einkäufe die man an Bord tätigt. Und wenn es sich nur um eine einfache Tube Zahnpasta handelt. Bist Du auf einem Kreuzfahrtschiff ohne den See Pass, so gibt es Dich praktisch gar nicht. Nach dem Abendessen hatte ich endlich einmal Zeit die gute Musik der bordeigenen Tanzband Rock the Boat zu genießen. Blues und Rockballaden aus den 60er und 70er Jahren sind heute Abend in der Pyramid Lounge angesagt.

Endlich kommt dann wieder Land in Sicht und gegen Mittag des folgenden Tages erreichen wir Martinique und später St. Maarten, eine jeweils zu Frankreich und den Niederlanden gehörende kleine Insel in der Karibik. Auf Grund dessen besitzt sie mit Marigot und Philipsburg  kurioserweise zwei verschiedene Hauptstädte. Glücklicherweise verfügt der Hafen von St.Maarten über ausreichende Andockungsmöglichkeiten für selbst die größten Kreuzfahrtschiffe. Ansonsten hätte unser Kreuzfahrtschiff weit außerhalb der Insel vor Anker gehen müssen. In diesem Fall, wären die Landausflügler unter großem Aufwand mit Hilfe der Bei- und Rettungsboote in einer Art Fährbetrieb von dem Kreuzfahrtschiff an Land befördert worden. Diese Prozedur bleibt den über 2000 Passagieren und mir an diesem Tag zum Glück erspart. Der erste  Eindruck ist überwältigend:  Ein Kristallklares Meer, in pastellfarben gestrichene Häuser mit großen Terrassen und Balkone. Versteckte Buchten mit Segelbooten und feinen, weißen Sandstränden. Überall ertönt Calypso Musik und erst die vielen hübschen farbigen Mädchen… Man möchte für immer hierbleiben, auch wenn alles schon fast etwas kitschig erscheint. Dazu passen unsere Reisende, die mittlerweile überwiegend in bunten Hawaiihemden herumlaufen bestens ins Bild. Selbst unser Mexicaner macht da keine Ausnahme, obwohl seine Bekleidung bereits sehr ausgeblichen, schon bessere Zeiten gesehen hatte. Statt dem üblichen Touristenrummel gesellt er sich jedoch lieber mit ein paar Flaschen Bier zu den einheimischen Fischern um mit ihnen in Ruhe zu plaudern.

Nach dem Ablegen von den kleinen Antillen wird mir dann bewusst, dass der Zeitpunkt meiner Ausschiffung nicht mehr weit entfernt sein konnte und das bedeutet, baldiges Abschied nehmen von diesem wunderschönen Kreuzfahrtschiff mit all seinen Bequemlichkeiten. Wir passieren Puerto Rico und nähern uns dann meinem Ziel, der Isla Catalina, vor der Dominikanischen Republik gelegen. Nach dem Erledigen der Einreiseformalitäten komme ich mich ziemlich verlassen vor, während sich die Landausflügler auf einen erholsamen Tag auf der Karibikinsel freuen. Ich zögere den Abschied von dem stolzen Kreuzfahrtschiff immer weiter hinaus und besuche noch einmal das Cafe Promenade auf Deck 5, wo ich so viele Momente meiner Reise verbracht hatte. Noch eine letzte Tasse Kaffee, dann gehe ich entschlossen zu meiner Kabine, entnehme ihr mein Gepäck, steige in den prachtvollen Aufzug und fahre hinunter auf Deck 1 wo sich die Gangway mit dem Ausgang befindet. Ein freundlicher Bediensteter der Crew nimmt meine See-Pass-Karte entgegen und entwertet sie vor meinen Augen. Somit bin ich nun kein Passagier mehr und darf das Schiff mitsamt meinem Gepäck verlassen. Ein kleines Boot bringt mich endgültig ans Festland. Noch ein letzter, wehmütiger Blick auf das große Schiff und ich trete in eine andere Welt ein. Mein Ziel ist die Halbinsel Samana und dazu muss ich zu dem entsprechenden Busbahnhof in die Hauptstadt Santo Domingo gelangen.

Welch ein Chaos, Lärm, Dreck, stickige Luft, Abgase und Müll an diesem Ort! Statt in der erhofften Traumkaribik, befind eich mich im kommerziellen Zentrum von Santo Domingo, Parque Enricillo, einfach schrecklich! Ich verlasse den Ort so schnell wie möglich und bin heilfroh, als der Bus endlich die Vororte von Santo Domingo hinter sich lässt. Zu meinem endgültigen Reiseziel  gelange ich dann nur auf sehr abenteuerliche Weise, nämlich in einem alten, vollkommen überfüllten Kleinbus, so überladen, dass er in Europa sämtliche Ordnungshüter auf den Plan gerufen hätte, eingequetscht zwischen einer seht beleibten, farbigen Einheimischen und meinem Gepäck, von der Rückseite traktiert von zwei niedlichen Kinderfüßchen, die sich fröhlich zur überlauten Merengue Musik in meinen rücken bohrten. Der atemberaubende Ausblick jedoch entschädigt für die Tortouren und nach einer weiteren Stunde Fahrt, sowie unzähligen Versuchen, den überfüllten Bus wieder zu verlassen, bin ich nun endlich in meinem kleinen Hotel mit der weißen Traum-Veranda angekommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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