Hella S.

Das Kind in mir

  „Sie sollten mal langsam erwachsen werden“, sagte der Arzt zu mir. Ich, 50 Jahre alt und nicht erwachsen? Als Erstes fragte ich den Spiegel. „Schneid den Zopf ab“, spiegelte er. Diesen schönen langen Zopf? Fünf Jahre habe ich gebraucht, bis er so lang war. Der Friseur staunte, „ich soll wirklich den Zopf abschneiden?“ Eine Sekunde Schnitt und das Kind in mir duckte sich.

Du kannst dich wieder aufrichten, tröstete ich das Kind in mir, das war nur äußerlich. Jetzt fing ich an aufzupassen, wann das Kind sich zeigte. Es trieb allerhand Schabernack, nahm Erwachsene nicht ernst, amüsierte sich über große Männer und die Liebe zu ihren Autos. Je mehr ich das Kind beobachtete desto mehr zog es sich zurück. Langsam wurde ich erwachsen. Manchmal in stillen Stunden redete ich mit ihm.

Dann las ich die Briefe meiner Eltern in denen sie über mich schrieben, über das kleine Baby, das so ungezogen war zu brüllen, das so lebhaft war, dass es fast vom Sofa fiel, das alleingelassen wurde mitten im Krieg bei Fliegeralarm.

Da verstand ich das Kind in mir. Seine Ängste, seine Traurigkeit. Ich ließ es traurig sein und tröstete es, ich nahm ihm seine Angst: Du bist jetzt groß, die schreckliche Zeit kommt nie wieder, Du kannst jetzt ruhig einschlafen.“ Das Kind legte sich zur Ruhe und ich war mit einem Mal erwachsen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Wörterworte von Iris Bittner



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